11.12.2025

Fluss aus Eisen

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Fluss aus Eisen

Die Waffen, die aus den USA nach Mexiko geschmuggelt werden, schaffen die Gewaltverhältnisse, vor denen die Menschen nach Norden fliehen

von Rachel Nolan

US-Grenzbefestigung bei Eagle Pass, Texas BRYAN OLIN DOZIER picture alliance/nurphoto
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Es gibt in ganz Mexiko nur zwei Waffenläden. In dem riesigen Land, das mit dem Auto zu durchqueren nonstop drei volle Tage dauern würde, kann man tatsächlich nur in diesen beiden Geschäften eine Schusswaffe auf legale Weise erwerben: das eine befindet sich auf dem Areal einer Militärbasis in der Hauptstadt Mexico City, das andere liegt im Nordosten des Landes in der Millionenstadt Monterrey, ebenfalls auf dem Gelände einer Militärbasis.

Allerdings ist es nicht mehr ratsam, quer durch Mexiko zu fahren, selbst ohne Anhalten. Das Land ist von Schusswaffen überschwemmt, viele davon sind in den Händen krimineller Banden. Die Einheimischen wissen, welche Orte und welche Sorte Leute man besser meidet. Aber Migranten und Asylsuchende, die von Süden kommen und die Grenze zu den USA erreichen wollen, durchqueren das Land mehr oder weniger blind. Das ist gewiss nicht die beste Idee, aber sie würden es bestimmt nicht riskieren, wenn sie eine andere Wahl hätten.

Nur wenige Mi­gran­t:in­nen machen sich heute noch allein auf den Weg. Die besten Chancen haben sie, wenn sie Schleuser bezahlen, die illegal beschaffte Schusswaffen besitzen, um sich vor anderen Leuten mit illegal beschafften Waffen zu schützen. Der Standardtarif für einen sicheren Transit durch Mexiko und durch die Wüste in die USA ist abhängig von den Umständen entlang der Route wie auch von der Regierung, die in Washington an der Macht ist.

Derzeit, Ende 2025, liegt der Preis bei 7000 US-Dollar. Er war in die Höhe geschossen, als Donald Trump 2017 erstmals US-Präsident wurde, aber seit Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 ist die Zahl der heimlichen Grenzübertritte von Mexiko in die USA stark zurückgegangen. Mangels Nachfrage haben die Preise deutlich nachgegeben.

Insgesamt ändern sich die Routen und die Geschäftsmodelle derart schnell, dass man die Übersicht über die Preise und die damit vergüteten Leistungen verliert. Aber etwas ist immer gleich geblieben: Mit ihrem Geld kaufen die Kun­d:in­nen drei Versuche – falls sie nicht vorher umgebracht werden, zum Beispiel von einem, den sie nicht bezahlen wollten, damit er sie schützt. Wenn der zweite und dritte Versuch durch Tod entfallen, sind die Schulden aber nicht aus der Welt: Die trauernden Hinterbliebenen müssen dann die Schleuser auszahlen.

Wo kommen all die Waffen her? Die beiden legalen Waffenläden sind streng bewacht und teuer, die Kunden werden von der mexikanischen Armee genau unter die Lupe genommen. So kommen fast alle Schusswaffen direkt aus den USA – gekauft in Filialen von Walmart oder Dick’s Sporting Goods, auf Waffenmessen oder von Privatleuten.

Mexikanische Waffenhändler fahren über die Grenze nach Texas, New Mexico oder Arizona und klappern sämtliche Läden ab, die Schusswaffen verkaufen, oder beauftragen ihre nordamerikanischen Helfer damit. Die Waffen dann über die Grenze nach Mexiko zu schmuggeln, ist kein Problem; Kon­trol­len oder gezielte Überprüfungen finden kaum statt. Das Grenzpersonal ist vor allem damit beschäftigt, nach Norden wandernde Menschen abzufangen, nicht nach Süden wandernde Waffen.

