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Die Banden von Kandahar

von Stephen Grey

Wir sind im Snooker Club gelandet, der zum Kandahar Coffee Shop gehört, wo aber kein Kaffee verkauft wird, heute nicht und wahrscheinlich nie. Da ich nicht Billard spiele, bestellen wir Burger, gehen auf die Terrasse und filmen Straßenszenen. Im Kreisel unter uns rotiert der Verkehr, dreißig Meter darüber dreht ein aufgeregter Taubenschwarm dieselbe Runde. Amerikanische Soldaten in riesigen gepanzerten Lastern fahren vorbei, Polizisten stoppen ein paar weiße Toyotas und durchsuchen die Kofferräume; Jeeps und Pick-ups kurven durch die Gegend, gesteuert von bewaffneten Gestalten aller Art.

Unser Hotel liegt um die Ecke. Es wurde Anfang des Jahres zur Hälfte zerstört, als ein Mann vorbeilief, der auf seinem Karren eine Bombe transportierte. Er war zu einem anderen Ziel unterwegs, aber als er in eine Polizeikontrolle geriet, jagte er den Karren, die Außenwand des Hotels und sich selbst in die Luft. Der Besitzer hat es eilig mit dem Wiederaufbau. Er erwartet Scharen von Journalisten und gute Geschäfte, wenn die Nato ihren Plan wahr macht, der bis vor kurzem als „Sommeroffensive“ oder gar „Kampf um Kandahar“ angekündigt war. Doch inzwischen ist, zur Verwirrung von Freund und Feind, nur noch von einer „komplexen militärisch-politischen Operation“ die Rede.

Die bevorstehende Operation wird aber noch hoch gehandelt. „Die Schlacht um Kandahar könnte Amerikas letzte Chance sein, die Afghanen für sich zu gewinnen“, tönen die ABC News. Und der ranghöchste Militär der USA, Admiral Mike Mullen, verglich die Bedeutung von Kandahar für die jetzige Phase des Afghanistan-Kriegs mit der von Baghdad zurzeit des „Surge“, also der US-Truppenverstärkung vom Frühjahr 2007.

Nur dass in Kandahar, zum Leidwesen der Amerikaner, fast alle Leute die Taliban-Rebellen unterstützen. Sogar Nato-Kommandeure. Ein höherer Offizier vertraute mir an: „Wenn ich ein junger Mann wäre, würde ich auf seiten der Taliban kämpfen.“ Hier im Herzland der Paschtunen ist es für junge Leute wenig attraktiv, als Handlanger der Ausländer oder der unpopulären Regierung in Kabul zu gelten. Sie verachten Leute, die für die Regierung arbeiten. Der Gedankengang ist ungefähr so: „Willst du ein totaler Schlappschwanz sein, die Dollars einsacken und für die Ausländer arbeiten? Oder willst du ein Mann sein und kämpfen und einen mutigen Tod riskieren?“

Wir treffen einen Akademiker in den Fünfzigern, seine Generation ist im Staatsapparat sehr stark vertreten. Der Mann hat einen langen wallenden Bart. „Weil er nämlich Kommunist ist“, meint nach dem Gespräch mein afghanischer Begleiter. „Was willst du damit sagen?“ Ich kann kein Paschtun. „Die Leute, die von der Isaf ernannt werden, sind meistens Kommunisten!“ Auf meine Frage: „Also sind sie für Marx und Lenin?“, entgegnet er: „Nein, gar nicht, aber sie haben mit den Russen kollaboriert. Wir nennen sie eben Kommunisten.“ Sie seien noch an der Macht: „Alle, von denen die Isaf sagt, das ist ein guter Gouverneur, Polizeichef oder sonst was, sind Kommunisten. Viele wurden in Russland ausgebildet. Natürlich verachten wir sie.“ Und die Bärte?„Die mögen sie, sie versuchen ihre Vergangenheit dahinter zu verstecken.“

Im Café erörtern ein afghanischer Kollege, der in dieser Stadt einen Film drehen will, und ich die Frage, ob irgendjemand den leisesten Schimmer hat, wer hier eigentlich gegen wen kämpft. Es gibt andauernd Mordanschläge, Entführungen, Bombenexplosionen. Für die Journalisten, die klare Fronten bevorzugen, stecken die Taliban dahinter. Aber die Einheimischen, die wir interviewen, sehen andere, dunklere Kräfte am Werk, zum Beispiel Gangsterbanden oder Milizen der Warlords, die mit der Regierung verbündet sind.

