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Drogenschleuse Westafrika

von Anne Frintz

Die Boeing 727 kam aus Venezuela und landete in Tarkint, in der Nähe von Gao im Nordosten Malis. Es müssen etwa 5 bis 9 Tonnen Kokain an Bord gewesen sein, die danach spurlos verschwanden. Als der Pilot nach der Entladung wieder starten wollte, geriet das Flugzeug in Brand. Später kam heraus, dass zumindest eine libanesische Familie und ein mauretanischer Geschäftsmann, der mit angolanischen Diamanten ein Vermögen gemacht hatte, zu den Auftraggebern gehörten. Das Ganze geschah vor über drei Jahren, im November 2009.

Wie ist es möglich, dass derartige Mengen von Kokain durch eine Region geschleust werden können, die zwar mehrheitlich aus Wüste besteht, aber dennoch bewohnt ist und unter staatlicher Kontrolle steht? Ein französischer Analyst, der sich in der Sahelzone sehr gut auskennt, aber anonym bleiben möchte, erklärt, dass ein Minister und mehrere hohe Offiziere aus Armee und Geheimdienst, die dem ehemaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré nahestanden, sowie einige Abgeordnete aus dem Norden des Landes in den Drogenhandel involviert gewesen seien. „Das ist ein heißes Eisen, denn dabei geht es um die höchsten Kreise in Mali“, sagt unser Informant. „Am Ende von Tourés Amtszeit hatten die in den Drogenhandel verwickelten Offiziere jede Legitimation verloren. Das ist einer der Gründe, warum sich Unteroffiziere und einfache Soldaten an dem Staatsstreich vom März 2012 beteiligt haben. Die hohen Offiziere besaßen einen Fuhrpark, den sie sich noch nicht einmal mit dem gesamten Militärbudget des Landes hätten leisten können.“

„Der Drogenhandel bringt einiges ein, zum Beispiel ‚Spenden‘ für den nächsten Wahlkampf. Und das Schwarzgeld wird in Immobilien angelegt. Zahlreiche Politiker haben mit den Schmugglern Geschäfte gemacht. Wenn ein allzu eifriger Soldat einen solchen Konvoi anhielt, bekam er prompt einen Anruf von seinem Vorgesetzten, der ihm befahl, den Transport durchzulassen. So lief das zum Beispiel damals an der Grenze zu Guinea, als Ousmane Conté, der Sohn des verstorbenen guineischen Präsidenten, wegen Drogenhandels festgenommen wurde“, berichtet unser Experte. „Touré hat beide Augen zugedrückt, und so wurde es immer schlimmer. Das malische Regime gehörte zu den korruptesten in Westafrika.“

Zwei Tonnen Koks im Lagerhaus der Krabbenfischer

Der französische Sahel-Experte Simon Julien hat den Konkurrenzkampf im Norden Malis vor 2012 in allen Einzelheiten beschrieben.1 Bestimmte Kreise haben vom Kokainschmuggel profitiert, während andere leer ausgingen. Das Regime benutzte die Drogengelder, um verschiedene Gegner der Ifogha-Tuareg zu unterstützen, und hoffte, damit die Aufstände der Nomaden im Keim zu ersticken. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Der Zustrom von libyschen Waffen und islamistischen Kämpfern führte rasch zur Spaltung Malis in Nord und Süd. Bei der Destabilisierung der gesamten Region spielte das Drogengeld eine entscheidende Rolle.

Im Juni 2010 fand man zwei Tonnen Kokain im Lagerhaus einer Krabbenfischerei in Gambia. Im April 2011 wurden im Hafen von Cotonou (Benin) 202 Kilogramm Heroin beschlagnahmt, das aus Pakistan kam und nach Nigeria weitertransportiert werden sollte. Im Juni 2011 flog in Nigerias Wirtschaftshauptstadt Lagos das erste Labor zur illegalen Herstellung von Amphetaminen und Methamphetaminen auf. Und im Oktober desselben Jahres wurden 1,5 Tonnen Kokain an einem Strand der kapverdischen Insel Santiago sichergestellt. Während Cannabis, die weltweit am meisten verbreitete Droge, in Afrika nur für den lokalen Markt angebaut wird, werden die synthetischen Drogen wie Kokain und Heroin auch exportiert: nach Europa, Japan und sogar China.

