Artikel

Artikel drucken zurück

Zurück in Gorgan

Reise zu einem Ferienort der Kindheit, im Norden des Iran von Shervin Ahmadi

Nach dreißig Jahren bin ich zum ersten Mal wieder in Gorgan, wo ich als Kind im Sommer mit meinen Cousins durch die heiße, schwüle Luft lief, die uns den Atem nahm. Gorgan liegt im Nordosten des Irans, nicht weit vom Kaspischen Meer, gut 400 Kilometer von Teheran entfernt und ist seit 1997 Hauptstadt der damals neu geschaffenen Provinz Golestan. Die Stadt ist umgeben von Bergen, die unberührter Urwald bedeckt. Nirgendwo sonst, sagen die Menschen, die hier leben, könne man im Herbst so viele verschiedene Gelb- und Rottöne sehen.

Ich erkenne den Ort nicht wieder. Nach der Revolution von 1979 hat sich Gorgan wie alle iranischen Städte von Grund auf gewandelt. Eine schnelle Urbanisierung, mehrere neue Universitäten und das explosionsartige Bevölkerungswachstum haben hier wie anderswo die Stadtlandschaft völlig verändert. Jetzt reicht der Großraum bis zum Urwald von Nahar-Khoran, fünf Kilometer vom Zentrum entfernt.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Leute hier nicht von denen in Teheran. Die Jugend folgt den aktuellen Modetrends. Die jungen Frauen, die hier flanieren, sind elegant gekleidet, mit leichten, figurbetonten Mänteln. Sie sind gut geschminkt, manche haben sich die Nase chirurgisch korrigieren lassen. Unter ihren leichten Kopftüchern kann man ihre Frisuren erahnen. Die jungen Männer begnügen sich mit sorgfältig gezupften Augenbrauen, einige haben sich auch die Nasen richten lassen – vor 30 Jahren wäre so etwas unvorstellbar gewesen.

Alles ist friedlich an diesem Frühlingstag. Keinerlei Furcht trübt den Blick der Passanten, die Geschäfte haben ein reichhaltiges Warenangebot, und niemand hortet Nahrungsmittelvorräte. Die Gefahr eines israelischen Raketenangriffs scheint in weite Ferne gerückt, für deutlich mehr Unruhe sorgt die Inflation. Der steigende Dollarpreis auf dem Schwarzmarkt beeinträchtigt das tägliche Leben. Hier wird alles importiert. In den kleinen Läden findet man zwar ziemlich vieles, von Schweizer Schokolade bis zu italienischem Balsamico-Essig, doch die Preise sind explodiert – eine Entwicklung, die durch die jüngsten US-amerikanischen und europäischen Sanktionen noch angeheizt wurde. Auch die heimischen Produkte bleiben nicht verschont: Innerhalb von drei Monaten ist der Preis für Hühnchen- um 70 Prozent und für Lammfleisch um 60 Prozent gestiegen.

Das liegt vor allem am Abbau der Subventionen für Grundbedarfsgüter wie Benzin, Gas, Strom, Wasser und Grundnahrungsmittel. Die Regierung hat in ihrem Haushalt für 2010/2011 beschlossen, diese Hilfsprogramme im Lauf der nächsten fünf Jahre abzuschaffen – die immerhin 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen. Man will die Staatsausgaben und den Energieverbrauch reduzieren, Hilfe soll künftig nur noch den Bedürftigsten zuteil werden. Das eingesparte Geld soll zur Hälfte den am stärksten benachteiligten Gesellschaftsschichten zukommen, 30 Prozent sollen den Unternehmen zugutekommen und 20 Prozent in die Staatskasse fließen. Seit ein paar Monaten erhalten nun alle Iraner, nicht nur die ärmsten, die neue Familienunterstützung yaraneh, das sind monatlich 40 000 Rial, je nach Wechselkurs zwischen 15 und 24 Euro.

