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Vom Wei▀sein sprechen

Vom Weißsein sprechen

von Charlotte Wiedemann

Vor einem knappen Jahrzehnt habe ich erstmals den Begriff „weiß“ benutzt, um eine bestimmte Weltsicht und das damit einhergehende Selbstbild zu benennen. Anders als heute mochte damals in Deutschland kaum jemand das W-Wort verwenden, mit Ausnahme jener Kreise, die sich den Critical Whiteness Studies verschrieben hatten, einer aus den USA eingewanderten Fachrichtung, die ich nicht einmal kannte.

Meine Überlegungen waren in Afrika und Asien entstanden: Europäische Maßstäbe, auch in ihrer politisch-progressiven Version, hatten sich dort als ein eher bescheidenes intellektuelles Besteck erwiesen und keineswegs als Universalwerkzeugkasten der Welterklärung. Sich dieser Welt im Bewusstsein eigener Begrenztheit zu nähern, bezeichnete ich dann als „Versuch, nicht weiß zu schreiben“.

Und mehr als ein Versuch kann das nicht sein. Denn es gibt bei aller Bemühung, die Enge des Eurozentrismus zu überwinden, immer noch etwas, das uns, den Nachkommen einer Kultur von Expansion und Kolonialismus, eingeschrieben ist bis zum hintersten Faltenwurf des Unbewussten. Dass nämlich Weiß keine Farbe ist, sondern die Grundform des Menschseins, neutral und voraussetzungslos. Farbig sind nur andere, sie sind speziell, sie bilden Ethnien, wir sind allgemein und haben Ethnologen.

Anders als vor einem Jahrzehnt ist die Rede vom Weißsein heutzutage nicht mehr derart randständig – aber was ist geschehen? Modisches und Aktivistisches überkreuzen sich zuweilen, sind manchmal auf Anhieb kaum zu unterscheiden. Allenthalben wird jetzt Produktwerbung mit einem Hauch Afro-Anmutung garniert. Feuilletonisten bezeichnen sich selbst larmoyant als alte weiße Männer, um im selben Atemzug jede ernsthafte Befassung mit dem weißen Erbe der Gewalt ins Lächerliche zu ziehen. Und dann fallen inmitten dieser seltsamen zeitgeistigen Parfümierung Schüsse! Ein radikales, terroristisches Weißsein und Nur-weiß-sein-Wollen hat die Bühne betreten, nicht zufällig in einem Moment, da sich global ein Zeitalter ankündigt, das man das nachwestliche oder postweiße nennen könnte.

In dieser unübersichtlichen Landschaft muss nun neu vom Weißsein gesprochen werden, radikal und doch mit Umsicht, alles Modische und Seichte meidend.

Jeder Versuch, das Weiße zu definieren, bleibt notgedrungen widersprüchlich, weil es in erster Linie nicht um Hautfarbe, nicht um skalierbare Pigmentierung geht, sondern um eine kollektive soziale Position, die in Jahrhunderten gewalttätiger Geschichte entstanden ist. Andererseits ist das individuelle Aussehen aber doch wichtig, denn eine offenkundig weiße Person erlebt in der Regel keinen Rassismus.

Solche Widersprüche lassen sich nicht durch Sprachcodes bereinigen, etwa indem weiß klein und kursiv geschrieben wird, während Schwarz mit dem stolzen Versal der Selbstermächtigung auftritt; Anleihen aus einem älteren anglofonen Diskurs. Es hat historische Gründe, dass in der Whiteness-Debatte so viel aus den USA kommt – der lange Schatten der Sklaverei, der helle Himmel von Black Power. Aber möglicherweise sind diese Anleihen ebenso wie der unbedingte Glaube an schriftsprachliche Korrektheit auch ein Hemmnis.

Die USA: Noch vor der formellen Gründung der Vereinigten Staaten wurde auf dem Boden der Sklavenhaltergesellschaft das Weißsein sogar rechtlich fixiert. Im späten 17. Jahrhundert gab es außer schwarzen Versklavten auch Leibeigene europäischer Herkunft, Einwanderer in Schuldknechtschaft. Nach einem gemeinsamen Aufstand von Angehörigen beider Gruppen, der sogenannten Bacon’s rebellion, wollten die Plantagenbesitzer fortan jede Solidarität unterbinden und gewährten den europäischen Leibeigenen zu diesem Zweck einige Vorrechte. Mit dem Virginia Code von 1705 wurde es illegal, einen Weißen nackt auszupeitschen. Später beschied der erste „Naturalization Act“ von 1790, nur eine „freie weiße Person“ könne Staatsbürger werden.

Sich als weiß zu verstehen, hatte historisch stets mit Privilegien und mit Macht zu tun, auch wenn es die Macht eines armen weißen Mannes oder einer armen weißen Frau über einen Schwarzen war. Und jene, die selbst um die Anerkennung ihres Weißseins hatten kämpfen müssen, wie in den USA die Iren, waren später oft besonders aggressiv antischwarz. Im kolonialen spanischen Amerika konnte jemand wiederum unabhängig von der äußeren Erscheinung formell weiß werden, soweit er vermögend genug war, um ein entsprechendes königliches Zertifikat zu erwerben.

