Atomkraft für Chatbots
Warum in den USA wieder massiv in Kernenergie investiert wird
von Eva Thiébaud

Kräne, Brachflächen und überall Baustellen, wo neue Rechenzentren entstehen. „Sehen Sie das da drüben? Ein Riesending“, sagt Ann Bennett, in deren Auto wir sitzen. Die Aktivistin der Umweltschutzorganisation Sierra Club fährt mich durch den gigantischen Bauboom im Norden Virginias in den Countys Loudon und Fairfax, knapp 20 Kilometer westlich der Hauptstadt Washington, D. C.
„Das ist sie, die ‚Cloud‘. Sehen Sie nur. Es ist unbeschreiblich.“ Bennett hat recht. Die Landschaft wirkt dystopisch. An schnurgeraden Straßen stehen – aufgereiht entlang neuer Stromleitungen – riesige Betonklötze, grau, gelblich oder bläulich gestrichen, alle ohne Fenster. Dazwischen gigantische Umspannstationen und überall neue Baustellen.
Auf der Schnellstraße, die Data Center Alley heißt, steuern die Leute aus den wohlhabenden Städten Virginias ihre klimatisierten SUVs in Richtung Washington oder zum nahen Dulles International Airport. Virginia ist wegen der Nähe zur Bundeshauptstadt, des preisgünstigen Baulands, spezieller Steueranreize, der vorzüglichen Stromversorgung und des Anschlusses an das Untersee-Internetkabel zwischen Nordamerika und Europa einer der attraktivsten Standorte für Rechenzentren weltweit. Im ersten Halbjahr 2025 verbrauchten die Rechenzentren dieser Region – es sind mehrere Hundert – insgesamt 6,2 Gigawatt (GW).1 Zum Vergleich: Die gesamte Stromerzeugungskapazität des Bundesstaats liegt bei 29 GW, die Hälfte davon stammt aus Gaskraftwerken.
„Wir wollen, dass die KI im Land bleibt“, erklärte Donald Trump, als er im Januar 2025 das Projekt Stargate der Öffentlichkeit vorstellte. Im Rahmen von Stargate sollen 500 Milliarden US-Dollar an privaten Geldern in Rechenzentren investiert werden. Da man in Konkurrenz mit China und anderen Ländern stehe, müsse man in den USA riesige Mengen Strom produzieren, erklärte der Präsident. Er werde persönlich dafür sorgen, dass die Digitalkonzerne „diesen Strom produzieren können – an ihren eigenen Betriebsstandorten, wenn sie wollen“.
Die Öl- und Gasproduzenten, die Trumps Wahlkampf großzügig unterstützt haben, reiben sich die Hände: Ihr Präsident liefert die perfekte Rechtfertigung, ihre Produktion schnell und massiv zu steigern, auf Kosten der Erneuerbaren.
Die Atomkraftwerkbetreiber der USA hatten Trumps Kampagne nicht so üppig gefördert. Ihr Ruf leidet noch immer unter dem Reaktorunfall von 1979 im Atomkraftwerk Three Mile Island. Hinzu kommen Korruptionsskandale und die Pleite des Kraftwerkbauers Westinghouse. Aber auch sie surfen auf der KI-Welle und genießen die Unterstützung der Tech-Magnaten des Silicon Valley.
Dabei seien AKWs nach wie vor gefährlich, versichert der Atomkraftgegner und ehemalige Präsidentschaftskandidat Ralph Nader am Telefon: Atomkraftwerke seien „nicht versicherbar, nicht wettbewerbsfähig und ein Risiko für die nationale Sicherheit“.
1,5 Prozent des globalen Stromverbrauchs entfallen mittlerweile auf die energiehungrigen Rechenzentren. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) wird dieser Anteil in den nächsten fünf Jahren erheblich zunehmen, jedoch unter dem Prozentsatz bleiben, den Industrie, Elektroautos oder Klimaanlagen verbrauchen.2
Das größte Problem sind die stromfressenden Rechenzentren letztlich auf lokaler Ebene, weil ihre Expansion mit geografischer Konzentration einhergeht. So entfielen 2024 etwa 45 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs für Rechenzentren auf die USA, gefolgt von China (25 Prozent) und Europa (15 Prozent).
