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Wir sind der Markt

Spekulation und Alltag von Heiner Ganßmann

Ob wir Zeitung lesen, Radio hören oder fernsehen, immer ist in diesen Krisenzeiten von den „Märkten“ die Rede. Sie stellen alles Mögliche an: Sie sind nervös, erholen sich, zaudern, steigern sich in Euphorie. Sie bezichtigen politische Akteure der Unglaubwürdigkeit, führen diesen oder jenen Staat als unsoliden Schuldner vor, drängen auf radikale Sanierung der Staatsfinanzen. Gestandene Ökonomen spekulieren, wann „die Märkte wieder angreifen“, oder nehmen sie gar als „ein Rudel Wölfe“ wahr.1

Kurzum, alle reden, als ob die „Märkte“ kapriziöse Personen wären. Aber wer soll das sein, die „Märkte“? Obwohl sie dauernd in den Nachrichten auftauchen, also offenbar genau beobachtet werden, ist der herrschende Eindruck, dass sie große, anonyme Mächte darstellen. Selbst wo von „Investoren“ oder „Anlegern“ die Rede ist, also immerhin von Personen, erfährt man selten, um wen es sich handelt. Weil Ross und Reiter nicht benannt werden, assoziieren wir mit diesen „Märkten“ irgendwelche Zusammenrottungen oder Verschwörungen gieriger Spekulanten, Banker, Heuschrecken, Hedgefonds, Krisengewinnler.

Dabei ist unsere Alltagsvorstellung von einem Markt eine ganz andere. Das ist ein öffentlich zugänglicher Ort, an dem sich Kauf- und Verkaufsinteressenten treffen. Die Anbieter stellen ihre Waren mit erwünschten Preisen vor, die Nachfrager schauen sich um, vergleichen, kaufen oder auch nicht, oft nachdem über Preise verhandelt wurde. Das ist weder für die Beteiligten noch für den Beobachter besonders aufregend und hat nichts mit jener fiktiven Kollektivperson zu tun, der man Gemütslagen wie Nervosität, Hektik, Freude oder Depression zuschreibt. Ist hier womöglich von etwas anderem die Rede? So ist es. Bei „den Märkten“ geht es um die Finanzmärkte, vorzugsweise die Börsen. Und was da gehandelt wird, sind Waren zweiter oder dritter Ordnung, also nicht Obst, Lokomotiven oder Nagellackentferner, sondern: Aktien, Devisen, Schuldverschreibungen und Derivate. Es geht um Papiere, auf denen Unternehmensanteile, Eigentumsrechte, Zahlungsverpflichtungen, Fremdwährungsguthaben, Warentermingeschäfte notiert sind.

Warum ist der Handel mit solchen Objekten aufregender als der mit Konsum- oder Produktionsgütern? Was die Finanzmärkte von normalen Märkten unterscheidet, ist der höhere Anteil rein spekulativer Transaktionen. Die Marktteilnehmer sind so nervös und erregbar, weil sie mehr oder weniger riskante Wetten abschließen und auf hohe Gewinne hoffen. Es ist wie beim Hahnenkampf in südlichen Ländern. Dramatisch ist nicht der Kampf, nicht die Frage, welcher Gockel den anderen niedermacht. Die Emotionen kommen ins Spiel, weil die Zuschauer vor dem Kampf auf den Ausgang gewettet haben. Jetzt hoffen und bangen sie: Ist der Einsatz verloren, oder vermehrt er sich?

Das Börsengeschehen ist Spekulation. Es geht also weniger ums Kaufen und Verkaufen als vielmehr darum, dass die Beteiligten Preis- oder Kursentwicklungen antizipieren, um dank ihrer Antizipation Gewinne einzustreichen; oder dass sie Preisdifferenzen und -inkonsistenzen beobachten, die Arbitragegeschäfte2 ermöglichen. Bei beiden Formen der Spekulation ist der Faktor Zeit entscheidend: Gewinne macht, wer eine Chance als Erster sieht und nutzt. Dadurch kommt die Hektik auf, die das Börsengeschehen so aberwitzig aussehen lässt und die durch Nutzung modernster Kommunikationstechniken immens gesteigert wird.

