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Wo das Geld spielt

Die neue Ökonomie des Fußballs von Niels Kadritzke

New York Stock Exchange am 10. August 2012: Auf der Tribüne leuchtet das rote Vereinswappen von Manchester United. Davor zwei glatzköpfige Herren, die den Handelsbeginn einläuten dürfen. Joel und Avram Glazer, deren Vater Malcolm 98 Prozent der Anteile am berühmtesten englischen Fußballklub hält, feiern den Börsengang ihres Familienbetriebs.

Manchester United Ltd. alias ManU, wie der Klub zumeist genannt wird, ist als erstes Profisportunternehmen der Welt an der Wall Street angekommen. Wobei die Fußball-AG ihren rechtlichen Sitz zugleich ins Steuerparadies Cayman Islands verlegt hat. Was treibt einen Fußballklub an die Wall Street? Wie schafften es seine Besitzer, aus einem lokalen Sportverein einen globalen Konzern zu machen? Zumindest auf die zweite Frage findet sich die Antwort in der Fachpresse.1

Meldung 1: Am 15. Oktober verkündete Manchester United Ltd. einen Deal mit der Firma Bakcell mit Sitz in Baku. Der neue „offizielle Telekommunikationspartner“ darf die Programme des vereinseigenen Senders MUTV exklusiv als Handyabo an die ManU-Fans in Aserbaidschan verkaufen. Das Fußballunternehmen kassiert dabei nicht nur Lizenzgebühren, sondern darf auch hoffen, seine Fanbasis am Kaspischen Meer zu vergrößern und damit seinen globalen Marktwert zu steigern. Ähnliche Exklusivverträge hat der Klub kürzlich mit Telekommunikationspartnern in Bulgarien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Vietnam und Pakistan abgeschlossen.

Meldung 2: Am 18. Oktober berichtet die Fachpresse über einen neuen Sponsorenvertrag mit dem japanischen Softdrinkhersteller Kagome, der damit zum „offiziellen Softdrinkpartner“ von ManU geadelt wurde. Drei Wochen vorher hatte der Verein einen ähnlichen Vertrag mit Yanmar, einem großen Maschinenbauer in Osaka abgeschlossen. Ihren lukrativsten Sponsorencoup hatten die Manager von United Ltd. schon Ende Juni gelandet: Ein über sieben Jahre laufender Vertrag mit Chevrolet sieht vor, dass die General-Motors-Tochter dem Fußballunternehmen aus Manchester für die Trikotwerbung 560 Millionen Dollar (430 Millionen Euro) zahlt. Macht pro Jahr rund 61,5 Millionen Euro.

Dass ein Fußballklub allein mit der Verpachtung der Reklamefläche auf der Brust seiner Spieler zig Millionen Euro einnehmen kann, ist das Resultat dreier gesellschaftlicher Prozesse, die in den 1970er Jahren begonnen und sich seither rasant beschleunigt haben. Diese sind, erstens, der Aufstieg der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie im Zusammenhang mit der Entwicklung einer globalen Spaß- und Event-Gesellschaft; zweitens die rasante Entwicklung der Telekommunikationstechnologie und drittens, damit einhergehend, die über die Medien transportierte Globalisierung des professionellen Spitzensports. Von diesen Trends am stärksten profitiert hat der Profifußball, der sich längst weltweit als Zuschauersport Nummer eins etabliert hat.

Professioneller Spitzenfußball ist auf dem besten Weg, zum „Hollywood“ des 21. Jahrhunderts zu werden. Interpretiert von hoch bezahlten Artisten, inszeniert im nationalen Ligabetrieb und internationalen Pokalwettbewerben, ist er das neue Freizeitspektakel für die Massen in aller Welt, vornehmlich für deren männlichen Teil. Wobei die Fußballbranche womöglich noch größere kommerzielle Möglichkeiten bietet als die Filmindustrie, weil sich aus ihrem Kernprodukt, dem Stadionereignis, zahlreiche sekundäre Geschäftszweige entwickeln lassen.

