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Die Vielflieger

von Kathrin Röggla

Wir bleiben ja doch immer in Flughafennähe, hat man sich vor einer großen Reise gesagt, wir halten uns da auf, egal ob wir nach Usbekistan fahren, nach Indien oder Nigeria. Das schaffen wir so einfach, mir nichts, dir nichts. Wir bleiben ja auch sonst immer in unseren Nonstopautos sitzen, die immer nur weiterfahren, die immer ihre Straßen haben, ihre Leitplanken und Mittelstreifen, ihre Sideboardcafés und Raststätten, ihre Restaurants für Internationals. Wir Mitarbeiter der weltweiten Reisebewegung, der mobilen Achse dieser Welt, wir sitzen zusammen mit der ganzen KPMG, den Weltbankwesen, den Angestellten irgendwelcher UNO-Unterorganisationen im Flugzeug – was heißt Angestellten, Zusammengecastete, aus allen Organisationswelten Zusammengecastete, die von irgendwelchen Großorganisationen bröckchenweise finanziert werden, nicht endfinanziert, wie immer alle denken, endfinanziert wird ja heute gar nichts mehr.

Es heißt, wir haben unsere eigenen Sicherheiten, unsere neuen Sicherheiten, Zwischensicherheiten, Risikomanagementsicherheiten, doch keiner weiß genau, was das sein soll, aber darüber nachzudenken, haben wir keine Zeit. Auch jetzt sehen wir nur hektisch unsere Unterlagen durch, die bei unserer eigenen Wette auf die Zukunft rausgekommen sind. Inmitten der allgemeinen riesigen Wetten auf die Zukunft, der Geld- und Währungswetten, der Rohstoffwetten, Ölwetten, die wir längst kollektiv verloren haben, gibt es nämlich unsere eigene kleine, und sie ist ebenso produktiv, auch wenn es mehr so Papier ist, was rausgekommen ist in unendlichen bürokratischen Prozessen. Papier, das jetzt stapelweise auf unseren Knien liegt und jeden Augenblick nach unten zu rutschen droht. Wir halten es fest und konzentrieren uns wieder.

Nur hin und wieder sehen wir aus dem Fenster und blicken auf diese Landschaft unter uns: Pure Geografie, denken wir uns dann, aber natürlich gibt es so was wie pure Geografie nicht. Genauso wenig, wie es pure Betriebswirtschaft gibt, und doch sehen wir nichts als Unternehmensberatungsbewegungen, die durch die Länder gehen. Teils erfolgreich, teils vergeblich, an autokratischen oder dirigistischen Verhältnissen zerschellen, Diktaturen, Planwirtschaften. „Die reinste Planwirtschaft“, nicken wir uns zu, ansonsten Stille da unten.

Ja, unter uns ziehen die beinahe abstrakt anmutenden Gebirgsmassive Pakistans vorbei, die grünen Weiten Aserbaidschans, das Kaspische Meer, die kleinteiligen Felder Indiens, rote Erde irgendwo, Himalajaprofil, Indischer Ozean, Städte, die kleiner wirken, als sie sollten. Städte, die wir gar nicht glauben können, aber das müssen wir auch nicht, hier oben. Die Orientierung kommt von vorne, von Bildschirmen, die uns Höhenmeter sagen, die uns Geschwindigkeiten verraten und Kilometer bis zum Ziel. Das sind unendlich viele, ahnen wir, die schaffen wir gar nicht. Wir wissen, wir müssen noch eine ganze Zeit in der Luft bleiben.

Derweil überlegen wir, was all die Typen links und rechts von uns eigentlich machen? Einer ist unterwegs, um kleinen NGOs in Kirgisien die Welt zu erklären, die Schulbuchwelten zum Beispiel, die Grundschulwelten, die sie organisieren wollen top down und die sich doch kaum von den afghanischen Grundschulwelten unterscheiden werden, strukturell, oder? „Parachuting for two days“ – mit dem Fallschirm in die Stadt und wieder aus ihr raus, und schon steht die Schulbuchwelt.

Oder, auf dem Platz daneben, die Tante mit ihren Grenzkontrollchips für Kambodscha. Damit die Locals einfacher zu ihren vietnamesischen Märkten können, oder war es umgekehrt? Die Locals, die uns begegnen und merkwürdig langsam geworden sind, während wir immer schneller werden.

Die Hausarztorganisation von Georgien sitzt neben mir auf Platz 7D, immerhin eine WHO-Dame, wer hätte das gedacht, immerhin noch WHO-geschickt, erfahre ich von der Zuständigen, die schon Haiti, Kopenhagen und die Fidschi-Inseln hinter sich hat und ihre Arbeitswelt in diejenige aufteilt, die die LSE (London School of Economics) absolviert, und in die, die ihre Ausbildung von der LSHTM (London School of Hygenie and Tropical Medicine) erhalten haben.

Der Wassermensch auf Platz 9B hinter mir beginnt zu nerven. Er sei ein Weltbankmensch, er möchte usbekischen Baumwollbauern unter die Arme greifen, logistische Fragen lösen, Wasserleitungen warten. Sein Gemisch aus Zynismus und Idealismus vernebelt mir die Sicht. Ist Rauchen denn nicht verboten?