Es funktioniert wie beim Nafta, nur umgekehrt. Das 1994 abgeschlossene Nordamerikanische Freihandelsabkommen sollte die Märkte öffnen und die Grenzen schließen. Güter sollten frei kursieren können, Menschen dagegen nicht. Seit über 30 Jahren herrscht freier Güterverkehr, auch für illegale Waren. Aber auch Menschen kommen ohne Erlaubnis über die Grenze. Und so haben wir heute einen unerlaubten Handel in beide Richtungen: Drogen und Menschen werden nach Norden geschmuggelt, Waffen nach Süden. Angesichts des ständigen Stroms von Schusswaffen in Richtung Süden spricht man von einem iron river, einem „Fluss aus Eisen“.

Einen Menschen mit einer Schusswaffe umzubringen, ist kinderleicht (und tatsächlich tun es auch Kinder). Mit einem Messer oder einer Machete zu töten, ist dagegen wesentlich schwieriger. Mexiko kann zur Kontrolle ein Waffengesetz nach dem anderen beschließen, das würde aber nichts daran ändern, dass es im Norden an ein weitaus mächtigeres Land grenzt, über das es nicht bestimmen kann und in dem es mehr Schusswaffen gibt als irgendwo sonst auf der Welt.

In den USA schürt eine mit üppigen Geldern ausgestattete Lobby einen geradezu hysterisch geführten Kulturkampf um das Second Amendment, das in der Verfassung verankerte Recht auf Waffenbesitz; was bedeutet, dass sich praktisch jede Person jederzeit eine Schusswaffe kaufen kann. Der Iron River ist mithin das Ergebnis einer „Asymmetrie zwischen den Waffengesetzen in den USA und in Mexiko“, wie es die Ethnologin Ieva Jusionyte formuliert.1 Diese Asymmetrie ist nichts Neues: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts versorgten sich die Kämpfer der Mexikanischen Revolution mit geschmuggelten Schusswaffen aus den USA.

Seit 1971 gibt es in Mexiko ein Gesetz, demzufolge allein das Verteidigungsministerium Schusswaffen importieren und verkaufen darf. Das ist der Grund, weshalb sich heute die beiden einzigen legalen Waffengeschäfte des Landes auf militärischem Gelände befinden.

Im März 1994 wurde der damalige Präsidentschaftskandidat Luis Donaldo Colosio bei einer Wahlkampfkundgebung in Tijuana erschossen. Es war die mexikanische Entsprechung zum Attentat auf John F. Kennedy im November 1963, auch in Bezug auf die Verschwörungstheorien, die sich seitdem um das Ereignis ranken. Die Ermittler fanden heraus, dass die Waffe des Attentäters aus dem Bob Chow Gun Shop in San Francisco stammte. Doch wie der legal erworbene Taurus-Revolver Kaliber.38 in die Hände der Killer südlich der Grenze gelangt ist, wurde nie geklärt.

Das trifft auf die meisten Schusswaffen zu, die bei Verbrechen in Mexiko benutzt werden: Nach dem Kauf in den USA verliert sich die dokumentierte Spur irgendwann vor dem tödlichen Schuss. Die unvollständige Dokumentation ist leicht zu erklären: Nach US-Bundesrecht müssen Schusswaffen, die von privat an privat verkauft werden, nicht gemeldet werden. Nach dieser Methode kaufen viele mexikanische Kriminelle oder deren Strohmänner in den USA die Waffen auf Auktionen oder von Privatleuten, die sie dann nach Mexiko schaffen. Bis die Ware die Grenze überquert hat, ist das alles vollständig legal.

Seit Mexikos Präsident Felipe Calderón 2006 den Drogenkrieg ausgerufen hat, ist die Nachfrage nach Schusswaffen in den USA steil angestiegen. Im Ausland wird dieser Krieg häufig fälschlicherweise als Feldzug der Regierung gegen die Drogenkartelle dargestellt, aber die Dinge sind sehr viel komplizierter. Viele der Todesopfer gehen auf das Konto der staatlichen Seite, und viele der Verschwundenen hatten nichts mit dem Drogenhandel zu tun.