Kein Verein hat dies früher erkannt und zielstrebiger genutzt als Manchester United. Aufbauend auf einer 134 Jahre alten Tradition und einer ebenso erfolgreichen wie dramatischen Geschichte,2 wurde ManU zu einer „weltweit führenden Sportmarke mit einer Community von 659 Millionen Anhängern in aller Welt“. So steht es auf der Website des Fußballunternehmens, die diese leidenschaftliche Fangemeinde gleich auch als „eine globale Plattform“ anpreist, die „erhebliche Profite aus einer Vielzahl von Quellen generiert“.3

Der Stellenwert der einzelnen Profitquellen ist der Geschäftsbilanz von Manchester United zu entnehmen, die für die Saison 2011/2012 Gesamteinnahmen in Höhe von umgerechnet 393 Millionen Euro meldet.4 Dabei entfallen 144 Millionen Euro, mehr als ein Drittel, auf die „kommerziellen Einnahmen“ – hauptsächlich Sponsorenverträge, aber auch Erlöse aus Merchandising, also dem Vertrieb der zahllosen Fanartikel, von „Replika-Trikots“ bis zu Badezimmermatten. Der zweitgrößte Posten sind die Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte mit 128 Millionen Euro. Erst dann folgen die Erlöse aus Eintrittskarten mit 121 Millionen Euro. Deutlich kleiner ist mit 25,5 Millionen Euro der viertgrößte Posten „neue Medien und mobile Dienste“, doch dieser verzeichnet die weitaus höchste Steigerungsrate. Nach Abzug der Ausgaben, vor allem für die Spieler und das Betreuerteam, verbleiben dem Fußballunternehmen 42,3 Millionen Euro Gewinn, was einer Rendite von 11 Prozent entspricht.

Die betriebswirtschaftliche Bilanz des Klubs – oder vielmehr: des Konzerns – ist zwar keineswegs repräsentativ für die gesamte Branche, doch gilt die Struktur der ManU-Einnahmen als Richtwert für alle professionellen Fußballklubs in Europa. Die meisten von ihnen werden dennoch nicht den Gang an die Börse wagen. Damit kommen wir auf die Frage zurück, warum Malcom Glazer überhaupt an die Wall Street gegangen ist.

Die Antwort hängt mit dem Geschäftsmodell des ManU-Besitzers zusammen. Der Boss des auf den Betrieb von Einkaufszentren spezialisierten US-Unternehmens First Allied hatte sein englisches Kronjuwel im Mai 2005 den anderen Anteilseignern abgekauft. Für den Erwerb nahm Glazer Bankdarlehen in Höhe von für 970 Millionen Euro auf, die er auf das gekaufte Unternehmen umschreiben ließ. Mit der Folge, dass diese Bankschulden seitdem aus den Einnahmen von Manchester United Ltd. abbezahlt werden. Dieses Modell wird sonst vor allem von Private-Equity-Fonds praktiziert, die der deutsche Volksmund zu Recht als Heuschrecken bezeichnet. Wobei Glazer allerdings kein asset stripper ist, der den Klub ausnehmen und möglichst bald wieder abstoßen will. Er sei ja kein Dummkopf, heißt es dazu in When Saturday Comes (WSC), dem Magazin der kritischen ManU-Fans: „Jetzt, wo seine anderen Geschäftsinteressen unter der Rezession leiden, warum sollte er da ausgerechnet seine Cashcow United verkaufen?“5

Seit 2005 hat die Glazer-Familie aus den ManU-Einnahmen 430 Millionen Euro an die Banken zurückgezahlt. Damit liegt der aktuelle Schuldenstand immer noch bei 540 Millionen Euro. Daher wollte Glazer mithilfe der Börse mindestens 250 Millionen Euro einnehmen. Aber die Rechnung ging nicht auf: Statt zum erhofften Preis von 20 Dollar ließ sich die ManU-Aktie nur für 14 Dollar absetzen. Damit brachte der Börsengang nur 172 Millionen Euro.6 Von denen wurde nur die Hälfte zum Abbau der Bankschulden genutzt, die andere Hälfte floss in die Privatschatulle des Eigentümers. Und seither ist der Kurs der ManU-Aktie noch weiter gefallen, Mitte November lag er bei 12,98 Dollar, 7,3 Prozent unter dem Ausgabepreis.7