Das Prinzip bleibt jedoch gleich. Wer als Erster die Information hat, dass die Kaffeeernte in Nicaragua wegen Unwetterschäden schlechter ausfallen wird, kann erhöhte Preise antizipieren und schnell zu dem Preis kaufen, der auf den alten Ernteerwartungen beruht, um ebenso schnell wieder zu verkaufen, wenn die neuen Erwartungen „eingepreist“ sind. Und wer um die Zahlungsfähigkeit der Leute weiß, denen mithilfe von Subprime-Hypotheken fragwürdige Immobilien verkauft wurden, kann deren Schuldnerverhalten beobachten und, sobald eine relevante Zahl die Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllt, darauf wetten, dass die Kurse für die aus diesen Hypotheken zusammengebastelten Wertpapiere sinken.

Wetten auf Kursfall nennt man „short sales“, zu Deutsch „Leerverkäufe“. Obwohl diese neuerdings einen schlechten Ruf haben, gehören sie – im Unterschied zu ungedeckten Leerverkäufen – zum normalen Börsengeschehen. Bei beiden handelt es sich um Spekulation auf Baisse, also auf fallende Kurse.3

Früher war das Wissen um diese Abläufe nur etwas für Eingeweihte. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Aber die globale „financialisation“ hat inzwischen dazu geführt, dass der Schwanz der Finanzmärkte mit dem Hund der Weltwirtschaft wedelt. Weshalb die ganze Welt betroffen ist, wenn etwas schiefgeht. Darum wird der verbreitete ökonomische Analphabetismus, das Unwissen über die Funktionsweise der Finanzmärkte immer mehr zum Problem. Politiker wie Wähler scheinen dem Auf und Ab der „Märkte“ nicht nur machtlos, sondern auch kognitiv hilflos gegenüberzustehen. Aber wenn es in Demokratien überhaupt eine Chance geben soll, die Finanzmärkte durch neue Regeln wieder einzuhegen, muss das allgemeine Verständnis der typischen Finanztransaktionen entschieden zunehmen.

Auch deshalb ist es fatal, wenn in der Berichterstattung über das Finanzsystem beim pauschalen Gerede von den „Märkten“ die wirklichen Akteure wie hinter einem Schleier verschwinden. Wobei häufig bereits die triviale Einsicht verloren geht, dass zu jeder Markthandlung mindestens zwei Akteure gehören. Ihr Zusammenspiel beginnt mit schlichten Mitteilungen. A sagt: ich kaufe Ware x zum Preis p, B sagt: ich verkaufe Ware x zum Preis p+; C sagt: ich verleihe Geld zum Zins z, D sagt: ich leihe Geld zum Zins z. Ist mit diesen Signalen ein Interesse an einer Transaktion geweckt, kann man verhandeln. Wenn sich A und B auf einen Preis einigen, findet ein Handel statt; wenn nicht, eben nicht. Die Mitteilungen können sich auch zu Transaktionsketten vervielfältigen, über die hochkomplexe Kooperationsmöglichkeiten realisiert werden. Dabei folgen die Akteure der einfachen und uns allen vertrauten Maxime der Geldwirtschaft: Billig kaufen und teuer verkaufen; oder billig leihen und teuer verleihen.

Was spielt sich bei der typischen Baisse-Spekulation ab? Beim Leerverkauf erwartet Akteur S das Sinken des Marktpreises einer Aktie. S leiht sich von Akteur A gegen eine Gebühr die Aktie, mit dem Versprechen, sie zu einem späteren, festgesetzten Zeitpunkt zurückzugeben. S verkauft die geliehene Aktie zum aktuellen Marktpreis an Akteur B. Wenn alles läuft wie erwartet, kauft S die Aktie zum gesunkenen Preis von einem weiteren Akteur C und kann sie pünktlich wieder an A zurückgeben. Diese Transaktionskette lohnt sich für S nur dann, wenn der Preis tatsächlich wie erwartet sinkt und sein Gewinn größer ist als die Gebühr, die er an den Verleiher der Aktie zahlt.

