Der perfekte Sturm
Durch das Zusammenspiel von Private-Credit-Krise, KI-Blase und Irankrieg droht der Systemkollaps
von Frédéric Lordon

Es ist immer wieder dasselbe, seit die Finanzwelt dereguliert wurde: Um die geltenden Vorschriften zu umgehen, werden Innovationen eingeführt. Dann sieht man zu, wie eine Blase mit sagenhaften Gewinnen entsteht, deren Platzen eine riesige Krise auslöst, die alsbald die Realwirtschaft erfasst.
Dann lässt sich der Finanzsektor von der öffentlichen Hand retten. Die wenigen Regulierungsmaßnahmen, die in der Krise erlassen wurden, nimmt man gelassen hin, um sogleich neue Ideen zu entwickeln, wie man die neuen Regularien umgehen kann. Und das Ganze beginnt wieder von vorn.
Wie das letzte Mal 2007/2008, als sich herausstellte, dass verbriefte Hypothekenkredite niedriger Bonität (Subprimekredite) keine gute Idee waren. Das führte zur Weltfinanzkrise. Als der Staat die Banken gerettet hatte, machte sich die Finanzwelt daran, das Konstrukt der Kreditverbriefungen durch ein neues zu ersetzen. Man erfand den „Private Credit“.
Ein Private Credit ist im Grunde ein Direktkredit zwischen Wirtschaftssubjekten. Es handelt sich also weder um einen Bankkredit noch um eine am Markt gehandelte Anleihe. Als Kreditbeziehung zwischen privaten Akteuren, die nicht im Finanzsektor tätig sind, unterliegt sie keinerlei Regulierung.
Die Finanzindustrie kommt dann ins Spiel, wenn spezialisierte Fonds als Vermittler fungieren, indem sie die Ersparnisse vermögender Anleger:innen bündeln und über ein Portfolio „ausgewählter“ privater Kreditnehmer verteilen. Wenn sich Unternehmen über Private Credit statt über einen Bankkredit oder eine Anleihe finanzieren, sind sie wahrscheinlich nicht groß genug, um Zugang zu den Kreditmärkten zu erlangen; oder aber sie befinden sich in einer fragwürdigen finanziellen Lage.
Im zweiten Fall müssen sie zusätzlich hohe Risikoprämien zahlen – zum Vorteil der Anleger:innen, also ihrer Gläubiger:innen, die hohe Renditen einstreichen. Für die hat das Ganze aber auch einen Nachteil: Ihr angelegtes Geld ist nicht liquide. Ihre Kredite sind nämlich – im Gegensatz zu den Hypothekenkrediten, die den Subprimeboom ausgelöst hatten – nicht verbrieft und können damit nicht jederzeit und unbegrenzt auf einem Markt weiterverkauft werden.
Die Gelder der Kapitalgeber sind also bis zur Fälligkeit der Kredite weitgehend eingefroren, in der Regel fünf bis sieben Jahre. Für eine Anteilsrückgabe (redemption) an die Anleger:innen haben die Fonds eine Obergrenze eingeführt, die zumeist pro Quartal bei 5 Prozent des jeweiligen Investitionsvolumens liegt.
Solange alles gut läuft, finden das alle in Ordnung: Die Fondsmanager verwalten, die Kreditnehmer zahlen, die Kunden kassieren. Doch leider läuft nicht immer alles glatt. In der Welt der Kredite gibt es etwas, das toxisch ist: Zahlungsausfälle. Wenn sie sich häufen, gelten die „normalen“ Durchschnittswerte nicht mehr, auf denen die Risikoannahmen basieren.
Genau das scheint nun zu passieren. Anfangs wurde kaum registriert, wenn ein weitgehend unbekannter Autozulieferer, Ersatzteilhersteller oder Vertragshändler einen Privatkredit nicht mehr bedienen konnte. Bekanntlich beginnen Finanzkrisen erst mit einer Insolvenz, die die Gemüter erschüttert. Erst dann beginnen die Investoren, sich Gedanken zu machen. Und so weit ist es mittlerweile.
