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Die neuen Bosse der Hügel

Eine solche Szene könnte sich in jedem beliebigen Viertel von Rio de Janeiro abspielen: Eine Polizeipatrouille rast herbei und bringt den ohnehin stockenden Verkehr endgültig zum Erliegen. Eine junge Frau beginnt, auf die Polizisten einzureden. So weit, so normal. Was man so wohl nur in einer Favela erlebt, ist der Umgang der Beamten mit der Frau: Sie solle „besser nicht so störrisch sein“, denn „immerhin sind wir hier die Chefs“. Genau das sagen auch die Bewohner der Favela Pavão-Pavãozinho: „Unser Hügel hat einen neuen Boss.“ Die Drogendealer sind der Polizei gewichen, Waffen und Macht sind jetzt einfach in anderen Händen. Das gehört zu den bizarren Folgen einer Politik, die seit 2008 die Favelas „befrieden“ soll und in manch anderer Hinsicht durchaus erfolgreich war.

„Os donos do morro“ – „Die Bosse der Hügel“, heißt eine 2012 erschienene Studie zur „Pacificación“, die das „Laboratório de Análise da Violências“ (Forschungsgruppe Gewaltanalyse) der Universität des Bundesstaats Rio de Janeiro unter der Leitung des Soziologen Ignácio Cano erarbeitet hat.1 Sie zeigt, dass die Maßnahmen trotz aller Unzulänglichkeiten die Favelas eindeutig sicherer gemacht haben. „In den ersten 13 Favelas, die in Rio befriedet wurden, ist die Zahl der gewaltsamen Tode um 70 Prozent zurückgegangen“, sagt Cano. „Gewaltsame Übergriffe der Polizei mit Todesfolge kommen so gut wie nicht mehr vor.“ Cano kritisiert seit Langem das brutale Vorgehen der Ordnungskräfte. Er ist über jeden Verdacht der Schönfärberei erhaben.

Sein Bericht spart das Fehlverhalten und die fragwürdigen Strategien der Polizei auch nicht aus. „Sehr viel klüger wäre es gewesen, zuerst die Favelas mit der meisten Gewalt zu befrieden. Die Prioritäten haben jedoch wenig mit der Realität des Verbrechens zu tun. Sie wurden mit Rücksicht auf die bevorstehenden großen Sportereignisse in der Stadt gesetzt.“ Oberst Robson Rodrigues, ein Angehöriger der Militärpolizei in Rio und einer der Vordenker der Befriedungsstrategie, gibt das offen zu. „Natürlich haben wir uns bei der Auswahl nach den Olympischen Spielen gerichtet. Ich würde sogar sagen, dass es die Befriedung ohne die Spiele gar nicht gegeben hätte.“

Die Befriedung entstand aus dem, was man in Rio eine „außergewöhnliche Fügung“ der Dinge nennt: Die Stadt hat sich erfolgreich um die Austragung der Olympischen Spiele 2016 beworben, gleichzeitig kam es erstmals zu einem parteienübergreifenden Bündnis zwischen dem ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei, PT), dem Gouverneur des Bundesstaats Sérgio Cabral (Partei der demokratischen Bewegung, PMDB, gemäßigte Rechte) und Bürgermeister Eduardo Paes von derselben Partei. Bis dahin hatten alle Maßnahmen gegen die verschiedenen kriminellen Cliquen keinerlei Wirkung gezeigt. Von Jahr zu Jahr starben mehr Menschen, besonders junge Schwarze.

2005 schickte man eine kleine Gruppe hochrangiger Polizisten nach Boston, um sich dort über die Operation „Ceasefire“, („Waffenstillstand“) in den armen, das heißt, schwarzen Vierteln der Stadt zu informieren. Der Grundgedanke dabei war die Abkehr von der New Yorker „Null Toleranz“-Politik der Jahre 1994 bis 2001. Stattdessen konzentrierte sich eine Nachbarschaftspolizei auf den Waffenbesitz und ließ die Drogenhändler gewähren. In Brasilien erwies sich diese Aufgabe als ungleich schwieriger. Denn hier mussten sich die Ordnungskräfte erst Zugang zu Gebieten verschaffen, in die sie sich zuvor nur noch sporadisch gewagt hatten, um dann häufig ein Blutbad anzurichten.

