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Edito: Ein neuer Kalter Krieg

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Der neue Kalte Krieg

Im Jahr 1980 brachte Ronald Reagan seine Sicht der Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion auf die Kurzformel: „Wir gewinnen – sie verlieren.“ Zwölf Jahre später konnte sein direkter Nachfolger im Weißen Haus, George Bush senior, sich zum Erreichen des Ziels gratulieren: „Die früher in zwei bewaffnete Lager geteilte Welt kennt jetzt nur noch eine einzige überragende Supermacht: die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Diese Epoche ist nun wiederum vorbei. Ihr Totenglöcklein läutete an dem Tag, an dem Russland vom Verlieren die Nase voll hatte und bemerkte, dass seine planmäßige Erniedrigung niemals ein Ende haben würde. Alle seine Nachbarn ließen sich einer nach dem anderen zu einem wirtschaftlichen und militärischen Bündnis gegen Russland verleiten oder bestechen.

„Die Flugzeuge der Nato patrouillieren am Himmel über dem Baltikum, wir haben unsere Präsenz in Polen verstärkt, und wir sind bereit, noch mehr zu tun“, erklärte Barack Obama am 26. März in Brüssel. Wladimir Putin wertete eine solche Bereitschaft in einer Rede vor dem Parlament als „infame Einkreisungspolitik“, wie sie die westlichen Mächte seiner Meinung nach gegen sein Land betreiben, und zwar seit dem 18. Jahrhundert.

Der neue Kalte Krieg ist jedoch anders als der alte. Denn, wie der US-Präsident feststellte, „im Gegensatz zur Sowjetunion steht Russland nicht mehr an der Spitze eines Blocks der Nationen und einer weltumspannenden Ideologie“. In der heutigen Konfrontation kämpft auch nicht länger eine US-amerikanische Supermacht, die aus ihrem religiösen Glauben die imperiale Gewissheit einer „klaren Bestimmung“ schöpfte, gegen das „Reich des Bösen“, das Reagan auch wegen seines Atheismus verdammte.

Im Gegenteil, Putin umwirbt mit Erfolg die Kreuzritter des christlichen Fundamentalismus. Als er die Krim annektierte, erinnerte er sogleich daran, dass hier „Prinz Wladimir getauft wurde. Seine spirituelle Großtat, den orthodoxen Glauben anzunehmen, bereitete die Grundlage der Kultur, der Zivilisation und der Wertvorstellungen, die die Völker Russlands, der Ukraine und Weißrusslands vereinen.“

Das heißt: Moskau wird nicht zulassen, dass die Ukraine zum Hinterland seiner Gegner wird. Hochgeputscht von einer nationalistischen Propaganda, die selbst – und das will etwas heißen – die westliche Indoktrination noch übersteigt, wird sich das russische Volk widersetzen. Dieweil überbieten sich die Befürworter der großen Wiederbewaffnung in den USA und in Europa mit martialischen Erklärungen und einer Lawine unterschiedlichster Sanktionen, die die Entschiedenheit des gegnerischen Lagers nur stärken.

„Der neue Kalte Krieg könnte gefährlicher werden“, warnte einer der besten Russlandexperten der USA, Stephen F. Cohen, in der Zeitschrift The Nation vom 12. August, „weil es im Gegensatz zu seinem vierzigjährigen Vorläufer keine wirksame amerikanische Opposition gibt – weder in der Verwaltung, im Kongress, in den etablierten Medien, den Universitäten und Thinktanks noch in der Gesellschaft.“ Ein bewährtes Rezept, um in etwas hineinzuschlittern.

Serge Halimi

Le Monde diplomatique vom 11.09.2014,