Heute sind 30 Prozent der Private-Credit-Fonds im Softwaresektor investiert – einem Bereich, für den die Prognosen lauten, dass die atemberaubenden Fortschritte der künstlichen Intelligenz zu einem Kahlschlag führen werden. Inzwischen geht hier die nackte Angst um, weshalb besorgte Anleger:innen bei den Private-Credit-Fonds vorstellig werden und ihr Geld zurückhaben wollen. Vergebens, denn sie können ja in der Regel pro Quartal nur 5 Prozent ihres Investitionsvolumens abziehen.

Das Gift der mangelnden Liquidität
Doch die Kundschaft verlangt weitaus mehr. Anfang März 2026 waren namhafte Fonds mit einer Rekordzahl von Auszahlungsanträgen konfrontiert. Bei einem wichtigen, von einer BlackRock-Tochter verwalteten Private-Credit-Fonds wurden 9 Prozent des Fondsvermögens zurückgefordert, bei einem Fonds des Finanzdienstleisters Cliffwater sogar 14 Prozent. Im April summierten sich bei einem Fonds des US-Investmentverwalters Blue Owl die Rücknahmeanträge auf 22 Prozent des investierten Kapitals. Bei einem anderen Fonds von Blue Owl lag diese Quote sogar bei 40 Prozent.
Formal betrachtet, sind den verunsicherten Investor:innen die Hände gebunden: Sie haben einen Vertrag unterschrieben, aber das Kleingedruckte ignoriert. Rein rechtlich können sich die Fonds auf die 5-Prozent-Klausel berufen und stur bleiben. Doch die Sache beginnt aus dem Ruder zu laufen.
Schon Ende 2025, als die neuesten Entwicklungen im KI-Sektor noch gar nicht bekannt waren, nahmen viele Branchenexperten die Bilanzen der Kreditnehmer unter die Lupe. Im Dezember prognostizierte die Ratingagentur Fitch für den Private-Credit-Bereich einen Anstieg der Ausfallraten von zuvor 3 bis 4 auf nunmehr 6 Prozent.1 Anfang 2026 warnten Analysten der Schweizer Großbank UBS schon vor einer Worst-Case-Ausfallrate von 15 Prozent.2
Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, was der kurz darauf vom Zaun gebrochene Irankrieg für den KI-Sektor bedeuten würde. Inzwischen wissen alle Private-Credit-Fonds, dass große Rücknahmewellen auf sie zurollen. Das stellt sie vor folgendes Dilemma: Entweder sie bewilligen die Rücknahmeanträge – auf die Gefahr hin, selber pleitezugehen. Oder sie bleiben hart gegenüber den Anleger:innen, denen dadurch Verluste drohen, was wiederum bedeutet, dass sie als Kunden ebenso verloren sind wie andere potenzielle Interessent:innen, die das Drama genau beobachten.
Die Möglichkeit, bei zunehmender ökonomischer Unsicherheit – oder zunehmender Gewissheit über den Ernst der Lage – Vermögen unbeschadet in Liquidität umzuwandeln, ist von zentraler Bedeutung. So hat der Starinvestor Warren Buffett in den vergangenen zwei Jahren Anlagepositionen konsequent in Cash umgewandelt. Heute verwaltet er einen Berg von 385 Milliarden US-Dollar, der wenig Risiko birgt, und kann die weitere Entwicklung ruhig beobachten.3
Eine Investition in Private Credit ist das genaue Gegenteil von Buffetts Strategie. Da die Anlagegelder bei den Fonds vertraglich gebunden sind, können die Kund:innen, wenn immer mehr Aktiva des Fonds ausfallen, dem Wertverlust nur untätig zusehen. Sie haben auch dann keine Möglichkeit, auf ihr Vermögen zuzugreifen, wenn sie selbst Liquiditätsprobleme bekommen – was angesichts der allgemeinen ökonomischen Entwicklung unweigerlich passieren wird.
