10.05.1996

Internet auf der Südhalbkugel

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Internet auf der Südhalbkugel

Von

ALAIN

GRESH

HEUTE werden 80 Prozent der Ressourcen der Welt von 20 Prozent der Bevölkerung genutzt; ein Viertel der Erdbevölkerung verfügt über einen annehmbaren Lebensstandard, der den übrigen drei Vierteln vorenthalten bleibt; wie läßt sich diese Kluft ausgleichen?“1, fragt Nicholas Negroponte, der Begründer des Medienzentrums im Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Eine gute Frage, zumal in einer Zeit, wo die Barrieren zwischen den Ländern des Nordens und jenen des Südens und vor allem zwischen den Armen und den Reichen des Planeten in den Himmel wachsen. Die Antwort, die der Autor von „L'Homme numérique“ gibt, ist frappierend einfach: „Während sich die Politiker mit dem historischen Erbe herumschlagen“, erklärt er, „wächst in der digitalen Landschaft eine neue Generation heran, die frei von den alten Vorurteilen ist. Diese Kids sind nicht mehr auf den persönlichen Kontakt angewiesen, um Freundschaften zu schließen, um Arbeitspartner, Gleichgesinnte und Spielkameraden zu finden. Die digitale Technologie kann die Kraft einer Naturgewalt annehmen und eine harmonischere Welt schaffen.“

Durch welches Wunder sollen die „Kids“ der Elendsviertel von Lima, der afrikanischen Dörfer oder der New Yorker Vororte in den Cyberspace gelangen? Die neuen Propheten der „Informationsrevolution“ äußern sich nicht dazu. Einst verkündeten die Verfechter des technologischen Fortschritts, daß die Eisenbahn den Kriegen und dem Klassenkampf ein Ende setzen würde, vor noch gar nicht langer Zeit sollte das Telefon diese Aufgabe erfüllen, und jetzt soll das Internet diese archaischen Zivilisationsäußerungen obsolet machen.

Die neuen Kommunikationsnetze stellen zweifelsohne einen sensationellen Fortschritt dar. Sie ermöglichen es den Landärzten in Sambia, im Notfall ein Krankenhaus in der Hauptstadt um Hilfe anzugehen. Die mexikanische Frauenorganisation „Mujer a mujer“ konnte sich eine Reihe Informationen über eine US-amerikanische Textilgesellschaft verschaffen, die im Land eine Niederlassung gründete, und gewann dadurch eine bessere Ausgangsbasis für die Verhandlungen mit der Geschäftsleitung.2 In den USA wurde die Christoph-Kolumbus-Schule in Union City (New Jersey) kostenlos an das Netz angeschlossen, und die zwölfjährigen Schüler erhielten Computerterminals. Die Schule, liegt in einem Stadtviertel, in dem die meisten Familien lateinamerikanischen Ursprungs sind. Ihre Schüler erzielten durch diese Maßnahmen die besten Ergebnisse des Distrikts.3

Trotzdem vermag sich die Entwicklung des Internet nicht den sozialen Gesetzmäßigkeiten und der Kluft zwischen Arm und Reich zu entziehen – weder hinsichtlich des Inhalts der Information noch hinsichtlich des Zugangs zu ihr. Aus historischen Gründen wird das „weltweite Spinngewebe“, das World Wide Web (WWW), immer noch von den öffentlichen Einrichtungen, den Universitäten und von regierungsunabhängigen Organisationen beherrscht. Auch wenn die Schwierigkeiten bei der Einrichtung sicherer elektronischer Zahlungsweisen glücklicherweise die Kommerzialisierung des Netzes verzögert haben, bleibt die Frage offen, wer in Zukunft über den Inhalt der zirkulierenden Information bestimmen wird.

Wie Benjamin Barber, der Autor des Buches „Jihad vs. McWorld“4, bemerkt, „ist das Internet technologisch gesehen ein dezentralisiertes Medium. Es ist interaktiv und bietet zahlreiche Möglichkeiten horizontaler Kommunikation (zwischen Einzelpersonen, zwischen Gruppen).“ Doch bevor die Armen der Welt daran Anschluß gefunden haben, läuft das Internet Gefahr, „eine Tochtergesellschaft der News Corporation oder von Time Warner zu werden und damit weit weniger nützlich zu sein“5.

