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Wie frei ist die Freie Software?

von Sébastien Broca

Panik im Netz: Im April 2014 haben Informatiker einen schwerwiegenden Fehler in OpenSSL entdeckt, einem der meist verwendeten Verschlüsselungsprogramme der Welt. Diese Open-Source-Software setzt die Sicherheitsprotokolle in Gang, die sich hinter dem kleinen Vorhängeschloss in der Adressleiste des Browsers verbergen, und soll die Vertraulichkeit des Datenverkehrs zwischen Websites und ihren Nutzern gewährleisten, etwa bei Onlinezahlungen. Soziale Netzwerke, Dienstleister und Verkaufsplattformen verwenden sie, um das Abfangen von Informationen durch Dritte zu verhindern. Das Besondere an OpenSSL: Es ist Freie Software.

Der Programmfehler namens „Heartbleed“ – weil er die Informationen „ausblutet“ – hat neben dem Sicherheitsaspekt eine weitere Frage aufgeworfen: Wie kommt es, dass ein paar Entwickler auf eigene Initiative ein Programm entworfen und am Laufen gehalten haben, das für Abertausende von Firmen und Website-Betreibern existenziell ist?1 Dass die Schwachstelle zwei Jahre unbemerkt blieb, liegt wohl daran, dass nur so wenige Leute an dem Projekt beteiligt waren.

Die katastrophale Sicherheitslücke, die es Angreifern ermöglicht, die privaten Schlüssel von Nutzern zu stehlen, ist Ergebnis des Ungleichgewichts zwischen großen Software-Unternehmen und der Sphäre der freien Entwickler, denen es mehr um die Lust am Programmieren geht als um Geld. Bis Ende der 1970er Jahre waren Computerprogramme kommerziell uninteressant. Da sie oft aus der Zusammenarbeit von Hardware-Herstellern und Anwendern entstanden, kamen sie leicht in Umlauf. Das änderte sich Anfang der 1980er Jahre mit der vermehrten Nutzung von PCs und dem Entstehen einer eigenen Software-Industrie. Damals verließen viele Software-Entwickler die Universitäten, um in den neuen Unternehmen zu arbeiten. Sie unterzeichneten Geheimhaltungsklauseln und nahmen in Kauf, dass sie von nun an Software für Firmen – zunächst vor allem für Microsoft – entwickelten, deren Nutzung an Kauf und Lizenzen gebunden war.

Um diese Entwicklung aufzuhalten, rief Richard Stallman, damals Informatiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT), 1984 die Bewegung für Freie Software ins Leben. Als Freie Software bezeichnete er Programme, deren Quellcode – Anweisungen, die die Ausführung eines Programms steuern – frei verfügbar ist, die man verwenden, kopieren, verändern und wieder in Umlauf bringen kann. Stallman wollte so mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Entwickler sollten weiterhin zusammenarbeiten, Informationsflüsse sollten erhalten bleiben und die Nutzer ihre Tools selbst beherrschen können.

Von Anfang an hatte die Bewegung für Freie Software zwei wesentliche Stoßrichtungen: Zum einen produzierte sie Programme, um proprietäre Software zu ersetzen, zum anderen setzte sie sich für Nutzerfreiheit und den offenen Zugang zum Wissen ein. Ende der 1990er Jahre war Freie Software keine Spielerei von ein paar langhaarigen Hackern mehr. GNU/Linux hatte sich zu einem robusten, von Profis geschätzten Betriebssystem gemausert. Mit der Ausbreitung des Internets interessierte sich nun auch die breitere Öffentlichkeit für Stallmans Themen. Mittlerweile arbeiten zahllose soziale Netzwerke, Firmen, Behörden und natürlich auch Privatpersonen auf der ganzen Welt mit freien Programmen, von Linux über Apache bis OpenOffice und Thunderbird.

Französische Theoretiker wie der Migrationsforscher Yann Moulier-Boutang, der 2007 verstorbene Sozialphilosoph André Gorz oder der Wirtschaftswissenschaftler Jérôme Gleizes halten Freie Software für das geeignete Mittel, um die kritische Linke von ihrer Skepsis gegenüber Computern und IT-Technologie abzubringen, die vielen als Instrumente der neoliberalen Globalisierung gelten.

