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Danzig, Gdansk und die Vergangenheit

Ein Besuch im neuen Museum des Zweiten Weltkriegs, das der polnischen Regierung nicht passt

von Neal Ascherson

Der Weg zum Museum in Gdansk führt an einem Laden für patriotische Kleidung vorbei. Im Schaufenster stehen zwei blonde, blauäugige Puppen. „Meine Eltern sind zu 100 Prozent polnisch“, steht auf ihren winzigen T-Shirts. Die Fäustchen sind in die Höhe gereckt, wie zum Hitlergruß, merkt ein Journalist aus Warschau etwas unfair an. In dem kleinen, düsteren Laden kann man auch T-Shirts für Erwachsene kaufen, mit aufgedruckter Kotwica, dem Ankersymbol des Warschauer Aufstands von 1944,1 und Schulterklappen mit der Aufschrift „Tod den Feinden meiner Heimat“, in Rot, Braun und Blau. Zur Poczta ist es nicht weit. Der massige Bau in preußischer Ziegelgotik war von 1920 bis 1939, als Danzig ein Freistaat und dem Schutz des ­ Völkerbunds unterstellt war, das polnische Postamt. Am Tag des Kriegsbeginns haben die Deutschen das Gebäude belagert; als sich die polnischen Postler ergaben, wurden sie alle erschossen.

Von hier aus kann man durch die Bäume das neue Museum des Zweiten Weltkriegs sehen. Mitten auf einer gepflasterten Fläche ist ein riesiges scharlachrotes Gebilde aus Glas und Keramik schräg in den Boden versenkt. Die Ausstellungsräume liegen unter der Erde, wo das Tageslicht nicht hinkommt. Das Museum erinnert an zwei Schichten der polnischen Vergangenheit. Die erste ist in den Merkblättern beschrieben: der Zweite Weltkrieg, wie ihn die Menschen erlebt haben. Die zweite Schicht ist weniger naheliegend. Die Idee zu dem Museum entstand in einer anderen besonderen Epoche der na­tio­nalen Geschichte. Und so erinnert es auch an die Zeit nach 1989, als Polen nach dem Fall des Kommunismus ein normales Land zu werden schien.

Normal – das heißt ein Volk mit einem Nationalgefühl, das die Albträume der Vergangenheit hinter sich lässt, das es aushält, die eigene Geschichte für nicht besser oder schlechter zu halten als die anderer Völker. Die Jahre nach 1989 waren gut für viele Polen, aber nicht für alle. Die Wirtschaft galoppierte wie ein ungestümes Pferd voran; das Land trat der EU und anderen internationalen Institutionen bei; die jungen Leute reisten ins Ausland; und die katholische Kirche – der Rettungsanker in 50 Jahren Krieg und Kommunismus – schien an Einfluss zu verlieren.

Es war nicht von Dauer. Das andere, das ländliche und fromme Polen schlug zurück. Die stummen Verlierer der knallharten neoliberalen Transformation, die Opfer des Zusammenbruchs der Staatsbetriebe, bescherten dem Land abermals eine Regierung von selbstmitleidigen „Superpatrioten“. Die Idee für das Museum von Gdansk aber stammt aus hoffnungsvolleren Jahren.

Fast alle Kriegsmuseen sind „national“. Sie präsentieren Erinnerungsstücke aus „unserem“ Krieg. Die Erfahrungen anderer Kriegsparteien kommen allenfalls als Kontext vor. Die Planer des Museums in Gdansk wollten etwas anderes. Sie stellen den Krieg als eine einzige Katastrophe dar, als nuklearen Winter der Menschheit, als globale Finsternis, die auf unterschiedlichste Weisen über Hunderte von Gemeinschaften und Nationen gekommen ist.

Ihr Motiv war kein vager Eine-Welt-Idealismus, es ging ihnen, zumindest teilweise, um innerpolnische und politische Ziele. Das Museum sollte ein „polnisches Fenster zur Welt“ werden, wie ein Verantwortlicher von damals unlängst meinte. Es sollte den Polen helfen, die Verbindungen zwischen ihrem eigenen furchtbaren Leid in diesem Krieg und dem Leiden der anderen zu erkennen. So könnte es die junge Generation von der Obsession ihrer Eltern befreien, dass Polen ein „ewiges Märtyrerschicksal“ beschieden sei.