Diese Konzentration ist in Virginia besonders sichtbar, wo der deutliche Anstieg des Energiebedarfs vor allem auf die Rechenzentren zurückgeht. „Was wir hier erleben, ist das Resultat eines Wettrennens. Es geht alles viel zu schnell“, sagt Ann Bennett. Zwischen 2022 und 2024 flossen 84 Prozent des Kapitals, das in Virginia investiert wurde, in Rechenzentren.3
Auf nationaler Ebene haben die Investitionen in Rechenzentren und technologische Aktivitäten das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA allein im dritten Quartal von 2025 um 0,5 Prozent gesteigert.4
„Was hier abläuft, erfüllt alle Kriterien einer Blase“, befindet Brent Goldfarb, Mitautor eines Buchs über „Boom und Bust“ der technologischen Innovation.5 „Das wird sich auch nicht ändern, solange die Investoren überzeugt sind, dass diese Technologie ihnen Gewinne bringt.“
Der Boom wird auch von der US-Regierung angeheizt. Der massenhafte Bau von Rechenzentren bringt den unmittelbaren Vorteil, dass er die Konjunktur stützt, die durch das Ende diverser Förderprogramme für Infrastruktursubventionen aus der Biden-Zeit, durch unberechenbare Zölle und hohe Zinsen geschwächt wurde; und dazu noch durch den Personalabbau der Bundesbehörden und den langen Shutdown, die 43-tägige Haushaltssperre im Herbst 2025.
Zudem ist die KI-Förderung auch von militärstrategischer Bedeutung. „Die Tech-Giganten und ihre Rechenzentren unterstützen die Staaten auch militärisch, indem sie mithilfe der KI die enormen Datenmengen speichern und verarbeiten, die in Kriegszonen von Kameras oder Sensoren gesammelt werden, wie es etwa Israel in Gaza macht“, erklärt der Politikwissenschaftler Vili Lehdonvirta, der an der finnischen Aalto-Universität zur digitalen Plattformökonomie forscht. „Und dank Edward Snowden wissen wir, dass die Tech-Unternehmen auch jenseits der militärischen Dimension der US-Regierung Zugriff auf ihre Daten gewähren könnten, womit diese nachrichtendienstlich nutzbar werden.“
Lehdonvirta kommentiert auch die Tatsache, dass die großen US-Digitalkonzerne ständig vor der Konkurrenz aus China warnen: „Damit verschaffen sie sich die finanzielle und regulatorische Unterstützung des Staates, ohne die sie nicht auf dem heutigen Niveau weitermachen können“, so Ledonvirta.

Bill Gates und sein Mini-Reaktor
Tendenziell sind die Rechenzentren, deren Stromkonsum mittlerweile in Gigawatt bemessen wird, für die Energiewirtschaft allerdings mit einigen Unsicherheitsfaktoren verbunden. Das hängt mit der zukünftigen Entwicklung der KI zusammen. Die Labore und Forschungsinstitute erstellen ihre Bedarfsprognosen auf Grundlage des aktuellen Verbrauchs der Rechenzentren.6 So geht etwa das Lawrence Berkeley National Laboratory davon aus, dass die Rechenzentren 2028 zwischen 325 und 580 Terawattstunden (TWh) verbrauchen werden.7 Die Differenz von 255 TWh zwischen beiden Prognosen entspricht dem jährlichen Stromverbrauch Spaniens.
„Energieprognosen für Rechenzentren sind extrem ungenau“, erklärt der Energieberater Michael Leifman, der ausführlich zu diesem Thema publiziert hat.8 „Erstens sind Prognosen per se unsicher. Zweitens werden die Prozessoren weiterentwickelt und kommen in Zukunft möglicherweise mit weniger Energie aus. Auch bei den Kühlsystemen könnte sich der Verbrauch optimieren lassen. Zudem ist unklar, wie ein Rechenzentrum definiert und was mit eingerechnet wird und was nicht. Eine weitere Unbekannte ist die zukünftige Nachfrage.“
Und es gibt noch andere Hürden, die den Boom in Zukunft bremsen könnten: Neue Projekte für Rechenzentren könnten von Bürgerinnen und Bürgern blockiert werden, die sich wie die Mitglieder des Sierra Club Sorgen über die Auswirkungen auf die Umwelt machen. In Virginia haben sich Anwohner zusammengeschlossen, um juristisch gegen die Entwickler des Prince William Digital Gateway vorzugehen. Damit konnten sie den Baubeginn für den geplanten 87-Hektar-Technologiepark mit mehreren Dutzend Rechenzentren vorerst hinausschieben.