„Allein die Strompreiserhöhung frisst die Hälfte meiner Einkünfte auf“, klagt Nargess, eine alleinstehende Witwe, die zwei der vier Zimmer in ihrem Haus an Studenten vermietet. „Und die andere Hälfte geht für die höheren Lebensmittelpreise drauf. Die Lage ist schlimmer als zuvor.“ Sie fügt jedoch sogleich hinzu: „Für meine Nachbarn ist es günstiger. Sie leben zu siebt in einem kleinen Häuschen mit zwei Zimmern. Die 280 000 Rial, die das Familienoberhaupt jetzt ausgezahlt bekommt, sind wie ein kleines Zusatzgehalt. Für diejenigen, die immer nur Brot essen, macht das ganz schön was aus.“

In der Tat ist der Preis für Brot, das Hauptnahrungsmittel der einfachen Leute, nach einem ersten Anstieg seit Monaten konstant geblieben. Das übliche Barbari-Brot kostet 2 300 Rial (zwischen 10 und 17 Eurocent). Auch der Benzinpreis hat sich stabilisiert: Der subventionierte Preis für 60 Liter pro Fahrzeug und Monat beträgt 4 000 Rial (zwischen 15 und 25 Eurocent) und der sogenannte freie Preis, der auf monatlich 500 Liter pro Fahrzeug begrenzt ist, liegt bei 7 000 Rial (zwischen 26 und 46 Eurocent pro Liter). Die Regierung hat kürzlich angekündigt, der Preis für nicht subventioniertes Benzin könnte bis auf 10 000 Rial pro Liter (62 Eurocent) steigen. Bislang ist es zwar bei der Ankündigung geblieben, doch in der Bevölkerung wächst die Furcht vor einem weiteren Kaufkraftverlust.

Das Yaraneh zählt gemeinsam mit dem umfangreichen Sozialwohnungsprogramm „Mehr“ (Farsi für Liebe, Herz, Freundlichkeit) zu den populistischen Maßnahmen von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Das Mehr-Projekt sieht den Bau von 2 Millionen Sozialwohnungen vor. Der Preis schwankt je nach Stadt und Viertel. In Gorgan kann man mit einer Einmalzahlung von 70 Millionen Rial (zwischen 3 000 und 5 000 Euro) und einer monatlichen Abzahlung von 1,8 Millionen Rial (zwischen 50 und 80 Euro) über 20 Jahre eine 80 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung erwerben.

Auf diese Art konnten die beiden Neffen von Nargess ihre Wohnung kaufen. Der eine arbeitet als Gebäudereiniger, der zweite teilt sich mit einem Freund ein Taxi. Die beiden scheinen mit ihrem neuen Zuhause sehr zufrieden zu sein. Das Regierungsprogramm war allerdings nicht überall erfolgreich. In Teheran etwa fanden über die Hälfte der im Rahmen des Mehr-Projekts gebauten Wohnungen keine Abnehmer, vielleicht weil sie teurer waren als vergleichbare Wohnungen in der unmittelbaren Umgebung. Um sich in der Hauptstadt als Käufer zu bewerben, muss man 150 Millionen Rial (zwischen 6 500 und 11 000 Euro) an Eigenkapital mitbringen und 20 Jahre lang monatlich 3 Millionen Rial abzahlen. Außerdem liegen die neuen Wohnungen weit außerhalb vom Stadtzentrum.

Den Ergebnissen der letzten Parlamentswahlen nach zu urteilen – der zweite Wahlgang fand Anfang Mai 2012 statt – konnte Präsident Ahmadinedschad mit diesen Sozialprogrammen seine Beliebtheit nicht steigern. Seine Schwester, die in seiner Heimatstadt Garmsar kandidierte, musste sich bereits im ersten Wahlgang geschlagen geben, und in Gorgan trat von vornherein keiner der Kandidaten unter dem Banner des Präsidenten an.