Aber warum verleiht A, als erster Transaktionspartner von S, seine Aktie, statt selbst das Geschäft zu machen? Weil A die Aktie gar nicht verkaufen will, durch Ausleihen aber zusätzlich (zur Dividende oder dem erwarteten Kurszuwachs) verdienen kann. Für A ist die angebotene Gebühr also wie ein Zins auf verliehenes Geld. B wiederum kauft die Aktie von S, weil er – anders als S – einen stabilen oder steigenden Kurs erwartet oder mehr Aktien des betreffenden Unternehmens erwerben will (etwa um seinen Einfluss auf das Unternehmen zu stärken). Der vierte Transaktionspartner C verkauft seine Aktie an S, weil er einen noch größeren Kursverlust erwartet oder vielleicht Geld braucht. Beim „ungedeckten Leerverkauf“ verkauft S die Aktie an B, bevor er überhaupt einen A gefunden hat, der ihm diese verleiht. Wenn sich die Preise anders als erwartet entwickeln, riskiert er also, dass er nach dem Verkauf einer Aktie, die er gar nicht hat, keinen Verleiher dieser Aktie findet. Sein Geschäft ist geplatzt.

Es ist nicht immer einfach, all diese Operationen als das zu erfassen, was sie sind: eine Abfolge von paarweisen Interaktionen. Die Semantik der „Märkte“ blendet eine Seite dieser Paarungen aus. Das gilt auch für das populistische Geschwätz, wonach wir „unseren Kindern“ durch Staatsverschuldung immer größere Lasten aufbürden. Die „Kinder“, also künftige Generationen, werden nämlich nicht nur als künftige Steuerzahler belastet, sondern sie – oder bessere einige von ihnen – erben auch die Bundesschatzbriefe. Keine Generation kann sich bei der nächsten verschulden. Vielmehr wird das komplette Gläubiger-Schuldner-Verhältnis an die nächste Generation weitergereicht.

Ein weiteres Beispiel ist der naive Stolz auf den weltmeisterlichen deutschen Exportüberschuss. Offenbar wird übersehen, dass dieser eine Kehrseite hat: die Verschuldung der Handelspartnerländer genau in Höhe des deutschen Überschusses. Wieso konnten „die Griechen auf Pump leben“? Weil ihnen „die Märkte“, also konkrete Personen oder Firmen, ihre Staatsanleihen abgekauft und damit Kredite eingeräumt haben. Wieso haben „die Märkte“ damit jetzt ein Problem? Weil zu viele mit der Baisse-Spekulation auf Staatsanleihen prächtig verdienen können.

Zu einer Transaktion gehören eben immer mindestens zwei, und normalerweise versprechen sich beide Seiten einen Gewinn. Wenn die Medien in dieser Krise immer nur die eine Seite des gegenwärtigen wirtschaftlichen Durcheinanders beschreiben, interessieren sie sich, wie ein wackerer Geschäftsmann, nur für das Resultat einer Markthandlung, nicht aber für den sozialen Prozess, in dem es zustande kommt. Deshalb werden wir in der Regel nur über das informiert, was die Beteiligten im Endeffekt interessiert: das monetäre Ergebnis der oft hochkomplizierten Transaktionsketten. Die aber schnurren nicht wie ein Mechanismus ab. Weil die Spieler gegensätzliche Interessen und unterschiedliche Erwartungen haben, geht es um Konflikte, deren Ausgang schwer kalkulierbar ist.