Ohne Knarre verliert Dealen seinen Reiz

Die erste große Befriedungsoperation fand 2008 statt. Mit Unterstützung einer Werbeagentur brachte Gouverneur Cabral den Begriff „Pacificación“ in Umlauf. Ein machtvolles Symbol war die Flagge der Eliteeinheit „Bataillone für Sondereinsätze“ (Bope), die mittlerweile durch den Film „Tropa de elite“ von 2007 – einen der größten kommerziellen Erfolge des brasilianischen Kinos – Berühmtheit erlangt hat. Die Bope-Flagge wird mitten im Einsatzgebiet gehisst, gewissermaßen, um deutlich zu machen, dass „der Besitzer gewechselt“ hat. Das Gebiet wird anschließend minutiös durchkämmt, was sich in manchen großen Favelas über ein Jahr hinziehen kann. Schließlich wird eine Einheit der eigentlichen Befriedungspolizei (UPP) stationiert. Um gewalttätige Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden, werden die Einsätze vorher angekündigt. Drogenhändler und Waffen können vorher verschwinden. Die meisten Befriedungen laufen daher ohne einen einzigen Schusswechsel ab.

Sobald sich die UPP niedergelassen habt, beginnt die zweite Phase der Befriedung durch die UPP Social. „Eine unverzichtbare Komponente, ohne die die Sicherheitspolitik keinen Erfolg haben könnte“, erklärt Polizeioberst Robson Rodrigues. Ihre Aufgabe ist es, die öffentliche Versorgung in Gang zu bringen und die lokale Wirtschaft anzukurbeln. „Auf dem Papier sieht das wunderbar aus, aber tatsächlich gibt es nur wenige Mittel dafür und keinerlei demokratische Mitwirkung“, kritisiert der Stadtplaner Neiva Vieira da Cunha. Die Stadt baue teure Seilbahnen auf die Hügel, anstatt Krankenhäuser und sanitäre Einrichtungen zu schaffen, wie es die Anwohner fordern.

Sie müssen bisweilen auch ohnmächtig zusehen, wie die Behörden unter dem Vorwand von Sicherheitsbedenken Bewohner vertreiben. „Alle Wohnlagen in den Favelas könnte man als sicherheitstechnisch bedenklich einstufen“, sagt da Cunha. „In Wahrheit entledigen sich die Stadtoberen dieser Menschen, um Plätze mit guter Sicht auf Rio zu schaffen. Dass viele dieser Leute ihr ganzes Leben dort verbracht haben, beispielsweise in Santa Marta, der ersten befriedeten Favela, interessiert die Behörden nicht.“ Aus der Favela Morro da Providência oberhalb des Hafens werden ebenfalls die Anwohner vertrieben. Sie müssen Platz machen für ein Tourismusprojekt im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen.

Mancherorts sind aber auch soziale und wirtschaftliche Verbesserungen erkennbar. Für Ignácio Cano sind sie einer der größten Erfolge der Befriedung. „Die Stigmatisierung der Favelas hat wirklich abgenommen. Die Leute halten es nicht mehr für nötig, ihren Wohnort zu verheimlichen, wenn sie sich um eine Stelle bewerben.“ Sie finden endlich Zugang zum regulären Arbeitsmarkt. Ob das reichen wird, die Jungen vom Dealen abzuhalten? „Der Drogenhandel hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern auch mit Macht. Weil durch die Befriedung die Waffen verschwunden sind, hat auch der Drogenhandel viel von seinem Reiz verloren“, meint Rubem Cesar, Leiter der Nichtregierungsorganisation Viva Rio, die seit zwanzig Jahren in den Favelas aktiv ist. Noch gelingt es der Polizei nicht, eine vergleichbare Faszination auszuüben – besonders dann nicht, wenn sie sich in der Favela verhält wie auf „erobertem Land“ und eine ähnliche Form autoritärer Sozialkontrolle ausübt wie die alten kriminellen Bosse. Anne Vigna

Fußnoten: 1 Laboratório de Análise da Violência, „ ‚Os Donos do morro‘: Uma Avaliação Exploratória do Impacto das Unidades de Polícia Pacificadora (UPPs) no Rio de Janeiro“, Universidade Federal do Rio de Janeiro, 2012. Aus dem Französischen von Herwig Engelmann