Nach acht Jahren Planung und Aufbau wurde das Museum letzten März eröffnet. Mittlerweile war die Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) wieder an der Macht. Mit ihrem glühenden katholischen Nationalismus, ihrer Fremdenfeindlichkeit, ihrem Hass auf den Wirtschaftsliberalismus und die freie Gesellschaft ist ihr alles zuwider, wofür das Museum steht: Wie kann es nur wagen, die Leiden Polens zu relativieren? Warum betont es nicht die Bedeutung der Religion, warum zeigt es nicht, dass „wir Polen katholische Patrioten sind“? Warum wird das Aushungern der Juden im Warschauer Ghetto als etwas „Besonderes“ dargestellt, wo doch auch Polen hungern mussten?

Anfang 2017 legte der Kulturminister das Museum mit dem Westerplatte-Museum zusammen. So konnte er den Direktor, Paweł Machcewicz, entlassen und seine eigenen Leute einstellen. Es folgte ein Proteststurm. Man rechnete damit, dass die neue Leitung Exponate entfernen würde, die ein schlechtes Licht auf Polen werfen, oder anstelle des ganzen „kosmopolitischen Zeugs“ Listen von polnischen Priestern präsentieren würde, die von den Kommunisten erschossen wurden. In Gdansk kursierte der Tipp: „Schau dir die Ausstellung an, solange es sie gibt.“

Aber nichts ist passiert – noch nicht. Der neue Direktor Karol Nawrocki sagte schwammig, in der „Welt der Forschung“ müsse Offenheit für andere Meinungen und Kritik herrschen, also sei es „unangebracht zu sagen, dass nichts verändert werden darf“. Getan hat sich bislang fast nichts.

Grzegorz Berendt, Nawrockis Stellvertreter, erklärte mir gegenüber: „Es sind keine größeren Veränderungen geplant, nur Anpassungen.“ Was heißt das? Na ja, meint Berendt, es sollte schon erwähnt werden, dass der Hungerplan der Nazis auf die Vernichtung von Polen ebenso wie Juden zielte. Und die Uniformen der extrem rechten Widerstandsgruppen sollten auch gezeigt werden, nicht nur die anderen. Auch gebe es zu wenig über die Polen, die in den von Nazideutschland annektierten Gebieten umgebracht wurden.

Besonders verstörend finden die Superpatrioten vermutlich, dass der He­rois­mus fehlt. In dem riesigen Ausstellungslabyrinth sieht man die Gesichter vieler verzweifelt tapferer Männer und Frauen. Aber der Schwerpunkt liegt eben nicht auf den Feldzügen, Kriegsgeschehen, Soldaten und Soldatischem – all dies kann man in Nebenräumen auf Bildschirmen anklicken. Dieses Museum handelt vom Krieg als Katastrophe, als Not, Elend, Verlust, nicht von zielgerichtetem Kampf, der mit Sieg oder Niederlage endet. Den 3 Millionen russischen Kriegsgefangenen, die die Nazis systematisch verhungern ließen, ist ein ganzer Raum gewidmet, während wichtigen Schlachten wie Kursk oder Stalingrad weit weniger Platz eingeräumt wird.

Am Beginn des Rundgangs steht man in einer Straße, wie sie vor dem Krieg aussah, mit Lebensmittelgeschäften und Zeitungsläden. Am Ende findet man sich in derselben Straße sechs Jahre später: eine einzige Ruinenlandschaft mit verkohlten Fensterhöhlen und einem sowjetischen Panzer, der auf einem Trümmerhaufen steht. Sieg?

Kriegsmuseen in Ländern, die mehr Glück hatten, erzählen den Besuchern: „Es war schrecklich, es gab tragische Verluste, aber am Ende haben wir gesiegt.“ Hier ist es anders. Polen war auf der Seite der Sieger, aber es hat den Krieg verloren. Im Museum von Gdansk gibt es kein glückliches Ende – nur die Auslieferung Polens an Stalin, den Beginn des Kalten Kriegs, eine Mauer mitten durch den abschließenden Raum. Ein Film zeigt die schrecklichen Ereignisse, die auf den Frieden folgten: Ungarn, Vietnam, die Ermordung der Kennedys, die antisemitische Säuberung in Polen von 1968. Die Warschauer Superpatrioten hassen diesen Film ganz besonders, und nach allem, was man hört, soll er durch einen ersetzt werden, der ausschließlich polnische Ereignisse präsentiert.

