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Die Erfindung des Jakobswegs

von Lola Parra Craviotto

Auf mehr als 80 000 Kilometern führen markierte Jakobswege durch ganz Europa ins spanische Compostela. Erst 2017 hat das Instituto Geográfico Nacional in Zusammenarbeit mit den Freunden des Jakobswegs (Federación Española de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago) ein umfassendes Kartenwerk veröffentlicht.

Im letzten Jahr haben 300 000 Pilgerinnen und Pilger, ein wahrer Rekord in der Geschichte des Jakobswegs, zumindest die letzten hundert Kilometer zu Fuß oder zu Pferd zurückgelegt, um das Grab des Apostels in Galizien zu besuchen und ihre „Compostela“, das Pilgerzertifikat, zu erhalten.1

Fast die Hälfte der Besucher waren Spanier, andere kamen aus Deutschland, Italien, den USA, Frankreich oder Portugal – insgesamt waren 177 Länder vertreten. Unter der Ägide von katholischer Kirche und Europäischer Union hat die Pilgerschaft in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Vor fünfzig Jahren waren die Wege noch einsam und verlassen. 1970 stellte die Kathedrale Santiago de Compostela lediglich 68 Pilgerzeugnisse aus.2

Die wenigen alten Karten, auf die damals zurückgegriffen werden konnten, verzeichneten nur das spanische und französische Wegenetz. Und auch sie entstanden erst in der Neuzeit, ausgehend vom fünften Jakobsbuch oder Codex Calixtinus, einer Sammelhandschrift aus dem 12. Jahrhundert. Das im 19. Jahrhundert in den Archiven der Kathedrale von Compostela wiedergefundene Manuskript wurde 1938 von Jeanne Vielliard unter dem Titel „Guide du pèlerin de Saint-Jacques-de-Compostelle“3 ins Französische übersetzt und diente als Grundlage für die Wiederbelebung des mittelalterlichen Mythos. Auch die seit dem 16. Jahrhundert verschollenen Gebeine des Apostels und Schutzheiligen Spaniens fanden sich passenderweise kurz nach dem Fund der Handschrift wieder.

„Die Echtheit dieser Entdeckung ist ebenso fraglich wie schon die erste Entdeckung der Reliquie im 9. Jahrhundert“, erklärt Ofelia Rey Castelao, Historikerin an der Universität von Santiago de Compostela. „Es war der Versuch, einer Stadt, die in der Krise steckte und kirchlich wie administrativ an Bedeutung verlor, zu neuem Leben zu verhelfen. Deshalb musste man diese Spuren aus der Vergangenheit wiederfinden.“ Mit einem apostolischen Brief erklärte Papst Leo XIII. im November 1884 die Reliquie für echt. Das moderne Pilgerwesen war geboren und wurde seither von vielen Seiten gefördert.

Zum Beispiel von dem Faschisten Franco, der aus Galizien stammte und natürlich die Legende kannte. Mitten im Spanischen Bürgerkrieg erklärte er schon 1937 den Tag des Heiligen Jakobus zum Nationalfeiertag und besuchte das Grab, um dem Apostel für den „erfolgreichen Kriegsverlauf“ zu danken. Noch in der „Gran Enciclopedia del Camino de Santiago“ werden die Opfergaben Francos, der bis zu seinem Tod im Jahr 1975 über Spanien herrschte, als Symbol der Einheit gegen die vielen Feinde des Regimes bezeichnet.4

Bald nach Kriegsende öffnete Franco die Archive der Kathedrale von Compostela und förderte die Forschung zum heiligen Jakobus. „Das Regime sah in der Pilgerbewegung ein Mittel, um Spanien zu öffnen und Christen aus der ganzen Welt anzulocken“, erklärt die Mediävistin Denise Péricard-Méa. Und 1948 erklärte Franco, er wolle den Jakobsweg über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg verlängern, um den Apostel „gegen den kommunistischen Feind in Stellung zu bringen“.