Olympiastadt Rio

„Das Vorbild für die Bewerbung auf die Olympischen Spiele 2016 war Barcelona. Seit 1993 sind die Spiele hier eine fixe Idee“, sagt der Architekt Carlos Fernando Andrade, ein Mitglied der Arbeiterpartei (PT). „Seit dieser Zeit kommen Katalanen nach Rio, um uns ihre Beratung anzubieten. Ihre Strategie besteht darin, eine ganze Stadt wie ein Unternehmen zu betrachten. Und nach dieser Logik brauchen wir ein Dauerfeuer von Großereignissen.“

2013 veranstaltet Rio den Weltjugendtag. 2012 gab es den Klimagipfel Rio+20, und 2014 werden hier Spiele der Fußballweltmeisterschaft (darunter das Finale) ausgetragen. Der Soziologe Luiz César de Queiroz Ribeiro leitet an der Universidade Federal do Rio de Janeiro das Observatório das Metrópoles. Er sieht in diesem großen Aufbruch eine tiefgreifende Veränderung von Rios ursprünglicher Identität. Denn in der Stadt lebten bis vor Kurzem Menschen sehr unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit dicht nebeneinander. „Das hat eine Geselligkeit hervorgebracht, die aus Konflikten und Gemeinsamkeiten entstand. Die Zukunft deutet eher auf eine Stadt hin, die wie jede andere in Einkommensgruppen segregiert ist. Auch die Tage der Favelas sind gezählt.“

Die brasilianischen Grünen weisen am nachdrücklichsten auf die Luftschlossbilanz der Großereignisse hin und kritisieren, dass eine Reihe von Maßnahmen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen nur Einzelinteressen bedienen oder der Spekulation in die Hände spielen. So hat man sich entschieden, beim öffentlichen Verkehr nicht auf U-Bahnen, sondern auf Autobusse zu setzen – offenbar weil die privaten Transportunternehmen sich bei öffentlichen Vorhaben finanziell beteiligen. „Wer im Vorhinein Einzelheiten über die Befriedungsaktionen kannte, war klar im Vorteil. Er konnte rund um die Einsatzschwerpunkte Häuser kaufen“, sagt Queiroz Ribeiro. Zudem würden die Probleme lediglich in die ärmsten Viertel am Stadtrand verschoben. „Im Westen Rios werden psychiatrische Krankenhäuser und Gefängnisse gebaut. Dort landet auch der Müll aus dem Zentrum. Und mit der Befriedung der südlichen Favelas sind auch die Drogenhändler an die Peripherie gezogen.“

Als Folge der Gentrifizierung im Zentrum wächst Rio an den Rändern noch weiter. Es verschiebt seine Verwaltungsgrenzen und seine Probleme immer weiter ins Inland. Trotz seiner 12 Millionen Einwohner ist die Bewohnerdichte dramatisch gefallen. 8 000 Menschen kommen heute auf einen Quadratkilometer – nicht einmal halb so viele wie 1960. Für den Architekten Sérgio Magalhães ist genau das die Achillesferse der Stadt: „Die Ausdehnung macht die öffentliche Versorgung zu einer Mammutaufgabe. Alle zu erreichen, wird enorme Kosten für die Infrastruktur mit sich bringen.“

Dabei könnte man beim Wohnungsmangel, von dem 400 000 Menschen betroffen sind, leicht Abhilfe schaffen, meint Marcelo Braga Edmundo, Koordinator des Dachverbands Central de Movimentos Populares. „10 Prozent des gesamten Wohnungsmangels im Land konzentrieren sich auf Rio. Aber die Lösung sind keine Neubauten am Stadtrand, sondern die Beschlagnahmung Tausender leer stehender Gebäude. Das ist eine Frage des politischen Willens. Bürgermeister Paes begünstigt öffentliche Investitionen, die der privaten Wirtschaft zugutekommen. Für die Spiele ist man vom Stadtentwicklungsplan, der Gesetzesrang hat, abgewichen. Auch eine Steuer, die Besitzer von leer stehendem Immobilienbesitz treffen sollte, wird nicht durchgesetzt.“ Dabei wären all das rechtmäßige und einfache Maßnahmen, um dem Wohnungsproblem wenigstens teilweise abzuhelfen.

Jacques Denis

Le Monde diplomatique vom 08.02.2013,