Seit 2004 ist Westafrika eine wichtige Drehscheibe im Kokainhandel. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) kamen 21 von insgesamt 129 Tonnen Kokain, die 2009 in Europa konsumiert wurden, aus Afrika.2 Auf halbem Weg zwischen Produzenten und Endverbrauchern gelegen, bietet die Region dem internationalen Drogenhandel derart günstige Bedingungen, dass die Konkurrenz kaum mithalten kann: gute Logistik, billige Arbeitskräfte, wenig Kontrollen, schwache Staaten, untätige Strafverfolgungsbehörden und weit verbreitete Bestechlichkeit.

In diesem neuen „Freihafen“ landen die Erzeugnisse der bedeutendsten Koka-Anbauländer und Kokainproduzenten Kolumbien, Peru und Bolivien. Von Westafrika geht es weiter nach Europa, einem der größten Absatzmärkte für Kokain, dessen Umsatz auf 33 Milliarden Dollar für das Jahr 2012 geschätzt wird – nur 4 Milliarden weniger als im weltweit größten Markt USA. Kokain ist nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge in Europa.

Der Drogenhandel blüht und gilt vielen internationalen Behörden wie dem UNODC und dem Internationalen Suchtstoffkontrollrat (INCB) als zentraler Destabilisierungsfaktor in Westafrika. Die Wirtschaftskrise und die von Weltbank und IWF verordneten Maßnahmen haben die Legitimität der meisten Regierungen weiter untergraben. Schon bevor das Kokain auftauchte, konnte man hier für Geld alles kaufen; doch mit der Ankunft internationaler Drogenhändler, die weit höhere Summen einsetzen, hat sich die Lage noch verschärft.

„Das internationale organisierte Verbrechen folgt einer schlichten wirtschaftlichen Logik: Man sucht immer nach dem höchsten Profit mit geringstem Risiko. Die Schmuggler finden die besten Routen dort, wo ihre Druckmittel – von Todesdrohungen bis zu Mord – und die Korruption ihnen freie Fahrt gewähren“, erklärt Pierre Lapaque, Leiter der Abteilung Westafrika des UNODC. Der Kokainschmuggel, dessen Volumen mit dem Waffenhandel vergleichbar ist, gehört zu den profitabelsten Branchen der Welt. Das macht ihn zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor. In Westafrika konnten im Jahr 2012 mit nur 30 Tonnen Kokain 900 Millionen Euro Gewinn erzielt werden. Laut Angaben des UNODC in Dakar wurden davon 400 Millionen vor Ort gewaschen und investiert. Zum Vergleich: Der Haushalt von Guinea-Bissau, einem wichtigen Transitland, lag im vergangenen Jahr bei rund 177 Millionen Euro.

Kokain gehört zu den Produkten, die den größten Mehrwert erzeugen: Man kauft ein Kilo Koks für 2 000 bis 3 000 Euro bei den Herstellern, an der afrikanischen Atlantikküste ist es dann bereits 10 000 Euro wert, in den Hauptstädten der Sahelzone 12 000 Euro, in den Städten Nordafrikas zwischen 18 000 und 20 000 Euro, und in den europäischen Metropolen kostet es schließlich zwischen 30 000 und 45 000 Euro. Und das sind nur die Großhandelspreise. Zudem wird das Kokain im Laufe seiner Reise immer weiter gestreckt.

Für westafrikanische Polizisten, Zollbeamte und Richter ist der Kampf gegen den Drogenhandel aussichtslos: Zu groß ist der Unterschied zwischen den Mitteln, über die die staatlichen Institutionen verfügen, und denen der Drogenhändler. Manchmal kann die Polizei von Guinea-Bissau noch nicht mal die Tanks ihrer wenigen Patrouillenfahrzeuge füllen. So gerät auch der ehrgeizigste Ermittler schnell an seine Grenzen. Zudem stützen sich die Kriminellen auf undurchschaubar verwobene ethnische oder kulturelle Netzwerke oder auf eine starke Exilgemeinde wie etwa die Nigerianer. Man spricht dieselbe Sprache oder hat zumindest ähnliche Interessen. Meist tun sich ein Dutzend Leute für ein, zwei oder drei „Geschäfte“ zusammen, trennen sich anschließend wieder, treffen sich erneut oder bringen sich gegenseitig um.