Auch Engpässe und Störungen der Lieferketten – für Prozessoren oder seltene Erden – oder simple Transportprobleme könnten die Dynamik bremsen. Schon heute scheitern manche Projekte, weil schlicht die Netzanbindung fehlt. „Das Übertragungsnetz in den USA ist mangelhaft, aber Verbesserungen brauchen ihre Zeit“, meint Michael Leifman.
Im Juli 2024 informierte Dominion, Virginias größter Stromerzeuger sowie Netzbetreiber und Versorger, seine Kunden darüber, dass sie auf Hochleistungsanschlüsse zukünftig ein bis drei Jahre länger warten müssen als bisher, mithin vier bis sieben Jahre. Das ist ein US-weites Problem. Eine Sprecherin der Tech-Branche bestätigte diese Verzögerungen und verwies auf eine „Kombination aus fehlenden Produktions- und Netzkapazitäten“.
Um ihre Chancen auf einen Anschluss zu verbessern, stellen die Entwickler von Rechenzentren für dasselbe Vorhaben mehrere Anträge bei verschiedenen Energieanbietern, womit eine „Phantom“-Nachfrage entstanden ist. Das Ergebnis sind ellenlange Wartelisten und verschleppte Verfahren, was eine „Blasenbildung“ begünstigt und den Stromerzeugern und Netzregulierern die Arbeit erschwert.
„Im Zweifel gehen alle Akteure tendenziell von einer zu hohen Nachfrageschätzung aus“, erläutert Leifman. „Niemand möchte für eine Stromunterversorgung verantwortlich gemacht werden.“
Die zirkulierenden Zahlen übersteigen jede Fantasie. Der für Virginia und den Nordwesten der USA zuständige Netzregulierer PJM Interconnection geht davon aus, dass der Stromverbrauch in den nächsten zehn Jahren um fast 500 TWh steigen wird9 – mehr als der derzeitige deutsche Jahresbedarf. Deshalb will man bei PJM umplanen. Der Netzregulierer führt zwar eine Warteliste mit hunderten regenerativen Kraftwerksprojekten, die der Realisierung harren, entschied aber dennoch, die Stilllegung eines Kohlekraftwerks in Maryland aufzuschieben, „bis die Übertragungsleitungen so nachgerüstet sind, dass Strom aus anderen Quellen geliefert werden kann“.
Zusätzlich beschleunigt PJM den Bau und Ausbau von Gaskraftwerken – mit einem Volumen von 7,8 GW – wie auch von Batteriespeichern (2,3 GW) und Atomkraftwerken (1,4 GW). 90 Prozent dieser Anlagen sollen bis 2030 ans Netz gehen. „Um die Versorgung der Rechenzentren zu sichern, braucht es eine zuverlässige Stromproduktion“, erklärt ein Sprecher von PJM am Telefon. Was das bedeutet, verrät die IEA: Weil die Nachfrage in den USA in den nächsten fünf Jahren besonders rapide steigen werde, sei die „wichtigste zusätzliche Versorgungsquelle“ Erdgas.
Hier aber liegt ein Problem: Da diese CO2-Schleudern, wenn sie einmal gebaut sind, jahrzehntelang in Betrieb bleiben, werden sie zum Hemmschuh für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die aber wären heute die konkurrenzfähigste Art der Stromerzeugung, „wenn man keine Energieform subventionieren würde“.10
Am Ende könnte sich herausstellen, dass die neuen Gaskraftwerke überflüssig sind. „Das spekulative Bauen über den Bedarf hinaus verursacht erhebliche Finanzierungskosten. Jede unnütze Gigawatt-Kapazität verursacht Baukosten von 1 bis 2 Milliarden Dollar“, sagt Leifman. Die Strompreise in den USA, die ohnehin aufgrund der rapide erhöhten Nachfrage seitens der Rechenzentren gestiegen sind, könnten durch die nicht benötigten Infrastrukturen noch weiter in die Höhe klettern. „Bezahlen werden am Ende wir“, meint Ann Bennett, die Aktivistin vom Sierra Club Virginia.
In diesem blinden Energiewettlauf plädieren die Magnaten der Digitalbranche für die Atomkraft. Nach der „coolsten Aufgabe“ gefragt, die er sich vorstellen könne, antwortete Bill Gates: „die Kraft der Atome so zu bändigen, dass wir unsere Welt damit versorgen können“.11 Der Mitbegründer und langjährige CEO von Microsoft lässt von seiner neuen Firma TerraPower einen „kleinen modularen Reaktor“ (Small Modular Reactor, SMR) entwickeln. Ein Prototyp soll in Wyoming gebaut werden; es fehlt nur noch die Genehmigung der Aufsichtsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission).
