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Kinder und Politik

Die Mär von der arabischen Geburtenoffensive von Youssef Courbage

Die Angleichung der demografischen Entwicklung in den Ländern nördlich und südlich des Mittelmeers hat sich in den letzten zwanzig Jahren beschleunigt. Die Fertilitätsrate (siehe Glossar) – die immer wieder dazu diente, die Angst vor den muslimische Ländern zu schüren1 – nähert sich in Staaten wie Tunesien, Marokko, dem Libanon und der Türkei mittlerweile dem europäischen Durchschnitt an.

Die aktuelle politische Transformation ist auch ein Resultat dieses demografischen Übergangs. In Marokko ist die Fertilitätsrate seit 1975 kontinuierlich gefallen, 2009/10 lag sie bei 2,19 Kindern pro Frau. In den urbanen Milieus sank diese Zahl sogar unter den Wert von 2,05 Kindern pro Frau, der in Marokko für die gesellschaftliche Reproduktion notwendig ist (siehe Glossar: Nettoproduktionsrate). In Tunesien ist seit zehn Jahren eine ähnliche Entwicklung zu beobachten.

Mit Blick auf diese demografische Entwicklung waren die Revolten in der arabischen Welt gewissermaßen unvermeidbar. Der Prozess, den Europa seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchläuft, setzt sich in der ganzen Welt fort, und auch der südliche Mittelmeerraum ist davon nicht ausgenommen. Die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens durchlaufen also seit rund vierzig Jahren die gleichen demografischen, kulturellen und anthropologischen Veränderungsprozesse. Die arabische bzw. muslimische Welt stellt da keine Ausnahme dar. Wer das leugnet, fällt in eine essenzialistische Wahrnehmung zurück, die von einem schlechthin fortschrittsfeindlichen homo arabicus oder homo islamicus ausgeht.

Sieht man einmal von den Christen im Libanon ab, begann der demografische Übergang für den Hauptteil der arabischen Welt in den 1960er Jahren durch den Anstieg des Bildungsniveaus und den Rückgang der Geburtenrate. Habib Bourguiba setzte in Tunesien auf Modernisierung durch den Zugang zur Bildung – für Jungen wie für Mädchen. Auch in Marokko hatte nach der Unabhängigkeit das Bildungswesen höchste Priorität. Später wurde diese Entwicklung durch die Angst gebremst, die Ausbreitung von Bildung könnte dazu beitragen, die politische Hierarchie ins Wanken bringen. So erklärt sich der heutige Rückstand Marokkos bei der Alphabetisierung vor allem der ländlichen und der weiblichen Bevölkerung.

Demografische Entwicklung und demokratisches Familienleben

Die allgemeine Schulpflicht ging mit einer verstärkten Geburtenkontrolle und der Ausbreitung von Verhütungsmitteln und -methoden einher. In einigen arabischen Ländern sank die Geburtenrate so stark ab, dass die traditionellen patriarchalischen Werte ins Wanken gerieten. Die Anzweiflung der Autorität des männlichen Familienoberhaupts machte am Ende auch vor der Figur des „Volksvaters“ nicht Halt – wie man in Ägypten und Tunesien gesehen hat. Auf dem Rückzug ist auch das Prinzip der Endogamie, also des Heiratens innerhalb des erweiterten Familienkreises, die zur Abschottung der sozialen Gruppen nach außen und zur Verknöcherung der Institutionen beitrug. In einer Gesellschaft, die sich öffnet, kommt es eher zur Revolte gegen eine autoritäre Regierung. Bildung für die Massen und eine rückläufige Geburtenrate können also auf indirekte Weise zur Bewusstseinsbildung beitragen und revolutionäre Bewegungen auslösen.

