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In Zeiten des Ernstfalls

Warum wir Ölkonzernen und anderen Klimakillern den Geldhahn zudrehen müssen von Rebecca Solnit

Als die Bürokraten der Stadtverwaltung von San Francisco auf dem Podium stammelnd darlegten, warum sie den Wünschen, die wir im Auditorium so leidenschaftlich zum Ausdruck brachten, in keiner Weise entsprechen könnten, begannen meine Gedanken abzuschweifen. Unwillkürlich kam mir jener sonnige Septembertag vor dreizehn Jahren in den Sinn, als sich am anderen Ende der USA das Unvorhersehbare ereignete. Und ich musste an die Geschichte denken, die mir ein Überlebender jenes Tages erzählt hat.

Der Mann, ein höherer Finanzmanager, wollte sich gerade mit einem Kaffee an seinen Schreibtisch im 66. Stock setzen, als vor seinem Fenster eine Art dichter Konfettiregen niederging – kein alltäglicher Anblick von einem Hochhausbüro aus. Sekunden später kam ein Freund hereingestürzt und schrie: „Sie kommen wieder.“

Was der Mann schilderte, war der Morgen des 11. September 2001, und sein Freund hatte gesehen, wie ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers gerast war. Der Manager und seine Kollegen im Südturm rannten zum Fahrstuhl. Eine Viertelstunde später wäre das der schnellste Weg in den Tod gewesen, aber sie schafften es noch hinunter in den 44. Stock. Als sie aus dem Fahrstuhl drängten, stand vor ihnen ein Mann mit Megafon, der sie aufforderte, in ihre Büros zurückzukehren.

Unser Gewährsmann – immer noch mit seinem Kaffee in der Hand – entschloss sich stattdessen, zusammen mit vielen anderen, die Treppen hinunterzurennen. Im 20. Stock angekommen, hörte er aus dem Lautsprecher die erneute Durchsage, alle sollten wieder an ihre Arbeitsplätze gehen. Er war kurz versucht, die Anweisung zu befolgen, entschloss sich dann aber, weiter nach unten zu gehen. Er verwarf den Gedanken, den Fahrstuhl zu nehmen, und lief immer weiter die Treppen hinunter. Was sein Glück war, denn als er den 9. Stock erreicht hatte, krachte das zweite Flugzeug in den Südturm, und der Fahrstuhlschacht füllte sich schlagartig mit Kerosin. 400 Menschen, die in den Fahrstühlen festsaßen, starben einen schrecklichen Tod. Unser Mann hingegen ließ seinen Kaffee stehen und schaffte es über das Treppenhaus ins Freie.

Diese Geschichte beinhaltet eine Lehre: Entscheidungsträger und Bürokraten sind offenbar mit einer großen geistigen Trägheit geschlagen, wenn es zu erkennen gilt, dass die Welt sich ändert und die alten Regeln überholt sind. Die Anweisungen, die in beiden Türmen gegeben wurden, entsprachen exakt einem früheren Krisenfall, der allerdings mit dem Geschehen vom 11. September 2001 in keiner Weise vergleichbar war. Zum Glück folgten viele Leute ihrem Impuls, die Anweisungen zu missachten und die Türme auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Deshalb waren auch die Treppenhäuser nicht verstopft, als die zweite Runde der Evakuierungen begann. Das erklärt die erstaunliche Tatsache, dass es die meisten Menschen, deren Büros unterhalb des Flugzeugeinschlags lagen, noch vor dem Einsturz der beiden Türme ins Freie schafften, und zwar trotz und nicht etwa wegen der Anweisungen der Trade-Center-Verwaltung.

Eine Entscheidung, die normalerweise die einzig richtige ist, kann in Ausnahmesituationen genau falsch sein. Das leuchtet unmittelbar ein, wenn ein unvorhersehbares Ereignis wie 9/11 eintritt. Aber es ist viel schwerer zu begreifen, wenn sich die Veränderungen schrittweise vollziehen und man sie außerdem nur erkennt, wenn man eine Fülle wissenschaftlicher Daten kennt und richtig interpretieren kann.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns die heutige Welt als einen Büroturm vor und die auf fossilen Energien basierende Ökonomie als ein Flugzeug, das in Superzeitlupe in diesen Turm kracht – wobei das Kerosin eine ziemlich gute Analogie ist für das, was das Verfeuern fossiler Brennstoffe anrichtet. Dieser zerstörerische Vorgang spielt sich seinerseits meist nur in Zeitlupe ab – außer wenn menschengemachte Katastrophen auf einen Schlag viele Todesopfer fordern, wie etwa der Hurrikan „Sandy“ auf den Philippinen oder das Inferno der australischen Buschfeuer.

