12.07.1996

Fieberhafte Suche nach einer kulturellen Identität

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Fieberhafte Suche nach einer kulturellen Identität

Von

GÉRARD

HENRY *

STADTGESCHICHTEN“ („Stories about Town“) lautet der Titel, den Oscar Ho für das Werk vorsieht, an dem er seit einigen Jahren arbeitet: eine illustrierte Chronik über das Hongkong von gestern, heute und morgen. Ein Jahr vor Ablauf der Rückgabefrist erahnt der Maler und Bildhauer, daß eine Welt zu Ende geht – er spricht sogar von einer Apokalypse. Und in einer Serie von Zeichnungen, in denen er kleine Begebenheiten und Kuriositäten des Lebens miteinander verbindet, fängt er das Besondere dieser Gesellschaft ein, die mit einem Mal vom Lauf der Geschichte überwältigt wird.

Denn in dieser in die Höhe aufragenden, auf einem Felsen am südlichsten Zipfel Chinas gelegenen Stadt gibt es sehr wohl eine Gesellschaft, die sich nicht einfach als Ansammlung von Konsumautomaten beschreiben läßt. Und seit dem mit dem britisch-chinesischen Abkommen 1984 begonnenen Countdown unternimmt diese Gesellschaft in zahlreichen Debatten nicht nur eine Suche nach ihrer ökonomischen und politischen Eigenart, sondern auch nach ihrer kulturellen Identität. „Nach der ersten Panik Mitte der achtziger Jahre begann langsam ein Sich- Einlassen auf die neue Realität, und Fragen, die bislang kaum formuliert worden waren, gewannen an Dringlichkeit“, erklärt Benny Chia, Leiter des Fringe Festivals. Dieses Festival bietet seit nunmehr zehn Jahren den Künstlern einen Freiraum, in dem sie ohne Zensur oder kommerzielle Zwänge arbeiten können. „Die Leute haben angefangen, sich zu fragen, ob sie wirklich Festland-Chinesen sind oder sich doch als Einwohner einer britischen Kolonie verstehen. Sie fanden schnell heraus, daß diese Alternative zu sehr vereinfacht.“

Diese Verunsicherung findet sich in den Werken vieler Künstler wieder, egal ob Dichter, Theaterleute oder Bildhauer. Es gibt zahlreiche Verbände, wie etwa den Verband Junger Künstler, der seit zwei Jahren Ausstellungen zum Thema „1997“ veranstaltet. Auf einer Installation des jungen Skulpteurs Wong Shun-kit sieht man über einem Stadtplan von Hongkong und in einem von Fahnen und internationalen Pässen verdunkelten Himmel Papierdrachen-Menschen schweben, die alle an der Stelle des Herzens kleine Landkarten von Hongkong tragen. Darunter ein leeres, verlassenes Nest, das von der Verzweiflung des Künstlers zeugt. Wong erklärt sie so: „Welches ist unsere Kultur? Wir wissen es nicht. Die Wirtschaft und die Industrie haben sich an China orientiert, und in den Hochhäusern fühlen wir uns bei weitem nicht repräsentiert. Was aber repräsentiert dann Hongkong?“

In einer anderen Installation desselben Künstlers beherrschen drei Riesen in ihrer Größe ein winzig kleines Labyrinth in Form einer Landkarte der britischen Kolonie, auf der unablässig ein kleiner automatischer Roboter seine Runden dreht: der Hongkonger. Die drei Riesen stehen für China: „Eine Macht mit drei Gesichtern – Zerstörung, Entwicklung, Bewahrung –, und niemand kann wissen, welches Gesicht sie zeigen wird. Damit wird der kleine verlorene Mensch in seinem Labyrinth es aufnehmen müssen.“

Chinesisch ist Hongkong in jedem Fall, während sich der britische Einfluß vor allem im juristischen und gesetzgeberischen Bereich niedergeschlagen und so in großem Maße zum wirtschaftlichen Aufschwung der Kolonie beigetragen hat. Doch stärker als die nahen großen Städte des Festlands, die mehrere politische und kulturelle Reformkampagnen durchlebten, hat sich Hongkong ein Fundament aus traditionellen Werten erhalten, das das Alltagsleben nach wie vor prägt. Und genau diese Wechselwirkung aus Traditionellem und einem modernen Lebensstil macht heute die Hongkonger Eigenart aus. Bestimmte Feste, wie etwa das Mondfest im Mittherbst, wo die Leute in Scharen mit Laternen in die Parks gehen, haben hier eine auf dem Festland unbekannte Bedeutung.

Ein Architekt, der Hochhäuser baut, die die Gesetze der Statik herausfordern – in Hongkong wird er es nicht versäumen, einen Geomantiker hinzuzuziehen und auf dessen Rat hin notfalls die Planung noch einmal zu revidieren. Ebensowenig wird man es bei der Eröffnung oder dem Besuch einer Baustelle an Rauchopfern oder anderen Gaben für die Götter und Schutzgeister fehlen lassen. Und ein Geschäftsmann, der eine wichtige Entscheidung zu treffen hat, genauso wie das junge Liebespaar, das heiraten will – sie alle lassen sich von einer Handleserin den günstigsten Tag für ihr Vorhaben bestimmen.