Für die Soldaten der Nato ist das ein verwirrender Kampf. Ihr Kommandeur, US-General Stan McChrystal, erzählt den Soldaten, ihr Hauptziel bei der Aufstandsbekämpfung sei nicht etwa, die Taliban zu töten oder gar zu besiegen, sondern die Bevölkerung zu beschützen. Und der britische Generalmajor Nick Carter, der die Kandahar-Aktion leitet, betont sogar, nicht die Taliban seien der Feind, sondern „unheilvolle Kräfte“, ein Codewort für die korrupte Regierung. McChrystal ist bei den Soldaten nicht beliebt. Er fordert sie auf, die Eskalation von Gewalt zu vermeiden, um die Bevölkerung zu schonen. So sollen sie nicht auf Autos schießen, die auf einen US-Konvoi zusteuern, und nächtliche Razzien in Privathäusern unterlassen.

„In unserer Truppe gibt es keine Warnschüsse“, sagt mir ein US-Sergeant. Wir fahren in der Nähe von Kandahar hinter seinem Konvoi her. Ich höre ihn über das „chat-net“ der Soldaten, dem ich zugeschaltet bin. Als ich ihn nach McChrystal frage, meint er nur: „Dazu sage ich lieber nichts.“ Dann sagt er es doch: „Ich bin einfach nicht bereit, das Leben meiner Männer aufs Spiel zu setzen. Die lasse ich nicht im Stich. Wenn es gefährlich wird, schützen wir uns.“ Aber was ist das Problem mit McChrystal? „Er versteht dieses Land nicht. Ihm ist nicht klar, dass die Leute hier Schwäche überhaupt nicht respektieren. So können wir hier nicht gewinnen.“ Aber dieser Sergeant und seine Leute werden sich an ihre Befehle halten.

Nato und Taliban versprechen dasselbe

Wenn man die Rhetorik der Nato-Kommandeure und der Taliban-Führer für bare Münze nimmt, könnte man glauben, sie stünden auf derselben Seite, seien quasi natürliche Verbündete, wo sie doch beide den Afghanen Sicherheit geben und gegen die Korruption kämpfen wollen.

In der Theorie vielleicht. In der Realität aber besteht die Hauptaufgabe der zehntausenden von US-Soldaten immer noch darin, mit angemessenen Methoden die Taliban zu töten und zu besiegen. Sie mögen exzellente Kämpfer und häufig auch sehr prinzipienfeste junge Leute sein, aber sie sind, so sehr sie sich vielleicht Mühe geben, keine guten Ethnologen oder Entwicklungsexperten. Und wenn sie kämpfen, tun sie das nur mit Zustimmung derselben afghanischen Regierung, die sie als korrupt bezeichnen und deren Institutionen sie zu reformieren versprechen.

Nirgends sind diese Widersprüche offenkundiger als in Kandahar. „Wenn wir Ihnen erzählen würden, was hier wirklich passiert, würden wir die Nacht nicht überleben“, hörte ich einen der Notabeln zu Präsident Karsai sagen. Das war auf der Dschirga, einer Versammlung von Stammesältesten, zu der Karsai Ende April nach Kandahar gekommen war. Und ein anderer meinte: „Es ist zu einfach, den Taliban die Schuld zu geben.“

Shahida Hussein drückt die allgemeine Stimmung in Kandahar aus. Die mutige Kämpferin für Frauenrechte wirft der Regierung und der Nato vor, sich mit den „bad guys“ verbündet zu haben: „Wenn jemand jemanden umbringt, sagt die Regierung: Lasst den in Ruhe, er ist unser Freund oder unser Verwandter, oder er ist mit uns verbündet. Es gibt hier keine wirkliche Regierung. Kandahar ist in den Händen von Leuten, die Drogenhandel betreiben, die Waffen haben und vom Ausland unterstützt werden.“