Atomkraft-Fan ist auch Sam Altman, Mitbegründer und Chef des ChatGPT-Entwicklers OpenAI. Das mit Kapital der Tech-Branche finanzierte Start-up Oklo Inc., das er bis Frühjahr 2025 leitete, will ebenfalls einen SMR entwickeln. Solche Mini-AKWs, die überall in den USA geplant werden, hätten den Vorteil, dass sie die Rechenzentren direkt versorgen könnten und vom Übertragungsnetz unabhängig wären.
Die Technologie wird seit den 1950er Jahren in atomgetriebenen U-Booten und russischen Eisbrechern verwendet und wurde auch schon für andere Zwecke erprobt, etwa als Stromlieferant in schwer zugänglichen oder ländlichen Regionen.12
Allerdings hat die SMR-Entwicklung, an der auch China und Russland arbeiten, mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen. So sind die Mini-AKWs bis heute wirtschaftlich nicht tragfähig, weil der erzeugte Strom zu teuer ist. „Es ist fraglich, ob SMR mit deutlich geringeren Anfangskosten gebaut und mit entsprechend geringeren Stromproduktionskosten betrieben werden können“, heißt es in einem 2018 veröffentlichten Report des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zur Zukunft der Atomkraft.13
„Früher wurde kleiner gebaut, aber inzwischen setzt man überall auf Größe, um Skaleneffekte zu erzielen“, erklärt M. V. Ramana, Nuklearexperte an der kanadischen University of British Columbia. Tendenziell bestätigt wird diese Aussage durch ein gescheitertes Projekt der NuScale Power Corporation: Das von ihr entwickelte Konzept eines Leichtwasserreaktors war bereits von der NRC zugelassen, doch die geplante Umsetzung in Utah wurde 2023 abgeblasen, weil die Kostenexplosion von 5 auf 9 Milliarden US-Dollar die Investoren abschreckte.14
Die Atomenergiebranche verharmlost diesen Fehlschlag als „Vorreitereffekt“ und verspricht sinkende Kosten, wenn einmal ganze Reaktorflotten in Betrieb genommen würden. Doch das sehen die Autoren des unter anderem vom deutschen Umweltministerium finanzierten „World Nuclear Industry Status Report 2025“ anders. Sie warnen, dass „die Produktionsketten vermutlich zu langsam“ und damit „signifikante Einsparungen nicht sehr wahrscheinlich sind, weil sie zum großen Teil von der produzierten Stückzahl abhängen“.15
Solange die Zauberformel für die SMR nicht gefunden ist, setzt die Digitalwirtschaft auf vorhandene Optionen, die kostengünstiger und schneller realisierbar sind. 2024 schloss Amazon einen Direktabnahmevertrag mit dem Betreiber des Atomkraftwerks Susquehanna in Pennsylvania. Eine andere Möglichkeit ist die Reaktivierung stillgelegter Anlagen.
Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei die Meldung, dass das berüchtigte AKW Three Mile Island wieder in Betrieb gehen soll. Das Kraftwerk liegt ebenfalls in Pennsylvania, nur zweieinhalb Autostunden von Washington und nur drei von New York entfernt. Die dicht bevölkerte Region entging 1979 knapp einer Katastrophe, als nur wenige Monate nach Inbetriebnahme des AKWs ein Unfall im Reaktorblock 2 eine partielle Kernschmelze auslöste.
Ungute Erinnerungen an Three Mile Island
Als der Reaktordruckbehälter zu explodieren drohte, brach eine allgemeine Panik aus, der planlose Evakuierungen folgten. Das Trauma von Three Mile Island brachte damals das jähe Ende für die Entwicklung der zivilen Atomenergie, obwohl das Land nach dem Ölpreisschock von 1973 große Hoffnungen auf die Atomkraft gesetzt hatte.
Nun steht im Kraftwerk Three Mile Island auf Wunsch von Microsoft die Reaktivierung des Reaktorblocks 1 bevor, der 1979 unbeschädigt geblieben war. Er war 1985 wieder ans Netz gegangen, 2019 aber wegen mangelnder Rentabilität erneut stillgelegt worden. Im September 2024 schloss Microsoft einen Vertrag ab, der dem Konzern ab 2027 für 20 Jahre Strom aus Three Mile Island sichert. Inspektionen und erste Arbeiten sind bereits im Gange.