Peter Constantini, Journalist bei Inter Press Service in Seattle (Washington), bringt das Dilemma auf den Punkt: „Im fernsten Winkel der Sierra Madre, im Süden Mexikos, können die kleinen Kaffeebauern jetzt auf elektronischem Weg landwirtschaftliche und biologische Daten abrufen und sich über den gesamten Weltmarkt informieren – theoretisch jedenfalls. (...) In ihren Büros im Silicon Valley konsultieren die Verantwortlichen der Telekommunikationsgesellschaften ihren Wirtschaftsseismographen, um die geringste Veränderung im Verhalten der mexikanischen Bauern und ihrer Milliarden Kollegen in der ganzen Welt zu analysieren und festzuhalten. Die Informationen, die sie verbreiten, können, müssen aber keineswegs das enthalten, was die Bauern wissen möchten.“6

Darüber hinaus setzt der Zugang zu Daten jeglicher Art den Anschluß ans Netz voraus. Selbst in den Vereinigten Staaten, die auf diesem Gebiet das höchstentwickelte Land sind, ist das Profil des Net-Users fest umrissen: Es ist ein Mann von weißer Hautfarbe und mit gehobenem Einkommen. Die Deregulierung des Datenverkehrs läuft Gefahr, die sozialen Spaltungen zu verschärfen, die nicht nur zwischen Nord und Süd verlaufen. Wie Stéphane Corriveau von Alternatives – einem Aktions- und Kommunikationsnetz, das in Quebec am Ausbau von Netzwerken beteiligt ist – bemerkt, zielt das private Unternehmen darauf ab, „nur diejenigen Bevölkerungsschichten zu erreichen, die einen potentiellen Markt darstellen; egal wo sie sich befinden. In Brasilien erfüllt schätzungsweise ein Viertel der Bevölkerung dieses Kriterium. Ein nicht zu vernachlässigender neuer Markt von mindestens fünfzig Millionen Menschen. Das gleiche gilt für China und für alle anderen Länder. Diese „funktionierenden“ Gesellschaftsschichten rechtfertigen allein schon jede Investition. Die anderen, das heißt der überwiegende Teil der Weltbevölkerung, sind ,Ladenhüter‘.“7

Auch im Norden interessiert sich die Privatwirtschaft ausschließlich für den „zahlungskräftigen Kunden“ und schreckt nicht vor einer Manipulation des Marktes zurück. Seit vielen Jahren prangert Nicholas Negroponte die Art und Weise an, mit der die Computerpreise künstlich hoch gehalten werden.8 Muß befürchtet werden, daß allein die „zahlungskräftigen Kunden“ von der Privatisierung der Telekommunikation profitieren? So sieht etwa das Tarifkonzept, das seit Anfang des Monats in der französischen Nationalversammlung diskutiert wird, eine Gebührenerhöhung bei den Privatkunden und für Ortsverbindungen vor, während die Tarife für Geschäftsanschlüsse und Auslandsverbindungen sinken sollen.9 Die Reichen auf Kosten der Armen, die Männer auf Kosten der Frauen, die Städter auf Kosten der Landbevölkerung: dies scheint die Logik eines völlig außer Kontrolle geratenen Marktes zu sein. Wird sich das Internet dem entziehen können?

dt. Kora Perle

1 Nicholas Negroponte, „L'Homme numérique“, Paris (Robert Laffont) 1995, S. 282-283.

2 „The Internet and the South: Superhighway or Dirt-track?“, London (Panos) 1995. Der Text ist unter folgender elektronischer Adresse zugänglich: http://www.oneworld.org/panos.

3 Newsweek, 27. Februar 1995. Über einen weiteren Versuch, die Ungleichheit zu bekämpfen, siehe „How to Hide Poverty Behind Net Curtains“, New Scientist, 17. Februar 1996.

4 Benjamin Barber, „Jihad vs. McWorld“, New York (Random House) 1995.

5 Zitiert nach Peter Constantini, „The Third Wave Hits the Third World“. Der Text ist ein Beitrag zu der von Le Monde diplomatique initiierten Debatte über das Internet und den Nord-Süd-Bezug, an der Hunderte „Net-User“ aus verschiedenen Ländern teilnahmen (vgl. S. 4 dieser Ausgabe ???).

6 Peter Constantini, op. cit.

7 Zitiert nach Claudine Levesque, „Internet est-il le Messie revenu sur terre?“, Temps fou (Nr. 8/9), Dezember 1995. Im Internet unter folgender Adresse zugänglich: http://www,infobahnos.com/ claudine.

8 Siehe Nicolas Negroponte, „Affordable Computing“, Wired, Juli 1995.

9 Le Canard enchainé, 10. April 1996.

Le Monde diplomatique vom 10.05.1996, von Alain Gresh