Gleichzeitig sind alle Segnungen der modernen Kommunikation in den Alltag eingegangen: ob Mobiltelefon, Fax, Anrufbeantworter oder Internet-Zugang – all das gehört zur Ausrüstung eines durchschnittlichen Hongkongers, nicht nur für die Arbeit. Persönliche Gespräche am Arbeitsplatz sind erlaubt und werden gepflegt. Und Kinder faxen sich gegenseitig auch mal ihre Hausaufgaben zu. Diese Kommunikations-Hypertrophie verdeckt oftmals die Angst vor Einsamkeit und einen Mangel an tiefergehendem Austausch. Doch die Hetze des Alltags läßt kaum freie Momente für Kontemplation oder Träume: Die Arbeitstage sind lang, und abends besucht man häufig noch Abendkurse, um den sozialen Aufstieg zu schaffen ... aber auch, um nicht zu früh nach Hause zu kommen, wo kaum Platz ist, denn die Mieten sind astronomisch.

Alles rennt in alle Richtungen

VIELE Bewohner der Kolonie haben es noch nie erlebt, daß niemand in ihrer unmittelbaren Nähe ist. So berichtet etwa die erfolgreiche, unverheiratete Geschäftsfrau Irene Wong, die ihre eigene Informatikgesellschaft leitet und mit ihren Eltern zusammenlebt, daß sie es nicht gut allein in einem Raum aushält: „Ich habe keine Angst vor Dieben – eher vor Geistern, auch wenn ich eigentlich nicht daran glaube. Als ich das erste Mal in Frankreich war, habe ich die größte Angst meines Lebens ausgestanden: Ich war auf dem Land eingeladen und befand mich plötzlich allein in einem Zimmer. Die Fensterläden waren geschlossen, und es war totenstill. Ich habe die ganze Nacht über keinen Schlaf gefunden.“

In dieser Gesellschaft mit ihrem freien Unternehmertum in Reinkultur, in der ein soziales Netz nur in Rudimenten existiert, überrascht den Besucher eine allgemeine Aggressivität und Dezidiertheit. Doch viele Hongkonger beklagen diesen dauernden Druck, der jedes Zu-sich-Kommen verhindert und durch Platzmangel und das Fehlen von Erholungsgebieten verstärkt wird. „Es gibt keine Orte, an denen man sich treffen und miteinander diskutieren könnte. Alle rennen in alle Richtungen und tun viel mehr als nötig. Wenn man nicht mitmacht, hat man sehr schnell das Gefühl, mit einem selbst stimme etwas nicht“, sagt Benny Chia.

Das Näherrücken des Datums 1997 verstärkt diese Fieberhaftigkeit. Denn die überwiegende Mehrheit der Einwohner lebt gerne in Hongkong und denkt nicht ans Auswandern. Selbst die agilsten fürchten, in Kanada oder Australien ohne Arbeit dazustehen. Daher diese fieberhafte Suche nach einer Identität und dieses permanente Streben nach noch mehr Wissen und Qualifikationen, das sich jedoch, insbesondere unter den Jugendlichen, in keinerlei höherem politischen Bewußtsein niederschlägt. Diese offensichtliche Abstinenz hat sicherlich historische Gründe: Ihre Eltern, die meist aus dem kommunistischen China geflohen sind, haben ihnen beigebracht, daß man sich in der Politik leicht die Finger verbrennt.

Für die Intellektuellen vom chinesischen Festland ist Hongkong ein Fenster, durch das frische Luft hereinkommt. Es ist für sie ein Fleckchen Freiheit, wo sie – meist unter Pseudonym – ihre Meinungen noch unzensiert publizieren, ihre kritische Haltung öffentlich machen können. Und ohne die Kunstgalerien Hongkongs hätten die verschiedenen Strömungen der modernen chinesischen Kunst wohl nie so breit von sich reden machen können. Was aber wird künftig dort stattfinden? Zumal all die großen Theater- und Ausstellungsräume der Regierung oder der Stadtverwaltung Hongkongs gehören. Und was wird aus der Pressefreiheit, wenn man bedenkt, daß schon die harmloseste Karikatur, die einen Politiker aufs Korn nimmt, auf dem Festland nicht toleriert wird?

Die Rückkehr zu China bedeutet eine Umwälzung von gigantischer Tragweite, ohne daß die Hongkonger Bevölkerung zu diesem Schritt konsultiert worden wäre. So ziehen es die meisten vor, darüber zu schweigen, weil sie es satt haben, über eine Zukunft zu spekulieren, die sie nicht in der Hand haben, und legen einen vordergründigen Optimismus an den Tag, der ihre Unruhe nur schwach überspielt.

dt. Bettina Schäfer

* Journalist

Le Monde diplomatique vom 12.07.1996, von Gerard Henry