Die Ukraine lieben und verstehen

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Die Ukraine lieben und verstehen

von Andrej Kurkow

Man kann nicht umhin, dieses Land zu lieben. Besonders, wenn man darin aufgewachsen ist und mehr oder weniger versteht, warum und worin sich die Ukraine von aller Welt, dem russischen Osten wie dem europäischen Westen, unterscheidet. Schwerer haben es die, die geschäftlich in die Ukraine kommen und versuchen, die Regeln des Lebens in diesem Land unterwegs zu erlernen. Und über die Ukraine von Warschau oder Moskau aus zu schreiben, wie es die meisten Auslandskorrespondenten der großen europäischen Zeitungen tun, ist eine undankbare und unobjektive Sache.

Ich hatte Glück. Ich wuchs in der sowjetischen Ukraine auf, erlebte den Zerfall der UdSSR und beobachte jetzt schon neunzehn Jahre, was hier vorgeht, oder bin sogar daran beteiligt. Und nehme mir immer die Zeit, es zu kommentieren und in meinem Tagebuch zu notieren. In den neunzehn Jahren unseres Zusammenlebens habe ich die besondere Entwicklungslogik meines Landes, sein einprogrammiertes Foucault’sches Pendeln zwischen West und Ost, andeutungsweise begriffen.

Anfang der 1990er Jahre kauften meine Frau und ich eine kleine Wohnung in Kiews historischem Zentrum und bauten als Erstes eine kugelsichere Metalltür ein. Zu jener Zeit kontrollierten kriminelle Vereinigungen die Stadt, wie übrigens auch das ganze Land. Die Einzigen, die keine Schutzgelder an sie bezahlten, waren vermutlich die Beamten der Miliz. Im Gegenteil, die Banditen gaben den Milizionären Geld, damit die ihnen sagten, was sie so vorhatten, und damit sie Banditen, die mit einer Kalaschnikow in der Hand erwischt wurden, gleich wieder freiließ. Das ging so sechs, sieben Jahre, bis die klügsten unter den Milizionären begriffen hatten, dass sie selbst Schutzgelder von Geschäftsleuten kleiner und mittlerer Wichtigkeit nehmen konnten.

Da hatten aber schon die Geheimdienste, Nachfolger des KGB, genug von den Mafiakriegen und der korrupten Miliz. Innerhalb weniger Jahre verschwand die gesamte ukrainische Mafia von der Bildfläche, und auf den Friedhöfen des Landes schossen Grabmäler zu Tausenden aus dem Boden, auf denen Verstorbene in Adidas-Trainingsanzügen und mit Mercedes-Schlüsseln in der Hand dargestellt waren. Die Ära des Lebens ohne Regeln wurde Vergangenheit. Auf den Straßen konnte man selbst nachts wieder spazieren gehen.

Die Verkäufer und Hersteller kugelsicherer Türen machten Verluste. Dafür gingen die überlebenden (also besonders zählebigen) Banditen in die Wirtschaft und die Politik. Viele stiegen ins Schmuggelgeschäft ein, und mit ihrer Hilfe wurde das Land von billigen und bunten Importwaren überschwemmt: von griechischen Pelzmänteln und türkischen Lederjacken bis zu israelischen Likören und einem belgischem Schnaps namens „Nikolaus II.“. Steuern zahlte niemand, der Lohn der arbeitenden Bevölkerung blieb bei 40 bis 50 Dollar im Monat, und von der staatlichen Rente konnte man sich ein paar Brotlaibe kaufen.

An der Macht war zu dieser Zeit Präsident Leonid Kutschma, ein herausragendes Exemplar der Spezies „rote Direktoren“. Schlicht und gesellig, dem Volke nah und jedermann verständlich, erschien er gelegentlich auf den Fernsehbildschirmen mit seiner billigen sechssaitigen Gitarre und spielte etwas. Er sang, scheint mir, sogar. Er war so väterlich und vertrauenerweckend, dass sich viele Leute um ihn sammelten, die ihm beim Gitarrespielen zuhören wollten. Die Zuhörer wurden dann seine besten Geschäftsfreunde. Sie privatisierten die Mehrheit der Unternehmen und Fabriken, sie sagten dem Präsidenten, welche Gesetze im Land verabschiedet werden mussten, damit die Ukraine sich schneller auf die Marktwirtschaft zubewegte.