Mit anderen Worten: Die mexikanische Regierung benutzt das Etikett Drogenkrieg, um damit die vielen Todesopfer, für die sie selbst verantwortlich ist, zu kaschieren. Tatsächlich sind Politiker ebenso wie hohe Offiziere und Polizisten knietief in den Kokain- und Fentanyl-Handel verwickelt und nicht willens, sich bei ihren kriminellen Aktivitäten gegenseitig in die Karten gucken zu lassen.

Seit 2006 sind in Mexiko mehr als 100 000 Menschen verschwunden. Der Feldzug, der eher ein Krieg um Territorien und Profite ist als ein ernstzunehmender Versuch, die Drogenkartelle auszuheben, hat mehrere zehntausend Todesopfer gefordert.

Was die Waffenstatistik betrifft, so präsentiert die Ethnologin Jusionyte in ihrem Buch einige geschätzte Zahlen. Die niedrigste Schätzung geht davon aus, dass jährlich 200 000 US-amerikanische Schusswaffen über die Grenze nach Mexiko geschmuggelt werden. Eine weitere Zahl: 70 Prozent der Schusswaffen, die in Mexiko von der Polizei als Tatwerkzeuge sichergestellt wurden, waren ursprünglich in den USA gekauft worden.

Die ersten Anzeichen von Waffenschmuggel beobachtete die litauische Ethnologin, als sie vor gut zehn Jahren zwischen den beiden Teilen der Stadt Nogales pendelte – der eine liegt im US-Staat Arizona, der andere im mexikanischen Bundesstaat Sonora. Sie arbeitete bei einem Rettungsdienst und überquerte deswegen regelmäßig die Grenze nach Mexiko. Über ihre damalige Tätigkeit hat sie bereits in ihrem 2018 veröffentlichten Buch „Threshold“ (Schwelle) geschrieben.2 In ihrem neuen Buch schildert sie, wie sie, wenn sie – meist zu Fuß – in die USA zurückkehrte, stundenlang in der Schlange stand und dann bei der Zollkontrolle häufig ihren Rucksack leeren musste.

„Im Gegensatz dazu ging es beim Übergang nach Mexiko fix. Es dauerte höchstens eine Minute“, berichtet Jusio­nyte und schildert dann, was sie jenseits der Grenze sah: „Billboards entlang der nach Süden führenden Straßen verkündeten in Großbuchstaben: ‚WAFFEN UND MUNITION IN MEXIKO ILLEGAL‘. Ein Hinweisschild am Grenzübergang DeConcini, über den ich dauernd zwischen den beiden Nogales hin und her pendelte, enthielt dieselbe Warnung: eine Pistole und Munition, beides durchgestrichen. Lange Zeit habe ich über diese Schilder kaum nachgedacht. Erst nach und nach wurde mir klar, dass die Menschen, denen ich im mexikanischen Nogales begegnete, auf der Flucht vor der Bedrohung waren, die von den in den USA verkauften Schusswaffen ausging.“

Die Ethnologin wollte sich anfangs gar nicht mit dem Thema Schusswaffen befassen. Doch dann trat ihr die teuflische Spirale von Gewalt und Migration dermaßen deutlich vor Augen, dass sie den in den USA kaum beachteten Zusammenhang nicht mehr ignorieren konnte. Schließlich machten die nach Süden geschmuggelten Schusswaffen die Erpressungen und Entführungen überhaupt erst möglich, vor denen die Menschen nach Norden flüchteten.

Der Waffenschmuggel und die Mi­gra­tion werden von derselben Dynamik angetrieben. Wenn auf der einen Seite der Grenze die Löhne höher sind als auf der anderen Seite, werden die von der ärmeren Seite die Grenze überqueren. Und wenn es auf der einen Seite der Grenze legal zu erwerbende billige Schusswaffen gibt, auf der anderen Seite Waffen aber schwer zu beschaffen und teuer sind, dann werden Waffen über die Grenze kommen – insbesondere wenn die Nachfrage explodiert, wie es nach Ausrufung des „Drogenkriegs“ geschehen ist.