In Middletown, der unmittelbar nördlich des Kraftwerks gelegenen Stadt, versetzt diese Entwicklung viele der früheren Aktivisten in Aufregung. „Man hat künstlich ein Gefühl der Dringlichkeit erzeugt, um das so schnell wie möglich durchzubringen“, klagt Eric Epstein, Vertreter der ältesten Anti-Atomkraft-Initiative Three Mile Island Alert.
„Zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls war ich um die 30 und hatte vier Kinder“, erzählt die ehemalige Aktivistin Joyce Corradi, die 1979 die Gruppe Concerned Women and Mothers mitbegründete. Wir treffen Joyce bei Patricia Longenecker, die ebenfalls lange Jahre in der Bewegung aktiv war. Dass sie ihr ganzes Leben dem Kampf gegen die Atomindustrie widmen sollten, war diesen Frauen, die einem religiös-konservativen Milieu entstammen, nicht in die Wiege gelegt worden. „Mir ging es vor allem um die Gesundheit meiner Familie“, sagt Corradi. „Das hat für mich nichts mit dafür oder dagegen, mit demokratisch oder republikanisch zu tun. In meinen Augen geht es um ein Gesundheitsproblem, das fast komplett ignoriert wurde und wird.“
Zu den Ignoranten gehört etwa Joshua Shapiro, der demokratische Gouverneur von Pennsylvania. Er unterstützt die Reaktivierung des Kraftwerks. In den USA verfolgt jeder Bundesstaat seine eigene Energiepolitik, die nicht auf Linie der Regierung in Washington liegen muss. Nach der Katastrophe von Three Mile Island hatten einige Bundesstaaten die Entwicklung neuer nuklearer Kapazitäten durch Moratorien gestoppt, die teils bis heute gelten. Im Bundesstaat New York wurde 1989 unter dem Druck einer Protestbewegung auf das gerade erst gebaute Kraftwerk Shoreham auf Long Island verzichtet.
Corradi fragt sich, ob der prekäre Altreaktor Three Mile Island nur reaktiviert werden soll, um Rechenzentren von Microsoft mit Strom aus Virginia zu versorgen. Die Anwohner müssten bereits mit dem Atommüll leben, der in den USA in Kraftwerksnähe gelagert wird. Und jetzt sollen sie auch wieder Angst vor Leckagen oder einem neuen Unglück haben?
„Den Kampf in Three Mile Island führen vor allem die Frauen. Aber die Entscheidungen treffen die Tech-Bros – profitsüchtige, technologiebegeisterte weiße Männer“, meint Heidi Hutner, Autorin eines Dokumentarfilms über die Frauen von Three Mile Island.16
Anfang der 2010er Jahre – 30 Jahre nach dem Unglück – sollte die Renaissance der zivilen Atomkraft in den USA durch vier neue Reaktoren besiegelt werden, die den Bestand von rund 50 Kraftwerken mit etwa einhundert Reaktoren komplettieren sollten. Dann aber kam es zu Verzögerungen und Kostenüberschreitungen, die das Unternehmen Westinghouse 2017 in den Bankrott trieben. Das betraf auch die beiden Reaktoren, die bereits in South Carolina im Bau waren. Sie wurden im Zuge des sogenannten Nukegate-Skandals zum Milliardengrab. Zwei Reaktoren des Kraftwerks Vogtle in Georgia gingen erst 2023 und 2024 mit siebenjähriger Verspätung ans Netz und waren mit 30 Milliarden US-Dollar mehr als doppelt so teuer wie veranschlagt.
„Neue Kraftwerke sind auf Subventionen und staatliche Garantien angewiesen. Genau darauf zählen die Akteure der Tech-Branche. Das ist der einzige Grund, warum sie den Relaunch der Kernenergie herbeireden“, konstatiert Ralph Nader. Die zweite Trump-Regierung hat genau dies begriffen. Energieminister Chris Wright war vor seiner Ernennung CEO des US-Konzern Liberty Energy, der sich auf die Öl- und Erdgasgewinnung durch Fracking spezialisiert hat – und Mitglied im Vorstand von Sam Altmans Start-up Oklo Inc.