Der nicht ganz so erfolgreiche Börsengang des Malcolm Glazer wird in der Fußballbranche eine Ausnahme bleiben. Zwar interessieren sich Investoren durchaus auch für andere Klubs, doch von denen bringen nicht viele so günstige, da kommerziell gut verwertbare Voraussetzungen mit wie Manchester United mit seiner großen nationalen Tradition, seinem weltweiten Anhängerstamm und seiner globalen Medienpräsenz. In dieser Hinsicht können nur wenige „Spitzenmarken“ wie der FC Barcelona und Real Madrid mithalten. Diese drei Vereine gelten als die „werthaltigsten“ Klubs der Welt. Auf der Rangliste des Wirtschaftsmagazins Forbes rangiert ManU mit 2,2 Milliarden Dollar vor Real Madrid mit 1,9 Milliarden und dem FC Barcelona mit 1,3 Milliarden Dollar. Auf Platz fünf liegt Bayern München mit einem geschätzten Wert von 1,2 Milliarden Dollar.

In England ist nur ein anderes Anlageobjekt mit ManU vergleichbar: Der FC Liverpool gehört seit 2010 zu 100 Prozent dem US-Amerikaner John W. Henry, der in seiner Heimat in mehreren Profiligen (Baseball, Football) engagiert ist. Bei Arsenal London dagegen hält Stan Kroenke, der in den Vereinigten Staaten mehrere Basketball-, Baseball- und Eishockeyvereine und auch einige Sportstadien besitzt, nur knapp 30 Prozent der Aktien. Er muss die Macht mit einem zweiten Großinvestor teilen, mit dem russischen Oligarchen Alischer Usmanow.

Die englische Premier League zieht – vor allem aufgrund ihrer hohen Fernseheinnahmen – das meiste Kapital an. Heute gehören sämtliche englischen Erstligaklubs ganz oder teilweise einem Finanzkonsortium oder Einzelinvestoren, vornehmlich aus Übersee. Aber auch die Profiligen von Spanien, Italien und Frankreich entwickeln sich zu attraktiven Anlagefeldern. Anfang August 2012 hat eine Gruppe chinesischer Investoren, hinter denen angeblich der staatliche Eisenbahnbau-Konzern steht, für rund 70 Millionen Dollar einen Anteil von 15 Prozent bei der Holdinggesellschaft von Internazionale Milano erworben.

Der Fall Inter ist doppelt interessant. Zum einen, weil hier asiatisches Kapital im europäischen Spitzenfußball angelegt wird – als logische Ergänzung zur wachsenden Popularität europäischer Klubs in Asien. In England beispielsweise haben sich ein malaysischer Tycoon bei den Queen’s Park Rangers und ein Milliardär aus Hongkong bei Birmingham City eingekauft. Inter Mailand will mit dem Einstieg der Chinesen „seine Präsenz auf den asiatischen Märkten erweitern“ und dem Verein damit „neue Ressourcen für eine bessere internationale Zukunft und für erhöhte Gewinnaussichten“ erschließen, ließen die Eigentümer verlautbaren.8

Profiteure oder Sugardaddys

Das Beispiel Inter Mailand zeigt aber zugleich auch, wie sich das alte und das neue Geschäftsmodell des Profifußballs miteinander verschränken. Den weitaus größten Anteil am Mailänder Traditionsverein hält nach wie vor die einheimische (Öl-)Unternehmerfamilie Moratti. Deren jüngster Spross Massimo ist seit 1995 Inter-Präsident und soll seitdem 750 Millionen Euro in den Klub gesteckt haben. Leute wie Moratti betreiben einen Fußballklub nicht als Unternehmen, das Profite, sondern als ein Hobby, das vor allem Prestige abwirft.

Die preistreibende Hochkonjunktur im Fußballgeschäft – und die italienische Wirtschaftskrise – machen ein solches Hobby jedoch zu teuer. Seriöse Unternehmermäzene wie Moratti oder der Fiat-Eigner Agnelli (Juventus Turin) sind im heutigen Profifußball ein Auslaufmodell. Wenn sie sich mit Finanzinvestoren zusammentun, gewinnen sie auf der einen Seite neue Marktchancen, auf der anderen Seite büßen sie aber ein großes Stück Kontrolle über die Geschicke des Fußballunternehmens ein.