Bullen und Bären und ein Rudel Wölfe

Bevor die „Märkte“ zu einem „Rudel Wölfe“ degenerierten, beschrieb man das spekulative Börsengeschehen noch mit dem metaphorischen Rückgriff auf zwei Arten von Biestern: als Kampf zwischen „Bullen“ und „Bären“. Die Bullen sind dabei zum Beispiel die Organisatoren von Immobilienfonds und die Halter der entsprechenden Papiere, die ein Interesse an stabilen oder steigenden Kursen haben. Sie wehren sich gegen Kursverluste, indem sie versuchen, einen preisdrückenden Verkäuferüberhang durch eigene Zukäufe auszugleichen – so wie es derzeit die EZB mit den Staatsschuldenpapieren der Pigsis macht.4 Gleichzeitig wollen die auf fallende Kurse setzenden Leerverkäufer, die „Bären“, die anderen davon überzeugen, dass es höchste Zeit ist, auszusteigen. Mitunter hilft eine gezielte Desinformation, die Preise zu drücken – oder eine koordinierte, blitzartige Verkaufsaktion.

Wenn sich die Kursstabilisierer in einer kritischen Situation noch einmal durchsetzen, verlieren die „Bären“, die zu früh auf Kursverluste gewettet haben. Setzen sich dagegen die Baisse-Spekulanten durch, verlieren die „Bullen“ über den Kursverlust hinaus auch noch ihre für die Stützungskäufe eingesetzten Mittel. Bei diesem Duell können die Einsätze und Risiken beider Parteien sehr hoch sein, weil häufig große Räder mit wenig eigenen Mitteln und viel Kredit gedreht werden. Entscheidend für den Erfolg sind dabei Timing und Tempo der Transaktionen. Eben deshalb spielen Gerüchte, Antizipationen, Hektik, Angst oder Euphorie die große Rolle, die Finanzmärkte von normalen Märkten unterscheidet.

Das überkomplexe Kuddelmuddel des globalen Finanzsystems scheint akut auf eine Katastrophe hinauszulaufen. Läge es da nicht nahe, das Heil in einfachen Lösungen für komplizierte Probleme zu suchen, also Spekulation, dann Börsen, dann Kredit und schließlich Geld abzuschaffen?

Träume von einer einfachen Welt helfen leider nicht. Angesagt ist aber ein genauerer Blick auf die Spekulation. Konservative Ökonomen wie Milton Friedman betonen nur deren systemstabilisierende Funktion – die Herstellung von Angebot und Nachfrage ausgleichenden Preisen. Damit stellt man sich blind für jene professionelle Spekulation, die Keynes in den 1930er Jahren mit einem eigentümlichen Schönheitswettbewerb verglich. Damals ließ eine Zeitung ihre Leser unter hundert Gesichtern die schönsten sechs auswählen. Gewinner war, wer mit seiner Wahl dem Durchschnitt sämtlicher Stimmen am nächsten kam. Die Teilnehmer sind also gezwungen, nicht die Gesichter zu wählen, die sie selbst am schönsten finden, sondern die, von denen sie vermuten, dass die andern sie am schönsten finden – oder gar die, von denen sie vermuten, dass die Durchschnittsmeinung sie für die Durchschnittsmeinung hält.