Falaq Safi ist einer der höchsten Untersuchungsrichter in der Stadt. Ich frage ihn, von wem die größere Bedrohung für die Sicherheit ausgeht, von den Milizen oder von den Taliban? Seine Antwort lautet: „Das ist im Moment schwer zu sagen. Manchmal kommt die Bedrohung von den Taliban, aber meistens kommt sie von Leuten, die ihre eigenen Interessen gefährdet sehen. Die Menschen hier in der Stadt haben mehr Angst vor den privaten Milizen und denen, die illegale Waffen haben. Die meisten klagen über diese Leute mit den Waffen und Privatarmeen.“

Solche Auskünfte sind der Grund, warum man, je länger man mit den Leuten in Kandahar redet, immer besser versteht, warum die Taliban hier wie ein Teil der Lösung erscheinen. Die Bewegung entstand in einem Dorf ganz in der Nähe, aus dem Bedürfnis heraus, die Korruption zu bekämpfen, den Alltag sicherer zu machen und wieder eine stabile Regierung zu haben, mit einer Obrigkeit, die sich an moralische und religiöse Grundsätze hält. Und auch, um genau die Warlords zu bekämpfen,1 die jetzt wieder an der Macht sind, und zwar nach allgemeiner Überzeugung mit dem Segen der Vereinigten Staaten.

Die wichtigste Nato-Einrichtung innerhalb der Stadt nennt sich Provincial Reconstruction Team (PRT) und soll Entwicklungsprojekte und Beratertätigkeiten koordinieren. Das große Eisentor, das man passieren muss, lässt eher an eine Militärbasis denken. Aus irgendeinem Grund hängt an einer Außenmauer ein toter Hund an einem Strick. Nachfragen ergeben, dass die Basis von einer Privatmiliz betrieben wird, die ein Mann namens Akhtar Mohammed kontrolliert, der wiederum als Gefolgsmann von Ahmed Wali Karsai bekannt ist. Der Bruder des Präsidenten – im Nato-Jargon wird er AWK, unter Journalisten K2 genannt – hat den Ruf eines Mafiapaten. Man wirft ihm vor, Gelder aus Verträgen mit der westlichen Allianz abzuzweigen, Schutzgelder zu erpressen, Regierungsland zu besetzen und eine Schlüsselfigur im Heroinhandel zu sein. Er streitet alles ab und stellt sich als Opfer feindlicher Verleumdungen dar. Wie immer die Wahrheit aussieht, überall, wo wir uns umsehen, stoßen wir auf irgendwelche Milizen. Selbst das PRT-Gelände und andere Nato-Basen werden von solchen Milizen bewacht.

In der Stadt treffen wir dann eine hochgestellte Persönlichkeit. Der alte Herr erzählt uns, dass sein Neffe gerade von den Amerikanern angeheuert wurde. Man hat ihm einen Topf von 36 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt, damit er in der ganzen Provinz Kandahar herumfährt und Milizen rekrutiert. „Natürlich arbeitet er mit dem Warlords zusammen. Die liefern ihm die ganzen Leute. Er muss sich da mit den schlimmsten Verbrechern einlassen.“

Auf dem Lande ist das große Thema bei den Dorfversammlungen die von den Amerikanern so genannten LDI (local defence initiative). Für die Afghanen sind das schlicht die Milizen. Die sind es, die Leute festnehmen und Schutzgelder erpressen, beschweren sich die Dörfler. Im Bezirk Arghandab östlich von Kandahar sagt uns ein Dorfältester: „Diese Milizen gehören zu den Stämmen aus der Gegend. Die scheren sich nicht um das Land. Was die interessiert, ist Geld – sonst nichts. Wegen dieser lokalen Milizen macht unsere Regierung keine Fortschritte. Und um die Sicherheit steht es heute ganz schlecht.“

Ähnliche Klagen hören wir auf einer anderen Dschirga, die in einer US-Basis stattfindet: „Wir können nicht sagen, ob jemand zur Miliz oder zu den Taliban gehört – alle tragen Waffen und keiner hat eine Uniform.“ Ein Offizier der afghanischen Armee, der mit den Amerikanern zusammenarbeitet, schlägt eine Lösung vor. Die Dörfler sollen ihre eigene Miliz gründen: „In eurem Dorf wisst ihr doch, wer die Guten und wer die Schlechten sind. Es liegt allein an euch, wie ihr sie kontrolliert. Ich werde euch unterstützen, ich sorge dafür, dass ihr Waffen und Lohn bekommt. Kümmert euch wenigstens um eure eigene Sicherheit – macht eure eigene Miliz auf und schützt euer Dorf selbst.“

