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Nordkoreas kalter Krieg

von Philippe Pons

Wieder einmal hält die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) den Rest der Welt in Atem: Sie droht den USA mit einem Atomschlag, sie will den Waffenstillstand von 1953 annullieren, und es ist sogar die Rede von einem „unvermeidbaren zweiten Koreakrieg“.1 Nordkoreanische Raketen sind auf Ziele in Japan und auf die US-Militärbasis in Guam gerichtet. Seit Mitte März läuft die Propagandamaschine in Pjöngjang auf Hochtouren. Das laute Säbelrasseln wird von den internationalen Medien mit großer Bereitwilligkeit verbreitet, ohne zu analysieren, wie realistisch diese Drohungen wirklich sind. Das Regime in Nordkorea kann sich über eine solche Wirkung natürlich nur freuen.

Nachdem die USA unter der Präsidentschaft von George W. Bush auf Konfrontationskurs gegangen waren, verhielten sie sich unter Barak Obama eher abwartend. Diese Politik ist jedoch gescheitert; dasselbe gilt für die Hinhaltetaktik des bis Februar 2013 amtierenden südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak. Inzwischen ist die Situation unendlich viel komplizierter als vor fünfzehn Jahren.

Die Ziele des nordkoreanischen Regimes sind heute zweifellos dieselben wie 1998, als es einen Satelliten ins All schoss – mit einer Trägerrakete, die in Richtung Japan flog und auf derselben Technologie basierte wie eine Langstreckenrakete. Die Regierung Clinton änderte daraufhin ihren außenpolitischen Kurs und schickte Außenministerin Madeleine Albright im Oktober 2000 nach Pjöngjang. Selbst eine Präsidentenvisite wurde erwogen. Doch mit George W. Bush war die von seinem Amtsvorgänger eingeleitete Entspannung wieder vom Tisch.

Seitdem hat Nordkorea drei Atombombentests durchgeführt (2006, 2009 und 2013) und versteht sich als Atommacht. Das Land verfügt über Plutoniumvorräte, ein Programm zur Urananreicherung und eine hoch entwickelte Raketentechnologie. Kim Jong Un hat mit seiner Erklärung bei der Sitzung des Zentralkomitees am 31. März, sein Atomwaffenarsenal sei „nicht verhandelbar“, solange eine „atomare Bedrohung durch die Imperialisten“ bestehe, die Latte für künftige Verhandlungen sehr hoch gelegt.

Der junge Diktator, der die Kim-Dynastie in der dritten Generation fortsetzt,2 ist seit Dezember 2011 an der Macht. Zunächst schien er dem Land, das nach Auskunft humanitärer Organisationen Arbeitslager mit 200 000 Insassen unterhält, ein freundlicheres Gesicht zu verleihen. Damit war es nach einem Jahr vorbei. Nachdem Kim Jong Un als Erster Sekretär der Partei der Arbeit, Erster Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission sowie Oberkommandierender der Koreanischen Volksarmee die unumschränkte Macht übernommen hatte, trumpfte er im Dezember 2012 mit einem weiteren Satellitenstart und im Februar 2013 mit einem Atomtest auf, die beide vom UN-Sicherheitsrat verurteilt wurden.

Kim Jong Un weiß besser als die ältere Generation, wie nötig Reformen sind. Gleichwohl hält er an der Vision vom „starken und prosperierenden Land“ fest, die seit dem Ende der 1990er Jahre propagiert wird. Sie erinnert an die Formel „reiches Land, starke Armee“, die im Japan der Meiji-Zeit3 als Reaktion auf die Bedrohung aus dem Ausland entwickelt wurde. In Nordkorea sind diese beide Ziele jedoch kaum auf einen Nenner zu bringen. Denn „Prosperität“ ist ohne Reformen und ohne technologische Unterstützung sowie Investitionen aus dem Ausland nicht möglich. Die USA und ihre Verbündeten lehnen aber jegliche Zusammenarbeit ab, solange Pjöngjang eine Bedrohung darstellt.