Der Fußballmäzen alter Schule hat allerdings einen Nachfolger gefunden – einen, der über mehr Spielgeld und weniger Skrupel verfügt als seine Vorgänger. In der Regel kommt er aus dem neukapitalistischen Osten oder aus der Golfregion. Als „Sugardaddys“ bezeichnet der Fußballexperte Simon Kuper die Oligarchen und Ölprinzen, die den Fans in England und anderswo mit Millionensummen für den Einkauf neuer Superstars den Kopf verdrehen. Diese reichen Onkels sind beim breiten Fußballpublikum beliebter als die Glazers und die Kroenkes, die ihre Investitionen am Ende ausreichend amortisiert sehen wollen. Und die deshalb nicht zögern, einen wertvollen Spieler zum optimalen Marktpreis zu verkaufen, ohne sich um die Gefühle der Fans zu scheren.

Fußballökonomen unterscheiden bei den Investoren zwischen dem Typ des Gewinnmaximierers (Glazer und Co.) und des Titelmaximierers. Ein Hochglanzexemplar der zweiten Kategorie ist der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der seit der Übernahme des FC Chelsea circa 1,2 Milliarden Euro in den Londoner Klub investiert haben soll. Etwa dieselbe Summe hat Scheich Mansur bin Zayed Al Nayhan, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, für Spieler von Manchester City ausgegeben, seit er den Lokalrivalen von ManU 2008 gekauft hat. Beim französischen Spitzenklub Paris St. Germain regiert seit 2011 der Kronprinz von Katar, dessen Firma Qatar Sport Investment 70 Prozent der Klubanteile erworben hat.

Als Gegenwert genügt diesen steinreichen Käufern in der Regel tatsächlich das Prestige, das sie sich von einem erfolgreiche Fußballteam versprechen. Wobei die sportlichen Erfolge den willkommenen Effekt haben, die dunkle Herkunft des obszönen Oligarchenreichtums vergessen zu machen. Allerdings ist höchst unsicher, wie lange solche Eigentümer, die früher vielleicht ein paar Rennpferde gekauft hätten, den Spaß an ihrem neuen Spielzeug behalten.

Ein Sonderfall ist die russische Premier Liga. Hier treten bei vielen Provinzklubs lokale Oligarchen als die reichen Onkels auf, so beim FC Krasnodar oder bei Anschi Machatschkala aus Dagestan. Dagegen werden Zenit St. Petersburg und die traditionsreichen Moskauer Klubs von staatlichen Konzernen finanziert: Lokomotive Moskau sinnigerweise vom Staatsunternehmen Russische Eisenbahnen (RZD), Dynamo und ZSKA von der VTB-Bank, die zu drei Vierteln dem Staat gehört.

Ein weiterer Sonderfall ist die deutsche Bundesliga. Hier soll kein privater Investor einen Klub dominieren können: Laut Ligastatut müssen mindestens 51 Prozent der Stimmen in den Entscheidungsgremien beim „Mutterverein“ verbleiben. Diese Schutzmauer wollen potenzielle Investoren – wie der Hörgerätefabrikant Kind als Präsident von Hannover 96 – allerdings niederreißen. Zudem schützt diese Regelung keineswegs vor einer „informellen“ Übernahme: Beim Parvenu-Verein TSG Hoffenheim stammt das Kapital der Betreibergesellschaft zu 96 Prozent von dem Unternehmer Dietmar Hopp (SAP), dessen Vermögen auf 4 Milliarden Euro geschätzt wird. Hopp begnügt sich zwar formell mit 49 Prozent der Stimmrechte, hat faktisch aber das alleinige Sagen. Unübersichtlich und schwer bezifferbar ist auch der Einfluss von Großkonzernen wie VW und Bayer, die beim VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen den reichen Onkel geben.