1965 lancierte der Minister für Information und Tourismus, der Gali­zier Manuel Fraga Iribarne, die erste internationale Tourismuskampagne für Compostela. Anlässlich des Heiligen Compostelanischen Jahres – das gefeiert wird, wenn der 25. Juli, der Tag des Heiligen Jakobus, auf einen Sonntag fällt – wurde der Weg ausgebaut und eine Vielzahl von Herbergen für die Pilger renoviert. Zunächst ohne großen Erfolg: Die meisten Reisenden zogen weiterhin die Sonne und die Strände im Süden und Osten Spaniens dem religiösen Tourismus im Nordwesten vor.

Bis 1982 Papst Johannes Paul II. zu Besuch kam und den Jakobsweg ins Licht der Weltöffentlichkeit rückte: „Aus Santiago de Compostela sende ich dir, altes Europa, einen Ruf voller Liebe: Sei du selbst. Erkenne deine Ursprünge. Belebe deine Wurzeln. Kehre zurück zu den ursprünglichen Werten, die deine Geschichte mit Ruhm erfüllt haben, und reiche den anderen Erdteilen die Hand.“

Förderer von Franco bis zur EU

Im selben Jahr richtete die Vereinigung Amigos de los pazos (Freunde der Landgüter) eine Petition an den Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, den Spanier José María de Areilza. Francos ehemaliger Botschafter (in Argentinien, den USA und in Frankreich) und Spaniens erster Außenminister nach dem Tod des Generals war inzwischen vor allem ein überzeugter Proeuropäer. 1987 zertifizierte der Europarat die Wege als ersten „Kulturweg Europas“ und ermöglichte damit Zuschüsse aus verschiedenen EU-Fördertöpfen.

„Unsere Petition betraf nur den französischen Weg, die am meisten begangene Route von den Pyrenäen bis nach Compostela, aber der Europarat erweiterte die Förderung auf alle Routen, um ihre europäische Dimension hervorzuheben“, erinnert sich Juan Manuel López-Chavez Meléndez, Ehrenpräsident der Amigos de los pazos. Der Rat forderte alle beteiligten Länder auf, Wege festzulegen. „Es war eine wunderbare Aufgabe, tausend Jahre alte Pilgerwege wiederzubeleben, die nicht zuletzt auch Zivilisationswege, Arterien des europäischen Zusammenhalts waren“, begeistert sich noch heute der ehemalige Direktor für Kultur und kulturelles und natürliches Erbe im Europarat José María Ballester.

Ende der 1980er Jahre mahnten Geschichtswissenschaftler zur Vorsicht: Der französische Weg (camino ­francés) hätte zwar auf den spanischen Karten einen deutlichen Verlauf, aber der Rest des Wegenetzes sei ungewiss. „Es gibt zwar Spuren von Pilgern und einen Jakobskult in Deutschland und der Schweiz, aber daraus lassen sich keine Wege nach Compostela ableiten“, erklärt etwa Hedwig Röckelein, Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Universität Göttingen.

In den letzten dreißig Jahren wurde das Wegenetz insbesondere innerhalb Deutschlands anhand von Orten rekonstruiert, in denen es Jakobskirchen oder -bruderschaften gab. Doch selbst wenn es eine lokale Verehrung des Apostels gab, kann man daraus nicht unbedingt auch auf ein Pilgerwesen schließen, erklärt Röckelein: „Wege, die ausschließlich den Pilgern vorbehalten waren, existierten ohnehin nie. Sie folgten vielmehr den allgemeinen Handelsrouten, von denen einige heute Autobahnen sind. Deshalb ist die Festlegung kleiner Wege für die Pilger eine pragmatische Wahl ohne jede historische Grundlage.“

Die Kirche interessiert es sowieso nicht, welchen Weg die Pilger nehmen. Der Papst kam 1989 aus Anlass des Weltjugendtags erneut nach Compostela – und mit ihm eine halbe Million Menschen. „Johannes Paul II. verfolgte das Ziel einer neuen Evangelisierung“, sagt Rafael Sánchez Bargiela, Direktor der Sociedad Anónima de Xestión do Plan Xacobeo, die 1991 von der galizischen Regionalregierung für die touristische und kulturelle Förderung der Jakobswege gegründet wurde. Der Plan Xacobeo sollte die Wege in Vorbereitung des Heiligen Compostelanischen Jahres 1993 mithilfe eines internationalen Programms bekanntmachen. Dazu gehörten Ausstellungen, Konzerte und ein grenzübergreifender wissenschaftlicher und kultureller Austausch. Regierungschef der Region Galizien war damals Manuel Fraga Iribarne, der unter Franco Tourismusminister war und 1976 die konservative Alianza Popular gründete (1989 in Partido Popular umbenannt).