Dieser Appell beweist, dass die USA den Einsatz von Milizen eher noch ausbauen und nicht etwa beschränken wollen. Einige Dörfler sind keineswegs erbaut von der Idee: „Ich war zwei Jahre bei der Armee, deshalb habe ich jetzt die Taliban zum Feind. Ich habe Angst vor ihnen. Jetzt wollt ihr mir eine Waffe geben – aber morgen nehmt ihr sie mir wieder weg. Und dann habe ich noch mehr Feinde.“

Später filmen wir solche Milizionäre. Sie sehen aus wie die Taliban, nur dass sie keine Bärte haben, dafür gelb fluoreszierende Schultergurte und rote Stofffetzen an ihren Gewehren, damit man sie von ihrem Feind unterscheiden kann. Einer ihrer Anführer erklärt, dass sie von den Amerikanern unabhängig sind und nicht von ihnen bezahlt werden: „Sie wollten, dass wir uns ihnen anschließen, aber wir haben Nein gesagt. Manchmal arbeiten wir mit ihnen zusammen, aber nur zum Wohl unseres Dorfes. Alle hier sind mit uns zufrieden, wenn ihr das nicht glaubt, könnt ihr die Leute selber fragen.“

Aufrüstung der Dörfer – oder die „dritte Kraft“

Unsere Erfahrungen sehen etwas anders aus. Ich möchte Vertreter der U.S. Special Forces treffen und ihre Geschichte hören, um zu verstehen, was sie da machen. Schließlich meinen viele vernünftige Leute, dieses lokale Programm zur Bekämpfung der Taliban sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber dann kommt über Funk die Meldung, dass mein Besuchstermin bei einer Militärbasis der Special Forces abgesagt ist. Es sind nur „zufällige Begegnungen“ mit den Green Berets gestattet. Jedes „verabredete“ Interview muss von höherer Ebene genehmigt werden. Per E-Mail versuche ich eine Erlaubnis zu bekommen, vergeblich. Wir haben offenbar an einen wunden Punkt gerührt.

„Miliz“ ist ein schmutziges Wort, für Soldaten des Westens klingt es nach üblen Dingen, erinnert an die Paramilitärs in Kolumbien und Mittelamerika oder zuletzt im Irak. Das Wort impliziert, dass diese Leute „irregulär“ sind, außerhalb der offiziellen Strukturen der afghanischen Regierung. Ein politisch heikles Thema. In Kandahar trafen wir einen Afghanen, der für die Green Berets arbeitet, der sagte, der ganze Vorgang wäre geheim: „Mit diesen Milizen hat man die afghanische Regierung offiziell gar nicht bekannt gemacht. Die folgen unseren Befehlen, amerikanischen Befehlen. Nicht wie Präsident Karsai, der sein eigenes Ding macht.“

Colonel Wayne Shanks, Chef der Öffentlichkeitsabteilung der US-Armee in Afghanistan, erzählte mir in einem Interview: „Die Isaf und die U.S. Special Operations Forces unterstützen keine Milizen. Wir wissen genau um die Geschichte der Milizen in diesem Land und vertrauen darauf, dass jedes Sicherheitsprogramm mit der Regierung verknüpft sein muss.“ Die Initiative zur lokalen Selbstverteidigung sieht Shanks als ein rein defensives Programm: „Diese Dorfbewohner werden nicht bezahlt und sind auch nicht befugt, Verhaftungen vorzunehmen. Sie sind eher so was wie eine afghanische neighbourhood watch. Wenn sie im Dorf etwa Aktivitäten von Aufständischen bemerken, benachrichtigen sie die afghanische Polizei oder die Isaf. Nach unseren Informationen werden die Leute von den Dorfältesten bestimmt, sie tragen besondere fluoreszierende Gurte und sind den Bewohnern persönlich bekannt.“