Per Dekret gegen die Erneuerbaren
Wright bewilligte für die Reaktivierung von Three Mile Island die Bürgschaft für ein Darlehen in Höhe von 1 Milliarde Dollar. Das Projekt soll 1,6 Milliarden Dollar kosten. Doch die großzügigste Hilfe für die Atomindustrie ist der Price-Anderson-Act. Dieses Gesetz bestimmt, dass die Atomkraftunternehmen für den Großteil der Kosten, die durch Unfälle entstünden, nicht mehr haften müssen. Dazu heißt es in einem Flyer der Initiative Three Mile Island Alert: „Raten Sie mal, wer zahlt, wenn in Three Mile Island noch einmal ein Unglück geschieht? Wir.“
Am 23. Mai 2025 unterzeichnete Donald Trump mehrere Executive Orders, die „ein neues Nuklearzeitalter einläuten“ sollen, etwa indem die Aufsichtsbehörde NRC ihre Genehmigungsverfahren beschleunigt. „Wir führen die Welt in eine Zukunft, die von US-Kernenergie gespeist wird“, frohlockt Michael Kratsios, Leiter des Büros für Wissenschaft und Technologie im Weißen Haus. Damit sei sichergestellt, „dass wir energiepolitisch unabhängig bleiben und die USA ihre Führungsrolle bei der künstlichen Intelligenz behaupten“.
Vor seinem Job im Weißen Haus fungierte Kratsios als Stabschef bei der Investmentgesellschaft Thiel Capital, die als „Risikokapital-Arm“ des Palantir-Gründers Peter Thiel beschrieben wird.17
Eines von Trumps Dekreten sieht vor, dass bis 2050 insgesamt 300 GW zusätzlicher Atomstrom erzeugt werden; ein weiteres, dass bis 2030 zehn Reaktoren „im Bau sein“ sollen. Was das bedeutet, analysiert Tim Judson, Direktor des Nuclear Information and Resource Service (NIRS): „Durch den Ausbau des eigenen Kraftwerkparks können die USA ihre Position im internationalen Konkurrenzkampf um den Verkauf kommerzieller AKWs verbessern.“
Die Hauptkonkurrenten sind dabei China und Russland. Die Ukraine und Polen haben sich für ihre Atomstromprojekte bereits für Westinghouse-Reaktoren entschieden. Und am 18. November 2025 vereinbarte Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ein „Civil Nuclear Cooperation Agreement“, das Riad den Weg zur zivilen Nutzung der Atomenergie eröffnet, der den Saudis bisher verschlossen war.18
Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt bei den neuen nuklearen Plänen Washingtons die rüstungspolitische Dimension, erläutert der Nuklearexperte Ramana: „Die Weiterentwicklung der zivilen Atomenergienutzung wird auch damit begründet, dass sie zur Bildung eines Pools von Technikern und Ingenieuren beiträgt, die für militärische Nuklearprogramme rekrutiert werden.“
Der große KI-Wettlauf bedeutet also einen Entwicklungsschub für die Atomenergie, der alte Fragen erneut auf die Tagesordnung setzt. Das betrifft etwa die Brennstoffbeschaffung, die Kontrolle der Weiterverbreitung, die Entsorgung der Nuklearabfälle und insgesamt die gesellschaftliche Akzeptanz der Anlagen.
Es könnte durchaus sein, dass die besseren Vororte von Washington, denen schon die Nachbarschaft der Rechenzentren missfällt, gegen Atomreaktoren in ihrer Nähe – und seien es Mini-AKWs – und gegen den anfallenden Atommüll rebellieren. Es bleibt abzuwarten, wer letztlich die Kosten für diesen technophilen Rausch übernimmt und welche alternativen Investitionen dafür auf der Strecke bleiben.
1 „Americas Data Center Update“, Cushman & Wakefield, 2025.
2 „Energy and AI“, IEA, April 2025.
6 Siehe Sébastien Broca, „Stromfresser KI“, LMd, Juli 2025.
9 „PJM Long-Term Load Forecast Report“, 24. Januar 2025.
10 „Levelized Cost of Energy“, Lazard, Juni 2025.
11 Bill Gates, „The future of energy is subatomic“, Gates Notes, 2. Oktober 2025.
12 M. V. Ramana, „The forgotten history of Small Nuclear Reactors“, Spectrum, 27. April 2015.
13 „The Future of Nuclear Energy in a Carbon-Constrained World“, MIT, 2018.
15 „World Nuclear Industry Status Report 2025“, 26. November 2025.
16 „Radioactive: The Women of Three Mile Island“, 2022.
17 Siehe Francesca Bria, „United States of Palantir“, LMd, November 2025.
18 Siehe Eva Thiébaud, „Droht ein nukleares Wettrüsten in Nahost?“, LMd, Oktober 2022.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Eva Thiébaud ist Journalistin.