Diese Veränderungen haben zweischneidige Auswirkungen auf die Familien. Einerseits können die sich bei wenigen Kindern besser um die Einzelnen kümmern und diesen etwa eine längere und bessere Ausbildung bieten. Und in einer Kleinfamilie – die sich auch in den arabischen Ländern immer mehr gegen das traditionelle Modell der Großfamilie durchsetzt – werden die Beziehungen zwischen Vater und Mutter und zwischen den Eltern und ihren Kindern insgesamt „demokratischer“, was sich positiv auf das soziale und politische Leben auswirkt. Auf der anderen Seite sind Konflikte programmiert; etwa wenn ein Kind nach guter Schulausbildung mit einem analphabetischen Vater zusammenlebt, der in der Familie uneingeschränkt das Sagen hat. In solchen Fällen wird das Zusammenleben „schwierig“. Innerfamiliäre Probleme dieser Art kommen immer häufiger vor und erklären – zumindest teilweise – auch das Phänomen des Islamismus.

Die allgemeine Schulbildung – zuerst für Jungen und später für Mädchen – hat zu einer Bewusstwerdung geführt, vielleicht sogar zu einer Art „Entzauberung“ der Welt, die zur Säkularisierung der Gesellschaft beigetragen hat. Die Ersten, die revoltierten, waren die jungen arbeitslosen Akademiker. Aber die Demonstranten von Jordanien bis Marokko sind Menschen beiderlei Geschlechts, aller Altersgruppen und aller sozialen Klassen. Auf keinen Fall sind diese im Kern säkularen Revolutionen nur das Werk der Jugend.

In seiner Theorie vom „Kampf der Kulturen“ beschrieb der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington den Anstieg des jungen Bevölkerungsanteils als einen Faktor der Destabilisierung und als Nährboden des Islamismus, weil er soziale Kämpfe, Krieg und Terrorismus begünstige.2 Im Gefolge Huntingtons gingen einige Politologen so weit, für die arabische Welt eine kausale Verbindung zwischen Anteil der Jugendlichen und Gewaltbereitschaft zu behaupten. Sie führen die „Jugendwelle“, die eine Folge der starken Geburtenjahrgänge vor 1980 und des drastischen Rückgangs der Kindersterblichkeit ist, auf natürliche Gemeinsamkeiten aller arabischen oder islamischen Völker von Marokko bis Indonesien zurück. Der Kardinalfehler solcher Annahmen besteht darin, dass sie ein partikulares Phänomen zum universellen erklären und dann von bestimmte religiösen und zivilisatorische Faktoren ableiten.

Doch die demografischen Daten dokumentieren die extreme Vielfalt der Verhältnisse. Sie zeigen insbesondere, dass die „Jugendwelle“ ein kurzfristiges Phänomen ist. Folgt man den Thesen Huntingtons, müsste auf die politische Gewalt der Jugend bald eine „reformerische“ Generation folgen, mithin ein Rückgang des Protestpotenzials. In Marokko und Algerien und selbst in Saudi-Arabien ist dieser Zeitpunkt aber schon seit den 2000er Jahren erreicht. Im Libanon war der höchste Jugendanteil 1985, mitten im Bürgerkrieg, erreicht, in der Türkei zehn Jahre später und in Ägypten und Syrien erst 2005. Vom Jemen (wo der Anteil der jugendlichen Bevölkerung jetzt erst abzunehmen beginnt) und von Palästina (wo mit der Wende um 2020 gerechnet wird) einmal abgesehen, wird die demografische Dominanz der Jugend in den arabischen Ländern in dreißig Jahren komplett verschwunden sein.

Fußnoten: 1 Etwa die mittlerweile verstorbenen italienische Journalistin Oriana Fallaci, „Die Wut und der Stolz“, Berlin (List) 2002. 2 Samuel P. Huntington (1996), „Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“, München (Goldmann) 2002. Aus dem Französischen von Jakob Horst Youssef Courbage ist Forscher am Institut national d’études démographiques, Paris, und Autor von (mit Emmanuel Todd) „Le rendez-vous des civilisations“, Paris (Seuil) 2007.

Le Monde diplomatique vom 10.06.2011,