Für die Finanzmärkte gilt entsprechend: Den „Investoren“ kommt es nicht darauf an, das ihnen anvertraute Geld so zu verwenden, dass die Eigentümer daraus langfristig ein möglichst sicheres und hohes Einkommen beziehen. Sie zielen vielmehr auf schnelle Gewinne mittels Antizipation der Durchschnittsmeinung hinsichtlich der Wertentwicklung einer Anlage, um dann die erwarteten Wertschwankungen auszunutzen. Diese „Investoren“ orientieren sich gerade nicht an den berühmten „Fundamentaldaten“, bei Aktien etwa an der Produktivität oder Innovationsfähigkeit eines Unternehmens als Grundlage seines erhofften Markterfolgs oder an der erwarteten Dividende. Sondern allenfalls an der Vermutung, wie veränderte Fundamentaldaten das Anlageverhalten der anderen Marktteilnehmer beeinflussen könnten.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Wenn Kurse der Aktien von Banken oder Automobilunternehmen schlagartig um 20 Prozent fallen, um sich noch am selben Tag wieder zu „erholen“, hat das nichts mit den realen Gewinnaussichten der Unternehmen zu tun. Hier handelt es sich um Spekulation auf Kursverluste und den Wiedereinstieg in den Kauf, wenn die Kurse hinreichend gefallen sind. Dabei ist häufig auch ein Herdenverhalten im Spiel, weil viele Anleger bei einer plötzlichen Kursbewegung nicht auf Papieren sitzen bleiben wollen, die eine halbe Stunde später 10 Prozent weniger wert sind. Dann verkaufen auch sie noch schnell, zumal sie dasselbe Papier vielleicht binnen einer halben Stunde für ein paar Prozent weniger zurückkaufen können.

Angesichts solchen Verhaltens stellt sich die Frage: Warum behandeln wir die Finanzmärkte nicht wie einen Zoo, in dem eine merkwürdige Spezies bei ihren merkwürdigen Spielen zu betrachten ist? Die Antwort: Hinter den dauernd beschworenen „Märkten“, die angeblich unausweichliche Sachzwänge exekutieren, steckt nichts anderes als wir selbst – und unser Geld.

Wenn in den Börsennachrichten von „Anlegern“ oder „Investoren“ die Rede ist, stellen wir uns Leute vor, die ihr eigenes Geld, die berühmten „freien Spitzen“ aus hohen Einkommen, gewinnbringend mal hierhin, mal dahin schieben. Und wir gehen davon aus, dass sie sich über die Ertragsaussichten eines Unternehmens oder die Zahlungsfähigkeit eines Staats genau informiert haben. Diese Vorstellung ist irrig. Tatsächlich sind die „Anleger“ zumeist Angestellte, deren Beruf es ist, das Geld anderer so zu nutzen, dass ihr Arbeitgeber – häufig eine Bank – gute Gewinne macht und zugleich die Zinsen einspielt, die dem tatsächlichen Eigentümer versprochen wurden.

Nehmen wir ein Beispiel. In Deutschland gibt es als „drittes Bein“ der Altersvorsorge die sogenannte Riesterrente. Damit hat sich die Politik seit 2001 einen Teil des leidigen Rentenproblems durch Privatisierung der Altersversorgung vom Hals geschafft. Seitdem kann man, mit staatlicher Förderung, ein „Riesterprodukt“ kaufen. Was man dafür erhält, ist das Versprechen, den Kaufpreis mit Zinsen und Zinseszinsen in 20, 30, oder 40 Jahren als Rente gestückelt zurückzuerhalten. Bis dahin bleibt das Geld dem Verkäufer des Riesterprodukts – einer Bank oder Versicherung – überlassen, und diese „Anleger“ können damit auf den Finanzmärkten spielen.

Vor fünf Jahren haben nun die „Anleger“ diese Rücklagen für die alten Tage in US- Hypothekenpapieren angelegt, von denen sie sich einen ordentlichen Ertrag versprachen. Als sich herausstellte, dass das keine gute Idee war, weil die Immobilienpreise in den USA implodierten – nachdem sie mithilfe großzügig vergebener Hypotheken an oft sehr einkommensschwache Häuslekäufer aufgebläht worden waren –, ließ sich unser Riesterproduktproduzent wegen drohender Zahlungsunfähigkeit vom Staat retten. Das mussten die Regierenden, wenn auch unter Knurren, schon deshalb tun, weil es dumm ausgesehen hätte, wenn sie erst den Kauf von „Riesterprodukten“ subventionieren, aber sich dann die so angelegten Ersparnisse in Luft auflösen.