Und die Ukraine wurde zu einem einzigen hemmungslosen Markt. Jeder zweite Ukrainer trieb Handel. Der eine handelte mit selbstgezogenen Kartoffeln, der andere mit geschmuggelten Zigaretten, wieder ein anderer verkaufte Produkte des Werks, in dem er arbeitete. Damit kannte man sich aus, die Arbeiter erhielten ihren Lohn seit der Dauerkrise in Naturalien aus der eigenen Produktion. Besser als nichts.

An der Autostraße zwischen Kiew und Nikolajew, auf der ich ein paarmal unterwegs war, liegt das Städtchen Perwomaisk, in dem es eine Fabrik für Töpfe und Pfannen gab. Die Arbeiter richteten direkt entlang der Fahrbahn einen Markt für Haushaltswaren ein, der rund um die Uhr geöffnet hatte. Als ich zum ersten Mal auf dem Weg zum Schwarzen Meer nachts auf Perwomaisk zufuhr, sah ich zu meinem Erstaunen plötzlich vor mir einen hellen Schein am Horizont. Ich weiß noch, ich dachte, es wären Gewächshäuser. Aber nein, es war ein perfekt ausgeleuchteter Topfmarkt. Und die Töpfe glänzten im hellen Licht wie Teile eines zerlegten Raumschiffs. Übrigens gibt es diesen Markt bis heute, obwohl der Lohn längst wieder in Geld ausgezahlt wird.

Die Orangene Revolution aus den Schulbüchern tilgen

Leonid Kutschma sagte einmal, in seiner ersten Amtszeit habe er das Präsidentsein gelernt und in der zweiten habe er das Land reformieren und zu einem modernen europäischen Staat machen wollen. Vielleicht wäre es so gekommen, wäre da nicht ein kleines „Aber“ gewesen. Im September 2001 verschwand der zu jener Zeit kaum jemandem bekannte Journalist Georgi Gongadse. Bald wurde sein Körper gefunden, doch ohne Kopf. Und kurz darauf erschienen geheime Tonaufnahmen, die ein Mann aus der Wache des Präsidenten, Major Melnitschenko, in Leonid Kutschmas Arbeitszimmer gemacht hatte. Nach diesen Aufnahmen konnte man mutmaßen, der Befehl zu Gongadses Ermordung sei vom Präsidenten selbst – oder zumindest von seiner Entourage – gekommen.

Es gab einen internationalen Skandal, der das Image des Landes für die nächsten Jahre dunkel einfärbte und der sich noch heute auf die ukrainische Politik auswirkt. Demnächst steht der Ausführende des Mordes, Milizgeneral Pukatsch, vor Gericht, und jetzt wird, nicht ohne Grund, der heutige Parlamentssprecher Wladimir Litwin verdächtigt, den Befehl zum Mord gegeben zu haben. Er war im Jahr 2001 Chef von Kutschmas Präsidialverwaltung.

Der neue Bildungsminister Dmitri Tabatschnik, seinerzeit ebenfalls Teil von Kutschmas Präsidialverwaltung, hat per Dekret verfügt, aus den Schulbüchern für den Geschichtsunterricht der Mittelschule die Orangene Revolution zu tilgen. Kürzlich erteilte er eine weitere, noch interessantere Anweisung: Für die Ukraine und Russland sollen gemeinsame Geschichtslehrbücher entwickelt werden. Vermutlich, um jede Erwähnung von Verbrechen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion auf ukrainischem Gebiet zu streichen.

Der heutige Präsident Wiktor Janukowitsch ist ebenfalls, kann man sagen, ein Zögling Leonid Kutschmas. Kutschma persönlich erkor ihn 2004 zu seinem Nachfolger, als er es nach der Ermordung Gongadses selbst ein wenig anstößig fand, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Und laut Verfassung kann der Präsident sowieso nur zweimal gewählt werden. Zu der Zeit allerdings hatte das Verfassungsgericht der Ukraine Kutschma schon gestattet, zum dritten Mal Präsident zu werden – in der Ukraine schlägt das Verfassungsgericht amtierenden Präsidenten niemals ihre Wünsche ab. Bis heute ist das so.