Irgendwo muss auch der Finanztyp sein, der eben noch neben mir gesessen und seine Erdnusspackung nervös bearbeitet hatte. Ein Berater, mit einem ganzen Team unterwegs in Sachen PPP, Public Private Partnership, auf das er aber erst vor Ort treffe. Er schreibe andauernd Studien und Artikel, die er dann auch veröffentliche. Mir geht er schon direkt ab, dieser andauernde Informationsfluss von rechts. Er sprach andauernd von grober Fahrlässigkeit im Risikomanagement, was jetzt die neueste Mode sei. Kostet aber zu viel, ahne ich. Wird also niemand wollen. Der Finanztyp, der diesmal in einem öffentlichem Auftrag unterwegs ist, hatte irgendwann die Reste seiner Erdnusspackung zu Ende bearbeitet. „Das wird uns noch kalt erwischen“, sagte er dann und stand abrupt auf, ging nach vorne. Ich weiß nur: Für Untergangsprophetien haben die Menschen in der dritten Reihe keine Zeit, die auch in Sachen Genehmigungsverfahren unterwegs sind, allerdings um diese auszuhebeln.

Im Gang geht jetzt nur dieser Nachhaltigkeitsprofessor auf und ab, der zu irgendeiner Konferenz in einem Schwellenland muss und über die Grenzen des Wachstums sprechen wird. Er tut es jetzt schon. Wir ahnen schon: Jetzt kommt er wieder, der Fußabdruck. Und da kommt er auch schon: Elf Tonnen sagt er, pro Jahr in Deutschland, erlaubt sind zwei. Er mahnt ganze Reihen, jetzt doch mal mit dem Fliegen aufzuhören, und überhaupt: unser Lebensstil, der Konsumwahn. Wir nicken, er hat recht. Preaching to the own crowd, hat man früher gesagt, heute ist man sich da nicht mehr sicher, wie man sich überhaupt nicht mehr sicher ist. Nachhaltigkeitstypen trifft man jetzt auf Schritt und Tritt, die sich was zu China überlegen oder zu alternativen Energiequellen. Wir finden das im Prinzip auch richtig, was er sagt, wir wollen unser Leben ja alle ändern, sitzen aber noch im Flugzeug und wissen noch immer nicht, ob jetzt noch Drinks kommen. Oder doch eher Einbrüche an den Rohstoffmärkten, die letztlich auch unsere Organisationen lahmlegen, denn das hat immer schlechte Auswirkungen. Oder umgekehrt: wenn der Ölpreis nach oben geht – für uns ist das alles schlecht. Nur der Deutschen Bank kann es egal sein, ob es den Euro noch gibt oder nicht. Aber wir sind ja im Prinzip unterwegs im Guten oder Halbguten. Wir wollen den Aufbau, die Verbesserung der Lebensqualität, auch wenn unsere Arbeit uns oft vergeblich erscheint. Hier in Reihe 4 bis 9. Weiter hinten, das wissen die Götter. Die Reihe 27 macht beispielsweise andauernd Lärm. Sind das Investmenthaie, die gekommen sind? Die, die in Sachen Ölpipeline unterwegs sind? Ganze Gebiete kennen wir nur, weil durch sie bloß noch Ölpipelines gehen gen Westen. Es sind die berühmten Großprojekte, von denen man hier seit Jahren spricht. Bis zu Reihe 27 kommen wir aber nicht durch, wir können von hier aus nicht einmal erkennen, was da los ist. Businesspartner, sagt jemand, das sind die Businesspartner, was auch immer das heißen mag.

Wir leben in Transitionszeiten, sagen wir uns jetzt immer, Übergangszeiten, Umbauzeiten, und wir wollen sie mitgestalten, das heißt, abfedern. Doch plötzlich landen wir. Das hätten wir nicht gedacht. Es ist ganz plötzlich gekommen, dass sie mit dem Landeanflug begonnen haben, man hat uns, würde ich sagen, darüber nicht einmal informiert. Kein Lämpchen ging an, kein Zuspruch des Piloten, wir wissen nicht einmal, wohin das jetzt genau geht, denn vom Gefühl her sind wir noch lange nicht dort, wohin wir müssen. Draußen ist es mittlerweile dunkel, wir sehen kein Licht, spüren nur in den Ohren, dass es ziemlich runtergeht, die Stewardessen bleiben aber ruhig, insofern muss es wohl stimmen. Das sind ja so die Zeichen, an denen man sich letztlich immer orientieren kann, zumindest in der Theorie. In der Praxis klammere ich mich jetzt an meine Armlehne.

Ich weiß, die Landung wird hart und unsanft werden. Und wenn wir am Flugfeld entlangrollen, werden wir den Flughafen nicht wirklich sehen. „Der Tower muss ja irgendwo sein, der kann sich nicht verstecken“, werden wir uns sagen. Die Lichtleisten entlang des Rollfelds werden kaum zu erkennen sein, wir schieben es auf den Bodennebel, ohne zu wissen, ob es den wirklich gibt. Ich weiß, es wird viel die Rede sein vom Terminal 2, an dem wir angeblich ankommen, „ja, aber welche Stadt?“, möchte ich jetzt schon fragen, aber das würde ja zeigen, dass ich keine Ahnung habe.

Vielleicht ist das auch ganz egal. „Der Flughafen rückt immer näher“, behaupten die Vertreter der Länder ja immer alle Augenblicke, „jeden Tag einen Zentimeter“, ja, es sind nicht die Kontinentalplatten, die sich verschieben, es sind die Flughäfen, die langsam und stetig aufeinander zu rücken und sich irgendwann vereinigen zu einem Punkt, einem Klumpen, einem dichten Kuddelmuddel an Mobilität. Und dann wird alles an seinem rechten Platz sein, dann werden Businessreisen endlich an ihrem Ziel angekommen sein, Peak Oil kann kommen und vorübergehen, wir alle werden auf unseren Sitzen bleiben können, sie werden die Klimaanlagen abschalten, und es wird verdammt still sein.

Kathrin Röggla ist Schriftstellerin und Autorin u. a. von „die alarmbereiten“, Frankfurt am Main (Fischer) 2010. Ihr Theaterstück „Die Beteiligten“ wurde am 19. April 2009 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. © 2012 kathrin röggla und Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.10.2012,