Symbol der Dissidenz

Die von Stallman initiierte Bewegung entwickelte sich zum Symbol der Dissidenz innerhalb der digitalen Welt. André Gorz beschrieb sie als „praktische Negation kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse“2 – eine sogar wesentliche Negation, da sie im Schlüsselsektor der neuen „Ökonomie des Immateriellen“ nistet. Bei der Freien Software, die als eine Technologie mit emanzipatorischem Potenzial und als Alternative zur kapitalistischen Form der „immateriellen“ Produktion gilt, stehen weniger die technischen als vielmehr gesellschaftliche Ziele im Vordergrund. Das unterscheidet sie von ihrem Zwilling, der Open-Source-Bewegung, die zwar auch für die Offenlegung des digitalen Codes eintritt, aber aus anderen Gründen: Ihr geht es darum, immer effizientere Software zu entwickeln und innovative Geschäftsmodelle zu kreieren.

Stallman hingegen glaubt, dass sich durch die „Befreiung“ der Technologien das Feld der individuellen und kollektiven Freiheiten ausweiten lässt. „Die Freie Software ist Stallman völlig egal, ihn interessiert die Freiheit des Software-Nutzers“, betont der Entwickler Benjamin Mako-Hill.3 Mit Freier Software sollen auch diejenigen befreit werden, die sie anwenden. Eigentlich müsste Freie Software immun sein gegen schädliche Programme, die beispielsweise versuchen, private Nutzerdaten zu manipulieren. Wenn der Zugang zu den Quellcodes für alle offen ist, lassen sich solche Funktionen leicht ausmerzen, vorausgesetzt allerdings, wie der Fall „Heartbleed“ gezeigt hat, der Code wird auch regelmäßig überprüft.

Um zu verhindern, dass die Programme zur Blackbox werden, haben sich Anhänger der Freien Software ein höheres Ziel gesetzt: Sie wollen die demokratische Wiederaneignung der Datenverarbeitung, eine Idee, die auch André Gorz gefiel. Im Gegensatz zu den „verriegelten Technologien“, die „den Nutzer versklaven, seine Operationen vorprogrammieren und Produkte- oder Dienstleistungsangebote monopolisieren“, hielt er die Freie Software für eine „offene Technologie“.4 Diese könne helfen, die Konsumgesellschaft zu überwinden, in der die Menschen Technologien nutzen, ohne sie zu begreifen oder zu beherrschen.

Die Freie Software war gedacht als Vehikel für ein großes emanzipatorisches Projekt. Das Dumme ist nur, dass heute die ganze Welt mit im Boot sitzt. Die Netzriesen nutzen die Freie Software, um ihre Dienste überall anzubieten und ihre gigantische technische Infrastruktur am Laufen zu halten – an Freiheit springt dabei aber nichts heraus. Das liegt nicht daran, dass Linux die Angebote von Google und Co für die Nutzer im Internet verständlicher macht oder ihre persönlichen Daten vor dem Zugriff der Geheimdienste schützt. Mit dem rasanten Wachstum der sozialen Netzwerke und der Onlinedienste (E-Mail, Datenspeicherung und so weiter) sind zahlreiche Aufgaben zentralisiert und dem Zugriff der Nutzer entzogen worden – und damit hat die Freie Software ihre Fähigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung im Netz zu garantieren, mehr und mehr eingebüßt.

Das Problem haben natürlich auch die Anhänger der Freien Software erkannt. Inzwischen haben einige Aktivisten die Kampfzone verlagert und versuchen zum Beispiel, ganz ohne Google auszukommen.5 Andere bemühen sich, Alternativen zu den großen kommerziellen Betreibern sozialer Netzwerke zu entwickeln – bislang mit zweifelhaftem Erfolg, wenn man Diaspora oder Identi.ca als Beispiele heranziehen möchte. Stallman selbst befürwortet eine sehr einfache Lösung: Er plädiert dafür, die Dienste der Internetgiganten konsequent zu boykottieren.

Einer der wichtigsten Erfolge der Freien Software ist jedoch rechtlicher Natur. Dank der General Public Licence (GPL) aus dem Jahr 1989 haben Entwickler ein verlässliches Instrument, Computerprogramme privaten Besitzansprüchen zu entziehen. Diese Lizenz garantiert den Endnutzern das Recht, Softwareprogramme auszuführen, zu vervielfältigen, zu verändern und zu verbreiten.