Solche riesigen Kapitalwerte als Spielgeld haben am ehesten russische Oligarchen und arabischen Scheichs für die expandierende Fußballbranche übrig. Und nicht Hedgefonds und Heuschrecken-Investoren aus den USA, für die Fußballerfolge nicht so leicht zu kalkulieren sind, wie sie sich das wünschen würden. Aber nicht jeder, der als Superreicher oder Ölprinz auftritt, ist auch wirklich ein solcher. Der hoch verschuldete spanische Erstligaklub Racing Santander wurde beispielsweise im Januar 2011 von einem indischen Milliardär namens Ahsan Ali Syed gekauft, der seine Vermögen als „Finanzberater“ in Dubai gemacht hatte. Acht Monate später war er als Hochstapler und Betrüger entlarvt, gegen den in Dubai ein Haftbefehl vorliegt. Und die Racing-Anhänger sind um eine Illusion ärmer.

Am Beispiel Racing lässt sich zeigen, welche Rolle die Fans bei der rasanten Kommerzialisierung und „Finanzialisierung“ des Profifußballs spielen. Der indische Hochstapler hatte versprochen, den Provinzverein aus Santander zur „dritten Supermacht“ im spanischen Fußball zu machen. Solche Aussichten machen begeisterte Vereinsanhänger ebenso euphorisch wie blind. Nichts ist ihnen wichtiger als der Erfolg ihres Klubs. Zwar wollen sie sich weder von Kapitalverwertern betrügen noch von Hochstaplern verarschen lassen. Aber von einem Sugardaddy mit tollen, teuren Spielern und Titeln verwöhnt zu werden, das ist für viele die Erfüllung aller Träume. Wo das Geld herkommt, ist den meisten egal, Hauptsache, es wird in die Mannschaft gesteckt und in Erfolge umgemünzt.

Aber natürlich sind die Fans auch schizophren: Wenn es schiefgeht oder wenn der Heilsbringer sich von ihrem Klub wieder abwendet – wie es in europäischen Ligen ständig geschieht –, sind sie sauer und berufen sich auf die ursprüngliche und angeblich „saubere“ Fußballethik, die durch das viele Geld verdorben wurde.

Am offenkundigsten ist diese Schizophrenie im Verhältnis zu den Fußballhelden. Wenn der Geldgeber des Klubs einen tollen, teuren Spieler einkauft, wird er von den Fans wie ein Messias verehrt. Lässt sich aber einer ihrer Helden für ein besseres Gehalt abwerben, gilt er sofort als Judas. Dabei übersehen sie, dass sie selbst es sind, die mit ihren Erwartungen den Überbietungswettbewerb zwischen den Klubs anheizen, die Gehälter der Profikicker immer weiter in die Höhe treiben und die „Millionäre in kurzen Hosen“ zu den ganz großen Gewinnern im internationalen Profisport machen.

Dazu einige Zahlen, wiederum aus dem Mutterland des fußballerischen Turbokapitalismus: In der englischen Premier League sind die durchschnittlichen Spielergehälter zwischen 1992 und 2010 auf 1 508 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum hat sich das nominale Durchschnittsgehalt von Nichtfußballprofis knapp verdoppelt. Die Einkommen der Spitzenfußballer stiegen also ungefähr achtmal so schnell wie die ihres Publikums – das auch noch verzehnfachte Eintrittspreise bezahlt. Eine enorme Steigerung der Spielergehälter gibt es nicht nur in der obersten englischen Liga. Die Bezüge sind auch in der zweiten Liga auf 518 Prozent und selbst in der dritten Liga noch auf 306 Prozent gestiegen. 9

Ebenso aufschlussreich ist eine weitere Zahl: 1997 gaben die Erstligaklubs 48 Prozent ihrer Einnahmen für Spielergehälter aus; 2011 war dieser Anteil auf 70 Prozent gestiegen. Wobei die zweite Zahl eine bemerkenswerte Spreizung verbirgt: Bei Manchester United – im Besitz der Heuschrecke Malcolm Glazer – beträgt dieser Anteil 46 Prozent. Beim Lokalrivalen Manchester City – im Besitz von Sugardaddy Mansur – machen die Spielergehälter 114 Prozent der Klubeinnahmen aus. Das heißt: Der Scheich aus Abu Dhabi subventionierte vor allem die spielenden Millionäre.