Argumente wie bei den Sklavenhaltern vor 150 Jahren

Das Problem ist nur: Wie kann man jemanden, der die Augen vor den Flammen verschließt, davon überzeugen, dass sein Haus abbrennt? Wie also macht man den Menschen klar, dass ein Verhalten, das normalerweise als besonnen gilt, unter anderen Umständen extrem gefährlich ist? Und dass umgekehrt ein Verhalten, das uns früher übertrieben vorkam, heutzutage durchaus besonnen ist.

Diese Gedanken gingen mir bei einer Vorstandssitzung der Pensionskasse der kommunalen Angestellten von San Francisco durch den Kopf. Zehn Monate zuvor, am 23. April 2013, hatte der Aufsichtsrat der Stadtverwaltung zur allgemeinen Überraschung einstimmig beschlossen, den Vorstand des Pensionsfonds aufzufordern, sämtliche Aktien von Unternehmen der fossilen Energiebranche zu verkaufen. Die waren nach damaligem Börsenkurs rund 616 Millionen wert, machten damit allerdings nur knapp 3,3 Prozent der Aktiva des Pensionsfonds aus. Das Votum des Aufsichtsrats ging auf den wachsenden Einfluss der Bewegung „Desinvestitionen gegen den Klimawandel“ zurück, die sich vorgenommen hat, die Ausplünderung und Zerstörung der Umwelt durch die Unternehmen der fossilen Energiebranche mit neuen Methoden zu bekämpfen.

Mit der Forderung zu desinvestieren, also Aktienbeteiligungen abzustoßen, sind eine ganze Reihe direkter wie indirekter Ziele verbunden. Die Bewegung begnügt sich nicht damit, die Öffentlichkeit über akute Umweltgefahren aufzuklären, sondern nimmt ganz konkret die Energiebranche und deren ökonomische Interessen ins Visier. Bekanntlich gehen inzwischen die meisten Experten davon aus, dass sich das Katastrophenpotenzial, das sich durch den Klimawandel aufbaut, nur aufhalten lässt, wenn 80 Prozent der nachgewiesenen Reserven an fossilen Energien (Kohle, Öl und Erdgas) im Boden bleiben. Wir wissen aber auch, dass die Herren über diese Vorkommen – die internationalen Multis und Staaten wie Russland und Kanada – nicht die Absicht haben, dies zuzulassen.

Angesichts des Zielkonflikts zwischen ihren Bilanzen und der Zukunft unseres Planeten verfolgen die Energiegiganten die Strategie, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu bestreiten (zumindest in der Öffentlichkeit), ernsthaften Debatten auszuweichen oder schlicht zu behaupten, es wäre zu kompliziert, ihre Produktion zurückzufahren. Gleichzeitig rüsten sie Aktionskomitees auf, finanzieren Kampagnen gegen die „Klimalüge“ und kaufen Politiker. Oft hat die Industrie schon so großen Einfluss auf die Regierenden, dass die ganz von allein im Interesse der Energiekonzerne und ihrer Aktionäre entscheiden. Deshalb war die Kontroverse um den Klimawandel lange Zeit eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Doch dank der weltweit aktiven Klimabewegung beginnen sich die Kräfteverhältnisse zu verändern.