Die Drogenrouten verästeln sich immer weiter, und sie wechseln ebenso oft wie die Exporteure, Importeure, Mittelsmänner, Transitstationen und Hilfsarbeiter. Man benutzt die unterschiedlichsten Wege und Methoden, manchmal nebeneinander, manchmal zusammen, um effizienter zu sein und mehr Profit zu generieren.

„In den letzten zwei bis drei Jahren landen immer mehr zweimotorige Flugzeuge auf verlassenen Pisten in Westafrika, oder sie werfen ihre Fracht aus niedriger Flughöhe ab“, berichtet Pierre Lapaque. „Anschließend holt das Bodenpersonal die Ladung ab.“ Und auch der Seehandel oder der Transport durch Menschen (sogenannte Mulis) geht weiter. Wie die meisten normalen Handelsgüter wird auch der Großteil des Kokains von Südamerika nach Afrika über den Seeweg transportiert. Zwischen 2006 und 2008 habe man dafür vor allem Fischkutter benutzt, meint Lapaque: „Heute sind es Containerschiffe“.

Der kürzeste Weg über den Atlantik verläuft am 10. Breitengrad, einem „Streifen“ auf dem Ozean, den jeden Tag Tausende Containerschiffe und Fischtrawler, Segelschiffe und Touristenkreuzer befahren. Die europäischen und US-amerikanischen Sicherheitskräfte, die hier große Mengen an Drogen sicherstellen, nennen ihn „High-way 10“.

Tafel oder Kapsel, Pulver oder flüssig

Die Container, in denen das Kokain versteckt ist, werden vor allem in den internationalen Handelshäfen von Lagos (Nigeria) oder Lomé (Togo) gelöscht. Die Fischkutter geben ihre Ladung vor der Küste an kleinere Boote weiter: Außenborder, Einbäume oder Segelboote, die an einsamen Stränden, in den Mangroven oder den zahlreichen kleinen Buchten der westafrikanischen Atlantikküste vor Anker gehen.

Die „Mulis“, das bevorzugte Transportmittel der nigerianischen Drogenmafia, transportieren kleine Kokainpäckchen oder -kapseln am Körper, in Koffern, unter Kleidern und Perücken oder gar im Magen. Die Drogenkuriere reisen meist über die internationalen Flughäfen ein, zum Beispiel in Dakar (Senegal) oder Bamako (Mali). Die zweimotorigen Flugzeuge landen nach ihrem Transatlantikflug auf improvisierten oder verlassenen Pisten in Nordmali und Guinea-Bissau, aber auch auf offiziellen Flugplätzen.

Reines oder verschnittenes Kokain, als Tafel oder Kapsel, pulverförmig oder flüssig, wird in Sporttaschen oder tiefgefrorenen Fischen versteckt – es wechselt Aussehen, Form und Behälter, je nachdem, mit welchem Transportmittel es reist.

In Westafrika wird das Pulver gelagert und häufig noch aufbereitet, bevor es nach Europa weitergeschickt wird. Die bevorzugte Route führt durch die Sahara, von Mauretanien und Mali über Niger und Tschad bis nach Libyen und Ägypten. Seit 2011 werden die überladenen Konvois auf ihrem Weg durch die Wüste manchmal von jungen Tubus3 angehalten, die mit Waffen und Devisen aus Libyen zurückgekehrt sind. Nach einem geglückten Überfall teilen sie sich die Beute, denn sie verfügen über eigene Netzwerke, um die Drogen weiterzuverkaufen. „Jeder wird nach seinem Beitrag entlohnt: Ein Mann hat Anrecht auf einen Anteil, ein Mann mit einem Gewehr auf zwei Anteile, ein Fahrzeug ist zehn Männer wert, also zehn Anteile, und so weiter. Schwere Waffen werden auch in Anteilen aufgerechnet“, berichtet ein nigrischer Politiker, der ebenfalls anonym bleiben möchte.4

Was ist aus den Drogengeschäften geworden, seit sich in Nordmali die Mujao („Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“), die al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI) und Ansar Dine („Verteidiger des Glaubens“) festgesetzt haben? AQMI und Mujao5 beteiligen sich an dem Handel: Sie fordern Wegzoll von den Kokaintransportern und kassieren Schutzgeld.6 Zwar bezieht AQMI nur einen kleinen Teil ihrer Einkünfte aus dem Drogenhandel – mit Geiselnahmen verdient sie weitaus mehr –, doch das gilt nicht für die Mujao.

