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Die Frauen von Hassi Messaoud

Gerüchte über die algerische Ölstadt von Ghania Mouffok

Nachdem am 11. April 2010 die algerische Tageszeitung al-Watan über neuerliche Gewaltausbrüche gegen Frauen in der Ölstadt Hassi Messaoud berichtet hatte, stürzten sich Kommentatoren und Talkshows auf das Thema – vor allem in Frankreich, weniger in Algerien. In der „Stadt der Vergewaltigung“1 tobten „turbantragende und mit Säbeln bewaffnete Horden von Vergewaltigern“, jeden Tag würden „neue Leichen in den Dünen entdeckt“.2 Es war das zweite Mal, dass die Stadt in der Sahara auf diese Weise in die Schlagzeilen geriet: Im Sommer 2001 hatte schon einmal ein männlicher Mob selbst ernannter „Sittenwächter“ im Viertel al-Haïcha viele alleinstehende Frauen mit unvorstellbarer Brutalität angegriffen.3

Wir wollen wissen, was dort diesmal wirklich geschehen ist, und machen uns auf den Weg nach Hassi Messaoud, eine Flugstunde südöstlich von Algier. Unbefugte dürften die Stadt nicht betreten, hieß es. Als wir ankommen, ist es schon spät. Die Polizisten erkundigen sich halbherzig nach dem Zweck unseres Besuchs. Man murmelt den Namen eines fiktiven Unternehmens, kommt hinein und ist erst einmal geschockt: Diese heruntergekommene Stadt soll Algeriens reichste Gemeinde sein, der Geldspeicher des Landes? Schlaglöcher im Asphalt, kaum Gehwege, notdürftig ausgebesserte Fassaden, alterslose Risse im Zement. Und überall Abfallhaufen, in allen Winkeln des Viertels, allen Gässchen, bis an den Rand der Wüste, wo der Müll kilometerweit in der Sonne dörrt.

Rund um das Ölfeld gruppieren sich auf 71 000 Quadratkilometern alle Aktivitäten der Region: das Industriegebiet, die relativ komfortablen Wohncontainer der Arbeiter und die eigentliche Kommune in einer Senke in der Wüste. 60 000 Einwohner verzeichnet das Meldeamt, aber „es werden wohl doppelt so viele sein“, schätzt ein ehemaliger Stadtrat. Die Gemeinde erlebte in den 1990er-Jahren einen rasanten Aufstieg: Auf der Flucht vor Arbeitslosigkeit und Terror – damals galt die Stadt als sicher – versuchten Tausende hier Fuß zu fassen. Zwischen 1987 und 1998 wuchs die Bevölkerung von 11 428 auf 40 368 Einwohner. Der öffentliche Haushalt beläuft sich auf 4 Milliarden Dinar (43,7 Millionen Euro), doch nach irgendwelchen Folgen für das öffentliche Wohl hält man vergeblich Ausschau: Das Wasser aus dem Hahn ist nicht trinkbar, das Stadtgas ein unerschwinglicher Luxus, und öffentliche Verkehrsmittel gibt es gar nicht. Kulturveranstaltungen finden nicht statt; wer zu den Honoratioren gehört, kann sich zu einer Grillparty in die Gated Communities außerhalb der Stadt einladen lassen, wo die Ausländer und die wohlhabenden Algerier wohnen. Sonst ist hier nichts los.

Dieser Ort hatte schon immer etwas Surreales. Zunächst war er nur eine Schlafstadt für die Männer, die auf dem Ölfeld arbeiteten, dann sollte aus Hassi Messaoud eine richtige Wohnstadt für Familien werden; 1985 erhielt sie den Status einer Gemeinde. Unter Missachtung sämtlicher Sicherheitsvorschriften wurden die Häuser auf den Ölpipelines errichtet, zwischen der Raffinerie und den Tag und Nacht brennenden Hochfackeln. Erst 2005 wurde die Stadt offiziell zur „Hochrisikozone“ erklärt.

Hassi Messaoud, die Stadt ohne Vergangenheit, strebt nach einer Zukunft. Man verheißt ihr sogar eine grandiose Zukunft – unter einer Voraussetzung: Die alte Stadt soll verschwinden, wie ein Fehler, den man ausradiert. Für geschätzte 5 oder 6 Milliarden Dollar Baukosten soll etliche Kilometer von diesem Chaos entfernt bis 2015 ein neues Hassi entstehen. Doch noch ist alles ungewiss. „Nie und nimmer wird es eine neue Stadt geben“, schwört ein lokaler Journalist, „Was wollen sie dann mit den Leuten hier machen? Manche haben hier ein Vermögen verbaut, andere sind mit der ganzen Familie hergezogen: Die machen doch da nicht mit. Schadenersatz, ja, aber für wen und wie?“ Die Behörden scheinen es auch nicht zu wissen. Das Projekt liegt auf Eis. Keine einzige Baugenehmigung wurde mehr erteilt, nur die Allerärmsten aus den Elendsvierteln hat man schon mit Waffengewalt aus ihren Hütten vertrieben. Wer Glück hatte, bekam eine neue Unterkunft in einem anderen Viertel. „Sie wollen für die Amerikaner und ihre Familien ein neues Dallas hier bauen. Aber uns wird man nicht so einfach los“, sagt eine alte Frau.