Counterinsurgency bedeutet Milizen und Todesschwadrone

Über meine Kontakte bei den Militärs weiß ich, dass es eine ernsthafte und durchaus problembewusste Debatte über die Frage gibt, welche Art lokaler Sicherheitskräfte in diesem Krieg erfolgreich sein könnten. Kaum jemand glaubt, dass die korrupte afghanische Polizei oder die Armee, die von Tadschiken und anderen Völkern des Nordens dominiert wird, die Rebellion im vorwiegend paschtunischen Süden des Landes niederwerfen kann. Deshalb finden sich in den einschlägigen Zeitschriften und Blogs viele Artikel von Offizieren der Spezialeinheiten, die über eine „Dritte Truppe“ diskutieren, vielleicht eine Stammestruppe, die für Sicherheit sorgen kann, wenn 2011 der Rückzug der US-Truppen beginnt.

Einige der US-Spezialeinheiten haben in der Vergangenheit mit irregulären Einheiten operiert, die sie selbst rekrutiert hatten, speziell die Green Berets. Sie sind von Präsident Kennedy im Vietnamkrieg zu genau diesem Zweck überhaupt erst gegründet worden.

Was viele nicht verstanden haben, ist dass die Umstellung von konventioneller „feindkonzentrierter“ Kriegsführung auf eine „bevölkerungskonzentrierte“ Aufstandsbekämpfung (counterinsurgency) läuft keineswegs, wie es meistens gesehen wird, auf eine „Seid nett zu den Leuten“-Taktik hinaus. Die Doktrin der Counterinsurgency, die von den Erfahrungen in Malaysia, Vietnam, Oman und Zentralamerika gespeist ist, setzt nicht nur auf Gesten und Aktionen, mit denen man die Herzen der Einheimischen gewinnen will. Counterinsurgency bedeutet auch drakonische Sicherheitsmaßnahmen, um abweichende Meinungen zu kontrollieren und Kontakte zwischen der Bevölkerung und den Aufständischen zu unterbinden. Sie bedeutet massenhafte Vertreibung. Sie bedeutet Milizen und Todesschwadrone.

Und dennoch kenne ich besonnene Leute, die davon reden, dieser Krieg sei sozusagen „Stamm für Stamm“ zu gewinnen, eben mithilfe solcher irregulären Truppen. Ältere Einheimische erinnern sich, dass es auch die Russen mit Milizen versucht haben, vor allem als sie am Ende noch den letzten kommunistischen Regierungschef Nadschibullah zu halten versuchten. Was immer hier versucht wird, ist mit großen Risiken verbunden. In Kandahar befürchtet man jedenfalls, dass die Schaffung solcher Hilfstruppen, egal was damit beabsichtigt wird, schlicht darauf hinausläuft, die üblen alten Warlords wieder mit Waffen zu versorgen.

Zurück in Kandahar, wollen wir herausfinden, wer hier tatsächlich das Sagen hat. Wenn es nicht die Taliban sind, wer kontrolliert dann diese Stadt? Als Erstes sprechen wir mit einheimischen Journalisten. Sie reagieren nervös. Sie erzählen von einem Reporter namens Jawed „Jojo“ Ahmad, der zu viele Fragen über Milizen und deren Verbindungen zu den Amerikanern stellte. Zuerst versuchten sie ihn zur Vernunft zu bringen, und er verschwand für eine Weile auf der US-Luftwaffenbasis Bagram. Als er wieder frei kam, konnte er seinen Mund immer noch nicht halten. Schließlich wurde er umgebracht, nicht weit von unserem Hotel.

Die Journalisten erwähnen auch einen Kollegen in der Nachbarprovinz Helmand. Abdul Samad Rohani arbeitete als lokaler Mitarbeiter für die BBC in der Provinzhauptstadt Lashkah Gah. Er recherchierte über die Connections zwischen der afghanischen Polizei, lokalen Milizen und den Drogenhändlern. Der damalige Polizeichef soll ihn gewarnt haben. Dann haben sie ihn getötet.

Das alles sind aber nur unbestätigte Vermutungen in einer Stadt, wo Gerüchte in Schallgeschwindigkeit umlaufen und Halbwahrheiten als Ganzes geschluckt werden. Viele Leute sind zum Beispiel absolut davon überzeugt, dass die Amerikaner die Taliban direkt finanzieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie konnten wir für all das konkrete Belege finden? Wir begannen mit dem bekanntesten Verbrechen, das von einer Miliz in Kandahar begangen wurde. Im Juni 2009 wurde der Polizeichef der Stadt, Matiullah Qateh, ermordet. Weil die offiziellen Ermittlungen von einem Staatsanwalt in Kabul geführt wurden, stellte sich in seltener Klarheit heraus, dass in Kandahar eine sehr spezielle Miliz aktiv ist, die unter anderem als Kandahar Strike Force bekannt ist.