Merkwürdigerweise hat die Spaltung des Landes den Schmuggel jedoch nicht befördert. „Ein schwacher Staat ist für den Drogenhändler günstig, aber komplette Anarchie ist riskant“, vermutet unser Sahel-Experte. „Ohne vertrauenswürdige Mittelsmänner bei der Armee, Polizei oder in der Politik ist die Ware nicht mehr sicher. Selbst wenn die Drogenhändler mit allen Dschihad-Gruppen und der MNLA [Tuareg-Bewegung] im Norden Abkommen schließen, können sie trotzdem überfallen werden.“ Deshalb sind die Schmuggler in den benachbarten Niger ausgewichen: „Von Arlit bis Agadez bilden sich neue Schmugglerringe. Immer mehr Drogenhändler ziehen von Mali nach Niger“, erzählt der oben zitierte nigrische Politiker.

Trotz Anarchie und Chaos gibt es ein Land, das die Drogenhändler bisher nicht abgeschreckt hat: Guinea-Bissau. Es steht auf dem 15. Platz im „Failed States Index 2012“, gleich hinter Nigeria, und ist einer der Hauptumschlagplätze für Kokain in Westafrika. Nach Schätzungen der US-amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) kamen 2007 jede Nacht 800 bis 1 00 Kilogramm Kokain auf dem Luftweg in das kleine Land. Man hatte der Drogenmafia Flugplätze, Häfen und sogar ganze Inseln vermietet, direkt unter den Augen der Regierung, die der Armee die Verantwortung zuschob.

„Bei fast allen Drogenfunden zwischen 2006 und 2007 wurde nach der Beschlagnahmung von ein oder zwei Tonnen Kokain keine weitere Untersuchung eingeleitet, und wenn es doch geschah, kam es nie zu Verurteilungen“, erzählt ein französischer Landesexperte. „In Guinea-Bissau funktioniert der Drogenschmuggel dank eines Kuhhandels zwischen Armee und Zivilregierung. Die Offiziere sagen: ‚Die Regierungsleute im Anzug in ihren dicken SUVs verprassen das Geld vom IWF; dafür verdienen wir beim Drogenhandel mit!‘ “ Die Gewinne verschaffen der Armee eine gewisse Unabhängigkeit von der Regierung, aber die Drogen sind nur ein Geschäftszweig unter anderen: „Da gibt es zum Beispiel noch die Kontrolle der Fischereilizenzen, von den großen Fischerbooten bis zu den Trawlern internationaler Fischfangunternehmen – das ist ein Mittelding zwischen Schutzgelderpressung und Steuereintreibung“, meint der Forscher.

Nach einer Flaute, die etwa 2008 einsetzte, beobachteten die Beamten der europäischen Drogenverfolgungsbehörden Anfang 2012 die Ankunft mehrerer Tonnen Kokain, die wiederum mit Unterstützung hoher Offiziere nach Guinea-Bissau gelangt waren, darunter Generalstabschef Antonio Indjai und der Kommandeur der Luftwaffe Ibrahim Papa Camara. Als Rollbahn dienten Landepisten im Herzen von Guinea-Bissau und manchmal auch Straßen. „Die Armee kümmert sich um die Logistik und sorgt für den Schutz der Flugzeuge: Pisten, Kerosin, Lagerhallen und so weiter – ein Service wie bei DHL! Die Militärs beteiligen sich weder an der Organisation des Schmuggels noch am Wiederverkauf der Drogen – das ist ein reines Serviceunternehmen“, erklärt der Experte.

Die Armee als Dienstleister der Drogenschmuggler

Die vor allem in Südamerika ansässigen internationalen Kokainhändler haben mit den Spitzen aus Guinea-Bissaus Regierung und Armee ein Bündnis geschlossen. Der ehemalige Premierminister Carlos Gomes Júnior („Cadogo“), der beim Staatsstreich im April 2012 verhaftet wurde, stand unter Verdacht, den Schmuggel zu decken und daran zu verdienen. „Die Vorwürfe gegen Gomes gehen bis auf das Jahr 2008 zurück, als ein Boot mit kompletter Ladung verschwand. Man verdächtigte ihn, aber die Ermittlungen wurden eingestellt“, erinnert sich der Guinea-Bissau-Experte. Und der jüngste Putsch? „Nicht alles hängt mit dem Drogenhandel zusammen“, meint Pierre Lapaque, „aber er ist ein wichtiger Faktor, den man berücksichtigen muss. Alles, was den reibungslosen Ablauf stört, wird eliminiert.“