Tourismus mit höheren Weihen

„Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Barcelona und der Weltausstellung in Sevilla 1992 wollte auch Galizien, das überwiegend landwirtschaftlich geprägt war, von der ‚spanischen Welle‘ profitieren“, erzählt Sánchez Bargiela. Das Budget für den Plan Xacobeo stieg von 30 Millionen auf 88,5 Millionen Euro5 , und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: 1993 kamen 99 436 Pilger nach Compostela, zehnmal so viele wie im Jahr zuvor.

Die 15 Pilgerherbergen, die die Region im Heiligen Compostelanischen Jahr 1993 eröffnet hat, sind bis heute in Betrieb. In ganz Galizien gibt es inzwischen 70 solcher Herbergen und entlang des Camino Francés zusätzlich mehr als 400 private Unterkünfte – die auch dringend gebraucht werden; 2010, im letzten Heiligen Compostelanischen Jahr, kamen 272 135 Pilger nach Galizien. 1993 wurde der Weg außerdem zum Unesco-Welterbe erklärt, fünf Jahre später folgten auch die Wege in Frankreich. Wegen ihres ungeklärten Verlaufs ließ das Kulturministerium 7 Abschnitte und 71 Bauwerke eintragen, die vom Pilgerwesen entlang der vier im Codex Calixtinus erwähnten Wege zeugen.

Die Pariser Historikerin Adeline Rucquoi gehört dem Internationalen Expertenkomitee für den Jakobsweg an und erklärt: „Der Codex hat eigentlich nur symbolischen Wert, historisch sind nur die Wege von Arles und Tours. Die vier Wege, von denen er spricht, denen die Pilgerströmen gefolgt sein sollen, bezeichnen im Grunde nur die vier Himmelsrichtungen. Überall in Europa gab es Jakobspilger. Das heißt aber nicht, dass es auf dem ganzen Kontinent Wege nach Compostela gab. Und es waren immer auch starke ökonomische Interessen im Spiel.“

Markierte Routen, mit oder ohne historische Wurzeln, ziehen Touristen an und bringen die lokale Wirtschaft in Schwung: „Manche Freundesvereine legen alternative Pilgerwege nach Compostela fest. Mit dem Argument, sie seien nicht historisch, kann man sie nicht daran hindern“, erklärt José Ballester. „Schließlich sind auch die ersten Wege so entstanden: weil die Pilger sie gegangen sind.“

Vom Erfolg der Jakobswege profitieren auch die Kirchengemeinden entlang der Routen. Die katholische Kirche kann sich den Erfolg aber nicht allein auf die Fahnen schreiben: Er verdankt sich ebenso einer touristischen Mode wie der Suche nach Spiritualität.

1 Nach Angaben des Empfangsbüros für Pilger, https://oficinadelperegrino.com.

2 Nach Angaben des Blogs „Camino Milenario“ unter Berufung auf das Empfangsbüro für Pilger, das jedoch Zahlen vor 1985 (690 Pilger) nicht bestätigen will.

3 „Der Jakobsweg: Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert“, Stuttgart (Reclam) 2008.

4 Siehe La Gran Enciplopedia del Camino de Santiago, Bolanda, 2010, verfügbar auf Xacopedia. Die Webseite wird von der Regionalregierung Galiziens finanziert, http://­xacopedia.com.

5 Xosé Hermida, „Galicia destina 4600 milliones al Xacobeo 99“, El País, Madrid, 2. Januar 1999.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Lola Parra Craviotto ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Lola Parra Craviotto