Schattenreich voll Stolz und Opfertum

Aber noch ist der Blick universell. Und doch wird der Krieg mit polnischen Augen betrachtet. Schließlich begann er nur wenige hundert Meter entfernt, am Morgen des 1. September, als die Geschütze des deutschen Schlachtschiffs „Schleswig-Holstein“ das Feuer eröffneten.

Selbstverständlich erhalten das Massaker von Katyn und der Warschauer Aufstand von 1944 mehr Raum als der Kampf der USA im Pazifik oder die Landung in der Normandie. Aber wer das Museum verlässt, begreift, dass Katyn und Warschau auf Dresden und Hiroshima vorbereitet haben.

Den Kritikern ist die Ausstellung natürlich nicht patriotisch genug. Zum Beispiel wird weder verheimlicht noch entschuldigt, was Anfang Oktober 1938 geschah. Damals hat Polen wie eine Hyäne der nach dem Münchner Abkommen wehrlosen Tschechoslowakei das Teschener Land entrissen.2 Es wird geschildert, wie manche Polen geflüchtete Juden an die Nazis verkauft haben. Man sieht schwarz gewordene Schlüssel der Juden von Jedwabne, umgebracht von ihren polnischen Nachbarn, die ihre Häuser plünderten. Und die jungen, nach 1989 geborenen Besucher erfahren, dass nicht nur makellose Katholiken, sondern auch polnische ­Kommunisten für ihr Land gestorben sind.

Anders als der Krieg selbst sind die Zeiten des Kriegs von Schweigen geprägt und nicht von Gebrüll, von zähem Aushalten und nicht von Herumrennen, von Resignation und nicht von Wut. Es gibt Dinge, von denen keiner spricht, und Fragen, die niemand stellt. Absurde Gestalten bestimmen, was man nicht essen und wo man nicht hingehen kann. All das lässt sich in einem Museen kaum darstellen. Aber es kann Lügen aufzeigen: Fake News, manipulierte Filme, das Siegesgeschwätz von Politikern. Nicht so gut gelingt ihm, die Täuschungen nach Kriegsende zu dokumentieren, die rasch kons­tru­ierten falschen Erinnerungen an den Konflikt.

Gdansk ist ein guter Ort, sich zu fragen, an was man sich tatsächlich erinnert, im Gegensatz zu dem, was einem beigebracht wurde. Bis 1939 war Danzig eine wunderbare Hanse- und Hafenstadt mit überwiegend deutscher Bevölkerung und polnischen und jüdischen Minderheiten. Am Ende flog die britische Luftwaffe ihre verheerenden Angriffe. Danach kam die Rote Armee, die Danzig erobert, geplündert und die Altstadt niedergebrannt hat. Als die Welle der Vergewaltigungen und Morde vorbei war, wurden die überlebenden Deutschen vertrieben.

Von der alten Innenstadt blieb nicht viel stehen, nur Reste von Ziegelgemäuer und Türme ohne Dach. Doch die polnischen Neuankömmlinge beschlossen, Gdansk neu zu erschaffen, als exakte Replik des alten Danzig. Bei meinen ersten Polenreisen war das Projekt noch in Arbeit: Renaissance-Fassaden und dahinter nichts als Luft. Jetzt aber verstand ich, dass das wunderschöne, prachtvolle Gdansk heute vollendet ist. Die neuen Ziegelmauern und Stukkaturen setzen sogar schon Patina an. Das historische Gdansk sieht inzwischen wirklich gealtert aus.

Die Polen nutzen die Zeit als elastische Binde: Lücken und Wunden werden so geschlossen. In Gdansk gibt es ein hoch aufragendes Denkmal mit drei Kreuzen für die streikenden Werftarbeiter, die 1970 von der Miliz ermordet wurden. Es steht seit 1980. 1982 sagte mir ein Freund: „Es war schon immer da, irgendwie.“ In Warschau sagt der Führer im Königsschloss: „Wenn man aus diesem Fenster schaut, sieht man das einzige Renaissance-Portal, das den Umbau zum Barockstil überlebt hat.“ Das Schloss haben die Nazis mit Dynamit pulverisiert; 30 Jahre lang war hier nur eine leere Fläche. Aber „irgendwie war es immer da“, nur für eine Weile unsichtbar.