Letzten Endes sind es aber die Fans, die ihre Helden zu jenen opportunistischen „Söldnern“ machen, die das genaue Gegenteil ihrer bedingungslosen Vereinstreue repräsentieren. Dies ist der eine große Grundwiderspruch im modernen Profifußball. Gibt es einen groteskeren Gegensatz als den zwischen dem vagabundierenden Spielerunternehmer, der seinen Marktwert mithilfe und zum Nutzen professioneller Agenten ständig zu steigern versucht, und dem Fußballfan, der seinem Verein eine bedingungslose Treue hält, die er seiner Freundin oder Frau nie schwören würde?

Aber die Fans haben gelernt, mit diesem Grundwiderspruch zu leben, wenn sie ihn denn erkennen. So wie sich mit vielen der Folgen abgefunden haben, die sich aus der Finanzialisierung ihres Sports ergeben, obwohl sie am Anfang heftig opponiert haben.

Ein Beispiel ist die Zersplitterung der Ligaspieltage, die einige TV-Konzerne, die auf das Verkaufsmodell Pay-TV setzen, gegenüber den nationalen Verbänden durchgedrückt haben. Seit es Unternehmen wie Sky gelungen ist, Millionen Fans für Liveübertragungen hohe Abogebühren abzuknöpfen,10 wollen sie die Rendite immer weiter steigern. Deshalb ist aus „Bundesligaspieltag“ das „Bundesligawochenende“ geworden, das sich über drei Tage hinzieht. Dabei sind die Spiele am Samstag und Sonntag zeitlich so gestaffelt, dass die Fußballsüchtigen pro Wochenende insgesamt acht Stunden Livefußball geliefert bekommen – und die Sender vervielfachte Werbeeinnahmen. Den meisten Fans war der neue Bundesligatakt anfangs verhasst, weil sie sich um die Spannung eines vollständigen, zeitgleich ausgetragenen Ligaspieltags betrogen fühlten. Doch die meisten haben sich längst auf das endlose Fußballwochenende eingestellt. Und wenn am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag auch noch die Spiele der Champions League und der Europa League dazukommen, fühlen sich viele mit einer Festwoche beschenkt.

Dieses Gefühl ist in gewisser Weise absolut verständlich. Denn was die Liveübertragung eines europäischen Spitzenspiels heutzutage bietet, ist tatsächlich ein faszinierendes Spektakel. Das kann nur leugnen, wer sich noch nie vom FC Barcelona verzaubern ließ. Tempo, Athletik, individuelle Technik, kollektive Spielintelligenz, alle Elemente des modernen Fußballs haben sich mit zunehmender Kommerzialisierung enorm entwickelt. Nimmt man die perfektionierte TV-Präsentation hinzu, hat die Attraktivität des Fußballs für ein breites Publikum – sein Gebrauchswert also – unglaublich zugenommen.

Pay-TV macht’s möglich: Kaum ein Tag ohne Spiel

Leugnen ist zwecklos: Das Geld hat eine qualitativ neue Fußballästhetik hervorgebracht, die den Tauschwert der Ware immer weiter erhöht – und damit wiederum den Marktwert der Stars. Wobei die Ablösesummen und Gehälter für internationale Spitzenkräfte ein weiteres Paradox im modernen Fußball illustrieren: Denn Popstar-Honorare für Teamplayer, die ohne ihre zehn Mitspieler brotlose Künstler wären, sind natürlich ein Widerspruch in sich.

Aber die Fans nehmen diesen Widerspruch so klaglos hin wie die Willkürherrschaft eines Abramowitsch, solange sich der Erfolg einstellt. Doch es gibt einen Punkt, an dem die Herrschaft des Geldes mit dem sportlichen Kern des Fußballs in Konflikt gerät. Dieser Kern ist ein leidlich fairer Wettbewerb in einem Ligabetrieb, bei dem der nationale Champion ermittelt wird. Damit wird die ewig spannende Frage, wer gewinnt, über eine ganze Saison gedehnt und im besten Fall erst am letzten Spieltag entschieden.

Die Spannung im Fußball besteht darin, dass man nicht weiß, wie es ausgeht, hat der Fußballweise Sepp Herberger formuliert. Zu einem interessanten Wettbewerb, ob im einzelnen Spiel oder in der Liga, gehört eine gewisse Unberechenbarkeit. Wenn das Geld ungehemmt regiert, wird der Fußball einem Marktfundamentalismus ausgeliefert, der bekanntlich zur Monopolbildung neigt. Monopol bedeutet aber – als Erzfeind von Wettbewerb und Chancengleichheit – die pure Langeweile.