Im Vergleich mit amerikanischen, spanischen oder britischen Hypotheken galten Staatsanleihen als fast risikofrei. Denn Staaten gehen selten bankrott und können zur Not immer Steuern eintreiben (so jedenfalls die Annahme). Also begannen die geschockten „Anleger“ von unserem – vom Staat aus Steuermitteln wieder aufgestockten – Geld vorzugsweise Staatsanleihen zu kaufen, also Schuldscheine eines Staats, der verspricht, die Schulden plus festgelegten Zinsen in einer bestimmten Frist zurückzuzahlen.

Vor Kurzem mussten die „Anleger“ in Staatsanleihen allerdings feststellen, dass auch diese Käufe keine gute Idee waren. Denn in Griechenland, Irland und Portugal, aber scheinbar auch in Spanien und Italien ist der Staatsschuldenberg so stark gewachsen, dass jeder, der bis drei zählen kann, sich ausrechnen kann: Das Geld kommt nicht zurück, jedenfalls nicht ohne „haircut“. Wer das zuerst merkt, hat ein schönes Objekt für Baisse-Spekulation gefunden. Gelingt sie, fallen die Preise, und deshalb versuchen immer mehr „Anleger“ diese Staatsanleihen zu verkaufen.

In der verqueren Sicht der Finanzmärkte wird dieses Ereignis allerdings nicht als das dargestellt, was es ist, nämlich ein herber Verlust für alle, die diese Papiere einmal teurer gekauft haben, als sie sie nun verkaufen. Vielmehr ist primär von einer Staatsschuldenkrise die Rede, die sich an dem steilen Anstieg der „Erträge“ etwa auf griechische Staatsschuldenpapiere ablesen lässt.5 Diese Erträge gelten als Risikoaufschläge. So entsteht der Eindruck, als müssten Portugal oder Griechenland sofort höhere Zinsen für ihre Schulden zahlen.

Das ist aber nicht der Fall, jedenfalls dann nicht, wenn der betroffene Staat aktuell keine neuen Staatsschuldenpapiere ausgibt. Die ausgerufene Krise ist vielmehr ein Zweitmarktproblem, es geht also um den Handel mit bereits in privaten Händen befindlichen Papieren. Wenn der betreffende Staat seine Zahlungsverpflichtungen einhält, erzielen die neuen Käufer tatsächlich höhere Erträge. Wenn nicht, haben sie sich verspekuliert, und die Verkäufer hatten recht, weil sie ihre Verluste klein halten konnten.

Der Witz an dieser Art, das Risiko von Anlagen in Staatsschulden mithilfe der aktuellen Erträge auf bereits ausgegebene Staatsobligationen darzustellen, besteht vor allem in dem erzeugten Eindruck, dass nicht die privaten Halter der Staatspapiere in der Krise stecken, sondern der betreffende Staat, auch wenn er, etwa weil er unter den Eurorettungsschirm gezwungen wurde oder die EZB interveniert, aktuell gar nicht auf dem Markt auftritt. So entsteht politischer Handlungsbedarf. Da die Wirtschaftsmedien davon ausgehen, dass die „Märkte“ immer recht haben, steht nun ein Staat als hochriskanter Schuldner dar. Also fragt sich auf einmal alle Welt, was zum Beispiel in Griechenland los ist.

Dabei kommt dann naturgemäß einiges zutage, aber selten etwas wirklich Neues: Vetternwirtschaft, schlechte Steuermoral, ein aufgeblähter öffentlicher Sektor. Was bedeutet dies für den betroffenen Staat? Er hätte ein akutes Problem mit den „Märkten“ erst dann, wenn er entweder umschulden oder neue Schulden aufnehmen müsste. Er hat zweitens jedoch ein Problem mit seinen „Rettern“, der EZB, den anderen Euroländern und dem IWF, die auf Sanierung der Staatsfinanzen mittels Privatisierungen und drastischer Sparprogramme pochen. Dummerweise wird dabei der Patient nicht gesund, weil die Austeritätspolitik die Wirtschaft einbrechen lässt, womit die Aussichten auf Stabilisierung hinüber sind.