Qateh und weitere hohe Polizeioffiziere wurden am helllichten Tage erschossen, von Angehörigen einer Miliz, die auf einer Basis der US-Special Forces und der CIA namens Camp Gecko stationiert ist. Die Milizionäre, von den Amerikanern ausgestattet mit Uniformen, Waffen und Fahrzeugen, waren vor ein Gerichtsgebäude gezogen, um von den Strafverfolgern die Freilassung eines ihrer Kameraden zu erzwingen. Brigadegeneral Ghulam Randschabar, ein hoher Militärstaatsanwalt in Kabul, der mit dem Fall betraut war, hat uns enthüllt, dass er damals einen Haftbefehl gegen den Kommandeur der US-Special Forces erlassen hat, von dem er nur den Namen „John“ oder „Jonny“ wusste.

Randschabar erzählte uns, dass alle nach dem Mord verhafteten Milizionäre ausgesagt haben, es sei dieser Jonny gewesen, der den Überfall zur Befreiung ihres einsitzenden Kameraden abgesegnet habe. Randschabar sagt nicht, dass die Amerikaner die tödlichen Schüsse befohlen oder gebilligt haben. Aber er hält sie für schuldig, eine Einheit von Gesetzlosen geschaffen und die Zusammenarbeit bei der gerichtlichen Untersuchung der Tat verweigert zu haben.

Randschabars Ermittlungen und anderen Zeugenaussagen zufolge hätte die Miliz von Camp Gecko nie in voller Uniform aus der Basis ausrücken können, wenn ihre Aktion nicht genehmigt gewesen wäre. Dagegen hat ein US-Sprecher mir gegenüber erklärt: „An dem Angriff waren keine Soldaten der Koalition beteiligt; die Wachen handelten nicht im Auftrag der USA oder internationaler Truppen.“

Randschabar sagt, dass es unendlich viele Berichte über die Aktivitäten der Miliz gab: „Die Leute in Kandahar sagen, diese Kerle behaupten, sie seien Dolmetscher, aber sie begehen nachts Überfälle und Morde.“ Die Milizionäre, die das Gericht angegriffen haben, seien nicht einfach „Wachleute“ von Camp Gecko gewesen. Die beteiligten Männer hätten vielmehr ausgesagt, sie seien fest in die Aktivitäten der Special Forces eingebunden und an Razzien und Einsätzen gegen feindliche Ziele beteiligt, Tag und Nacht.

Das stimmt mit dem überein, was wir über einen anderen Fall erfahren haben. Im November 2009 wurde der 23-jährige Janan Abdullah bei einem Überfall auf sein Haus durch eine Handgranate und Gewehrfeuer getötet, seine Frau überlebte und ist seitdem gelähmt. Geleitet wurde der Einsatz von US-Soldaten, aber geschossen haben Afghanen, sagen die Angehörigen: „Unsere eigenen Leute – Paschtunen – haben uns das angetan. Sie waren so brutal, nicht einmal die Amerikaner können so grausam sein, und die sind nicht einmal Muslime. Es waren die aus unserem eigenen Land, die das getan haben.“

Die Familienangehörigen sagen, sie hätten keine Ahnung, warum ihr Haus oder der junge Janan überfallen wurden. Später hörten sie, es sei ein Fehler gewesen. Als wir einen US-Sprecher nach dem Fall fragten, gab er die Auskunft, er könne keine Akte über den Vorgang finden. Aber Vertreter unabhängiger Menschenrechtsgruppen, die den Fall untersucht und am Schauplatz des Überfalls am nächsten Tag Fotos gemacht haben, brachten die Milizionäre mit Camp Gecko in Verbindung, wohin auch die verletzten Familienmitglieder gebracht wurden.