Da die Attraktion des Fußballs als Zuschauersport von Spannung lebt, haben die professionellen Macher auf Vereins- wie Verbandsebene erkannt, dass sie diesen bedrohlichen Widerspruch auflösen oder moderieren müssen. Die Gefahr, dass die Spannung stirbt, weil immer dieselben gewinnen, ist bereits heute in der englischen Liga akut, wo Investoren, Oligarchen und Ölprinzen schon das Kommando übernommen haben. Zwar gibt es in der Premier League heute die „großen fünf“, die realistische Chancen auf die Meisterschaft haben. Aber wenn nur noch drei oder zwei übrig bleiben oder gar am Ende immer dasselbe Team gewinnt, ist der Fußballbetrieb am Ende. Deshalb hat selbst der Verband der Ligaklubs die Einsicht gewonnen, dass der Einfluss von „Fremdgeld“ und Investoren eingedämmt werden muss.

Auf der Ebene des europäischen Verbands ist man einen Schritt weiter. Die Uefa hat bereits 2009 neue Regeln für ein Financial Fairplay (FFP) beschlossen. Sie besagen, dass ein Klub für Spielergehälter nicht mehr ausgeben darf, als er aus dem Spielbetrieb (inklusive Vermarktung), eingenommen hat. Das neue FFP-Regime sollte ursprünglich ab 2012 gelten, aber die Lobby der europäischen Profivereine hat inzwischen durchgesetzt, dass die Regeln verwässert und etappenweise erst bis 2015 eingeführt werden.11

Die Regeln „finanzieller Fairness“ werden dann auch für die englischen Vereine gelten, die sich für die europäischen Wettbewerbe qualifizieren. Damit werden Klubs wie Chelsea und Manchester City „von oben“ gezwungen, die Finanzierung aus undurchsichtigen und unkontrollierbaren Quellen zurückzufahren. Der Sugardaddy soll zum schwäbischen Mittelstandsunternehmer werden. Es bleibt abzuwarten, ob und wie er sich dem entziehen kann.12

Es gibt einen weiteren Punkt, an dem die Interessen der Investoren den Fans das Spiel verderben können. Ob Fußballheuschrecken oder Spaßmilliardäre, sie alle wollen in der ersten Klasse mitspielen. Im nationalen Ligabetrieb gibt es dagegen die Möglichkeit des Abstiegs, der zum spannenden Saisonverlauf genauso gehört wie die Meisterschaft. Aus der Sicht des Investors ist der Abstieg in eine untere Liga pure Kapitalvernichtung. Deshalb ist sein Ideal die geschlossene Liga mit garantierten Lizenzen, die zwar für Geld ihren Besitzer wechseln, nicht aber durch sportlichen Misserfolg verspielt werden können.

In den USA ist dieses Konzept in den großen Publikumssportarten Football, Baseball und Basketball längst etabliert. Im europäischen Fußball wird es nur mit Mühe durchzusetzen sein. Denn die Verbindung zwischen der obersten Profiliga und ihrem Unterbau bis hin zum Amateurfußball ist – zum Beispiel in Deutschland, England oder Frankreich – noch intakt. Dass etwa ein FC Augsburg aus der Zweiten Liga aufsteigen oder der 1. FC Köln aus der Bundesliga abstürzen kann, gehört zum Reiz des Gesamtunternehmens.

Aber diese Verbindung wird schwächer, und wieder sind die Fans die Verlierer. Nur Fußballromantiker glauben, dass die „wahren Fans“ am Ende gegen die Fußballprofiteure gewinnen können. Wie sehr diese Liebeskranken durch Investoren verführbar sind, erleben wir aber schon jetzt. Und das wird erst recht für die Fans von morgen gelten. Denn das kommerzielle System hat längst begonnen, sich ein entsprechend handzahmes Publikum heranzuziehen.