Die Kollerateralschäden des Spiels treffen alle

Aber war da nicht noch was? Schließlich haben auch solche Staaten, die zurzeit von den „Märkten“ unter Druck gesetzt werden, erst vor zwei, drei Jahren diese Märkte vor sich selbst gerettet. Und die Regierungen der reichen Länder haben – zu Lasten der unbefragten Steuerzahler – Unsummen in das Finanzsystem gesteckt. Wie kommt es, dass die „Märkte“ jetzt den Spieß umdrehen können? Wie konnte aus der Finanz- und Bankenkrise eine Fiskalkrise auch der reichen Länder werden?

Viele Staaten sind so enorm verschuldet, weil die Regierungen unter Verweis auf das berühmte systemische Risiko (too big to fail) „ihre“ Banken retten mussten. Das sind bekanntlich Institute, die sich ansonsten als Global Players geben und ihre Steuern gern dort zahlen, wo sie am niedrigsten sind. Wie sich im Gefolge der Lehman-Pleite gezeigt hat, genügt der Bankrott weniger wichtiger Banken, um eine Kettenreaktion auszulösen, die in den Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems zu münden droht. Ohne staatliche Interventionen wäre damals wohl die gesamte Weltwirtschaft in Schockstarre verfallen.

Wenige Jahre später sind die Retter in der Krise. Da die Staaten bei der Bankenrettung hohe Schulden aufgenommen haben, ist jetzt ihre Kreditwürdigkeit bei den „Anlegern“ beeinträchtigt. Aber wer sind diese „Anleger“? Womöglich dieselben Akteure im Finanzsystem, die gerade mit Staatshilfen gerettet wurden? Wir erfahren es nicht. Im wolkigen Gerede von den „Märkten“ bleiben sie unsichtbar. Was wir sehen, ist eine parallel zur Finanzkrise entstandene Fiskalkrise, die vagabundierend einen Nationalstaat nach dem anderen ergreift. Weil ein insolventer Staat seine Kreditgeber und damit die Banken der andern Staaten gefährden kann, deren Rettung wiederum zu neuen insolventen Staaten führen würde, dreht sich ein gigantisches Krisenkarussell.

Ebenso gigantisch ist das Dilemma, vor dem damit die Regierungen stehen. Denn nun müssen die weniger kreditwürdigen Staaten, die eine „Massenflucht“ der „Anleger“ aus ihren Schuldenpapieren erleben, von den noch kreditwürdigen gerettet werden. Die sind zur Hilfe für die Wackelkandidaten schon deshalb genötigt, weil sonst „ihre“ Banken erneut gefährdet wären. Hier läuft vor unseren Augen, aber auf abgehobener Ebene, ein undurchsichtiges Geschehen ab: Die Spekulation geht weiter, die Börsen fahren Achterbahn. Und die politischen Akteure sehen hilflos zu, weil sie nicht verstehen oder verstehen wollen, was ihnen passiert (siehe auch den Artikel auf Seite 6).

Dummerweise können wir uns als staunendes Publikum nicht schulterzuckend abwenden. Denn die Kollateralschäden dieses Spiels treffen uns alle, und sie kommen teuer. Die seit langem anhaltende Globalisierungs-, Deregulierungs- und Privatisierungsmanie hat bewirkt, dass es – jedenfalls im entwickelten Teil der Welt – fast niemanden mehr gibt, der in dieses Spiel nicht eingebunden wäre. Auch wer kein großes Vermögen, sondern nur ein Bankkonto und ein paar Rücklagen besitzt, verspürt die Krise als persönliche Bedrohung. Von den früher oder später eintretenden Folgen für den Arbeitsmarkt ganz abgesehen.