Bei unseren Recherchen in Kandahar stießen wir immer wieder auf den Namen eines Mannes. „Jeder Ort hat einen König, und ihr wisst besser als ich, wer der König von Kandahar ist,“ sagt Shahid Hussein, „Ahmed Wali Karsai. Nicht weil er der Bruder des Präsidenten ist, sondern weil er von den Amerikanern unterstützt wird.“

Kommandeur der Luftwaffe und Bauunternehmer

Die beiden mächtigen Stämme in dieser Stadt sind, wie uns die Einheimischen erklären, die Papalsai unter Führung der Familie Karsai und die Baraksai, angeführt von der Familie des früheren Gouverneurs von Kandahar, Gulab Agha Shersai. Der und seine Miliz hatten sich 2001 den in Kandahar einrückenden Amerikanern angeschlossen. Obwohl Shersai inzwischen als Gouverneur der Provinz Nangahar in Dschalalabad nahe der pakistanischen Grenze residiert, hat er seinen Einfluss in Kandahar behalten. Als Aufpasser fungiert sein Bruder, Generalmajor Abdul Rasik Shersai, der eine Doppelrolle hat: als Boss eines Bauunternehmens und als Geschwaderkommandeur der afghanischen Luftwaffe.

Beiden Clans, den Karsais wie den Shersais, wird nachgesagt, dass sie von den vielen lukrativen Nato-Aufträgen profitieren: Sie verpachten und vermieten Grundstücke und Gebäude an die Koalitionstruppen, sie beliefern sie mit Versorgungsgütern und Personal, sie sind Auftragnehmer für riesige Entwicklungsprojekte, sie versorgen Nachrichtendienste wie die CIA mit Informationen, sie stellen das Wachpersonal für die Militärbasen der Koalition und das Geleit für die Nachschubkonvois der Nato-Truppen – und eben auch Milizen, die mit den U.S. Special Forces zusammenarbeiten. Ein Polizeikommandant an einem Checkpoint erklärte es mir so: „Das hier ist ein Stammeskrieg. Die Leute unterstützen die Taliban, weil sie sehen, wie sich bestimmte Stämme alle Jobs und allen Einfluss sichern.“

Als ich nach Kandahar kam, dachte ich, dass nur wenige Leute offen über die Familie Karsai reden würden. Aber es dauerte nicht lange, bis der Name fiel. Zum ersten Mal hörte ich ihn von Dorfbewohnern, die zu einer Polizeistation kamen und den örtlichen Polizeichef mit Vorwürfen überschütteten. Sie behaupteten, ein Warlord versuche sie zu vertreiben und das ganze Dorf abzureißen. Offiziell gehöre das Land der Regierung, und der Anführer sei ein Verwandter von Ahmed Wali Karsai und agiere in dessen Namen.

Auch bei den Recherchen über den Mord an Polizeichef Qateh tauchte der Name auf. Denn gleich nach dessen Tod erschien am Schauplatz des Verbrechens derselbe Akhtar Mohammed, dem wir schon als Betreiber der PRT-Basis begegnet sind und der für die Karsais arbeiten soll. Welche Rolle er genau spielte, wurde nie klar. Wegen des Mordes wurde er nie verhaftet. Aber Leute in den Milizen haben uns erzählt, er sei der entscheidende Mann bei der Rekrutierung der bewaffneten Trupps, die für die Amerikaner arbeiten. Und er gehöre zu den Popalsai wie die Karsai-Familie und stamme aus deren Heimatdorf Kars.

Obwohl Ahmed Wali Karsai von hohen Nato-Kommandeuren als „unheilvoller Akteur“ bezeichnet wird (üblicherweise off the record), sind die USA in Kandahar auf ihn angewiesen. Das jedenfalls sagen die Leute in Kandahar. Und ein Insider, der mit den Milizen zu tun hat, erzählte uns, dass in Karsais Haus regelmäßig amerikanische Unternehmer und Offiziere der Special Forces zu Gast sind, zu Tischtennis und anderen Abendvergnügungen.

Nach der Ermordung von Qateh waren 41 Mitglieder der Kandahar Strike Force verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden. Alle wurden verurteilt, einige von ihnen zum Tode. Aber die übrigen der 300 Milizionäre machten ihren Job im Camp weiter. Und Ahmed Wali Karsai ist dabei, eine Kampagne für die Amnestierung der Verurteilten zu organisieren. Selbst Familien von Opfern wurden dazu gebracht, ein Gnadengesuch zu unterzeichnen.

