Das Imperium ist angezählt
250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung stecken die USA in einer tiefen außenpolitischen Krise. Die mächtigste Hegemonialmacht der jüngeren Geschichte ist heute mit einem nie da gewesenen Misstrauen konfrontiert – vor allem vonseiten seiner Verbündeten.
von Alexander Zevin

Zu seinem 80. Geburtstag am 14. Juni ließ Donald Trump auf dem Rasen vor dem Weißen Haus eine Arena für Käfigkämpfe aufbauen. „Freedom 250“ war das Motto für die auch im Fernsehen übertragene Mixed-Martial-Arts-Show, gemeint war damit der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli.
Dabei lässt nicht nur das Gladiatorenspektakel an das Ende des Römischen Reichs denken, sondern auch die missliche Realität der zweiten Trump-Präsidentschaft: eine durch den Irankrieg zusätzlich angeheizte Inflation, ein historisch beispielloser Absturz der Popularitätswerte, schließlich eine durchaus reale Möglichkeit, dass die Republikaner bei den Kongresswahlen im November ihre Mehrheit sogar in beiden Kammern einbüßen könnten.
Ein zeitgenössischer Satiriker – im Geiste des spätrömischen Juvenal – würde das Spektakel vor dem Weißen Haus als Symptom eines Niedergangs sehen, in dem eine vorbildhafte Republik zur Herrschaft einer Oligarchie mit imperialen Ambitionen verkommt.
Aber so einfach ist es nicht: Seit Gründung der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren bewegt sich das System zwischen diesen beiden Polen, die sich auf ideologischer Ebene als Exzeptionalismus und Universalismus artikulieren: zum einen in der legendären Verfassung von 1787 mit ihren Grund- und Freiheitsrechten, zum anderen in dem universalistischen Anspruch als moralischer Leuchtturm – als Vorbild zunächst nur für die eigene Hemisphäre, was sich in der „Manifest Destiny“-Ideologie und der messianischen Monroe-Doktrin ausdrückte.
Dieser Anspruch wurde Ende des 19. Jahrhunderts auf die ganze Welt ausgeweitet, als Washington eine handelspolitische Open-Door-Politik propagierte. Der Zwiespalt darüber, welcher der beiden Pole für die Beziehungen zum Rest der Welt bestimmend sein sollen, dauert bis heute an. Als Trump 2015 seine erste Präsidentschaftskandidatur ankündigte, gab er sich als isolationistischer America-first-Protagonist. Er geißelte die Unterstützung seiner republikanischen Rivalen für die Irakinvasion 2003, versprach das Verhältnis zu Russland zu reparieren und stellte den Nutzen westlicher Militärbündnisse, also auch der Nato, infrage. Am Ende seiner ersten Amtszeit konnte er sich brüsten, keinen einzigen Krieg begonnen zu haben.
Als er fünf Jahre später zum zweiten Mal ins Weiße Haus einzog, hielt diese Zurückhaltung zunächst an. In einem der ersten Strategiekonzepte der neuen Regierung hieß es: „Die Zeiten, da der Nahe Osten die langfristige und tägliche Außenpolitik der USA dominiert hat, sind glücklicherweise vorbei.“1 Doch allein zwischen Juni 2025 und Juni 2026 griffen die USA den Jemen, Iran, Syrien, Somalia und Nigeria an, kidnappten den Präsidenten Venezuelas, verhängten ein Embargo über Kuba und versenkten mehrere Boote samt Mannschaften in der Karibik.
Wie lässt sich diese 180-Grad-Wende erklären? Und was bedeuten sie für das US-Imperium? So unberechenbar die diplomatischen Züge Trumps immer wieder ausfallen, die Außenpolitik Washingtons steht nach wie vor im Zeichen einer strukturellen Kontinuität. Denn letztlich lässt sich ohne den Druck interner wie externer Interessengruppen schwerlich erklären, warum Trump trotz seines Versprechens, keinen einzigen „dummen Krieg“ zu führen, ausgerechnet den Krieg begonnen hat, den all seine Vorgänger auf keinen Fall riskieren wollten.
Die Islamische Republik ist seit ihrer Gründung – nach dem Sturz von Schah Reza Pahlavi im Januar 1979 – im Visier der Vereinigten Staaten. Aber schon der Schah selbst war 1953 nur durch einen von britischen und US-Geheimdiensten unterstützten Staatsstreich an die Macht gekommen. Nach der Geiselnahme in der Teheraner US-Botschaft am 4. November 1979 verhängte Präsident Jimmy Carter Sanktionen gegen Iran. Sie blieben seitdem, mit kurzen Unterbrechungen, ständig in Kraft; seit 1995 wurden sie von Präsident Bill Clinton und später von Präsident George W. Bush sogar noch verschärft.