Was tun? In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind wir auf Koordination und Kooperation angewiesen, darauf, dass andere etwas für uns und wir etwas für andere tun. Deshalb gibt es keine einfachen Lösungen, wie etwa die Abschaffung der Spekulation oder der Banken oder gar des Geldes. Aufgrund wechselseitiger Abhängigkeiten müssen wir auch im Bereich der Wirtschaft unsere Interessen von Repräsentanten, etwa von sachkundigen Geldverwaltern, wahrnehmen lassen.

Im Bereich der Politik erwarten wir, dass sich eine gewählte Kaste gegenüber den Interessen des Volkes, das sie zu vertreten vorgibt, nicht allzu weit verselbständigt. Nötigenfalls muss sie abgemahnt oder abgewählt werden. Aber genauso sollten wir auch die Akteure auf den Finanzmärkten als Repräsentanten unserer Wirtschaftsinteressen zurückpfeifen können. Ottilie und Otto Normalverbraucher möchten nicht, dass jemand unbeauftragt mit ihren Ersparnissen spekuliert. Und schon gar nicht, dass sie, wenn es schiefgeht, von ihren politischen Repräsentanten gezwungen werden, mit ihren Steuern für immense Spekulationsverluste geradezustehen.

Die „Märkte“, gegenüber denen sich die Politik ohnmächtig stellt, sind ein Fetisch. In Anlehnung an den trotzigen Ruf: „Wir sind das Volk!“ ist es Zeit für den Ruf: „Wir sind der Markt!“

Das bedeutet, die „Märkte“ in die Verfügung derjenigen zurückzuholen, die sie ermöglichen und zugleich von ihnen betroffen sind. So wie wir politische Repräsentanten haben wollen, die auf vernünftige Weise unsere langfristigen Interessen wahrnehmen, brauchen wir Finanzinstitutionen, die sich verantwortlich um unser Geld kümmern. Die sollen also nicht nur den Geldwert stabil halten, sondern die Spekulation durch Entschleunigung, Besteuerung und Reregulierung in sozialverträgliche Grenzen bannen.

Fußnoten: 1 Die Zitate stammen aus der FAZ und dem Tagesspiegel vom 27. bezeihungsweise 29. August 2011. 2 Arbitragegeschäfte funktionieren so: Ein Eurobesitzer möchte Schweizer Franken (CHF) kaufen. Für einen Euro bekäme er 1,10 CHF. Gleichzeitig kann er für einen Euro 1,40 US-Dollar kaufen. Wären die Wechselkurse konsistent, bekäme man für einen Dollar (1,10/1,40=) 0,78 CHF. Wenn man aber für einen Dollar 0,80 CHF kaufen kann, lohnt sich der indirekte Tausch. Man wechselt erst Euro in Dollar, dann Dollar in Schweizer Franken und bekommt so für den Euro 1,12 CHF. 3 Die Baisse-Spekulation kann so früh einsetzen, dass sie die Bildung einer „Blase“ verhindert. Deshalb ist die Institution Börse erst durch Baisse-Spekulation dauerhaft möglich. 4 Pigsi ist die um Italien erweiterte Gruppe der ursprünglichen Pigs-Staaten Portugal, Irland, Griechenland, Spanien. 5 Wie errechnet sich der Anstieg der Erträge? Sagen wir, der Marktwert einer Staatsanleihe sinkt von 100 auf 80 Euro, weil es mehr Aussteiger als Anleger gibt. Der Zinssatz bei Ausgabe, zum Beispiel 3 Prozent, wird nun auf den gesunkenen Marktwert von 80 Euro bezogen. Die Verzinsung steigt damit effektiv auf 3,75 Prozent – allerdings nur für neue Käufer. Dagegen machen die Verkäufer, die noch zum Nennwert von 100 Euro gekauft haben, einen Verlust von 20 Euro. Für den Staat ändert sich nichts: Er hat 100 Euro Schulden und muss 3 Prozent Zinsen zahlen.

Heiner Ganßmann ist Professor emeritus für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Doing Money. Elementary Monetary Theory from a Sociological Standpoint“, New York (Routledge) 2011. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.10.2011,