Angesichts der permanenten Verschärfung des US-Grenzregimes, die schon unter der Präsidentschaft des Demokraten Joe Biden begann, und unabhängig davon, wie man die von beiden politischen Parteien in den USA lauthals formulierte Forderung, die „Immigrantenflut“ müsse aufgehalten werden, ethisch bewerten mag: Es ist erstaunlich, wie wenig unternommen wird, um die „Waffenflut“ in die Gegenrichtung einzudämmen.

Wenn selbst wohlmeinende Demokraten blöken: „Warum bleiben sie nicht einfach alle in Mexiko“, verraten sie damit nur ihr Unwissen über den Iron River. Denn dass für Migranten, die bis zur Entscheidung über ihr Asylverfahren über die Grenze zurückgeschoben werden, das Ausharren auf der mexikanischen Seite extrem gefährlich ist, liegt an den USA, sprich an der dortigen Nachfrage nach Drogen und dem dortigen Angebot an Waffen.

Wer will schon in einem Land bleiben, wo einem eine Waffe an den Kopf gehalten wird und man weiß, jetzt wird man entführt und die eigene Familie erpresst? Überall in Mexiko werden Migranten in sogenannten sicheren Häusern versteckt gehalten, um ihren Familien Lösegeld abzupressen. Oder wer will in einem Land bleiben, wo man mit der Waffe zu sexueller Ausbeutung und unbezahlter Arbeit gezwungen wird?

Die Frage, wo all die in Mexiko knatternden Gewehre herkommen, wird selten gründlich untersucht. Aber es gibt Ausnahmen. So liefert der britische Journalist Ioan Grillo, der in Mexiko arbeitet, in seinem Buch „Blood Gun Money“3 eine umfassende Darstellung, die – ausgehend von dem in den USA geltenden Waffenrecht – nachzeichnet, wie Schusswaffen zuerst nach Mexiko und von dort weiter nach Zentralamerika und Kolumbien gelangen.

Vieles in diesem Buch ist wenig bekannt beziehungsweise hat man sich so noch nicht klargemacht. Wer weiß schon, dass sich das Waffengeschäft für die Hersteller oft gar nicht rentiert? „Drogen werden konsumiert“, schreibt Grillo. „Man kauft sie und braucht dann immer wieder Nachschub. Waffen halten dagegen ewig, sie sind nicht profitabel.“ Die Firma Colt meldete 2015 Konkurs an, wurde allerdings ein Jahr später gerettet. Während der Coronapandemie erlebten die Waffenläden in den USA einen Boom. Aber wenn die Nachfrage schwächelt, sind die kriminellen Banden immer noch die zuverlässigsten Kunden.

Kein anderer legaler Wirtschaftszweig profitiert derart stark von illegalen Geschäften. Zudem hat die US-Regierung restriktive Regeln eingeführt, die es ihren eigenen Behörden erschweren, die Herkunft von Waffen aufzuspüren, die bei Verbrechen im In- und Ausland zum Einsatz kamen.

Grillo hat sich auch bei der US-Waffenpolizei, dem Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) in Atlanta umgesehen. Dieser bundespolizeilichen Behörde ist es allerdings gesetzlich nicht erlaubt, nachverfolgbare digitale Daten über Waffenverkäufe zu speichern. Aufgrund der hysterischen Angst davor, dass „die Regierung uns unsere Waffen wegnehmen will“, stehen der Behörde lediglich Ausdrucke auf Papier zur Verfügung.

Wenn das ATF nach einem Verbrechen die Seriennummer einer Pistole ermitteln soll, kann es daher schon mal eine Woche dauern, bis die Mitarbeiter die Papierberge durchforstet haben. Oder wenn ein Waffengeschäft eine Liste seiner Verkäufe auf einem USB-Stick übermittelt, ist das ATF verpflichtet, sämtliche Daten auszudrucken und die Papierliste zu archivieren; und den USB-Stick muss es vernichten.

