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Ende des 19. Jahrhunderts wird die in der französischen Lyrik bis dahin absolute und für die Dichtung als unentbehrlich geltende Herrschaft des gereimten und metrisch festgelegten Verses (vor allen Dingen Alexandriner und Achtsilber) infrage gestellt. Nach einer Phase der Erprobungen, die bis zum Ersten Weltkrieg andauert, erscheint und triumphiert ein neuer Verstypus, insbesondere in der surrealistischen Dichtung, der sogenannte Freie Standardvers (FSV, Vers Libre Standard). Seine hervorstechenden Charakteristika sind die folgenden:
1. Der FSV ist metrisch unbestimmt.
2. Der FSV ist nicht gereimt.
3. Er ist ein geschriebener Vers, der typografisch auf dem Blatt isoliert ist und vom darauffolgenden Vers durch einen neuen Zeilenanfang getrennt wird.
4. Das Ende eines Verses fällt, wie im klassischen Vers allgemein üblich, mit dem Ende einer syntaktischen Hauptgruppe zusammen.
Dennoch verschwindet die klassische Metrik nicht vollkommen, sondern überlebt (vor allem als Alexandriner) in drei Varianten:
Der beibehaltene Alexandriner von Paul Valéry (der auch einen fossilen Zehnsilber verwendet).
Der festgehaltene Alexandriner von Guillaume Apollinaire, später von Louis Aragon.
Der weiterentwickelte Alexandriner von Raymond Queneau (nachzulesen in "Hunderttausend Milliarden Gedichte").
Anfang der 1960er-Jahre zerschlägt Denis Roche den FSV und schafft den Freien Überdrehten Vers (FÜV; Vers Libre Énergumène), bei dem die Bedingungen Nr. 3 und 4 des Freien Standardverses aufgegeben werden; die Verse enden, beispielsweise, mitten in einem Wort. Die Lebensdauer des FÜV ist gering, und er wird bald, bei den meisten Dichtern, durch den Freien Internationalen Vers (FIV; Vers International Libre) ersetzt.
Le Monde diplomatique Nr. 9089 vom 15.1.2010, 53 Zeilen,