08.04.2011

Ins Schwarze treffen

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Ins Schwarze treffen

Die dunkle Welt des Dashiell Hammett von Jerôme Charyn

Dashiell Hammett war selbst so etwas wie „Der dünne Mann“ seines gleichnamigen Romans: Selbst als einer der berühmtesten Autoren der Welt blieb er nahezu unsichtbar. In ihren Erinnerungen beschrieb ihn seine langjährige Lebensgefährtin, die Bühnenautorin Lillian Hellman, als den bestaussehenden Mann, den sie je gesehen habe – „dieser Strich von Mann, dieses Messer von Nase“ –, der vor seinem eigenen Ruhm davonlief wie vor der Pest.

Hammett scheint fast zufällig ans Schreiben geraten zu sein. 1894 auf einer Farm in St. Mary’s County, Maryland, geboren, verließ er die Schule mit dreizehn, zog umher, wurde 1915 Detektiv für die Agentur Pinkerton, diente im Ersten Weltkrieg in einer Sanitätseinheit, erkrankte an der Spanischen Grippe, aus der sich später eine Tuberkulose entwickeln sollte, und wurde ein Wanderer von Lazarett zu Lazarett.

In einem davon verliebte er sich in eine Krankenschwester, heiratete sie und bekam zwei Töchter, doch die Tuberkulose brach erneut aus, und Hammett musste getrennt von Frau und Kindern leben. Er mietete sich ein Zimmer in San Francisco, lebte von Dosensuppen und fing an, Geschichten über einen dicken, fantasievollen Ermittler zu schreiben, der für die Continental Agency arbeitete. Nie erfuhr man den Namen des dicken Helden, bekannt wurde er als „the Continental Op“.

Hammetts Geschichten erschienen in den Zwanziger Jahren in Black Mask und anderen Groschenheften. Dieser Detektiv war Hammetts eigener muskulöser Schatten. Einen solchen Helden hatten die Leser noch nie gesehen, und auch Hammetts Kultur des Verbrechens war ihnen völlig neu.

Diese Geschichten sind, trotz all der farbigen Verbrecher und ihrer mörderischen Gangsterbräute, wahrlich nicht romanesk. Sie sind stets unterhaltsam. Hammett dringt tiefer in die Strukturen der amerikanischen Gesellschaft ein als jeder andere Autor vor ihm. In der Erzählung „Wie Couffignal ausgeräumt wurde“ finden wir den Detektiv auf einer Millionärsinsel in der Bucht von San Pablo. „Die Bewohner dieser hoch gelegenen Baulichkeiten sind die Besitzer und Beherrscher der Insel. Die meisten sind wohlgenährte ältere Herren, die sich, nachdem der Mehrwert, den sie in jüngeren Jahren mit beiden Händen von der Welt entgegengenommen haben, zu sicheren Prozentsätzen angelegt ist, in die Inselkolonie eingekauft haben.“

Der Detektiv ist im Auftrag der Continental Agency auf der Insel. Seine Aufgabe besteht darin, die Hochzeitsgeschenke zu hüten. Das ist keineswegs so komisch, wie es sich anhört. Diese Kublai Khans von Couffignal sind häufig gezwungen, Detektive zu engagieren, um die prächtigen Hochzeitsgeschenke ihrer Töchter vor dem Zugriff heimischer Diebe zu schützen.

Und in dieser Geschichte haben wir eine kleine, auf Raub gegründete Insel vor uns, die kurz davor ist, selbst beraubt zu werden. Doch die Diebe von Couffignal sind eine merkwürdige Truppe: Sie beschließen, gleich die ganze Insel auszurauben. Sie brechen in der Inselbank ein und beginnen ihren eigenen kleinen Krieg; Kugeln fliegen „mit dem Geräusch von Hagelkörnern, die auf Blätter prallen“. Und schon bald findet der Detektiv heraus, dass der große Raub von Bewohnern der Insel selbst ausgeheckt wurde, einer kleinen Bande von Weißrussen, die all ihren Reichtum in der Revolution verloren haben.