Durch seine martialischen Drohgebärden hat Nordkorea den Status quo erschüttert, die „strategische Geduld“ Washingtons strapaziert und eine Verschärfung der erstickenden internationalen Sanktionen provoziert. Damit hat sich das Land aber auch vollends isoliert – wenngleich China ein Doppelspiel spielt: Es unterstützt Pjöngjang wirtschaftlich, stimmt aber zugleich in den Chor der Länder ein, die das nordkoreanische Verhalten verurteilen. Der dritte Atomtest fordert nicht nur die USA und deren Verbündete heraus, er unterstreich auch die nordkoreanische Souveränität gegenüber China.

Dank ihres Abschreckungspotenzials fühlt sich das Regime vor einem Atomschlag geschützt. Das stellt das Regime gegenüber dem eigenen Volk als große Errungenschaft dar, so wie es seit Jahrzehnten die Opfer der Bevölkerung damit rechtfertigt, dass man Nordkorea unverwundbar machen und seine Unabhängigkeit bewahren müsse. Mit einem Verzicht auf die Atombombe – die einzige wirkliche Errungenschaft der Ära Kim Jong Il – ist also kaum zu rechnen.

Die Verbissenheit, mit der die DVRK vom Rest der Welt die Anerkennung als Atommacht fordert, wie auch das starre Festhalten an einem totalitären Regierungsstil entspringen einem übersteigerten Nationalismus. Der wiederum ist nicht so sehr ein Produkt der bipolaren Welt des Kalten Kriegs als vielmehr der postkolonialen Ära.

In Europa war der Kalte Krieg eine Zeit des Friedens. In Asien dagegen – auf der Koreanischen Halbinsel und in Vietnam – brachen bewaffnete Konflikte aus, die als Fortsetzung der Befreiungskriege empfunden wurden.4 Die nordkoreanische Propaganda kultiviert und idealisiert die Erinnerung an den „glorreichen Kampf“ der Partisanen um Kim Il Sung gegen die japanischen Besatzer, der noch immer zur Legitimierung des Regime herhalten muss. Auch die aktuelle Situation wird systematisch in Zusammenhang mit dem antiimperialistischen Kampf gebracht.

Nach dem Ende der Sowjetunion haben die klassischen Themen der postkolonialen Ära – Unabhängigkeit, nationale Souveränität und der Wunsch nach Anerkennung – wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Bei der Bevölkerung Nordkoreas verstärkte sich dadurch der Eindruck, man lebe in einem permanenten Belagerungszustand.5 Dieses Gefühl der Bedrohung nahm noch weiter zu, als George W. Bush das Land der „Achse des Bösen“ zurechnete und den Irak angriff. Als künftige Atommacht, verkündet jetzt auftrumpfend die nordkoreanische Propaganda, werde das Land niemals das irakische Schicksal erleiden.

Die geopolitische Lage Nordkoreas ist mit der des Irak ohnehin nicht zu vergleichen: Die Nähe zu China macht eine militärische Intervention unwahrscheinlich. Peking will natürlich verhindern, dass eine Destabilisierung zur militärischen Wiedervereinigung Koreas unter Führung des Südens führt – zumal dann die US-Armee an der chinesischen Grenze stünde. Einen Krieg würde Nordkorea zwar sicher verlieren – aber nicht, ohne in Südkorea und Japan große Verwüstungen anzurichten.

Und wie wären in einem solchen Chaos die nordkoreanischen Atomwaffen und Plutoniumvorräte zu sichern? Das alles sind Risiken, die bedacht sein sollten, bevor man das Regime durch Sanktionen und Boykotte weiter in die Ecke drängt.

Fußnoten: 1 Der Krieg zwischen Nord- und Südkorea von 1950 bis 1953 endete mit einem Waffenstillstand. Ein Friedensvertrag wurde bis heute nicht geschlossen. 2 Siehe Bruce Cumings, „Die drei Körper der Kims –Machtfolge in Nordkorea“, Le Monde diplomatique, Februar 2012. 3 In der Meiji-Zeit (1868–1912) begann die Modernisierung der japanischen Feudalgesellschaft. 4 Heonik Kwon, „The Other Cold War“, New York (Columbia University Press) 2010. 5 Vgl. Philippe Pons, „Überleben in Nordkorea“, Le Monde diplomatique, Januar 2011. Aus dem Französischen von Markus Greiß Philippe Pons ist Journalist in Tokio.

Le Monde diplomatique vom 10.05.2013,