Die polnische Regierung betreibt Erinnerungspolitik, indem sie falsche Erinnerungen fabriziert. Sie will das Bild, das die meisten Leute von der Vergangenheit haben, durch eine Nachbildung ersetzen, noch dazu eine schlechte: Die friedliche Abschaffung des Kommunismus von 1989 etwa hat gar nicht stattgefunden. Sie war Fake News, eine Scharade, um sicherzustellen, dass die rote Elite und ihre russischen Zahlmeister unter neuen Namen an der Macht blieben. Polen wartet also noch auf seine wahre Befreiung.

Und der Flugzeugabsturz von Smolensk vom 10. April 2010, bei dem Präsident Lech Kaczyński und 95 weitere Vertreter der polnischen Elite ums Leben kamen: ein Mordanschlag durch russische Agenten, mit einem monatlichen Gedenktag. Die Toten werden exhumiert, weil man Explosionsspuren finden will, obwohl die ursprünglichen Untersuchungen des Unglücks eindeutig gezeigt haben, dass es sich um einen Pilotenfehler handelte, einen leichtsinnigen Landeanflug im dichten Nebel. Heute wird der damalige Ministerpräsident Donald Tusk, inzwischen Präsident des Europäischen Rats, des Verrats beschuldigt, weil er das Komplott nicht mit der nötigen Energie untersucht habe. Womöglich, wird gemunkelt, wusste er von Anfang an, was in Smolensk passieren würde.

Das alles ist so irre, dass die meisten anderen Europäer die Männer in den weißen Kitteln rufen würden, mit bitte extragroßen Spritzen. Aber in Polen ist das nicht so einfach. Schließlich haben die Polen einen Verfolgungswahn entwickelt, weil sie wirklich verfolgt wurden, und für Verschwörungstheorien waren sie empfänglich, weil sie tatsächlich Opfer von Verschwörungen wurden.

Der alte polnische Messianismus predigte, Polen sei eine kollektive Reinkarnation von Jesus Christus. Haben nicht die anderen Länder Polen so oft verhöhnt und zu Füßen der gekreuzigten Nation um deren Kleider gewürfelt? Mit ihrer Erinnerungspolitik will die PiS Polen in jenes Schattenreich zurückzerren, in dem die Geschichte ein ewiger Zyklus von Stolz und Opfertum ist.

Die Puppen in dem Schaufenster behaupten, sie seien 100 Prozent polnisch. So gesehen wäre die Frau, von der ein Film im Museum handelt, zu 150 Prozent polnisch. Sie wurde als ganz kleines „nordisch aussehendes“ Mädchen von den Nazis, die ihr Dorf zerstörten, entführt und ins Reich geschickt. Dort brachte man sie bei einer liebevollen Familie unter, die sie für ein deutsches Waisenkind hielt. Doch 1946 spürte ein überlebender Verwandter sie auf. Obwohl sie nur Deutsch sprach, nahm man sie von ihrer Pflegemutter weg und setzte sie in einen Zug mit befreiten Kriegsgefangenen, die nach Hause fuhren.

Warum haben sie alle geweint und gejubelt, als der Zug die Grenze überquerte? Was bedeutete das Wort „­Polska“, das sie alle ausriefen? Es folgten eine verstörende Familien­feier, eine fremde Sprache, eine neue Geschichte, von der es hieß, es sei ihre alte Geschichte. Sie schaffte es dennoch, in diese Nation hineinzuwachsen. „Irgendwie“, sagt sie heute und spricht wie eine weise alte polnische Dame, die einen nicht zu entfernenden Schmerzenssplitter in sich trägt. Mir kam sie authentischer vor als alle Puppen und Demagogen, die sich selbst als „wahre Polen“ bezeichnen.

1 Die Kotwica kombiniert die Buchstaben P und W zu einem Ankersymbol, wobei die beiden Buchstaben für Polska Walcząca (kämpfendes Polen) stehen.

2 Das ehemals habsburgische Teschener Land wurde nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Polen und der Tschechoslowakei aufgeteilt und nach dem Münchner Abkommen 1938 von Polen vollständig besetzt. Nach 1945 wurde die Teilung wiederhergestellt.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Neal Ascherson ist Journalist und Autor.

© London Review of Books, für die deutsche Übersetzung Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.12.2017, Neal Ascherson