Was in den USA als „Grenzproblem“ bezeichnet wird, stellt sich aus Sicht der Länder im Süden anders dar. Der Handel mit Kokain und Fentanyl zeugt für sie eher von der Unfähigkeit der reicheren Länder, mit ihrer Krise im Gesundheitswesen fertig zu werden. Von Mexiko aus gesehen sind die wichtigsten Aspekte des „Drogenkriegs“ die unstillbare Nachfrage in Nordamerika sowie die Weigerung der USA, auch nur die kleinste Anstrengung zu unternehmen, um sicherzustellen, dass ihre ­Unmengen von Schusswaffen nicht in die Hände krimineller Banden gelangen.

Jusionyte hat lange Gespräche geführt mit Leuten, die in den USA gekaufte Waffen benutzen. Das sind sehr unterschiedliche Menschen: ein Mädchen im Teenageralter, das von den Zetas, einer der bekanntesten mexikanischen Gangs, rekrutiert wurde; ein Baseballprofi, der zum Waffenschmuggler wurde; ein reicher Städter, der Spaß am Schießen hat und deshalb Mitglied in einem Schützenverein geworden ist, wo seine Freunde – vorgeblich zum Selbstschutz – über Whats­app-­Gruppen AR-15-Sturmgewehre kaufen können.

Dabei wird die angebotene Schmuggelware auf Whatsapp unter verschlüsselten Bezeichnungen angeboten: Patronen heißen frijoles (Bohnen) oder chicharros (kleine Makrelen). Schusswaffen werden juguetes (Spielzeug) genannt. Eine neue Pistole ist vegana (vegan), weil sie „noch kein Fleisch gegessen hat“. Entsprechend ist eine gebrauchte Waffe carnivora (fleischfressend). Und wenn sie robado, also gestohlen ist, sagen die Verkäufer, sie hätten sie „von Roberto“ bezogen.

Operation Fast and Furious

Wenn die USA einmal versucht haben, Waffen zu verfolgen oder den Handel zu kontrollieren, ist das auf spektakuläre Weise misslungen. Im Ausland wissen nur wenige davon, aber in Mexiko erinnert man sich noch gut an die Operation „Fast and Furious“ von 2009. Damals beobachteten ATF-Agenten, wie junge Männer in Arizona eine große Anzahl von Pistolen und Kalaschnikow-ähnlichen Sturmgewehren erwarben. Die Käufer wurden aber nicht verhaftet, weil man ermitteln wollte, bei wem die Waffen auf mexikanischer Seite landen würden. So hoffte man, einen größeren Fisch zu fangen.

Sie warteten und warteten. So lange, dass selbst die Waffenverkäufer, die geheime Informanten des ATF waren, frustriert waren, weil die Behörde offenbar so wenig unternahm. Die Ermittler bezeichneten ihre Taktik als „gun-walking“, also Waffen in Umlauf bringen. „Das ist so, als würde man sagen, Gangster schmuggeln Waffen, aber Regierungen bringen sie in Umlauf“, merkt Grillo dazu an.

Die Operation „Fast and Furious“ endete in einem Desaster. Die ATF-Agenten verloren die Spur von 2000 Schusswaffen. Einige kamen bei späteren Verbrechen zum Einsatz, so bei der Ermordung von Jaime Zapata, einem US-amerikanischen Undercover-Ermittler, der am 15. Februar 2011 in San Luis Potosí von den Zetas ermordet wurde. Zwei Monate vorher war ­Brian Terry, ein Grenzpolizist der United ­States Border Patrol (USBP), bei einem Schusswechsel in Arizona an der mexikanischen Grenze getötet worden. Der Fall wurde zum Skandal, als die Spur der Tatwaffe zu einem Strohmann zurückverfolgt wurde, gegen den das ATF ermittelte.

Diese total schiefgelaufene Operation nährte Verschwörungstheorien auf beiden Seiten der Grenze. In den USA hieß es, die Obama-Regierung habe das Chaos beim Verbleib der Waffen absichtlich erzeugt, um strengere Waffenkontrollgesetze zu rechtfertigen. Und in Mexiko glaubten die Leute, die USA würden ihr Land gezielt destabilisieren.