Aber im Jahr 2004, dank der Orangenen Revolution, gewann Juschtschenko. Seine Präsidentschaft brachte er damit zu, dass er auf seinem Thron saß, die wirtschaftliche Lage im Land weitgehend ignorierte und dem Volk predigte wie ein Pfarrer seiner Gemeinde, dass es die Ukraine lieben sollte; und die wahre Ukraine, das sei er, Juschtschenko. Es waren nicht die schlechtesten Jahre, die die Ukrainer je erlebt hatten, aber es waren die ineffizientesten, die der Staat je erlebt hatte. Das Ergebnis von Juschtschenkos Regierung war die Machtübernahme durch die Partei der Regionen und samt deren Chef Janukowitsch. Wiktor Janukowitsch wird oft mit Bush jr. verglichen. Sie sind ungefähr gleich gebildet und machen beim Schreiben die gleichen Fehler. Seinen berühmtesten Rechtschreibfehler machte Wiktor Janukowitsch, noch bevor er Präsident wurde. In seinem Antrag auf die Teilnahme an den Wahlen erklärte er, Professor zu sein, und eben dieses Wort „Proffesor“ schrieb er falsch. Gott mit ihm, dem Professor Janukowitsch! Im direkten wie im übertragenen Sinn.

Michail Pogrebski, ein bekannter ukrainischer Politikwissenschaftler, der Wiktor Janukowitsch gut kennt und mit ihm zusammenarbeitet, sagte mir einmal, unser Präsident sei ein tiefgläubiger Mensch. Das verbindet ihn natürlich ebenfalls mit Bush jr. Ob sich noch weitere Ähnlichkeiten dieser beiden auftun werden, weiß ich nicht. Doch nach seinem Wahlsieg beeilte sich Wiktor Janukowitsch, die von Juschtschenko verdorbenen Beziehungen zu Putin und seinem Russland wieder einzurenken.

In den ersten zwei Monaten seiner Präsidentschaft verlängerte er die Präsenz der russischen Kriegsflotte in Sewastopol um 25 Jahre, unterschrieb eine Vielzahl von Kooperationsverträgen mit Russland im Flugzeugbau und auf anderen kapitalintensiven Gebieten und gab Garantien für den störungsfreien Transit von russischem Erdgas durch die Ukraine nach Westeuropa. Er versprach der russischen Seite noch mehr, versprach sogar, dass die Ukraine die von Tiflis abgefallenen Republiken Ossetien und Abchasien anerkennen würde. Dem Volk, besonders in der Westukraine, wo die Stimmung Russland gegenüber, milde gesagt, angespannt ist, erklärte Janukowitsch, im Austausch für solche Freundschaft werde die Ukraine billiges Gas erhalten.

Russland senkte den Gaspreis allerdings nicht. Irgendwann hörte Wiktor Janukowitsch plötzlich auf, viel von Freundschaft mit Russland zu reden, und freundete sich mit Lukaschenko an, dem Präsidenten von Weißrussland, das sich zurzeit im Energiekrieg mit dem Kreml befindet. Lukaschenko hat mit Hugo Chávez den Kauf von venezolanischem Erdöl vereinbart, und dieses Öl wird durch Litauen und die Ukraine nach Weißrussland fließen.

Hohngelächter aus Moskau

Und so wurde die Ukraine wieder „multivektoriell“, indem sie versuchte, sowohl mit Russland gut Freund zu sein als auch Milliardenkredite beim IWF lockerzumachen (ohne die sie zahlungsunfähig geworden wäre) und gleichzeitig an der Fehde zwischen Russland und Weißrussland zu verdienen. Sie erkannte Ossetien dann übrigens doch nicht an. Worauf im staatlichen russischen Fernsehen in einer beliebten Satiresendung eine böse Parodie auf Präsident Janukowitsch gezeigt wurde! Die Ukrainer, die ihren Präsidenten eigentlich nicht besonders lieben, waren gekränkt, und Analytiker wiesen darauf hin, dass im russischen Fernsehen nur auf Anweisung des Kremls gelacht wird und Parodien auf russische Politiker, gar nicht zu reden von Staatsführern, dort unmöglich seien. Der Kreml hatte also ein Signal gesendet. Und es war direkt nach Putins unerwartet abgebrochenem Kiewbesuch erfolgt. Der war missgestimmt und früher als geplant nach Hause gefahren und hatte ein Mittagessen mit Oligarchen und ein Abendessen mit dem ukrainischen Premierminister Asarow ausfallen lassen.