Es ist heute weitgehend vergessen, dass Millionen italienischer Auswanderer im 19. und 20. Jahrhundert die Erfahrung machten, als nicht richtig weiß zu gelten. 1922 wurde im US-Bundesstaat Alabama folgendes Urteil gesprochen: Obwohl Ehen zwischen Weißen und Schwarzen verboten waren, erlaubte das Gericht die Trauung eines Afroamerikaners und einer Sizilianerin – denn deren Herkunft beweise keineswegs, dass sie eine Weiße sei.

Gleichwohl sind bis heute in den USA soziale Privilegien eindeutiger und schroffer als in Europa an ein physisches Weißsein gebunden, wie ein Blick auf Sozialstatistiken von Schulen oder Gefängnissen zeigt. In der deutschen Einwanderungsgesellschaft leben hingegen große Minderheiten, die sich trotz Diskriminierungen im Zweifelsfall als weiß betrachten; wie sie sich in puncto Rassismus verorten, hängt von politischen Prägungen ab. Eine Kurdin mag sich als Person of Color verstehen, einen Russlanddeutschen zieht es womöglich in die AfD.

Zu viele Anleihen aus den USA, das hat noch einen weiteren Nachteil. Afroamerikanische Intellektuelle fokussieren ihre Kritik auf race und white supremacy, während afrikanische Intellektuelle und Aktivisten gleichfalls die eigenen Eliten anklagen, in deren weißgewaschenem Bewusstsein die Dekolonisierung noch nicht begonnen habe. Aus dem globalen Süden nimmt der hiesige Diskurs insgesamt eher wenig auf. Eine jüngst erschienene Sammlung von Grundlagentexten mit dem Titel „Schwarzer Feminismus“ umfasst ausschließlich afroamerikanische Autorinnen. Die Kritik am weißen Feminismus muss aber mehr sein als eine nur anders eingefärbte westliche Erzählung.

Das Erstaunlichste im Verhältnis der Weißen zu sich selbst ist wohl, wie unendlich langsam Bewusstseinsprozesse vorankommen. Eine geschichtliche Trägheit, wie sie ähnlich allenfalls beim Thema Gender anzutreffen ist. So wie mancher Mann nach zweitausend Jahren Patriarchat reklamiert, als Individuum damit nichts zu tun zu haben, so glauben viele Weiße immer noch, Jahrhunderte von Rassismus seien ohne Folge für ihr eigenes Leben.

In gewisser Weise gilt das auch für Linke, die in der Vergangenheit Kolonialismus gern als ein bloßes Herrschaftssystem betrachtet haben, mit dem die eigene Person nichts zu tun hat – schließlich ergriffen wir Partei für die antikoloniale Seite. Heute konfrontieren uns Menschen, die sich als Nachfahren von Opfern verstehen, mit dem Umstand, dass auch wir von Privilegien profitieren, die ohne Expan­sio­nis­mus und Kolonialismus gar nicht entstanden wären. Manche halten diese aus dem Geburtsort erwachsene Privilegiertheit sogar für entscheidender als die individuelle politische Haltung. Aus dieser Warte wäre der Antikolonialismus von Jean-Paul Sartre wertlos gewesen.

Obwohl Weißsein eine kollektive Kategorie mit diffusen Konturen ist, fühlen sich nach meinen Erfahrungen Menschen, die auf ihr Weißsein angesprochen werden, meistens als Individuen herausgefordert. Und sie empfinden in diesem Moment eine für sie selbst schwer durchschaubare Melange aus Schuld, Furcht und Überlegenheit. Diese Gefühle zu ergründen, ist ein absolut notwendiger emanzipatorischer Prozess. Geistige Dekolonisierung ist eine langwierige emotionale Angelegenheit.

Die Zukunft ist nicht weiß – dessen sind sich heute weitaus mehr Menschen als früher bewusst. Manche versuchen, einen konstruktiven Umgang zu finden mit allem, was sie verunsichert, mit der Vielfalt im eigenen Land wie mit der Ahnung, dass die Ordnung der Welt künftig nicht mehr von ihresgleichen, von einer weißen Minderheit, bestimmt sein wird. Auf der anderen Seite steht eine rabiate Abwehr all dessen: Die aggressive Verteidigung von Weißsein als Herrschaftsmodell, im eigenen Land wie global. Beide Haltungen werden gegenwärtig von Minderheiten eingenommen, und beide hoffen auf Hegemonie. Eine Zeit der Konfrontation, eine explosive Phase des Übergangs – nur Übergang wohin, zu welcher Seite?

Vor einem Jahrzehnt hätte meine Fantasie nicht ausgereicht, mir vorzustellen, dass White Supremacy eine Endzeitideologie werden könnte, die in Charlottesville ebenso Nahrung findet wie in Halle. Und dass nun wie vor einem Jahrhundert das Feindbild Jude mit dem Wahn der eigenen Auslöschung in Verbindung gebracht wird.

In diesem Sinne geht die Diskussion von Weißsein über alles Postkoloniale heute weit hinaus. Für die Bekämpfung eines neuen weißen Faschismus müssen sich vor allem all jene verantwortlich fühlen, die ebenfalls mit einer historisch privilegierten Hautfarbe aufgewachsen sind. Vereinfacht gesagt: Wir dürfen das Weißsein nicht den White Supremacists überlassen. Und wir müssen vom Weißsein sprechen, damit es irgendwann nicht mehr nötig sein wird.

Charlotte Wiedemann ist Autorin. Von ihr erschien 2012 „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“, Köln (PapyRossa); und zuletzt „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, München (dtv) 2019.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.01.2020, Charlotte Wiedemann