Anführerin ist Prinzessin Schukowski, eine große, schöne Femme fatale, deren Charme beim Detektiv allerdings nicht verfängt. „Sie glauben, ich sei ein Mann, und Sie seien eine Frau. Das ist falsch. Ich bin ein Menschenjäger, und Sie sind ein Wild, das vor mir flieht. Daran ist nicht Menschliches.“

Leser halten den Ermittler leicht für einen total geschlechtslosen Mann ohne sexuelles Verlangen, der sich nicht im Mindesten für Frauen interessiert. Aber er schätzt die Prinzessin durchaus – nachdem er ihr ins Bein geschossen hat. „Meine Stimme klang mir schroff und wild in den Ohren, wie die Stimme eines Fremden.“ Dieses tiefe Knurren, das aus ihm herauskommt, ist die Gier, die er verbergen muss; deshalb gibt er sich so geschlechtslos.

Er ist in Hammetts allerbesten Geschichten auf merkwürdige Weise sichtbar und unsichtbar zugleich, ein dicker Mann, der ganz für die Continental Agency da ist. Die Zweigstelle in San Francisco wird von „dem Alten“ geleitet, einem untersetzten Mann Mitte siebzig mit einem Großvatergesicht, „in den Augen … nicht mehr Wärme als in einem Henkersstrick“. Seine Detektive nennen ihn Pontius Pilatus, „da er höflich lächelte, wenn er einen von uns wieder mal losschickte, der bei einem selbstmörderischen Job durch die Mangel gedreht werden sollte“.

Bullen, Gauner und Kapitalisten führen den Op an der Nase herum; sie alle scheinen miteinander verbunden zu sein, Teil einer Gesellschaft, die sich selbst verschlingt; San Francisco ist eine Stadt von Kannibalen geworden. In Hammetts Welt werden ständig Millionärstöchter entführt, und diese Töchter sind mindestens ebenso gefährlich wie ihre Väter. Doch die Gangster haben ihre eigene Etikette: „Keiner von ihnen würde je an Mord denken, falls nicht Profit und politische Protektion gesichert wären.“ Meist sind sie erheblich weniger grausam als die Polizisten, die ihnen auflauern. Der Detektiv scheint nur von einem einzigen Wunsch getrieben: Er möchte in einem Himmel enden, „wo ich mich für immer und ewig damit vergnügen konnte, Leuten, die mich auf Erden hart angefasst hatten, einen überzuziehen.“

Zwischen 1924 und 1931 schrieb Hammett mindestens fünf Meisterwerke: zwei Romane, „Rote Ernte“ (1929) und „Der Gläserne Schlüssel“ (1931), dazu Erzählungen wie „Fliegenpapier“, „Wie Couffignal ausgeräumt wurde“ und „Das große Umlegen“; in allen spielt der Continental Op eine Hauptrolle, mit Ausnahme von „Der Gläserne Schlüssel“, in dem der Spieler Ned Beaumont zum gut aussehenden Double des Detektivs wird.

„Der Malteser Falke“ (1930) ist Hammetts berühmtester Roman, vor allem wohl wegen John Hustons Verfilmung von 1941, in der Humphrey Bogart als Sam Spade die Hauptrolle spielt. Doch der Roman selbst hat nicht den Biss von „Rote Ernte“ oder von Hammetts besten Kurzgeschichten. Es handelt sich um ein Märchen voller prächtig grotesker Gestalten, doch sie alle bevölkern eine Schattenwelt. Spade selbst sieht aus wie ein „blonder Teufel“. Und er führt uns nie aus dieser Schattenwelt heraus.

In „Rote Ernte“ jedoch zeigt uns der Detektiv der Continental Agency eine Welt, die „blutig einfach“ geworden ist. Er beendet einen Bandenkrieg, indem er den nächsten anzettelt, und zeigt, dass Politiker, Gauner, Industriekapitäne und Polizisten austauschbar sind. Akira Kurosawa und Sergio Leone haben mit „Yojimbo“ und „Für eine Handvoll Dollar“ wunderbare Adaptionen von „Rote Ernte“ gedreht, und die Brüder Coen haben sich Teile aus „Rote Ernte“ und „Der Gläserne Schlüssel“ „geliehen“, um daraus „Miller’s Crossing“ (1990) zu machen, einen Film von ganz eigener halluzinatorischer Kraft. Ein Großteil der schwarzen Visionen der Coen-Brüder speist sich aus Hammetts Werk. Ohne ihn hätte es den Film noir nicht gegeben.

In der Filmversion des „Gläsernen Schlüssels“ von 1942 wandert Alan Ladd wie ein Schlafwandler über die Leinwand. Er bewohnt eine Welt, in der nichts wirklich haltbar ist, und wirkt selbst wie ein Ausbund an Instabilität; wenn wir lang genug blinzeln, wird er von der Leinwand verschwinden – so wie Hammett selbst als Schriftsteller verschwunden ist.