In einem Telefongespräch hat mir Ahmed Wali bestätigt, dass er die Amnestie unterstütze, denn der ganze Vorfall sei doch ein „Missverständnis“ gewesen. Er selbst habe mit Milizen nichts zu tun, in Wahrheit gebe es in Kandahar auch gar keine. In der Stadt herrsche das Recht. Und die Anschuldigungen gegen ihn seien das Werk seiner Feinde.

Dann beschwerte sich Karsai heftig, dass ich ihn in Kandahar nicht aufgesucht habe. Die Idee, dass er ein so zugänglicher Pate sein könnte, war mir in der Tat nicht gekommen. Er selbst denunziert alle, die ihn diverser krimineller oder korrupter Praktiken anklagen, aber offenbar kann ihm keine der Klagen etwas anhaben.

In einem Gerichtsgebäude empfängt uns der leitende Staatsanwalt. Er ist im Stress. Ein Inspektionsteam aus Kabul ist in der Stadt, und dem Gewisper, das wir hören, ist zu entnehmen, dass sie eine Bestechungssumme von mehreren zehntausend Dollar verlangen. Einer der Justizbeamten beschwert sich, das sei zu viel: „So viel kriegen wir nicht herein. Die Geschäfte laufen nicht gut.“

Der leitende Staatsanwalt ist trotzdem zu Scherzen aufgelegt. Die Briten werden aus Helmand abziehen, hätte er gehört, und kämen jetzt nach Kandahar. „Das ist eine tolle Nachricht“, meint er grinsend, „da oben habt ihr ja einen tollen Job gemacht und den Feind besiegt.“ Ich bedanke mich für das Vertrauen in mein Land.

Als die britischen Truppen 2006 in die Provinz Helmand im Westen Afghanistans kamen, sorgten sie dafür, dass der Gouverneur Sher Mohammed Akhundzada vorher abgesetzt wurde. Wie Ahmad Wali Karsai war er ein Warlord, der beschuldigt wurde, die Finger in Drogengeschäften zu haben.

Diese politische Intervention erwies sich militärisch als Desaster. In Helmand hatten Akhundzadas Milizen für Stabilität gesorgt. Mit ihrem Abzug entstand ein Machtvakuum. Viele ihrer Mitglieder gingen zu den Taliban oder sahen einfach zu, wie sich die Rebellion ausbreitete. Heute ist Helmand – nach vierjährigen Kämpfen – die Provinz mit den meisten bewaffneten Auseinandersetzungen in ganz Afghanistan.

Die Idee, Ahmed Wali Karsai oder gar seine Milizen „zu beseitigen“, ist also dummes Gerede, solange man nicht darüber nachdenkt, was an deren Stelle treten soll. Als wir aus Kandahar abreisten, kursierten Berichte, wonach die USA mit Ahmed Wali zusammenarbeiten wollen. Offenbar fällt ihnen keine Möglichkeit ein, wie man ihn gefahrlos entsorgen könnte.

Genau das ist der Haken bei der großen Strategie. Denn Ahmed Wali Karsai ist nicht das Problem, er ist nicht der einzige Lokalfürst. Er ist nur ein Symptom. Das Problem ist, dass der Westen nach jahrelangem militärischen Engagement noch immer keine brauchbare politische Strategie entwickelt hat für den Umgang mit den Warlords und den korrupten Elementen, die von der Isaf-Führung zu Recht als Hauptproblem identifiziert werden.

Statt das Problem an den Wurzeln zu packen, wurschtelt sich der Westen weiter irgendwie durch. Und bemüht sich verzweifelt um die Unterstützung genau jener finsteren Akteure, von denen alle wissen, dass sie in Afghanistan viel eher der „Feind“ sind als die Taliban.

Fußnote:1 Siehe die Autobiografie von Mullah Abdul Salam Saif, die vor kurzem auf Englisch erschienen ist: „My Life with the Taliban“, herausgegeben von Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Stephen Grey ist Journalist, Autor unter anderem von „Operation Snakebite: The Explosive True Story of an Afghan Desert Siege“, New York (Viking Press) 2009; www.stephengrey.com. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,