In einem Report von Climate Mitigation Services, einem globalen Expertennetzwerk mit Sitz in Colorado, beweist Richard Heede, dass zwei Drittel der CO2-Emissionen, die das Klima und die Umwelt seit 1751 verändert haben, von nur 90 Unternehmen und Staaten verursacht wurden.1 Der US-Konzern Chevron war allein für 3,52 Prozent der Gesamtbelastung verantwortlich, ExxonMobil für 3,22 und BP für 2,24 Prozent; China hingegen für 8,56 Prozent. Das ist weniger als die drei Erdölgiganten zusammen, die die besagten Energiemengen zwar produziert – und nicht etwa verbraucht – haben. Aber an dieser Stelle geht es ja auch um die Produzenten. Eine im Londoner Guardian veröffentlichte Infografik zur Heede-Studie listet die 90 derzeit größten CO2-Produzenten auf.2 Hier kann man auf einen Blick sehen, wer die Verantwortung dafür trägt, dass massenhaft Treibhausgase in die Atmosphäre gepumpt werden. Auf ähnliche Effekte setzt die Deinvestmentbewegung mit ihrer Liste der 200 größten Produzenten fossiler Energien.

Besonders schockierend ist der Befund, dass 63 Prozent der von Menschen verursachten CO2-Emissionen in den letzten 25 Jahren produziert wurden. Das heißt im Umkehrschluss, dass erst ein Drittel dieser Emissionen in der Atmosphäre war, als die ersten Warnungen vor der „Erderwärmung“ (wie es damals hieß) veröffentlicht wurden. Überspitzt gesagt, hat erst die um 1960 herum in den Industrieländern geborene Generation die Erdatmosphäre aus dem Gleichgewicht gebracht und mit ihr die Großwettersysteme, die Ozeane und vieles mehr.

Man kann gar nicht oft genug betonen, dass der Großteil der fossilen Energieträger in den reichen Industrieländern verbrannt wurde und wird. Immerhin deuten Meinungsumfragen darauf hin, dass angesichts dieser düsteren Bilanz eine Mehrheit der Bevölkerung im Norden wie im Süden – und sogar im Ölimperium USA – zu Veränderungen bereit ist. Blockiert wird der Kurswechsel allerdings von den Energiekonzernen und den Regierungen, die von den Konzernen abhängig oder selbst Energieproduzenten sind. Den letzten Beweis dafür lieferte die Kopenhagener Klimakonferenz vom Dezember 2009, als deren Teilnehmer mit vereinten Kräften das dringend nötige weltweite Klimaabkommen sabotiert haben.

Das eigentlich Komplizierte für die Deinvestmentaktivisten ist es jedoch, Universitäten, Stadtverwaltungen, Bundesstaaten, Pensionskassen und andere dazu zu bringen, ihre Investitionen in Öl, Gas und Kohle auch tatsächlich abzuziehen. Sie tun so, als wäre eine solche Entscheidung nicht machbar, verrückt oder zu schwierig und riskant, obwohl ihre Fondsmanager andauernd aus allen möglichen Gründen das Geld hin und her schieben.

Mit ähnlicher Uneinsichtigkeit wurde einst behauptet, die Sklaverei lasse sich nicht abschaffen, weil das der profitablen Plantagenwirtschaft in den Südstaaten ein Ende setzen und die Eigentumsrechte verletzen würde. Und vor nicht ganz so langer Zeit war es noch undenkbar, das Frauenwahlrecht einzuführen und damit die Demokratie und das öffentliche Leben umzukrempeln; oder den Autofahrern Gurte und andere extravagante Sicherheitsmaßnahmen vorzuschreiben; oder die industriellen Verfahren einzuschränken, die sauren Regen verursachen; oder den Einsatz von FCKW zurückzufahren, die in Kühlschränken nützlich sind, aber die Ozonschicht zerstören. Und doch haben die USA diese Veränderungen durchgesetzt, trotz der nach und nach schwächer werdenden Einwände, das sei alles zu radikal und kostspielig. Wenn radikale Umstellungen zum Status quo geworden sind, vergessen die meisten Leute, wie und warum es dazu gekommen ist. Sie nehmen den Status quo als alternativlosen oder gar unumstößlichen Zustand wahr, obwohl der Wandel zum Besseren oft nur dank hartnäckiger Bemühungen zustande kommt.