Präsident Barack Obama hatte diese Politik seit 2009 zunächst fortgesetzt, wodurch sich die iranischen Erdöleinnahmen halbierten. Doch dann schlug er einen Deal vor, der die Lockerung der Sanktionen als Gegenleistung für eine Begrenzung des iranischen Atomprogramms vorsah. Ein entsprechendes Abkommen, dessen Umsetzung von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) kontrolliert werden sollte, wurde am 14. Juli 2015 von den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats (China, Frankreich, Großbritannien, Russland und USA) sowie Deutschland und der Europäischen Union unterzeichnet.
Doch im Mai 2018 kündigte Donald Trump das Abkommen einseitig auf und begann die Strategie eines „maximalen Drucks“ gegen Iran, den sein Nachfolger Joe Biden fortsetzte. Auch die EU setzte ihre Sanktionen 2025 erneut in Kraft – mit der eigenartigen Begründung, dass die Iraner gegen den Vertrag verstießen, aus dem die USA längst ausgestiegen waren.

Eine Orgie der Selbstbereicherung
Im Wirtschaftskrieg Washingtons gegen das Regime in Teheran praktizierten die Republikaner dasselbe Sanktionsregime wie die Demokraten und auch die europäischen Verbündeten. Man könnte sogar von einer Art Multilateralismus sprechen, da selbst die UNO einige der Sanktionen legitimierte und umsetzte. Das ging im jüngsten Irankrieg so weit, dass der UN-Sicherheitsrat, der eher wegen Ineffizienz in der Kritik steht, am 11. März 2026 die UN-Resolution 2871 verabschiedete, die zwar die iranischen Raketenangriffe auf Jordanien und die Mitgliedstaaten des Golf-Kooperationsrats verurteilte, aber die US-Militärbasen am Golf nicht einmal erwähnte.
Im Westen gab es nicht nur bemerkenswert wenig Protest gegen das klar völkerrechtswidrige Vorgehen Israels und der USA. Europa leistete sogar Beihilfe, weil die USA Militäranlagen in England und Portugal, bei Neapel und auf Kreta bis hin zum logistischen Zentrum in Ramstein nutzen konnten.2
Trump hatte versprochen, mit den „dummen“ oder „endlosen“ Kriegen Schluss zu machen – nicht aber mit den intelligenten und kurzen, die er zu führen meint. Seit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar – nach „einem perfekten Drehbuch“, wie er der New York Times erklärte – war er offensichtlich überzeugt, er könne nach der Ermordung des iranischen Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei auch in Teheran über eine neue Staatsführung mitbestimmen. So erklärte er am 5. März 2026: „Ich muss in die Auswahl einbezogen werden wie bei Delcy in Venezuela“3 , womit er Maduros Vizepräsidentin Delcy Rodríguez meinte, die er zur Interimspräsidentin ernennen ließ. Und Trumps Kriegsminister Pete Hegseth verkündete am fünften Kriegstag: „Es sollte nie ein fairer Kampf werden, und es ist kein fairer Kampf. Wir schlagen sie, wenn sie am Boden liegen.“4
Hegseth ist nicht der Erste, der sich in Fantasien von der Züchtigung eines schon geschlagenen Feinds ergeht. General Curtis LeMay, der im Zweiten Weltkrieg das Konzept der „strategischen Bombardierung“ entwickelte und den Luftangriff auf Tokio befahl, bei dem am 10. März 1945 hunderttausende Menschen starben, hat sich später damit gebrüstet, er habe im Koreakrieg „alle Städte in Nordkorea und auch in Südkorea niedergebrannt“.5
In demselben Krieg hatte US-General MacArthur, bevor er am 11. April 1951 von Präsident Truman als Oberbefehlshaber abberufen wurde, den Abwurf von Atombomben auf nordkoreanische Städte und über der chinesischen Mandschurei geplant. Auch im Vietnamkrieg wurden die Luftangriffe mangels klarer Ziele ständig auf größere Zonen ausgeweitet, mit der Folge, dass immer mehr zivile Einrichtungen zerstört wurden.6
Im letzten Irankrieg schließlich wurden – nunmehr mithilfe künstlicher Intelligenz – allein in den ersten zehn Tagen mehr als 21 000 zivile Gebäude, davon 17 353 Wohnhäuser, getroffen.7 Doch die US-Operation „Epic Fury“ geriet schnell ins Stocken, weil sich die verbliebene iranische Führung nach dem „Enthauptungsschlag“ gegen Chamenei nicht an den Verhandlungstisch zwingen ließ. Dabei war die Tötung des iranischen Religionsführers inmitten des Ramadan, wie der frühere britische Vizeoberkommandierende der Nato Richard Shirreff fassungslos kommentierte, in etwa so provokativ, wie es für den Westen die „Ermordung des Papstes auf den Stufen des Petersdoms während der Karwoche“ wäre.8
Der Krieg ging also weiter, begleitet von Trumps Ankündigungen, die im Takt der Märkte gepostet wurden: Jeweils vor Öffnung der US-Börsen oder zu Wochenbeginn verkündete der US-Präsident zügige Verhandlungsfortschritte oder gar das Ende des Konflikts. Er stellte Ultimaten und drohte noch vor deren Ablauf, die USA würden den Gegner auslöschen. Und das alles, während im Hintergrund eine Orgie der Selbstbereicherung lief. Zum Beispiel am 23. März, als Trump auf seiner Plattform Truth Social „produktive“ Diskussionen mit den iranischen Verhandlern vermeldete, und nur Minuten später Öl-Termingeschäfte im Wert von 580 Millionen US-Dollar abgewickelt wurden.
