Iran – Ende eines Aufstands
Nach dem Massaker an tausenden Demonstrant:innen ist das Regime in Teheran auch außenpolitisch weiter unter Druck geraten. Die USA drohen mit Militärschlägen und haben Iran an den Verhandlungstisch gezwungen. Dass es bald zu einer Einigung kommt, ist unwahrscheinlich. Derweil gehen die Repressionen gegen die gebeutelte iranische Bevölkerung weiter.
von Marmar Kabir

Der jüngste Aufstand in Iran begann am 28. Dezember mit den Protesten der Händler im Großen Basar von Teheran. Er radikalisierte sich schnell. „Das ist das Jahr des Bluts!“, tönte es auf den Straßen, oder: „Tod dem Diktator!“ Und was bis vor Kurzem noch undenkbar war: Es wurde die Flagge des Schah-Regimes geschwenkt, Rot-Weiß-Grün mit Löwenkopf und Sonne. Reza Pahlavi, der 65-jährige Sohn des letzten Schahs, hatte aus dem US-amerikanischen Exil die Iraner:innen dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen.
Die iranischen Behörden warnten die Bevölkerung per SMS: „Geht nicht hinaus!“, „Passt auf eure Kinder auf!“ Am zehnten Tag, dem 8. Januar, erfasste Gewalt die Straßen. Bald ließ sich nicht mehr unterscheiden, welchen Anteil daran die Demonstrierenden hatten und welchen womöglich von außen eingeschleuste Akteure und die Agent Provocateurs der Polizei.
Und was hatten die Drohungen zu bedeuten? Würde das Regime auf die Proteste mit einem Gemetzel reagieren? Wenige Stunden bevor bewaffnete Einheiten die Straßen stürmten, ließ das Regime das Internet abschalten und verweigerte Journalist:innen aus dem Ausland die Einreise. Ein eindeutiges und beunruhigendes Zeichen.

Wegen der tagelangen Unterbrechung und darauffolgenden Kontrolle der Kommunikationskanäle gibt es bislang keine eindeutige Bilanz des wahren Ausmaßes der Gewalt. In einer Fernsehansprache gab Ali Chamenei am 17. Januar den Tod von „mehreren tausend“ Menschen zu, „einige von ihnen auf unmenschliche und brutale Weise“ getötet. Er machte jedoch „ausländische Agenten“ für die Massaker verantwortlich: Diese hätten die Protestierenden bewaffnet und „einen Aufstand geplant“. Die Zahl der Verwundeten und Verhafteten geht in die Tausende. Auch wurden zahlreiche Todesurteile gegen Demonstrierende befürchtet.
In seiner ersten offiziellen Bilanz sprach das Regime am 21. Januar von 3117 Todesopfern. Dagegen berichtete der Exilsender Iran International bereits am 13. Januar unter Berufung auf hochrangige Regierungsbeamte und Sicherheitskreise, dass mindestens 12 000 Menschen getötet worden seien, der Großteil davon am 8. und 9. Januar.1 Zwei Wochen später kursierte bereits die Zahl von 36 000 Toten.2 „Da es keine verlässlichen Informationen gab, entstand eine parallele Realität, die sich aus Gerüchten speiste. In Warteschlangen sei über Zahlen geflüstert worden, „ohne Gewissheit, aber voller Überzeugung“, schreibt eine Augenzeugin der Gewalt.3
Wieder fragt man sich: Was ist wahr, was ist erfunden? Echte oder mutmaßliche Intrigen prägen seit Langem den Kampf um die Macht in Teheran. Es begann 1921 mit dem Staatsstreich des Kriegsministers Reza Schah, der vier Jahre später die Pahlavi-Dynastie begründete. Im April 1951 ordnete sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi, der seit 1941 auf dem Thron saß, auf eine Gesetzesinitiative seines Premierministers Mohammad Mossadegh hin die Verstaatlichung der Ölindustrie an. Seit der Entdeckung der Ölvorkommen in Iran lag sie in der Hand eines britischen Unternehmens, der heutigen British Petroleum Company (BP).
Nach der Verstaatlichung inszenierten die Briten gemeinsam mit der CIA und unterstützt durch den Schah eine politische Krise mit gelenkten Protesten, um Mossadegh zu stürzen4 – was auch gelang. Der Premier wurde am 15. August 1953 vom Schah entlassen und später vor ein Militärgericht gestellt, das ihn unter lebenslangen Hausarrest stellte.