Als die mexikanische Armee im Januar 2016 nach der Verhaftung des Drogenbosses Joaquín Guzmán Loera alias El Chapo dessen Anwesen durchsuchte, fand sie unter anderem ein Maschinengewehr des Kalibers.50, das von einem Waffenschmuggler im Zusammenhang mit der Operation „Fast and Furious“ gekauft worden war.

Im August 2021 reichte die mexikanische Regierung bei einem Gericht in Massachusetts Klage gegen sieben US-Waffenhersteller ein. Die Firmen, darunter Smith & Wesson und Barrett Firearms, wehrten sich mit dem Argument, sie hätten „keinerlei rechtliche Verpflichtung, Mexiko vor bewaffneten Gewalttaten von Verbrechern innerhalb seiner eigenen Grenzen zu schützen“. Da die Herkunft keiner dieser Waffen lückenlos auf Papier dokumentiert sei, sei es schwierig, die „unmittelbare Ursache“ der jeweiligen Gewalttaten festzustellen.

Am 30. September 2022 wies das Gericht die Klage mit folgender Begründung ab: „Zwar hat das Gericht erhebliche Sympathie für das mexikanische Volk und keinerlei Sympathie für diejenigen, die mexikanischen kriminellen Organisationen Waffen verschaffen, jedoch ist es verpflichtet, sich an das Gesetz zu halten.“ So sieht es auch der Supreme Court, der am 5. Juni 2025 die Klage Mexikos als unzulässig abgewiesen hat.

Ieva Jusionyte ist anderer Ansicht: „Das US-amerikanische Recht schützt die Waffenhersteller vor Klagen, solange Menschen Schusswaffen für ihren,vorgesehenen Zweck' verwenden. Doch der ‚vorgesehene Zweck‘ dieser Waffen ist Töten.“

In den USA ist man nur beunruhigt über die Menschen, die nach Norden kommen, aber nicht über die Waffen, die nach Süden gehen. Mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung glaubt, dass ihr Land eine „Invasion“ erlebt. Diese Leute fordern – egal ob sie die Repu­bli­ka­ner oder die Demokraten wählen – strengere Maßnahmen zur Grenzsicherung, also längere Mauern, höhere Wachtürme, mehr Drohnen.

Doch diese Grenzsicherungsmaßnahmen treiben, wie Jusio­nyte schreibt, „die Preise nur weiter in die Höhe, und damit die Profite der kriminellen Banden, die neue Tricks erfinden, um die neuen Maßnahmen zu umgehen“. Diese Banden kaufen auch weiterhin Waffen in den USA, „und so geht es in Endlosschleifen weiter: Schießwerkzeuge und Geld wandern nach Süden, Drogen und Menschen nach Norden.“

Die immer härtere Anti-Einwanderungs-Politik unter der Trump-Administration macht es zwar schwerer, in die USA zu gelangen, aber die Menschen werden weiterhin kommen. Die Verhältnisse, denen sie entfliehen wollen, haben sich nicht geändert. Und die Mauern und die Drohnen und die Wachtürme wirken weniger als Abschreckung denn als zusätzlicher Profit für das andere illegale Geschäft, genannt Menschenschmuggel.

1 Ieva Jusionyte, „Exit Wounds: How America’s Guns Fuel Violence across the Border“. Oakland (University of California Press) 2024.

2 „Threshold – Emergency Responders on the US-Mexico Border“, Oakland (University of California Press) 2018.

3 Ioan Grillo, „Blood Gun Money: How America Arms Gangs and Cartels“, London (Bloomsbury) 2021.

4 Das Urteil ist nachzulesen unter supremecourt.gov. Siehe auch Laura Blasey, „Supreme Court rejects Mexico lawsuit against US gunmakers“, BBC, 5. Juni 2025.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Rachel Nolan ist Assistenzprofessorin für internationale Geschichte an der Boston University.

© London Review of Books; für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.12.2025, von Rachel Nolan