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Das russische Zauberwort

Die liberale Opposition bekommt einen Namen von Alexander Bibkow

Am 29. Februar 2012 verkündete Wladimir Putin kurz vor seiner umstrittenen Wiederwahl zum Präsidenten: „Die Mittelschicht wird schon bald die Mehrheit der Gesellschaft ausmachen.“ Diese soziale Schicht zwischen der allmächtigen Nomenklatura und einem marginalisierten Proletariat ist zur entscheidenden Zielgruppe für politische Reformen geworden. Seit den Jahren 1992/1993 spielte sie in den Vorstellungen der Vordenker beim Aufbruch in die postsowjetischen Ära eine doppelte Rolle: Zum einen sollte sie stabilisierend wirken und die Gegensätze zwischen verschiedenen sozialen Gruppen entschärfen, zum andern galt sie als die wichtigste Stütze der neuen politischen Machthaber im Kreml.

Die Debatte darüber, wie wichtig die Mittelschicht ist und ob es sie überhaupt gibt, begleitet die jüngere Geschichte Russlands, jedenfalls im Fernsehen und in den Zeitungen. Während der Finanzkrise von 1998 spekulierte man bereits über deren mutmaßliches Ende. Dann, im Jahr 2000, belebte die Wahl Putins die Hoffnungen auf ihren Wiederaufstieg – aber nur bis zur Wirtschaftskrise von 2008/2009. Die Suche nach der Mittelschicht ist inzwischen zu einer Art journalistischen Obsession geworden.

Die jüngsten Demonstrationen gegen die Regierung haben ihr neuen Schwung verliehen. Allein in Moskau kamen Zehntausende zu den Kundgebungen, mit Parolen wie: „Für diese Gauner habe ich nicht gestimmt – sondern für andere Gauner“ oder „Der Wahlbetrug ging glatt – keine Zwischenfälle“. Aus Interviews mit Demonstrationsteilnehmern, die meist als Angehörige der Mittelschicht präsentiert wurden, geht hervor, dass die Vorstellungen von dieser soziale Kategorie sehr vielfältig sind.1

So erklärte bei der großen Demonstration in Moskau am 4. Februar 2012 ein PR-Fachmann eher beiläufig: „Ich hoffe, dass ich zur Mittelschicht gehöre, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was das bedeuten soll.“ Ein Journalist fügte hinzu: „Ich weiß nicht … rechne ich mich zur Mittelschicht? Tun wir einfach mal so.“ „Rein theoretisch“, überlegte ein Übersetzer, „wäre es möglich, dass wir die Mittelschicht sind.“ Und ein Geschäftsmann war sich ganz sicher, zur „kultivierten und kreativen Mittelschicht“ zu gehören.

Offenbar fühlen sich Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Stellung dieser Schicht zugehörig. Man findet unter ihnen Bankmanager mit einem Monatsgehalt von mehreren zehntausend Euro ebenso wie Journalisten und Übersetzer an der Armutsgrenze, Grundschullehrer, die 300 bis 600 Euro im Monat verdienen, oder einen Vorarbeiter aus der Provinz mit einem Lohn von gerade einmal 500 Euro. Wie können sie sich, trotz der Unterschiede im sozialen Status, alle ein und derselben Kategorie zuordnen?

Es war nicht die sogenannte liberale Opposition, die den Begriff aufgebracht oder zuerst für sich reklamiert hat. Die Regierung griff in kritischen Momenten gern auf ihn zurück, mal um die „stabilisierende Rolle“ der Mittelschicht zu betonen, dann wieder um sie als Gegenpol zum „treuen Volk“ darzustellen – wie im Dezember 2011, als Regierungskreise die Demonstranten als „Nerzmantelträger“ bezeichneten.

Vor allem die Medien waren es, die den Teilnehmern der Kundgebungen von Anfang an und gegen deren offensichtliche Zurückhaltung erklären wollten, wer sie eigentlich sind. „Es reicht! Die Mittelschicht geht auf die Straße“, verkündete der Fernsehsender Sagolowki TV am 7. Dezember 2011. Drei Tage später ging die Zeitung Komsomolskaja Prawda noch weiter: „Diese wütenden Aktivisten sind unsere neue Mittelschicht.“ In den drei Monaten nach den Parlamentswahlen vom Dezember 2011 erschienen in der russischen Presse fast doppelt so viele Artikel zu dieser „neuen Klasse“ wie im gleichen Zeitraum davor. Auch die internationale Presse griff das Thema auf: „Die russische Mittelschicht wendet sich gegen ihren Gönner Putin“, titelte die New York Times am 11. Dezember 2011. Und im Londoner Independent war am 12. Dezember zu lesen: „Wenn die jungen Russen der Mittelschicht politisch werden, bekommt der Kreml Probleme.“

Eine erste Auswertung von Umfragen deutet darauf hin, dass sich im Fortgang der Demonstrationen immer mehr Befragte zur „Mittelschicht“ rechneten. Die Medienkampagne hat also Wirkung gezeigt. „Es heißt, dass hier die Mittelschicht demonstriert“, meinte ein Angestellter aus der Privatwirtschaft. „Das sind dann wohl wir.“

Es waren Journalisten, unter Mithilfe von Experten jeder Couleur, die ein Klassenkonzept entwarfen, auf das die Demonstranten Bezug nehmen konnten. So konnten sie sich als eine Gemeinschaft fühlen, die ihre Interessen öffentlich vertritt. In manchen Aussagen zeigt sich das überdeutlich: „Ich gehöre zum unteren Teil der Mittelschicht“, erklärte eine Frau mit einem Diplom in Demografie, die jetzt einen Elektronikladen betreibt. „Ich lebe sehr zurückgezogen und arbeite immer noch, als wäre ich eine Angestellte. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen, aber ich bekam eine sehr gute Ausbildung, und ich habe kulturelle Ansprüche und eine politische Meinung.“ Ein Bankangestellter brachte es auf den Punkt: „Wir sind die Mittelschicht, weil wir hier öffentlich unseren Standpunkt vertreten.“

Engagierte Journalisten fanden in den Protesten die Bestätigung einer Wirklichkeit, die sie selbst herbeigeschrieben hatten – die unterschiedlichen sozialen Hintergründe der Demonstranten wurden nicht genauer beleuchtet. „Mittelschicht“ wurde damit zu einem Label, dem sich fast jeder zuordnen kann. Für eine Bewegung, die den potenziell konfliktträchtigen sozialen Fragen – etwa nach dem Bildungs- oder dem Gesundheitswesen – lieber aus dem Weg geht, ist es gut geeignet.

„Mittelschicht“ ist das Paradebeispiel einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Der Begriff wurde zum politischen Zauberwort, weil damit Menschen mobilisiert werden können und zugleich die entscheidenden sozialen Widersprüche im Dunkeln bleiben. Kein anderes Identitätskonstrukt bringt die Menschen in den Cafés heute dazu, ihr iPad abzuschalten und auf die Straße zu gehen, um zu demonstrieren.

Fußnote: 1 Diese Interviews wurden geführt vom Autor sowie von Alexandrina Vanke, Alexander Fudine, Georgi Konowalow und Anastassia Kalk.

Aus dem Französischen von Edgar Peinelt

Alexander Bibkow ist stellvertretender Direktor des Zentrums für zeitgenössische Philosophie und Sozialwissenschaften an der Lomonossow-Universität in Moskau.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2012,