2007 wurde der Stadtrat wegen „Dysfunktionalität“ aufgelöst. Nach 45 Tagen wären neue Wahlen fällig gewesen – doch wozu, wenn es von den Bürgermeistern heißt, sie „halten zwei Jahre durch, dann werden sie wegen Korruption verhaftet, zu zwei, drei Jahren Gefängnis verurteilt und kommen als Milliardäre heraus“. Für die Übergangszeit hat der Chef der Daïra (Kreisverwaltung) übernommen, er verwaltet irgendwie den Status quo, damit hier nicht alles in die Luft fliegt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Seine einzige Legitimation besteht darin, dass er die Sicherheitskräfte kontrolliert.

Von der Putzfrau zur leitenden Angestellten

Zu diesem undurchschaubaren Durcheinander kommt noch die Generation der arbeitenden Frauen als sozialgeschichtliches Novum. Ihre Geschichte beginnt mit den Arbeiten an der Gaspipeline Maghreb–Europa, die 1994 eröffnet wurde. Auf allen Baustellen im Westen Algeriens stellten die multinationalen Unternehmen damals Putzfrauen, Köchinnen und Wäscherinnen ein, die von Baustelle zu Baustelle mitzogen. Nach Fertigstellung des gigantischen Projekts kamen sie mit ihren Arbeitgebern nach Hassi Messaoud. Andere kamen nach.

Während im Jahr 2001 noch 9 700 Frauen über ihre Arbeit sozialversichert waren, sind es heute 28 700, was bei 60 000 registrierten Einwohnern also fast die Hälfte der Bevölkerung ausmacht (in ganz Algerien beträgt der Anteil der berufstätigen Frauen 18 Prozent). Doch weder der Stadtrat noch die Unternehmen trugen dieser besonderen Situation Rechnung. So wurden sämtliche damit verbundenen logistischen Fragen – etwa wie die Frauen zu ihren Arbeitsplätzen gelangen sollten – Subunternehmen überlassen, die sich nach der Liberalisierung des Erdölmarkts in den 1990er-Jahren hier niedergelassen hatten.

Samia ist 34 Jahre alt. Sie kam 1999 mit ihrem Vater, der Fahrer war, nach Hassi Messaoud. Er wurde krank und kehrte in seine Heimatstadt im Aurès-Gebirge zurück. Doch Samia und ihre Schwestern waren mutig und sind geblieben. Aus der Putzfrau wurde eine Angestellte. Im blütenweißen Kittel empfängt uns die selbstbewusste junge Frau am Sitz eines Unternehmens, das für die Ölfirmen Catering- und Hotelservice betreibt. Samia wirbt neue Mitarbeiterinnen an und arbeitet sie ein. Die gepflegte Anlage mit Sicherheitsdienst an den Eingängen, Restaurant, Bar und blühenden Bougainvilleen wird wie ein Vier-Sterne-Hotel geführt, mit Flachbildschirmen und Klimaanlagen für durchreisende Geschäftsleute.

Die Frauen haben zwar einen sicheren Job, aber der Lohn ist dürftig, die Hälfte streicht das Unternehmen als Provision wieder ein: „Das ist eben so, sie geben uns sichere Jobs und fahren uns zur Arbeit.“ Von ihrem durchschnittlichen Lohn von 60 000 Dinar (etwa 650 Euro) bekommt Samia 25 000 (rund 270 Euro) ausbezahlt.

Jeden Tag wechseln die Frauen in Minibussen, die sie quer durch die Stadt befördern, von einer Welt in die andere, von der Bougainvilleapracht ins Gewimmel einer Stadt, in der Chaos und Gesetzlosigkeit herrschen. Als wir Samia zu Hause besuchen, müssen wir dreimal an die Wand klopfen, bevor sie uns die Tür öffnet. Der Eigentümer schätzt keine Besuche, er will „keine Probleme“ mit den Nachbarn oder der Polizei. Die Dreizimmerwohnung in der Innenstadt teilen sich Samia und ihre Schwestern mit vier weiteren Frauen, die ihr Geld mit Putzen verdienen. 18 000 Dinar (etwa 190 Euro) Miete kostet diese spartanische Wohnung, für es natürlich keinen Mietvertrag gibt, die Frauen können jederzeit hinausgeworfen werden. Zu der Unsicherheit gesellt sich noch die Belästigung durch die jungen Männer im Haus, die finden, dass ihre Nachbarinnen auch zu ihrem Haushalt etwas beitragen könnten, als Gegenleistung für eine friedliche Nachbarschaft.