„Der Putsch gegen Mossadegh hat bei den Menschen in Iran ein Trauma hinterlassen, das bis heute anhält“, schreibt der Journalist Bahman Nirumand. „Ohne diesen Putsch hätte es weder die 25-jährige Diktatur des Schahs gegeben noch die Revolution von 1979, die zu einer klerikalen Diktatur geführt hat.“5
Ab 1981 wurden Oppositionelle in Iran systematisch verfolgt und umgebracht. Auch die großen sozialen Proteste 1982, 1983 und 1984 wurden brutal unterdrückt. Im Sommer 1988, gegen Ende des Iran-Irak-Kriegs (1980–1988), erreichte der Terror mit der Ermordung von tausenden politischen Gefangenen seinen Höhepunkt. Zu den direkt Verantwortlichen gehörte auch Ali Chamenei, der seit 1981 Präsident war und nach dem Tod von Revolutionsführer Ajatollah Chomeini dessen Nachfolge als Oberster Führer antrat.
Bis heute endete jede Protestbewegung mit Verhaftungen und Hinrichtungen: die Studentenproteste von 1999, die sogenannte Grüne Revolution nach den Präsidentschaftswahlen 2009, der Aufstand gegen die Erhöhung der Benzinpreise 2017 und unlängst die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022.6
Am Anfang der aktuellen Unruhen standen wirtschaftliche und soziale Fragen, die auch bei früheren Aufständen immer eine Rolle gespielt hatten. Für den Historiker Ervand Abrahamian, emeritierter Professor der University of New York, ist es „die schwerste Krise, die die Islamische Republik je erlebt hat. Zum ersten Mal seit 1978 bildet der Basar die Vorhut der Opposition.“7 Die Händler, vor allem die Verkäufer importierter Elektrowaren, leiden unter der krassen Entwertung des Rial (um mehr als die Hälfte innerhalb eines Jahres im Verhältnis zum Dollar).
Die Kaufkraft sinkt, die Preise explodieren. Die Inflation ist von 9 Prozent 2005 auf rund 45 Prozent 2025 gestiegen. Gleichzeitig herrscht Unterbeschäftigung, was vor allem die Frauen betrifft. Befristete Arbeitsverträge gehören längst für alle zur Norm. Hinzu kommen die Maßnahmen, mit denen das Regime die internationalen Sanktionen zu umgehen versucht; auch sie beschleunigen den Absturz der Währung.
Die Regierung fördert ein Finanzsystem, das sich auf Privatbanken und eng mit den Entscheidungsträgern verbandelte Bevollmächtigte stützt, die auf den Handel mit Waren und Devisen spekulieren können. Ungefähr 20 iranische Unternehmen genießen das Privileg, Geld zum stark regulierten offiziellen Wechselkurs tauschen zu können, nach dem der Rial Ende 2025 fünfmal so viel wert war wie auf dem Schwarzmarkt. So dominiert etwa die Gruppe Modalal dank dieses subventionierten Devisenzugangs die Lebensmittelindustrie.
Seit dem Zwölftagekrieg im Juni 20258 greift der Mangel überall um sich, und zwar nicht nur an Gütern, die von den internationalen Sanktionen betroffen sind wie Medikamente. Auch der Ausfall von Strom und Wasser gehört inzwischen zum Alltag. Seit vergangenem Herbst leidet Iran unter einer extremen Trockenheit.
Wirtschaftlich ist das Land eine Oligarchenrepublik. Öffentliche Dienstleistungen wie Krippen, Schulen und Krankenhäuser werden finanziell immer schlechter ausgestattet, während private Einrichtungen prosperieren. Seit der Präsidentschaft von Hāschemi Rafsandschāni (1989–1997) hätten neoliberale Berater großen Einfluss auf die ökonomischen Entscheidungen der Regierung genommen, kritisiert der Soziologe Yousef Abazari.
So seien die Rechte der Arbeiter, Angestellten, Studierenden, Lehr- und Pflegekräfte sukzessive beschnitten worden, wohingegen sich die Oligarchen hätten bereichern können: „Das konkrete Ergebnis dieser Politik ist eine tiefgreifende sozioökonomische Ungleichheit.“9 Experten zufolge lebt knapp die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze10 , während das Magazin Forbes im Jahr 2021 zugleich eine Viertelmillion iranischer Millionäre zählte.
Anfang Januar 2026 versuchte Präsident Peseschkian den Volkszorn zu besänftigen, indem er das Kalabarg-System elektronischer Lebensmittelscheine zum Kauf von Grundnahrungsmitteln besser ausstattete. Außerdem darf der subventionierte offizielle Wechselkurs nur noch für den Import von Weizen und Medikamenten genutzt werden.
In ihrer Propaganda unterscheidet die Regierung zwischen legitimen Protesten und „zerstörerischen Elementen“ und behauptet, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Staat unterstütze, obwohl das Gegenteil unübersehbar ist. Nach den Repressionen hat Peseschkian seinen Ton verschärft und verkündet, dass jede Beleidigung des Obersten Führers eine Kriegserklärung gegen die iranische Nation sei.