Wir halten an vielen Dingen lieber fest, statt sie über Bord zu werfen, weil uns das sicherer und ruhiger vorkommt. Aber diese Devise gilt offensichtlich nicht für ein sinkendes Schiff. In manchen Situationen, zum Beispiel nach der Kollision mit einem Eisberg oder nach einer Explosion, bietet ein Rettungsboot mehr Sicherheit als der Luxusdampfer. Aber ins Rettungsboot schafft man es nur, wenn man sich – körperlich wie geistig – blitzschnell auf die neue Situation einstellen kann. Die Bewertung der Energiekonzerne, etwa an der Börse, basiert auf ihren strategischen Reserven an fossilen Brennstoffen. Würde man diese Vorkommen zur Gänze fördern und verfeuern, wäre die globale Klimakatastrophe unvermeidlich.

Interessanterweise halten nun viele Finanzexperten – und auch der Umweltausschuss des britischen Parlaments3 – Investitionen in die Produktion von Öl und Gas für sehr unsicher und schwankungsanfällig. Manche fürchten sogar, dass wir auf einen Crash zusteuern und verweisen dabei auf das mögliche Platzen einer CO2-Blase. Denn wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen und die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzen wollen, müssten die fossilen Reserven der Energiefirmen in den Böden bleiben, und das würde deren Börsenwert deutlich senken. Insofern liefern auch die fiskalischen Risiken ein Argument für Deinvestment.

Viele Szenarios beruhen auf der Annahme, der Verkauf von Energieaktien würde das Portfolio einer Pensionskasse oder Stadt nicht belasten, sondern eher aufwerten. Die entscheidende Frage lautet allerdings, was angesichts einer Welt, die ins Chaos abzustürzen droht, ein gutes Portfolio kennzeichnet. Die beste, wenn nicht die einzige Methode, ein Portfolio zu pflegen, besteht darin, unseren Planeten pfleglich zu behandeln, oder es zumindest zu versuchen. Was sind deine Aktien noch wert, wenn die Ozeane sterben? Oder wenn durch massive Ernteausfälle die Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt knapp werden und in der Folge womöglich ganze Völker verhungern? Bist du für die Erde verantwortlich, oder sind es immer nur die anderen?

Zurück ins Rathaus von San Francisco, wo sich der Vorstand des Pensionsfonds und einige Bürokaten in gewundenen Argumenten darüber ausließen, wie waghalsig und verrückt es sei, die Aktien der Energiekonzerne abzustoßen. Widerspruch kam nur von ein paar Dutzend Aktivisten der Desinvestitionsbewegung und vom Stadtdezernenten John Avalos, der sich seit Langem dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben hat. In diesem Raum, und angesichts dieser Konfrontation, wurde mir plötzlich klar: Oft sieht es so aus, als sei Nichtstun und vorsichtiges Lavieren vernünftiger als entschlossenes Handeln – es sei denn, man befindet sich in einem brennenden Gebäude oder auf einem sinkenden Schiff. Deshalb musste ich auch ans World Trade Center denken und an den Tag, an dem die entführten Flugzeuge in die Türme rasten.

In unserem Sitzungszimmer schienen sich die Leute in anderen Welten aufzuhalten und ganz andere Gespräche in anderen Sprachen zu führen. Wo immer derzeit in den USA und Europa versucht wird, das Thema anzugehen, kommt es zu ähnlich schizophrenen Gesprächssituationen, beispielsweise an der Berkeley University oder anderen kalifornischen Hochschulen bei Auseinandersetzungen zwischen Studenten und der Uni-Verwaltung.

Aber immerhin ist die Liste von Institutionen, die sich zum Verkauf ihrer „fossilen“ Aktienpakete verpflichtet haben, schon ziemlich lang. Auf ihr stehen unter anderem der evangelische Kirchenverband United Church of Christ, die Stiftungen der San Francisco State University und des Sierra Clubs (der größten und ältesten Naturschutzorganisation der USA) sowie 17 weitere gemeinnützige Stiftungen, darunter die Wallace Foundation. Deren Personalvertretung begründet ihre Haltung wie folgt: „Wer von uns wollte sich heute noch stolz dafür rechtfertigen, vor dreißig Jahren seine Investitionen aus Südafrika nicht abgezogen zu haben? Im Rückblick scheint der Fall moralisch eindeutig. Wie würde es wohl aussehen, wenn wir in zwanzig Jahren die heutige Entscheidung verteidigen müssten, unsere Millionen routinemäßig in fossile Energien gesteckt zu haben? Und das just in dem Moment, in dem uns die Wissenschaftler klarmachen, dass wir keine Zeit zu verlieren haben?“