Samia hat die furchtbare Nacht im Juli 2001 miterlebt. Damals wohnte sie noch im Viertel al-Haïcha. Verschont blieb sie wegen des Einsatzes einer tapferen Freundin: „Sie sagte zu uns: ‚Ihr seid noch Jungfrauen, versteckt euch, ich gehe ihnen entgegen.‘ Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit fliegenden Kleidern davonlief. Ein Nachbar hat uns damals in ein Taxi verfrachtet. So sind wir entkommen. Sie wollen uns Angst machen, sie wollen uns vertreiben. Die Leute aus der Sahara bilden sich ein, Hassi gehört ihnen.“ Sie hat auch jetzt Angst, aber sie weiß nicht mehr, ob sie sich erst gefürchtet hat, nachdem sie den Artikel über die neuerlichen Übergriffe auf Frauen in al-Watan gelesen hatte, oder schon vorher: „Ehrlich gesagt, haben wir von dieser neuen Geschichte gar nichts mitbekommen, dabei erfährt man hier eigentlich am Ende immer alles.“

Samia bringt uns mit einer der Frauen zusammen, die im April angegriffen wurden. Weil sie krankgeschrieben und nicht in der Stadt ist, erzählt sie uns am Telefon davon: „Es waren vier oder fünf. Sie haben meine Tür aufgebrochen, mich mit einem Messer bedroht und mir alles gestohlen. Aber ich kann meine Schwester nicht belügen, bei Gott, sie haben mich nicht angerührt. Als ich Anzeige erstatten wollte, waren dort eine Menge anderer Frauen, und der Polizist sagte zu mir: ‚Sei froh, dass sie nicht bis zum Äußersten gegangen sind.‘ “ (Im Arabischen spricht man das Wort „vergewaltigen“ in der Regel nicht aus.)

Samia hat keinen Kontakt zu anderen Frauen, denen Schlimmeres widerfahren ist. Sie schickt uns zu ihrer Schwester, die in dem betroffenen Quartier „136 Logements“ lebt. Doch sie kennt auch niemanden und rät uns, zur Polizei zu gehen. Alle unsere „Fahnderinnen“, die voll guten Willens ein richtiges Netzwerk auf die Beine gestellt haben, kehren unverrichteter Dinge zurück.

Die Gewalt gebe es, meint ein Journalist aus Hassi Messaoud, doch das Ausmaß habe man übertrieben. „Das hätte ich doch mitbekommen. 2001 war in der ganzen Stadt von nichts anderem die Rede.“ Die Polizei sagt, dass es zwischen April und Mai vier bis fünf Angriffe gab, die angezeigt wurden. So stand es auch in al-Watan.

Üppige Villen und viele Diebe

Man hatte uns davon abgeraten, in die „136 Logements“ zu gehen, es sei zu gefährlich. Das Quartier liegt am Rand des Gebiets von Hassi Messaoud und ist als letztes entstanden, zwischen klotzigen Villen und Sozialbauten, zwischen Bereicherung und Verarmung. Es erzählt vom Schicksal der Menschen der Sahara, die ältere Rechte an dem Gelände geltend machen und darüber klagen, dass sie ausgegrenzt werden.

Ein alter Mann sitzt in einer eisernen Gartenlaube und sortiert alle Arten von Industrieabfällen. „Wir leben vom Müll. Unsere Politiker sind keine Menschen, das sind Diebe. Hier gibt uns keiner was, und wenn du den Mund aufmachst, stecken sie dich ins Gefängnis. Sag ihnen, wie viele von deinen Kumpeln im Knast sind“, fordert er den etwa 20-jährigen Mann neben sich auf. „Na ja, zehn sind es mindestens.“ Er hilft hier aus, weil er sonst keine Arbeit hat, hier verdient er gerade sein Essen. „Um Arbeit zu finden, muss man mit dem Taxi von einer Firma zur anderen fahren, dafür hab ich kein Geld.“ Dass die Frauen um sie herum alle Arbeit haben, macht die Sache noch schlimmer. „Frauen gehören an den Herd“, wettert der Alte und lenkt dann ein: „Wir haben nichts gegen die Frauen und ihre Arbeit, aber das muss doch organisiert werden. Sie machen alles, kochen und putzen. Und unsere Kinder, können die etwa keinen Besen halten? An allem ist nur der Staat schuld. Wenn ich heute jung wäre, ich wäre ein Dieb. Sie zwingen die Leute, Dinge zu tun, die Gott bestraft.“