Vorteile für die IT-Industrie

Allerdings gehen sie dafür auch die Verpflichtung ein, diese Freiheiten in allen sogenannten abgeleiteten Versionen der jeweiligen Software aufrechtzuerhalten. So darf ein Softwareentwickler nicht den „freien“ Code verwenden, ein paar kleinere Veränderungen daran vornehmen und das Ganze unter proprietärer Lizenz vermarkten. Die GPL hat darüber hinaus einige andere rechtliche Konstruktionen inspiriert wie zum Beispiel die Creative-Commons-Lizenz, mit der Autoren oder Künstler für ihre Werke einige im Copyright ausgeschlossene Rechte freistellen können.

Dem Wirtschaftswissenschaftler Moulier-Boutang zufolge können offene Datenquellen ein optimaler Antrieb für Innovationen sein; das gemeinschaftliche Arbeiten von Entwicklern Freier Software hält er für den Anfang vom Ende der Managementhierarchien.6 Auch André Gorz deutete den Kampf zwischen Freier und proprietärer Software als Ausdruck des viel allgemeineren Konflikts zwischen einer entstehenden postkapitalistischen Ökonomie und den Industriekonzernen, die sich an die alten Instrumente des geistigen Eigentums klammern.

Tatsächlich hat sich der Wissenskapitalismus mit diesem alternativen, ihn scheinbar bedrohenden System arrangiert. Nach und nach haben die Technologieunternehmen begriffen, dass ein Verzicht auf die private Aneignung bestimmter Datenquellen auch Vorteile mit sich bringt, zum Beispiel geringere Kosten. Immerhin profitieren die Firmen mit OpenSSL von einer Software, für deren Entwicklung sie nicht bezahlt haben. Da der Code des Linux-Kernsystems offenliegt, können sie einen Teil ihrer Investitionen für Forschung und Entwicklung auf die Gemeinschaft abwälzen. Die Feinabstimmung der Software erledigen zumeist Angestellte von Google, Oracle, Intel und Co, deren eigene Software-Ingenieure die Codes nach Bedarf abwandeln, wobei die Firmen immer auch von der Arbeit der anderen profitieren.

So ist es also zu einem Gebot der ökonomischen Effizienz geworden, auf private Eigentumsrechte zu verzichten. Ihr ursprüngliches Projekt erkennen die Aktivisten der Freien Software darin zwar kaum noch wieder, aber das stört sie nicht, solange der Code offenliegt. Die postkapitalistische Umwälzung, die André Gorz kommen sah, ist in weite Ferne gerückt. Wer heute als Entwickler an einem großen gemeinschaftlichen Projekt wie Linux arbeitet, hat vielleicht ein paar zusätzliche Freiheiten, aber er bleibt in aller Regel Lohnempfänger.

Auf der anderen Seite schreiben, wie im Fall OpenSSL, viele freiwillige Entwickler an Programmen mit, schaffen ökonomische Werte, ohne dafür bezahlt zu werden. Immerhin bleiben die Arbeitsergebnisse der Entwickler, solang sie durch eine Lizenz vom Typ der GPL geschützt sind, für jedermann frei zugänglich, während die Privatisierung des geistigen Eigentums immer größere Bereiche des Wissens, der Kultur, ja sogar des Lebens erfasst.7 Die Freie Software wird nicht ausreichen, um die individuelle Freiheit im Internet zu schützen, aber die von Richard Stallman angestoßene Bewegung wird ein Gegengewicht zu den Internetgiganten bleiben.

Fußnoten: 1 Vgl. Jose Pagliery, „Your Internet security relies on a few volunteers“, 18. April 2014: money.cnn.com. 2 André Gorz, „Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie“, Zürich (Rotpunkt) 2004. 3 Benjamin Mako Hill, „Freedom for users, not for software“, 23. Oktober 2011: mako.cc. 4 André Gorz, „Auswege aus dem Kapitalismus. Beiträge zur politischen Ökologie“, Zürich (Rotpunkt) 2009. 5 Vgl. Goofy, „Se libérer de Google? Chiche!“, Framablog, 26. Mai 2014: www.framablog.org. 6 Yann Moulier-Boutang, „Le Capitalisme cognitif. La nouvelle grande transformation“, Paris (Éditions Amsterdam) 2007. 7 Vgl. James Boyle, „The Second Enclosure Movement and the construction of the public domain“, in: Law and Contemporary Problems, Band 66, Nr. 1 & 2, Durham, USA, 2003. Aus dem Französischen von Dirk Höfer Sébastien Broca ist Informatiker am LabEX SITES/CEPN. Autor von „Utopie du logiciel libre. Du bricolage informatique à la réinvention sociale“, Neuvy-en-Champagne (Le Passager clandestin) 2013.

Le Monde diplomatique vom 11.09.2014,