Tatsächlich sehen viele Klimaaktivisten in den Anti-Apartheid-Kampagnen der 1980er Jahre ein Vorbild für ihre eigene Deinvestmentbewegung, denn der Boykott gegen Südafrika war damals überaus erfolgreich. Allerdings war es für viele Unternehmen auch nicht allzu schwer, dem Druck nachzugeben und ihre Investitionen, Subventionen und anderen wirtschaftlichen Kooperationen aus Südafrika abzuziehen, schon weil sich die finanziellen Einbußen in Grenzen hielten. Was im Fall Südafrika funktioniert hat, wird jetzt jedoch nicht klappen, weil die heutige Situation eine grundlegend andere ist.

In San Francisco beschloss der Vorstand des Pensionsfonds in einem ersten und vorsichtigen Schritt, seine Rolle als Aktionär wahrzunehmen und bei der Hauptversammlung die Unternehmensführung zu kritisieren und sie aufzufordern, umweltschädliche Praktiken zu beenden. Dieses Vorgehen war im Fall Südafrika durchaus sinnvoll, doch im Hinblick auf die CO2-Problematik wird sie nichts bringen. An Konzerne wie ExxonMobil oder Chevron zu appellieren, doch bitte schön ihre Investitionen in fossile Energieträger zurückzufahren, ist etwa so, als würde man McDonald’s zum Verzicht auf das Geschäft mit Hackfleisch und Pommes frites oder Ford zum Ausstieg aus der Autoproduktion auffordern. Oder als würde die Maus den Löwen höflich bitten, zum Vegetarier zu werden. Die Konzerne werden ihre ökonomische Haupttätigkeit nicht von sich aus einstellen. Die Initiative muss vielmehr von den Bürgern ausgehen, die beschließen müssen, Investitionen zurückzuziehen.

Pensionsfonds und Stadtkassen finanzieren die Klimakatastrophe mit

Klimaschutzaktivisten reden wie Leute, die wissen, dass wir es mit einer globalen Notlage zu tun haben. Die Manager der Pensionskasse hingegen sprechen wie Leute, die das nicht wissen. Dabei leugnen sie die Erkenntnisse der Klimaforscher nicht, aber sie sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, was das für unser aller Zukunft bedeutet, und damit auch für die Zukunft ihrer Versicherten und deren Kinder und Enkelkinder. Diese Leute berufen sich ständig auf den Begriff der „treuhänderischen Pflicht“, demzufolge sich der Vorstand und die Angestellten der Pensionskasse in erster Linie um die Bonität ihres Fondsvermögens zu kümmern haben – und erklären damit die Forderung, im Namen irgendwelcher Prinzipien 3,3 Prozent des Portfolios zu verkaufen, für irrational und abwegig.

Aber es geht eben nicht nur um abstrakte Prinzipien. Die Pensionäre, die von dieser Kasse ihre Rente beziehen, werden auf der Erde und nicht auf einem anderen Planeten leben. Wie dieses Leben in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren aussieht, hängt davon ab, was wir heute tun. Dieses „Wir“ schließt übrigens Fondsmanager, Investoren und Pensionäre ebenso ein wie Politiker und Klimaaktivisten – und auch die Leserinnen und Leser dieses Artikels.

Die entscheidende Frage lautet letztendlich, was im Falle einer Notsituation unter „treuhänderischer Pflicht“ zu verstehen ist? Kann man auf einem Planeten, der auf seine schwerste Krise zusteuert, überhaupt vernünftige Investitionen tätigen, ohne die Ursachen dieser Krise zu berücksichtigen? Müsste zur „treuhänderischen Pflicht“ nicht die Pflicht gehören, die langfristigen Konsequenzen der eigenen Investitionen zu durchdenken?