Mangelnde Liquidität ist in der deregulierten Finanzwelt ein Gift, das sich rasend schnell ausbreitet. Die Flucht in liquidere Mittel wird ja nicht aufgehalten, wenn sie auf eine Mauer stößt, sondern nur auf ein anderes Ziel umgelenkt, das womöglich bessere Ausstiegsbedingungen bietet.
Eine solche Umlenkung findet fürs Erste innerhalb des Private-Credit-Sektors selbst statt: Auch auf einen relativ gesunden Fonds wie den Carlyle Tactical Private Credit Fund (CTAC) dürfte eine unerwartete Welle von Rücknahmeanträgen zukommen, die sich schlicht dadurch erklärt, dass die Investor:innen damit bei anderen Fonds nicht durchgekommen sind.4 Damit verlagert sich die Jagd nach Liquidität zwangsläufig auf andere Anlageklassen, die jedoch gelinde gesagt auch nicht in bester Verfassung sind. Angesichts dessen spricht James Dimon, der CEO von J. P. Morgan, schamhaft vom „Ende eines Kreditzyklus“5 ; ehrlicher wäre die Bezeichnung „Ende der Privatverschuldungsorgie“.
Denn schon gehen überall die Warnlichter an. Bei den verbrieften Krediten für den Kauf von Gewerbeimmobilien wie auch bei privaten Darlehen in Form von Autokrediten, Studiendarlehen und Kreditkartenverbindlichkeiten kommt es vermehrt zu Zahlungsrückständen. Sie sind die Vorboten kompletter Zahlungsausfälle und erinnern in ihrem Ausmaß durchaus an die Subprimekrise von 2007. Bekanntlich werden diese Branchen des Kreditgeschäfts, die ohnehin schon extrem unter Druck stehen, durch die Folgewirkungen, die ein Abzug von Geldern aus anderen Bereichen auslöst, schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Was die KI selbst betrifft, so macht sie nicht nur den Private-Credit-Sektor kaputt. Sie ist selbst eine Bedrohung, denn die Kehrseite ihrer aufgeblähten Börsenbewertung ist schlicht Verschuldung. Die Dimensionen sind wahrhaft monströs. Die investierten Summen machen allein ein Drittel des US-Wachstums aus und gehen in die Billionen. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet damit, dass der Sektor in den Jahren 2025 bis 2029 3 Billionen US-Dollar verbrennen wird.6
Aber wo kommen diese Summen her? Sie werden wie üblich mit riskanten Finanztricks aus dem Hut gezaubert. Zuallererst mit zirkulären Deals: So hat OpenAI, der Betreiber von ChatGPT, am 31. März eine Finanzierungsrunde abgeschlossen, bei der das Unternehmen Kapital in Höhe von unglaublichen 122 Milliarden US-Dollar an Land gezogen hat. Dazu hat allein Amazon 50 Milliarden US-Dollar beigesteuert, wofür OpenAI als Gegenleistung Aufträge im Wert von 100 Milliarden US-Dollar für die Nutzung der Cloud von Amazon Web Services (AWS) zusagte.7 OpenAI und AWS vergeben auch riesige Aufträge an den Speicherchiphersteller Nvidia, der sich an der Finanzierungsrunde von OpenAI mit 30 Milliarden US-Dollar beteiligte.
Die Zeichnung von Anteilen führt zu Aufträgen, und umgekehrt führen Aufträge zu Beteiligungen. Auf diese Weise verschränken sich Beziehungen zwischen künftigen Miteigentümern mit Kundenbeziehungen. Diese Konstellation wird gerne, aber nicht unbedingt treffend als eine Variante des betrügerischen Ponzi-Systems dargestellt. Aber viel passender ist der Vergleich mit der Uroborosschlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und einen Ring bildet, der an einen Reifenschlauch erinnert. Wenn der Schlauch auch nur ein einziges Loch hat, fällt er platt in sich zusammen.