Als Israel im Zwölftagekrieg hochrangige Wissenschaftler und Kommandeure von Armee und Revolutionsgarden (Pasdaran) in Teheran gezielt tötete – wobei auch unbeteiligte Zivilisten umkamen –, zeigte dies erneut, dass ausländische Kräfte über großen Einfluss und zahlreiche Informanten in Iran verfügen. Die israelischen Geheimdienste rühmen sich dessen geradezu.
Am 29. Dezember 2025 veröffentlichte der Mossad auf X einen expliziten Aufruf: „Geht gemeinsam auf die Straße. Wir stehen an eurer Seite. Nicht nur aus der Ferne und mit Worten. Wir sind auch vor Ort.“ Reza Pahlavi kooperiert schon seit Langem offen mit der Netanjahu-Regierung. Im April 2023 erklärte er bei einem Besuch in Tel Aviv: „Ich bin hier, um zu erkunden, wie wir zusammenarbeiten können, um das iranische Volk in seinem Kampf um die Freiheit zu unterstützen.“ Er möchte den Glauben daran wachhalten, dass das Mullah-Regime vor dem Zusammenbruch stehe.
Viele Experten sehen das jedoch anders. An der gesellschaftlichen Basis des Regimes rumort es zwar, aber das System ist immer noch stabil. Das wollte die Staatsmacht am 12. Januar durch organisierte Demos und Aufrufe zu nationaler Einheit des ehemaligen „Reformpräsidenten“ Mohammed Chatami (1997–2005) beweisen.
Die oppositionellen Proteste hatten sich zwar schnell im ganzen Land ausgebreitet, aber kaum die industriellen Zentren und die Arbeiterviertel erreicht. Auch die große mediale Aufmerksamkeit für Pahlavi kam etwa bei der Busfahrergewerkschaft Sherkat-e Vahed gar nicht gut an: „Die Befreiung der Arbeiter wird weder von einem durch höhere Instanzen eingesetzten Führer noch ausländischen Mächten oder Fraktionen innerhalb der Regierung ausgehen“, ließ sie verlautbaren.
Inzwischen sind die Basare wieder geöffnet, und es gibt auch keine großen Streiks wie 1979 kurz vor der Revolution und dem Sturz des Schah-Regimes. Zudem schreitet die Kontrolle der sozialen Medien weiter voran, indem zum Beispiel Whatsapp teils durch staatliche Messenger-Apps wie Eitaa, Soroush Plus oder Rubika ersetzt wurde.
Die iranische Führung kann sich außerdem darauf verlassen, dass ihr die unmittelbaren Nachbarländer, wenn auch nur indirekt, zur Seite stehen, weil sie eine ausländische Militärintervention ablehnen. Man fürchtet sich vor einem Szenario wie in Irak oder einer ethnischen Spaltung des Landes, sollte die Monarchie reinstalliert werden. Saudi-Arabien, Katar und Oman haben versucht, den US-Präsidenten davon abzubringen, Iran anzugreifen, und vor „schweren Auswirkungen für die ganze Region“ gewarnt. Russland hat eine Vermittlung mit angeboten, und die Türkei rief zum „Dialog“ auf, um die Krise zu beenden. Die regelmäßig aufflammenden Proteste in Iran zeigen, dass die Gesellschaft zwar dynamisch, aber sozial und durch Generationenkonflikte stark gespalten ist.
Der Legitimationsverlust des politischen Systems nährt die Illusion, ein starker Mann aus den Reihen der Regierung oder ein von Washington und Tel Aviv entsandter Retter könne zum Zug kommen. Doch könnte eine solche Figur überhaupt den sozialen Forderungen entsprechen, ohne eine wahrhaft demokratische Alternative anzubieten, nach der sich das Volk so sehr sehnt? Netanjahus Iran-Besessenheit lässt befürchten, dass er mit allen Kräften verhindern wird, dass die iranische Nation selbst über ihr Schicksal bestimmt – und dafür auch den Zerfall des Landes in Kauf nimmt, ähnlich wie es jüngst in Syrien der Fall war.
3 Siehe Raha Nik-Andish, „In Tehran“, Blog der London Review of Books vom 30. Januar 2026.
4 Siehe Mark Gasiorowski, „Die USA und die Irankrise 1953“, LMd, Oktober 2000.
6 Siehe Mitra Keyvan, „Iran – die Mauer aus Angst ist gefallen“, LMd, November 2022.
7 „Where is Iran’s national uprising headed?“, www.civilnet.am, 14. Januar 2026.
8 Siehe Shervin Ahmadi und Marmar Kabir, „Kriegstage in Teheran“, LMd, Juli 2025.
9 Yousef Abazari, „Die Ökonomie der Ignoranz“ (auf Farsi), Shargh, Teheran, 18. Januar 2026.
10 „Die Proteste werden für Irans Führung gefährlich“, DLF, 13. Januar 2026.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Marmar Kabir ist Journalistin und Übersetzerin für LMd aus dem Farsi. Der vorliegende Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Shervin Ahmadi und Philippe Descamps.