Fadela hat schon immer in dem Staatsunternehmen Sonatrach gearbeitet, der größten afrikanischen Erdölgesellschaft. „Ich habe als Sozialarbeiterin angefangen, am 26. Juni 1977.“ Heute ist sie in dem Betrieb die Gesundheitskoordinatorin: „Ich kümmere mich um 27 Baustellen, bin bis zur libyschen Grenze gekommen, mit einem Fahrer, und es ist mir nie was passiert.“ Dann regt sie sich auf über die Solidaritätskampagne für die Frauen aus Hassi Messaoud: „Ihr habt den Ruf der hier lebenden Frauen in den Dreck gezogen! Was bildet ihr euch ein! Dass wir Wilde sind? Es stimmt, dass es Angriffe auf Frauen gegeben hat, aber das kommt doch überall auf der Welt vor.“

Fadela ist auch Gewerkschafterin, sie wurde „mehrheitlich von Männern“ gewählt. Die unverheiratete Frau lebt mit ihren drei Schwestern zusammen. Als Studienabsolventinnen, leitende Angestellte oder Industriemeisterinnen idealisieren diese Töchter des algerischen Sozialismus die Vergangenheit: „Hier war ein Klein-Paris! Wir sind ins Schwimmbad gegangen, alle kannten sich, und man wusste sich Respekt zu verschaffen.“ Sie verteidigt „die Ehre ihrer Stadt“, auch auf die Gefahr hin, sich an der Stigmatisierung dieser „anderen Frauen“ zu beteiligen, deren Probleme sie für teilweise selbst verschuldet hält: „Als sie herkamen, nannte man sie ‚die Amerikanerinnen‘. Das hätten Sie sehen sollen, wie die angezogen waren! Sie vergessen, dass die Männer, wenn sie von den Baustellen kommen, manchmal sechzig Tage lang keine Frau gesehen haben.“ Von Prostitution spricht man hier nur hinter vorgehaltener Hand.

Das eigentliche Problem scheint für die Männer von Hassi Messaoud aber nicht die Frauenerwerbsarbeit als solche zu sein, sondern der massenhafte Zuzug alleinstehender junger Frauen. Diese Wanderarbeiterinnen, die alles hinter sich gelassen haben und wirtschaftlich unabhängig sind, bestimmen über ihr Leben und ihren Körper selbst. Eine Provokation für das patriarchal geprägte Arbeitermilieu von Hassi und dessen religiöse Sittenpolizei, die mit grausamen Selbstjustizmethoden die Mädchen „auf den rechten Weg“ zurückführt. Ein anderes Problem ist das Strafgesetzbuch, sagt die Rechtsanwältin Khaddija Khalfoun, die mit Kolleginnen die Opfer von 2001 vor Gericht vertrat: „Nur in seiner französischen Ausgabe verwendet das Strafgesetzbuch den Begriff Vergewaltigung; maßgeblich ist aber die arabische Fassung. Und darin wird äußerst scheinheilig von einem ‚Angriff auf das Schamgefühl‘ gesprochen. Die sogenannte Stammesehre zählt mehr als das Opfer.“

Lamia, eine junge Frau, die auf dem Heimweg von der Arbeit von einer Gruppe Betrunkener überfallen und mehrfach vergewaltigt worden war, wollte Anzeige erstatten. Auf dem Kommissariat fragte sie der Polizeibeamte: „Was ist dir wichtiger: die Anzeige oder deine Arbeit?“

Fußnoten: 1 Caroline Fourest, „Hassi-Messaoud, Stadt der Vergewaltigung“, Le Monde, 24. April 2010. In diesem Frühjahr erschien auch das Buch von Nadia Kaci mit den Augenzeugenberichten des Massakers von 2001 von Fatiha Mamoura und Rahmouna Salah: „Laissées pour mortes. Le lynchage des femmes de Hassi Messaoud“, Paris (Max Milo) 2010. 2 „Les matins de France Culture“, 7. Mai 2010. 3 Die Opfer wurden „geschlagen, mit Messern attackiert, ausgezogen, über den Boden geschleift, gelyncht, verstümmelt, gefoltert, vergewaltigt und in manchen Fällen auch lebendig begraben“; siehe: Dalila Iamarène Djerbal, „Affaire de Hassi-Messaoud“, in: Naqd, Nr. 22–23, „Femmes et citoyenneté“, Herbst/Winter 2006; und Augenzeugenberichte des Massakers von Fatiha Mamoura und Rahmouna Salah, siehe Anmerkung 1.

Aus dem Französischen von Barbara Schaden

Ghania Mouffok ist Journalistin in Algier.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,