An potenziellen Ursachen für eine Reifenpanne mangelt es nicht. Der Uroboroseffekt kann nicht nur im Bereich des Eigenkapitals, sondern auch bei der Aufnahme von Fremdkapital eintreten. So hat OpenAI seine Partner dazu gebracht, sich selbst zu verschulden, um die notwendige Infrastruktur für die künftige Entwicklung des Großkunden zu finanzieren – gegen die Zusage von Aufträgen im Wert von 100 Milliarden US-Dollar.8 Laut Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind in diesem Sektor 200 Milliarden US-Dollar aus dem Private-Credit-Bereich investiert.9 Und die Unternehmensberatung Gartner schätzt, dass sich die gesamten Investitionen in den KI-Sektor bis Ende 2026 auf mehr als 2 Billionen US-Dollar belaufen werden.10
Das gesamte Konstrukt beruht auf dem voraussichtlichen Zeithorizont für die Realisierung von Gewinnen. Für OpenAI geht der CEO Sam Altman davon aus, dass die Gewinnzone 2030 erreicht sein wird. Das setzt einen beschleunigten Aufschwung voraus, der den Umsatz von 20 Milliarden US-Dollar für 2025 binnen fünf Jahren auf 200 Milliarden katapultieren müsste. Die Investmentbank HSBC kann Altmans Gewinnerwartungen offenbar nicht nachvollziehen. Sie prognostiziert in ihren Analysen im Gegenteil ein Defizit, das sich bis 2030 auf 200 Milliarden US-Dollar akkumulieren wird. Den Grund sieht sie in astronomisch hohen Kosten für den Betrieb und die Miete von Rechenzentren, die sich bis 2033 auf insgesamt 1,4 Billionen US-Dollar akkumulieren werden.11
Das sind schwindelerregende Zahlen, die große Zweifel an der finanziellen Tragfähigkeit des Projekts wecken und die Frage aufwerfen, wie das Finanzsystem ein so kolossales Risiko über einen so langen Zeitraum tragen soll. Es reicht ein einziger Fehlschlag beim Erreichen der Rentabilitätsziele oder bei der Refinanzierung der Kredite, und alles bricht zusammen. Und wir reden hier von einem Szenario ohne größere Pannen, die mittlerweile zuhauf vorkommen.
Während die Öffentlichkeit zusah, wie sich in der Finanzwelt der Druck wie in einem Schnellkochtopf ohne Sicherheitsventil aufbaute, leistete auch noch Trump seinen ganz speziellen Beitrag. Mit der bekannten Mischung aus strategischer Dummheit und purer Demenz traf der Herr im Weißen Haus die völlig irrationale Entscheidung für den Irankrieg. Die tiefgreifenden negativen Folgen dieses Kriegs – wozu auch der Quasiselbstmord des US-Imperiums gehört – werden die Historiker noch lange beschäftigen.
Schon jetzt sind die fatalen Folgen des Kriegs unübersehbar. Vor allem, weil er ein Frontalangriff auf die neuralgische Stelle der globalen Wirtschaftsbeziehungen ist, die man besser nicht angetastet hätte: die Straße von Hormus.
Die aktuelle Krise zeigt, was letztlich der springende Punkt ist: nicht der Hype um Immaterialität, Cloud-Computing und Digitalisierung, sondern der Zugang zu Energie. Die Lehre heißt schlicht: Ohne Energie bewegt sich nichts – kein Auto, keine Ware, keine industrielle Fertigung und kein Elektron in den Kabeln der Rechenzentren. Bereits Anfang April sprach die Internationale Energieagentur (IEA) im Hinblick auf die Ölversorgung von der „größten Versorgungskrise in der Geschichte des globalen Ölmarkts“ (siehe den Beitrag von Eva Thiébaud auf den Seiten 4/5). Die Folgen sind noch längst nicht abzusehen.
Ein zentraler Aspekt der KI ist der enorme Anstieg der Energiekosten. So wird der Stromverbrauch von OpenAI – wiederum von der HSBC – bis zum Ende des Jahrzehnts auf 36 Gigawatt taxiert, das wäre mehr als der heutige Bedarf von Florida. Die Schätzung vom November 2025 beruhte auf den damals kalkulierten Kosten, wie übrigens auch die HSBC-Prognose zur Rentabilität von OpenAI.