Putins Besuch fand vor den Kommunalwahlen statt, bei denen die Partei der Herrschenden – die Partei „der Regionen“ – sich anschickte, die Macht im ganzen Land zu übernehmen. Zum Teil gelang ihnen das, dank Betrugsmanövern, Fälschungen und dem Einsatz von Provokationen und Gerichtsverfahren, mit denen beliebte regionale Politiker, die nicht zur Partei der Regionen gehörten, von den Wahlen ferngehalten werden sollten. In den drei Westgebieten kamen radikale Nationalisten an die Macht, die dort seltsamerweise von Janukowitschs Partei unterstützt wurden – nur damit nicht die Partei Julia Timoschenkos gewann.

In anderen Regionen kamen auch Vertreter anderer Parteien und Bewegungen in die kommunalen Parlamente und Räte, aber die Partei der Regionen einigte sich mit ihnen, und jetzt stimmen sogar sogenannte Oppositionsparteien oft mit der Partei der Regionen. Doch das Volk, durch die Orangene Revolution von seiner Angst befreit, wollte sich, im Unterschied zu den Abgeordneten der Bezirks-, Stadt- und anderen Räte, nicht wieder einschüchtern oder auch nur kaufen lassen. Und Janukowitsch wird deshalb sein zum hundertsten Mal gegebenes Versprechen, das Russische zur zweiten Staatssprache zu machen, nicht erfüllen können – ein Großteil der Ukrainer ist nämlich gegen eine zweite Amtssprache.

So musste Janukowitsch kürzlich das ukrainische Volk zum Tag der – ukrainischen – Amtssprache beglückwünschen. An diesem Feiertag wurde um 16 Uhr im Radio ein feiertägliches Diktat für das ganze Land gesendet, mit dem jeder dann prüfen konnte, wie gut er die Sprache beherrschte. Natürlich ist es nicht Präsidentensache, Diktate zu schreiben. Aber jemand aus der Regierung musste vor den laufenden Fernsehkameras und Journalisten seine Wertschätzung der ukrainischen Sprache demonstrieren. Man wählte den russischsprachigen Bildungsminister Dmitri Tabatschnik aus. Er schrieb dann auch und machte nur einen einzigen Fehler. Immerhin ist er ein gebildeter Mann, Historiker, der mit seinen Aktivitäten zur Rückkehr der russischen Sprache an die Schulen in die ukrainische Geschichte eingegangen ist.

Der Krieg für und gegen die russische Sprache hält schon neunzehn Jahre an. Die, die für Wiktor Janukowitsch gestimmt haben, sprechen in der Hauptsache Russisch. Die, die gegen ihn gestimmt haben, sprechen Ukrainisch. Aber für die Mehrheit der Ukrainer ist das Russische längst kein Problem mehr. In der Westukraine, wo nationalistische Parteien sehr beliebt sind, gibt es viel mehr Touristen aus Russland als aus Europa. Die Städte sind dort sauberer und gepflegter und die Leute freundlicher und lebensfroher. Diese Region gehörte nur 45 Jahre zum Bestand der UdSSR, das erklärt alles.

Auch die Ostukraine möchte, ungeachtet ihrer Nähe zu Russland, nicht in die „sowjetische Völkerfamilie mit der Hauptstadt Moskau“ zurück. Hier ist man weiter von Europa entfernt, aber die örtliche Business-Elite schickt ihre Kinder zum Studieren nach England und in die USA. Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, Geschäftsmann in Donezk, mit Stolz, dass seine Kinder Ukrainisch können. Er selbst wird das Ukrainische nicht mehr lernen. Das braucht er im russischsprachigen Donezk auch nicht, aber es ist gut, dass er spürt, dass die Ukraine eine Zukunft jenseits von Russland hat.

Aus dem Russischen von Sabine Grebing Andrej Kurkow ist Schriftsteller und lebt in Kiew. Auf Deutsch erschien zuletzt: „Der Milchmann in der Nacht“, Roman, Zürich (Diogenes) 2009.

Le Monde diplomatique vom 10.06.2011, von Andrej Kurkow

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