Wie sieht die Zukunft der Menschen aus, die in diesen Pensionsfonds einzahlen und im Jahr 2050 mit 60 in Rente gehen wollen? Ich denke da an einen meiner Brüder, der Angestellter der Stadt San Francisco ist. Und wie wird die Zukunft für seinen Sohn aussehen, der bei der nächsten Jahrhundertwende 87 Jahre alt sein wird? Ein Vorstandsmitglied des Pensionsfonds meinte ernsthaft, man solle doch von Warren Buffett lernen, der kürzlich Exxon-Aktien gekauft hat. Der Multimilliardär ist heute 83, wird also die schlimmsten Folgen seiner eigenen oder der Exxon-Aktivitäten nicht mehr erleben. Mein einjähriger Neffe Martin aber schon und wahrscheinlich auch ich selbst, denn die Aussichten für unseren destabilisierten Planeten sind schon heute ziemlich düster.

Nichts existiert losgelöst und allein für sich: Die Aktienkurse sind abhängig vom Wetter, von den Ernten, von der Nachfrage und von etlichen anderen Voraussetzungen, die nur eine stabile Welt gewährleisten kann. Und selbst eine anständige Pension wird einem Rentner in San Francisco wenig helfen, wenn die Tropenkrankheiten nach Norden vordringen, wenn es zu extremen Hitzewellen kommt, unter denen alte Menschen bekanntlich besonders leiden, wenn an der kalifornischen Küste der Meeresspiegel ansteigt und Häuser und Grundstücke überflutet werden, und mit ihnen die Autobahnen und Müllhalden von San Francisco. Wenn es nicht gelingt, den Klimawandel aufzuhalten, drohen Ernteausfälle (und in der Folge steigende Lebensmittelpreise), Wasserknappheit und sterbende Ozeane. Und Millionen Menschen werden zu Klimaflüchtlingen.4 In einem noch unveröffentlichten UN-Dokument heißt es: „Durch die Verschiebung der Regenzonen und den Wegfall großer landwirtschaftlicher Anbauflächen durch Dürreperioden wird die Getreideproduktion alle zehn Jahre um bis zu 2 Prozent schrumpfen, während die Nachfrage nach Nahrungsmitteln um 14 Prozent steigen dürfte.“5

So groß die Improvisationsfähigkeit der Menschen auch sein mag, angesichts schrumpfender Nahrungsmittelvorräte und einer wachsenden Weltbevölkerung könnte sie an ihre Grenzen stoßen. Und Hungersnöte sind nicht nur eine Katastrophe für die Betroffenen, sondern auch schlecht für die Börsenkurse.

In einem weiteren neuen Klimareport heißt es: „Die in Europa durch Überschwemmungen verursachten Verluste liegen derzeit bei etwa 4,9 Milliarden Euro jährlich, könnten aber bis 2050 um 380 Prozent auf 23,5 Milliarden Euro ansteigen.“6 Für Asien, Afrika und Nord- und Südamerika gibt es ähnlich düstere Schätzungen. An Studien über die künftigen Auswirkungen des Klimawandels herrscht kein Mangel. Und das gilt für alle Bereiche: für die Weltmeere und die Fischbestände, die Polkappen, die Artenvielfalt und die Welternährung, für Überschwemmungen, Wald- und Buschbrände, Hurrikane und Taifune. Für all diese Bereiche weisen die Indikatoren (um in der Marktsprache zu bleiben) steil nach oben. Wie steil, das hängt von uns ab.

Wenige Wochen vor der geschilderten Sitzung hatte ich an einer Demonstration vor den Büros des US-Außenministeriums in San Francisco teilgenommen, zusammen mit einer Wissenschaftlerin, die bei der US-Weltraumbehörde Nasa arbeitet und sich mit den Bedingungen auskennt, unter denen auf einem Planeten Leben entstehen kann. Sie hat mir erzählt, dass die langfristige Temperaturentwicklung auf der Erde von einer bemerkenswerten Stabilität gesegnet ist. Auf allen Planeten gebe es nur ein sehr kleines „Temperaturfenster“, in dem Leben möglich ist, und unsere Erde sei schon bei den höchsten Temperaturen angelangt, die ein bewohnbarer Planet überhaupt vertragen kann. Was meine Freundin da erzählte, machte mich richtig krank, obwohl ich mir das, was auf uns zukommt, schon in tausend Varianten vor Augen geführt hatte. Es war, als hätte sie gesagt: Deine Wohnung brennt. Und das stimmt ja auch.