Unausweichliche soziale Katastrophen
Doch gerade die Stromkosten werden bis 2020 beträchtlich steigen. Das könnte sich als eine der größeren kalkulatorischen „Pannen“ im Hinblick auf die ökonomischen Perspektiven der KI erweisen. Auch weitere Probleme sind noch nicht einkalkuliert, etwa der Versorgungsengpass bei Helium.
Vor der Bombardierung Irans hatte kaum jemand an Helium gedacht. Was ein schwerer Fehler war, denn Helium spielt bei der Herstellung von Computerchips eine entscheidende Rolle. Von diesem Edelgas benötigt die KI-Branche enorme Mengen. Doch bis Mitte März ist fast ein Drittel der Heliumlieferungen ausgefallen.12 Weniger Helium bedeutet weniger Chips, weniger Chips bedeuten reduzierte Rechenleistung und somit weniger Umsatz – und schon gerät das Kartenhaus der KI-Finanzierung ins Wanken.
Und das ist natürlich längst nicht alles. Ein Energieschock dieses Ausmaßes muss zwangsläufig – selbst bei sofortiger Öffnung der Straße von Hormus – die Weltwirtschaft in die berüchtigte Stagflation treiben. Diese Kombination aus Rezession und Inflation ist der Albtraum aller Zentralbankchef:innen. Sie müssten auf die Rezession mit deutlichen Zinssenkungen reagieren, auf Inflation aber mit dem genauen Gegenteil.
Auch mit Lieferengpässen muss gerechnet werden, und zwar nicht nur bei Benzin und Kerosin. Tatsächlich unterbricht die Blockade der Straße von Hormus eine Reihe wichtiger Lieferketten. Die Produktion von Stickstoffdüngemitteln, Kunststoffen und Medikamenten sowie die elektrochemische Herstellung von Kupfer, Nickel und Uran hängen von der freien Fahrt durch diese Meerenge ab. Was ihre Sperrung für die Industrie bedeutet, lässt sich kaum ermessen. China hat bereits reagiert und den Export von Schwefelsäure verboten.
Auf den ersten Blick haben wir es mit zwei eigenständigen Krisen zu tun. Doch beide – die Finanzkrise wie die Energie- und Wirtschaftskrise – hängen eng zusammen. Schlimmer noch: Die explosiven Wechselwirkungen zwischen ihnen bringen eine dritte Krise hervor, die beide anderen überlagert.
Wir sollten uns also darüber im Klaren sein, dass die Stabilität des Finanzsektors von drei Seiten bedroht ist; von drei Wirtschaftsbereichen, die bereits am Wanken sind und bei der kleinsten Erschütterung zusammenbrechen könnten. Alle drei Bereiche müssen just in diesem Moment eine ganze Serie harter Schläge hinnehmen.
In der KI-Branche wurden alle zarten Hoffnungen auf eine baldige Rentabilität ad absurdum geführt. Das liegt sowohl an den Energiekosten als auch der Verfügbarkeit von Bauteilen wie Speicherchips. Damit droht das gesamte Konstrukt zu kollabieren.
Im zweiten Sektor, in der Private-Credit-Branche, herrschte schon vor dem Krieg gegen Iran Alarmstimmung, weil die Ausfallraten ein besorgniserregendes Niveau erreicht hatten.
Am heftigsten trifft der durch den Krieg verursachte Rezessionsschock eine dritte Gruppe: Den Unternehmen, die Kredite aufgenommen haben, droht ein Massensterben. Ähnlich dramatisch ist die Lage der privaten Haushalte: Wenn sie über verbriefte Kreditprodukte verschuldet sind, schlittern sie in eine neue Subprimekatastrophe.