Wie überall im Iran (abgesehen von Teheran) stehen auch hier lokale Angelegenheiten im Vordergrund. Die Forderungen von Minderheiten haben großes Gewicht, denn in Gorgan leben unter anderem Turkmenen, Kasachen und Zabolis, Einwanderer aus der Stadt Zabol in Belutschistan. Zwar hat kein Kandidat turkmenischer oder kasachischer Herkunft bei den diesjährigen Parlamentswahlen den Durchbruch geschafft, aber immerhin waren bei den letzten drei Wahlen mehrere Zaboli-Kandidaten vertreten. Dass die Frau, die dieses Jahr für die Zabolis antrat, schon im ersten Wahlgang ausgeschieden ist, deuteten viele als ein Anzeichen für Wahlbetrug.

Frauen arbeiten auch auf Baustellen

In Gorgan ist es wie im gesamten Iran: Die Frauen haben sich einen bedeutenden Platz in der Gesellschaft erobert. Vor der Revolution hatte es in der Stadt nur eine einzige Verkäuferin gegeben; sie war armenischer Herkunft und arbeitete mit ihrem Mann zusammen. Er besaß eine Boutique für teure Designermode, deren Kundschaft sich aus den wohlhabenden Familien rekrutierte, und seine Frau widmete sich ganz den Kundinnen. Damals übten Iranerinnen solche Berufe nicht aus. Die Witwe eines Einzelhändlers übernahm nur so lange das Geschäft, bis ein Nachfolger gefunden war. Arbeitende Frauen waren schlecht angesehen.

Heute hingegen gibt es in der Altstadt und in den ärmeren Vierteln jede Menge Läden, die von Frauen geführt werden. Frauen sind auch im Dienstleistungssektor, auf Baustellen und im Transportwesen tätig und müssen sich dabei auch nicht mehr verstecken. Frauen arbeiten als Taxifahrerinnen oder Bankangestellte. Ihre Teilnahme am Wirtschaftsleben ist, unabhängig von allen Traditionen, längst Realität.

Zum anderen öffnet sich dank der audiovisuellen Medien ein Fenster zur Welt. Die Menschen richten ihren Alltag nach den Ausstrahlungszeiten der ausländischen Sender aus. Ein Kandidat aus der Region Gorgan gewann den ersten Preis bei „Next Persian Star“, eine Art „Iran sucht den Superstar“, die in der Türkei aufgenommen und von TV Persia 1 ausgestrahlt wird. Offiziell ist dieser Sender verboten, trotzdem werden die Kandidaten von örtlichen Unternehmern gesponsert. Sobald sie in den Iran zurückkehren, können erfolgreiche Sänger ungehindert bei Hochzeiten und Feiern auftreten. Solche Programme werden offenbar geduldet, während die Regierung Sender wie BBC oder Voice of America nach wie vor blockiert.1

Sassan ist der Inhaber einer Musikalienhandlung im Stadtzentrum, in der es Musikinstrumente, CDs und Konzertkarten zu kaufen gibt. „Ich verkaufe zwischen 15 bis 20 Instrumente im Monat, meist Gitarren. Früher spielten nur Kinder aus reichen Familien Gitarre. Jetzt sind es die jungen Leute aus Mittel- oder Unterschichtsfamilien, die den Murdoch-Sender Farsi One gucken. Die Reichen spielen heute eher traditionelle Instrumente wie Sitar. Westliche Instrumente interessieren sie nicht mehr.“

Im Verlauf unseres Gesprächs betreten zwei Kundinnen das Geschäft, die wohl aus traditionellen Familien kommen: Anders als die meisten Frauen auf der Straße tragen beide den Tschador. Die erste kauft eine Geige, die zweite eine daf (eine Art Tamburin) – in den Jahren vor der Revolution wäre es unvorstellbar gewesen, dass in einem traditionellen Viertel überhaupt jemand ein Instrument spielt.

Politisch scheinen die Menschen gleichgültig oder ratlos zu sein, vor allem angesichts der Machtkämpfe innerhalb des Regimes. Alle Versuche von Präsident Ahmadinedschad, die Mittelklasse zu gewinnen, liefen ins Leere: Weder seine Verteidigung der Privatsphäre gegen die Übergriffe religiöser Milizen noch seine nationalistischen Slogans konnten überzeugen. Auch in Gorgan ist der Präsident inzwischen ein Mann der Vergangenheit.