Sein letzter Roman „Der dünne Mann“ (1934) um die Hauptfiguren Nick und Nora Charles und ihren Hund Asta war eine Art Abgesang auf den von ihm entwickelten Schreibstil. Hammett selbst erscheint auf dem Titelbild des Buchs, so als habe sich der Ermittler der Continental Agency in einen Privatdetektiv mit „einem Messer von Nase“ verwandelt. Der Film löste eine ganze Flut an Folgefilmen aus, alle mit der gleichen Sorte Humor, ein Humor, der Welten entfernt war von Hammett und dessen bitterer Bissigkeit.

Dashiell Hammett lebte noch weitere dreißig Jahre, wurde schließlich zu einer Ikone Hollywoods, und alle nährten sich vom Talent des Mannes im weißen Anzug. Statt des Detektivs der Continental Agency gab es nun „Secret Agent X-9“, ein Comicstrip, der wohl eher eine Travestie von Hammetts Arbeit darstellt. Schließlich wurde Hammett zu krank, um noch weiter schreiben zu können. „Die Mühe des Atmens, das einfache Luftholen, nahm alle Tage und Nächte in Anspruch“, erinnert sich Lillian Hellman an diese Zeit. Doch das war nicht der Grund, dass er als Schriftsteller am Ende war.

In seinen großen Romanen und Geschichten hatte er uns erzählt, was immer er zu sagen gehabt hatte, und am Ende war nur noch sehr wenig übrig. Wie der Op am Ende von „Das große Umlegen“ seufzt, nachdem hundertfünfzig Ganoven San Francisco für eine Stunde lang beherrscht hatten und er all die Wirren ihrer Verbrechens auflösen musste: „Was für ein Leben!“

Hammett wurde Lillian Hellmans Sekretär und half ihr beim Schreiben ihrer Theaterstücke, als wüsste der Detektiv nun nicht mehr, wohin. Er hatte sie auf einer Party kennengelernt, als er 36 Jahre alt war, sie 24. Sein Alkoholkonsum wurde immer heftiger und härter. Mit 48 meldete er sich als Freiwilliger zur Armee und diente im Zweiten Weltkrieg als Stabsfeldwebel auf den Aleuten. Er kehrte mit einem Lungenemphysem heim.

1951, während der Zeit der Kommunistenhatz in den USA, musste er als „subversives Element“ ins Gefängnis und putzte Klos in einem Zuchthaus von West Virginia. Die dort eingesperrten Schwarzbrenner und Autodiebe waren Schwachköpfe, erzählte er Lillian, „aber ihre Konversation war auch nicht dümmer als auf einer New Yorker Cocktailparty.“ Hammett sprach später über seine Zeit im Knast, „so, wie viele von uns über ihr College reden“.

Seine wirkliche Ausbildung hatte er bei der Detektivagentur Pinkerton genossen. Er schloss sie 1922 ab mit „üblen Schnitten an den Beinen und einer Delle im Kopf, vom Raufen mit den Verbrechern“. Und er hatte auch ein Stilgefühl erworben, eine Sprachbeherrschung, die kein anderer Ex-Pinkerton jemals besaß. Seine Sprache war telegrafisch knapp, ohne große Höhenschwankungen oder Ausschmückungen, der meisten Adverbien und Adjektive beraubt – eine Sprache der Substantive und Verben, so überraschend wie ein Schlag ins Gesicht. Raymond Chandler schrieb über Hammett, er habe „den Mord aus der venezianischen Vase genommen und in die Gosse fallen lassen“.

Aber Hammett hatte auch seine venezianische Vase, und das ist die unnachgiebige Poesie seiner Prosa. Schwer, Hammetts abrupte Musik in einer anderen Sprache wiederzugeben, welcher auch immer. Die tiefen Schnitte in Hammetts Bein sind zu spüren, während sich der Detektiv von einer Gefahr zur anderen bewegt.

Aus dem Englischen von Peter Torberg Jerôme Charyn lebt als Autor von Krimis und Essays in New York und Paris. Zuletzt erschien von ihm „Citizen Sidel. New York knallhart“, Berlin (Rotbuch) 2008.

Le Monde diplomatique vom 08.04.2011, von Jerôme Charyn