Ich war in Japan, als man dort den ersten Jahrestag der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe beging, die im Lande selbst nach der Region Tohoku benannt ist, bei uns dagegen nach dem Atomkraftwerk Fukushima. Die japanischen Vorschriften für erdbebensichere Gebäude haben sich bewährt: Das schwere Beben der Stärke 9,0 am 11. März 2011 forderte selbst nur wenig Todesopfer. Und auch das Tsunami-Alarmsystem funktionierte vorbildlich: Die Zeit für eine Evakuierung war fast an allen Orten mehr als ausreichend. Aber viele Menschen brachten sich nicht schnell genug in Sicherheit. Oder sie fühlten sich durch die Küstendeiche und Fluttore geschützt. Oder sie flüchteten auf eine Höhe, die als sicher galt. Aber dann stiegen die Wellen stellenweise deutlich höher als bei allen Tsunamis seit dem Meiji-Sanriku-Erdbeben 1896. Und so forderte die große Überflutung etwa 20 000 Menschenleben, die meisten (mehr als 90 Prozent) ertranken.

Bei meiner Reise durch das Katastrophengebiet und aus Gesprächen mit Staatsbediensteten, Überlebenden und Rettungspersonal hörte ich viele traurige Geschichten. Am schrecklichsten war die über eine Grundschule: Die Lehrer waren sich nicht einig, was zu tun sei; einer brachte mehrere Schüler in Sicherheit, die übrigen Lehrer und Kinder blieben im Gebäude und ertranken. Energisches Handeln im Katastrophenfall wird manchmal als Überreaktion angesehen, aber die eigentliche Gefahr liegt in der Unterreaktion.

Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 hätte es mehr Überlebende gegeben, wenn man den Südturm des World Trade Centers sofort evakuiert hätte. Und den Tsunami von 2011 an der japanischen Nordostküste hätten mehr Menschen überlebt, wenn sie die Hügel noch weiter hinauf oder ins Inland gerannt wären. Der Klimawandel zwingt uns, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Das wird zum Teil weder einfach noch billig sein. Aber der Ausstieg aus falschen Investitionen ist heute ohne Verluste möglich und kann, wie manche Finanzexperten meinen, vielleicht sogar Vorteile bringen. Unabhängig davon ist es die einzig vernünftige und moralisch vertretbare Entscheidung: Im Namen der Generation, die 2064 noch leben wird, im Namen der Schönheit und Vielfalt dieser Welt und im Namen der Bevölkerung, die schon heute leidet und noch mehr leiden wird, wenn das elegante System Erde zerbricht.

Fußnoten: 1 Die Endfassung des Reports erschien in der Zeitschrift Climate Change im Januar 2014: link.springer.com/article/10.1007/s10584-013-0986-y. 2 Siehe: www.theguardian.com/environment/interactive/2013/nov/20/which-fossil-fuel-companies-responsible-climate-change-interactive. 3 Siehe den „Green Finance“-Report des Environmental Audit Committee des britischen Parlaments vom 6. März 2014: www.publications.parliament.uk/pa/cm201314/cmselect/cmenvaud/191/19102.htm. 4 Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge wird es im Jahr 2050 weltweit etwa 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben. 5 Am 13. April legte der Weltklimarat (IPCC) den dritten Teil seines Sachstandsberichts vor: www.de-ipcc.de/de/200.php. 6 Der Report von Brenden Jongman und weiteren Autoren erschien am 2. März 2014 in der Zeitschrift Nature Climate Change: www.nature.com/nclimate/journal/vaop/ncurrent/full/nclimate2124.html. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Rebecca Solnit ist Kulturhistorikerin und Umweltaktivistin. Auf Deutsch erschien gerade von ihr (in der Übersetzung von Julia Franck) „Aus der nahen Ferne“, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2014. © Rebecca Solnit/Agence Globale, für die deutsche Übersetzung: Le Monde diplomatique, Berlin.

Le Monde diplomatique vom 08.05.2014,