Fußnote: 1 Vgl. „Die Lieblingsserie der Iraner“, in: Le Monde diplomatique, Juli 2011. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Shervin Ahmadi leitet die Farsi-Ausgabe von Le Monde diplomatique.

Moral und Filme

Der Soziologieprofessor Parviz Piran legte bei der Konferenz „Teheran und die Globalisierung“ im Jahr 2006 eine Untersuchung über „Anomie in Teheran“ vor. Seine Ergebnisse waren, laut Website der Zeitung Aftab am 31. März 2006, niederschmetternd: Fast alle jungen Menschen in den iranischen Großstädten lebten in einem Zustand der Anomie, das heißt, sie hatten ihr Wertesystem verloren und empfanden angesichts der geltenden sozialen Normen nur Verwirrung oder gar Ablehnung.

Der Niedergang der öffentlichen Moral ist seit einigen Jahren ein großes Thema in den iranischen Medien. Die Sozialwissenschaftlerin Sara Shariati beschrieb diesen Zustand in einem Vortrag an der Universität Teheran am 19. November 2009 als „Individualisierung bis hin zum Egoismus, religiöse Verunsicherung und Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation“. Ihrer Meinung nach ist er die Folge der kulturellen und sozialen Veränderungen, die durch die Demokratisierung der Bildung, das enorme Bevölkerungswachstum, die Bedeutung der Religion für die Regierung und die Verbreitung moderner Kommunikationsmittel herbeigeführt wurden.

Das iranische Kino interessiert sich schon seit über zehn Jahren für diese Phänomene, die beispielsweise in Filmen wie „Der Kreis“ von Jafar Panahi oder „Frauengefängnis“ von Manijeh Hekmat auftauchen. Der spannendste Film dazu ist jedoch „Tamburin“ (Dayereh-e zangi) von Parisa Bakhtavar aus dem Jahr 2008, nach einem Drehbuch ihres Mannes Asghar Farhadi. Er spielt in einem Teheraner Mehrfamilienhaus. Jede Familie beziehungsweise jeder Protagonist repräsentiert ein gängiges Klischee: von der ängstlichen Beamtenfamilie über den treuen Regimeanhänger, dessen Kinder keine Rücksicht auf Traditionen nehmen, bis hin zu der Frau, die von morgens bis abends ausländische Fernsehsender guckt. Als die Satellitenschüsseln ausfallen, muss ein „Experte“ geholt werden, denn im heutigen Iran kann sich niemand mehr vorstellen, ohne Sendungen aus dem Ausland zu leben. Der Film führt die moralische Verwahrlosung der Iraner anhand der Diskrepanzen zwischen den Aussagen der Figuren und ihrem Verhalten deutlich vor Augen: Alle lügen, und keiner ist der, der zu sein er vorgibt.

In seinen beiden jüngsten Filmen geht es Asghar Farhadi, dem ersten iranischen Regisseur, der je einen Oscar erhielt (für „Nader und Simin – Eine Trennung“, 2011), nicht mehr darum, diese Doppelmoral zu entlarven. Er beschäftigt sich stattdessen mit den moralischen Zwickmühlen, in denen seine Figuren stecken: Soll man ein Kind retten oder sein eigenes Leben bewahren („Alles über Elly“, 2009), muss man sich um seinen alzheimerkranken Vater kümmern, oder darf man ihn Fremden überlassen („Nader und Simin“)?

Als Reaktion auf eine Obrigkeit, die nur Verbote kennt, stellen die Menschen in den Großstädten inzwischen praktisch alle Traditionen infrage – eine Einstellung, die sich dank mobiler Kommunikation, Parabolantennen und Satellitenkanälen schnell auf das ganze Land ausgebreitet hat. In einem Land, wo Globalisierung und westliche Konsumgewohnheiten in einem solchen Maße Einzug gehalten haben, kann die Religion keine Zuflucht mehr bieten.

Shervin Ahmadi

Le Monde diplomatique vom 13.07.2012,