Und wofür das alles? Die US-Basen, die die Golfstaaten schützen sollen, wurden zur Zielscheibe iranischer Angriffe. Die Instandsetzung der Radarsysteme und Raketenabschussrampen wird Milliarden Dollar kosten und viel Zeit brauchen, während die Golfstaaten mit Attacken auf ihre Ölfelder und Stromnetze rechnen müssen oder auf die für die Trinkwasserversorgung unentbehrlichen Entsalzungsanlagen.
Dieser Krieg ist längst viel mehr als nur ein regionaler Konflikt. Er könnte langfristig sogar die Abmachungen infrage stellen, auf denen seit den 1970er Jahren die globale Dominanz des Dollars beruhte. Nachdem US-Präsident Nixon am 15. August 1971 die Goldbindung des Dollar aufgehoben hatte, handelte sein Finanzminister ein Abkommen mit den Saudis aus: Als Gegenleistung für die Sicherheitsgarantien der USA sollten die Saudis ihre Überschüsse aus dem Ölgeschäft in US-Staatsanleihen anlegen. Zudem mussten sich die Opec-Länder verpflichten, die Ölpreise in Dollar festzulegen. Dieses Sicherheitsarrangement hat die britische, französische und vor allem die US-amerikanische Rüstungsindustrie reich gemacht, weil die Golfstaaten bald zu deren besten Kunden wurden.
Doch was bleibt, wenn die arabischen Länder ihr Öl nicht mehr exportieren können und die USA keinen Schutz mehr bieten? Wie man die Antwort in Teheran sieht, deutet sich in der Idee an, den sicheren Öltransport durch die Straße von Hormus gegen eine Bezahlung in chinesischen Renminbi zu garantieren.
Dass Israel in dieser ganzen Geschichte eine entscheidende Rolle spielte – von der Entscheidung des Kriegsbeginns bis zu den taktischen Varianten in den verschiedenen Etappen –, bestätigt sowohl den Einfluss der Israellobby in den USA9 als auch die geschwächte Macht Washingtons, wo es heute im Außenministerium keine Iranexperten mehr gibt.10 Deshalb hört man immer wieder ironische Kommentare über Trumps Abgesandte Steven Witkoff und Jared Kushner, etwa, dass sie keine Ahnung von Nukleartechnik hätten und nur dazu da seien, die Regierung auf israelfreundlichem Kurs zu halten.
Doch auch Israel hat einen hohen Preis für diesen Krieg bezahlt. In den USA sinken die Werte der Zustimmung zum traditionellen Verbündeten, und die Wette, mit der die Regierung Netanjahu den US-Präsidenten in diesen Krieg gelockt hat, ist nicht aufgegangen. Weder wurde das islamische Regime gestürzt noch seine Militärmacht vernichtet. Allerdings hat das Land gewaltige industrielle Schäden erlitten; unzählige Schulen, Krankenhäuser, Büro- und Wohnhäuser wurden zerstört. Die Inflation geht durch die Decke, und aufgrund der Sperrung des Internets haben bereits zwei Millionen Iraner:innen ihren Job verloren.11
Das Teheraner Regime hat den USA zwar keine eindeutige strategische Niederlage beigebracht – obwohl das am 17. Juni unterzeichnete „Islamabad Memorandum of Understanding“12 als „Kapitulation“ bezeichnet wurde.13 Doch es hat trotz der militärischen Umzingelung die Schwächen des mächtigsten Staats aller Zeiten bloßgelegt. Das haben nur wenige Konflikte der jüngeren Zeit bewirkt. In Vietnam dauerte es mindestens vier Jahre, bis die USA eingesehen hatten, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können – im Irankrieg geschah das bereits nach vier Wochen.
2 Siehe etwa Niels Kadritzke, „Die US-Basis auf Kreta“, LMd, Juni 2026.
6 Siehe Mathias Delori, „Den präzisen Luftschlag gibt es nicht“, LMd, April 2026.
9 Siehe Ervand Abrahamian, „Iran under fire“, New Left Review, Nr. 157, London, Januar/Februar 2026.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Alexander Zevin ist Historiker an der New York University.


