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Leben in der Risikozone

Überflutung, Erosion, Absinken: Unsere Küsten stehen unter Druck. Menschen, die dort leben, sind gefährdet – und es werden immer mehr

Die Weltbevölkerung wird laut UN-Prognose bis zum Jahr 2050 insgesamt auf fast zehn Milliarden ansteigen. Gemeinsam mit dem Trend zur Urbanisierung wird dies ein besonders schnelles Wachstum der globalen Megacitys erzeugen – 2050 werden dort 22 Prozent aller Menschen leben. Und dort sind sie besonders gefährdet. Heute schon liegen über 62 Prozent der Städte mit mehr als acht Millionen Einwohnern an der Küste.

Beispiel Bangkok: Die thailändische Hauptstadt ist rasant auf circa zehn Millionen Einwohner gewachsen. Die größtenteils armen Einwohner des von zahlreichen Kanälen und Flussläufen durchzogenen „Venedig des Ostens“ am Flussdelta des Chao Phraya leben in ständiger Angst vor den „Drei Schwestern“ – so nennen sie Flusshochwasser, Starkregen und Sturmfluten, die durch den Klimawandel immer gefährlicher werden.

Sie fürchten sie nicht ohne Grund – im Jahr 2011 kamen die „Drei Schwestern“ gemeinsam über die Stadt. Durch einen ungewöhnlich langen und starken Monsun trat der Fluss über die Ufer, gleichzeitig verhinderte eine Springflut vom Meer das Abfließen des Wassers. 657 Menschen kamen ums Leben, die Schäden waren enorm und bis in unsere westlichen Arbeitszimmer zu spüren: Der Preis für Computer-Festplatten verdoppelte sich, da annähernd 50 Prozent aller Festplatten in der Re­gion Bangkok hergestellt werden.

Die in Flussdeltas gelegenen Megacitys wie Bangkok, New York, Shanghai, Tokio oder Jakarta gelten als „Hotspots der Verwundbarkeit“, für uns Menschen sind sie die Hochrisikozonen der Meereskrise. Sie sind von den sogenannten Jahrhundertereignissen, also außergewöhnlich hohen und heftigen Sturmfluten, besonders bedroht.

In Flussdeltas kommen die größten Bedrohungen für Städte in fataler Weise zusammen.

Neben den „Drei Schwestern“ ist das vor allem das beschleunigte Absinken des Landes, auf dem diese Städte stehen – die sogenannte Subsidenz. Bangkok, Shanghai und New Orleans sind im 20. Jahrhundert um bis zu drei Meter abgesunken, Tokio und Jakarta sogar um vier Meter. Teile dieser Städte liegen bereits deutlich unter dem Meeresspiegel.

Das Absinken ist in Deltagebieten ein natürlicher Prozess – die Gründe für die extreme Beschleunigung sind wieder hausgemacht: Grundwasserentnahme und Verdichtung des Bodens durch die Last eines ungehemmten Baubooms bewirken, dass die Megacitys zum Teil bis zu zwanzigmal schneller absinken, als der Meeresspiegel steigt – das waren im 20. Jahrhundert im Mittel circa 20 Zentimeter.

Ein weiterer Grund des Absinkens sind die Staudämme, die in den letzten Jahrzehnten an den großen Flüssen, die die Deltas speisen, entstanden sind. Sie halten Sand und Sediment, die über Jahrtausende in die Meere gewaschen wurden und die Deltas wachsen ließen, zurück – oft kommen nur noch 50 Prozent der ursprünglichen Mengen an. Dadurch und durch weitere Flussregulierungsmaßnahmen haben die Deltas der natürlichen Sandabtragung durch das Meer nichts mehr entgegenzusetzen und verschwinden langsam.

Schon fragen Wissenschaftler und Stadtplaner sich, ob diese Städte auf Dauer zu halten sind oder irgendwann aufgegeben werden müssen – und das zur Zeit ihres rasanten Wachstums. Eine enorme Herausforderung schon für Hochrisikostädte wie Tokio, New Or­leans oder New York, das im Jahr 2012 von dem Hurrikan „Sandy“ getroffen wurde. Sie investieren Milliarden in Hightech-Schutzsysteme und bauen sich zu Festungen gegen die Bedrohung vom Meer aus.

Doch in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern fehlt es an finanziellen Mitteln oder an Bewusstsein, rechtzeitig Gegenmaßnahmen gegen die manifeste Bedrohung zu ergreifen. Und die Frage, ob nur jene überleben werden, die sich Schutzsysteme leisten können, stellt sich nicht nur auf globaler Ebene. Als 2011 die nahende Flut Bangkok bedrohte, wurde eilig ein fast 77 Kilometer langer Schutzwall aus Sandsäcken gezogen – und so die Metropolregion in Gebiete vor und hinter dem Deich gespalten, in geschützte und wehrlose.

Als die Flut kam, versuchten die ausgesperrten Menschen den Deich zu durchstechen, um das Wasser ablaufen zu lassen. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die die Konflikte der Zukunft erahnen lassen, denn nur zu oft schützen die Wände, Pumpen und Deiche vor allem die besseren Gegenden. Schon aus diesen sozialen Gründen kann der Bau von Flutwänden, die Städte und Regionen durchziehen, nicht die einzige Lösung sein.

Eine andere große Bedrohung nicht nur für die Megacitys, sondern für alle Menschen und Siedlungen in gefährdeten Küstenregionen sind Tsunamis. Die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis ist gering, die Auswirkungen sind jedoch verheerend, wenn man sich an die katastrophalen Ereignisse erinnert, die im Jahr 2004 die Küsten entlang des Indischen Ozean und im Jahr 2011 die Ostküste Japans getroffen haben.

Jede gefährdete Metropole, jeder Staat und die Weltgemeinschaft sind gefordert, einen offenen Abwä­gungs­pro­zess zu führen: Was wollen wir schützen? Was können wir schützen? Was ist nachhaltig? Was ist gerecht? Die Lage an den Küsten ändert sich stetig – darum müssen auch die Planungen immer wieder revidiert und angepasst werden, es müssen die Bedürfnisse und Erfahrungen der Bevölkerung erschlossen und neue Schutzmöglichkeiten erforscht werden, die mit der Natur im Einklang stehen. Und es kann manchmal auch bedeuten, dass Land dem Meer zurückgegeben werden muss, um anderes zu bewahren.

Vorabdruck aus dem „Meeresatlas“, der im Mai 2017 erscheint, herausgegeben in Kooperation von Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Heinrich-Böll-Stiftung, Kieler Exzellenzcluster Ozean der Zukunft, Le Monde diplomatique.

© Creative Commons-Lizenz CC BY 4.0

Quelle: Alice Newton, Tim J. B. Carruthers und John Icely, „The coastal syndromes and hotspots on the coast“,

in: Estua­rine, Coastal and Shelf Science, Nr. 96, 2012, S. 39–47.

Le Monde diplomatique vom 06.04.2017,