Die Aktienmärkte, als letztes Glied in der Kette, dürften am Ende ebenfalls einbrechen. Wenn aber die Rezession nicht nur fast alle Sektoren privater Schuldenaufnahme – Unternehmensanleihen, Private Credit und verbriefte strukturierte Produkte – in Mitleidenschaft zieht, sondern auch den Aktienmarkt, bricht die Verlustwelle von allen Seiten über den Anlagemarkt ein.
Dann gibt es nur noch einen sicheren Hafen: Cash. Doch für einen Ausstieg aus Risikoanlagen und die Umschichtung in liquide Mittel ist es dann bereits zu spät. Auch Staatsanleihen dürften keine Abhilfe schaffen, weil selbst in Ländern wie Deutschland und den USA eine Explosion der staatlichen Defizite und Schulden zu erwarten ist. Schon bevor dies geschieht, könnten die Inflationserwartung und steigende Zinsen einen ersten Crash auslösen und wie ein Brandbeschleuniger wirken.
Klar ist jedenfalls, dass es die „risikofreie Anlage“ nicht mehr gibt. Und im Zentrum des Chaos befinden sich die Banken, die in allen Bereichen engagiert sind und aufgrund ihrer Scharnierfunktion die Finanzturbulenzen beschleunigt in die Realwirtschaft hinübertragen.
In Finanzkrisen verhalten sich die Geldhäuser stets nach demselben Muster: Vorher gehen sie im Aufschwung überhöhte Risiken ein, um nach dem Konjunkturumschwung den Kredithahn völlig zuzudrehen, womit die Realwirtschaft abgewürgt wird. Ein Rückblick auf die Subprimekrise zeigt, wie auf den Crash die Kreditklemme folgt und am Ende die Rezession.
Am Beispiel des KI-Sektors heißt dies: Wenn es keine Kredite mehr gibt und alle anderen Arten der Fremdfinanzierung ebenfalls ausfallen, würde das die Branche mit ihrem extrem hohen mittelfristigen Refinanzierungsbedarf sehr hart treffen. Zunächst gehen die Banken und das Private-Credit-Segment in die Knie, dann stürzt der KI-Sektor ab, und das verschärft die Nöte der Banken und der Private-Credit-Anbieter nur noch weiter. Es ist ein Teufelskreis. Und im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt, war die Subprimekrise ein Kaffeekränzchen.
Es wäre schön, wenn wir uns irrten und in ein paar Monaten als Idioten dastünden. Doch wenn dieses doch ziemlich plausible Szenario eintritt, steuern wir auf eine beispiellose Entwicklung zu: eine Art atomarer Kettenreaktion, deren Auswirkungen von Stufe zu Stufe schlimmer werden, von Massenentlassungen über Privat- und Unternehmensinsolvenzen bis zu einer schweren Inflation und womöglich zu Versorgungsengpässen.
Dabei scheint alles vom Trump-Faktor abzuhängen. Jede Form einer „Lösung“ in der Golfregion würde in der Finanzwelt Jubel und Erleichterung darüber auslösen, dass alles so weitergehen könnte wie zuvor. Natürlich wäre das ein Trugschluss. Denn schon zuvor hatten sich – unabhängig von der Situation in der Golfregion und von Trump – gewaltige, auf kritische Kumulationspunkte zulaufende Spannungen im Private-Credit- und KI-Sektor aufgebaut. Sie alleine hätten völlig ausgereicht, um einen Crash, eine Kreditklemme und damit eine Rezession auszulösen. Durch den Krieg kommen jetzt auch noch die langfristigen Schäden an der Ölversorgungskette hinzu.
Ebenso unausweichlich sind die sozialen Katastrophen, die durch einen solchen Finanztsunami ausgelöst werden. Im Fall des Worst-Case-Szenarios werden sie beispiellose Dimensionen annehmen. Vielleicht werden die Menschen dann sogar die stoische Haltung des Duldens überwinden, mit der sie bisher alle Unfälle des globalisierten Kapitalismus hinnahmen.