2011 gelang es Indjai, seinen Rivalen, Konteradmiral José Américo Bubo Na Tchuto, der damals Generalstabschef der Marine war, kaltzustellen und die Kontrolle der Häfen zu übernehmen. „Bubo“ stand bereits auf der „schwarzen Liste“ der USA für Drogenschmuggler und kam im Fahrwasser des Staatsstreichs 2012 wieder auf freien Fuß. Zurzeit scheint er jedoch nicht aktiv zu sein. Offenbar hatte sich Indjai, ein Vertrauter von Gomes Júnior, in letzter Minute den Putschisten angeschlossen, da er sich im Zweifelsfall lieber auf die Seite seiner Freunde im Militär stellte.

Der Staatsstreich im April 2012, unterstützt von „Cadogo“-Gegnern und getragen von der Armeebasis, hatte jedoch nichts mit dem Kokainhandel zu tun: Es ging um Wahlfälschung, alte Spannungen zwischen zivilem und militärischem Arm der Regierung, Ansprüche der Balanta – der wichtigsten Ethnie in der Armee – und Forderungen der autonomen Hauptstadt Bissau nach größerer Anerkennung. Die Furcht vor der Militärreform, die Gomes Júnior durchführen wollte, wog besonders schwer: Die Armee war dagegen, weil etliche Soldaten mit minimaler Entschädigung in den Ruhestand beziehungsweise in die Arbeitslosigkeit entlassen werden sollten. Nach dem Putsch im April 2012 geriet der Kokainhandel aufgrund des herrschenden Durcheinanders ins Stocken – eine Tendenz, die sich nach jedem ernsthaften Konflikt beobachten lässt.

Auch wenn Kokain inzwischen unbestritten die neue Einkommensquelle mancher westafrikanischer Eliten ist, muss man dennoch seinen Einfluss auf landesweite Konflikte relativieren. Die werden zwar mit Drogengeld finanziert, aber es geht dabei nicht vorrangig um Drogen. Die Kontrolle über den Schmuggel und die Durchgangsrouten standen sicherlich im Zentrum des Machtkampfs zwischen Indjai und „Bubo“ in Guinea-Bissau oder der Auseinandersetzung zwischen Tuareg und anderen Stämmen im Norden Malis vor 2012. Dennoch ist der Drogenhandel für zivile und militärische Regierungsmitglieder in Guinea-Bissau oder die bewaffneten Islamisten, die bis vor Kurzem nach Mali strömten, wie auch für die neue Regierungsmannschaft in Bamako vor allem Mittel zum Zweck.

Die Probleme in Westafrika betreffen jedoch nicht allein den Kokainhandel, der gern für die gesundheitlichen und sozialen Verwerfungen, auch in Europa, verantwortlich gemacht wird. Indem man mit dem Finger ausschließlich auf den Drogenschmuggel zeigt, gerät in Vergessenheit, wie sehr zum Beispiel der – sozial besser angesehene – Ölschmuggel in Ostnigeria zur Destabilisierung des Landes beiträgt. Mit ihrem vermeintlichen Kampf gegen die Drogen kann die Politik repressive Maßnahmen gegen Straßendealer und Abhängige rechtfertigen, ohne sich auch nur einen Deut um den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu kümmern.

Fußnoten: 1 Simon Julien, „Le Sahel comme espace de transit des stupéfiants. Acteurs et conséquences politiques“, in: Hérodote, Nr. 142, Paris, März 2011. 2 Über die Hälfte der Kokainlieferungen per Schiff nach Europa kommen aus Venezuela. Andere Startpunkte sind Brasilien, die Karibik und Kolumbien. 3 Die Tubu sind nomadisierende Viehzüchter, die ursprünglich in der zentralen Sahara lebten (heute Sudan, Tschad, Niger und Libyen). 4 Die Interviews wurden im November und Dezember 2012 durchgeführt. 5 Eine Beteiligung von Ansar Dine konnte nicht nachgewiesen werden. 6 Abdelkader Abderrahmane, „The Sahel: a crossroads between criminality and terrorism“, in: Actuelle de l’Ifri (Institut français des relations internationales), 10. Oktober 2012. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Anne Frintz ist Journalistin in Dakar.

Le Monde diplomatique vom 08.02.2013,