Auch das läuft vor allem auf der Ebene der digitalen Vermarktung. Das beste Beispiel sind die Fußballmanagement-Spiele, die Unternehmen wie Sony über ihre Playstation vor allem für Jugendliche pushen.13 Da lernen die Fans von Kindesbeinen an, den Marktwert von Spielern zu kalkulieren, Fernsehlizenzen zu verkaufen und Sponsorengelder zu akquirieren. Mit dem alleinigen Ziel, den sportlichen mit dem kommerziellen Erfolg zu versöhnen.

Der eigentliche Triumph der Kommerzialisierung vollzieht sich also in den Köpfen des Publikums. Schon heute gehören zum fußballerischen Stammtischwissen nicht nur die Trefferquoten und Zweikampfwerte der einzelnen Spieler, sondern auch die Vermögens- oder Schuldenbilanz der Vereine, die Gehälter der Stars und die Gewinnspannen ihrer Berater.

Erstaunlich ist nur, wie wenig die Fans aus diesem neuen Fachwissen machen. So haben sie nicht einmal gelernt, die Kommerzialisierung ihrer großen Leidenschaft im eigenen Interesse zu nutzen. Stattdessen lassen sie sich nach wie vor zum Dummen machen. Denn gibt es Dümmeres, als mit dem Tragen von Vereinstrikots im Stadion und auf der Straße für Klubsponsoren zu werben, ohne dafür Geld zu kassieren? Und stattdessen 100 Euro draufzuzahlen; und zwar jedes Jahrs aufs Neue, weil die Vereine pro Saison eine neue Trikotvariante auf den Markt werfen. Wenn die Fußballverrückten bei Saisonbeginn solidarisch beschließen würden, die Fanshops mit ihren Wucherpreisen zu boykottieren, würde man ihnen nach zwei Wochen vor dem Stadion die neuesten Trikots mit Schleifchen überreichen. Bezahlt von den Unternehmen, deren Logos die Gratishemden zieren.

Fußnoten: 1 Siehe etwa football-business.net undsoccerex.com. 2 Weltweite Sympathien gewann ManU vor allem nach dem Flugzeugunglück von München im Februar 1958. Zu den Todesopfern des Absturzes gehörten acht Spieler und drei Betreuer des Teams, das auf dem Rückflug von einem Spiel in Belgrad in München zwischengelandet war. Zu den Überlebenden gehörte Trainer Matt Busby, der mit den „Busby-Babies“ 1956 und 1957 den englischen Titel gewonnen hatte. 3 Siehe manutd.com. 4 Nachzulesen in der Fachzeitschrift FC Business – the Business Magazine for the Football Industry, 18. September: fcbusiness.co.uk. 5 Ashley Shaw, „Bonds of Trust“, WSC, März 2010. www.wsc.co.uk/the-archive/40-Business-&-finance/7520-bonds-of-trust. 6 Mehr Details in: The Guardian, 16. Oktober 2012. 7 Siehe Wall Street Journal, 14. November 2012. 8 Siehe die BBC-Meldung vom 2. August 2012: bbc.co.uk/news/business-19090179. 9 Diese und alle folgenden Zahlen aus: Dave Boyle, „Football Mad: are we paying more for less?“, London, 20. August 2012: highpaycentre.org/pubs/football-mad-are-we-paying-more-for-less. 10 Die Pubs in Großbritannien mussten 2010 für ein Fußball-Pay-TV-Abo hundertmal so viel zahlen wie 1992. Siehe Dave Boyle, Anmerkung 9. 11 Ab 2014 können die ersten Sanktionen ausgesprochen werden; als Höchststrafe ist der Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben wie Champions League vorgesehen. Siehe auch:wikipedia.org/wiki/UEFA_Financial_Fair_Play_Regulations 12 Erste Wirkungen zeigt die Regelung beim FC Malaga. Bei dem spanischen Erstligaklub war 2010 ein anderer Ölprinz aus Katar eingestiegen, der seine Investitionen seit 2012 stark zurückfährt. Als Grund verweist er auf die neuen FFP-Regeln der Fifa. 13 Zu besichtigen unter: premiermanager.com/site/. Niels Kadritzke ist Redakteur der deutschsprachigen Ausgabe von Le Monde diplomatique. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.12.2012,