Es sind solche Situationen, in denen sich mitunter politische Spielräume auftun. Dies geschieht immer dann, wenn die Wirkungen der Krise nicht nur die „Volkswirtschaft“ treffen, sondern auch den ökonomischen Status der Individuen. Denn es ist der einzelne Mensch, der als letztes Glied in der Kausalkette die Auswirkungen der Krise voll zu spüren bekommt.
Wenn das individuelle Leiden als Sackgasse empfunden wird, kann das zu Depressionen führen und mit Selbstmord enden. Doch wenn sich ein politisches Fenster öffnet, kann das wie ein Ventil wirken, das es den Menschen ermöglicht, den individuellen Druck in kollektive Wut umzuwandeln. Diese Wut könnte sich, wenn das hier skizzierte Szenario eintritt, zu einem politischen Orkan steigern – genährt nicht nur durch die Erinnerung an die Bankenrettung von 2008, sondern durch die jahrzehntelang aufgestaute Erbitterung über die neoliberalen Regierungen, die Reichen, die Finanzwelt, die Arbeitgeber – kurzum: über den Kapitalismus.
Wenn sich ein solches historischen Fenster auftut, wird auf einmal alles möglich, was die Macht des Kapitals und der ihm dienende Staat bisher verhindert haben. Dann kommt alles ins Wanken: die Finanzmärkte, die jede Wirtschaftspolitik, von der sie nichts halten, mit Strafzinsen aus dem Weg räumen; die Unternehmerklasse, die lieber das Wachstum sabotiert, als eine linke Regierung hinzunehmen; und die bürgerlichen Medien, für die eine Reichensteuer der erste Schritt in den Kommunismus ist.
Wenn die vom Kapital beanspruchte Legitimität untergraben wird, wenn das Kapital nicht mehr der Souverän ist und seine politischen Hilfstruppen davongelaufen sind, eröffnet sich für die Linke ein gewaltiger politischer Raum. Wobei links bedeutet, kontinuierlich darauf hinzuarbeiten, den Einfluss des Kapitals auf die Wirtschaft und die Gesamtgesellschaft so weit wie möglich zurückzudrängen.
Was das gesetzestechnisch bedeutet, ist seit Langem klar: Entprivatisierung und Vergesellschaftung der Banken, die sich auf die Kreditvergabe an Akteure der Realwirtschaft zu beschränken haben; Schließung aller Investmentbanken und Abschaffung ihrer Finanzprodukte; Abkopplung vom internationalen Finanzkreislauf und stattdessen Rückgriff auf den „Circuit du Trésor“, der in Frankreich in den 1940er bis 1960er Jahren praktiziert wurde: Diese Art der Staatsfinanzierung beruhte auf der Ausgabe von Staatsobligationen, zu deren Kauf die französischen Banken verpflichtet waren.
Sehr wahrscheinlich wären (für Frankreich) zwei weitere Schritte fällig: erstens der Austritt aus dem Euro, von dem man nicht weiß, ob er den nächsten Schock übersteht, nachdem er nach der Subprimekrise nur knapp dem Untergang entgangen ist; zweitens die viel zu lange aufgeschobene drastische Besteuerung der Reichen.
Sollte uns das System den Gefallen tun, sich selbst zugrunde zu richten, wären wir ihm endlich einmal zu herzlichstem Dank verpflichtet.
2 Bloomberg.com, 25. Januar 2026.
4 „Carlyle’s private credit flagship fund latest target of investor exodus“, Reuters, 9. April 2026.
6 „Who will fund AI’s $3 trillion ask?“, morganstanley.com, 25. Juli 2025.
7 „OpenAI raises $122 billion to accelerate the next phase of AI“, openai.com, 31. März 2026.
8 „OpenAI partners amass $100bn debt pile to fund is ambition“, Financial Times, 28. November 2025.
12 Siehe Scott Waldman, „It‘s not just oil. Here comes Hormuz inflation“, Politico, 14. März 2026.
Aus dem Französischen von Markus Greiß
Frédéric Lordon ist Ökonom und Autor von „La Crise de trop. Reconstruction d’un monde failli“, Fayard, Paris, 2009.


