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Der nächste Crash ist schon in Arbeit

Die hoffnungsvollen Reden vom Ende der Krise verschweigen, dass die offenen Rechnungen nicht mit ein bisschen Aufschwung zu bezahlen sind von Laurent Cordonnier

Die verheerenden Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise, die seit dem Herbst 2008 die Welt in Atem hält, sind noch längst nicht ausgestanden. Gleichwohl wird seit einigen Monaten schon wieder jedes noch so schwache Wachstumszeichen bejubelt, als da wären: der leichte, höchste unsichere Anstieg der Aktienwerte; die steigenden Preise für Rohstoffe und fossile Energien; die etwas verlangsamte Zunahme der Arbeitslosigkeit in den USA und die ermutigenden Wachstumsprognosen der US-Notenbank (Fed) sowie die leicht aufgehellten Annahmen des Weltwährungsfonds für einen weltweiten konjunkturellen Aufschwung; die etwas günstigeren Prognosen der französischen Zentralbank, der Wachstumskurs der deutschen Industrie; die „knapp positive“ Bilanz der französischen Sociéte Générale für das zweite Quartal und die erklecklichen Gewinne der Investitionsbank Goldman Sachs im ersten Halbjahr 2009 sowie die vorzeitige Rückzahlung der Staatshilfen durch US-Banken.

Wenn wir einmal die begrenzte Haltbarkeit derartiger Voraussagen beiseite lassen, bleibt immer noch die Frage, ob das berühmte Licht am Ende des Tunnels nicht eher die Lichter eines Zuges sind, der auf uns zurast. Selbst wenn die zuversichtlichsten Szenarien einträfen1 , würden die Arbeitslosenzahlen bis 2010 stetig steigen: Für das Jahr 2010 müssen wir in der Eurozone mit einer offiziellen durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 11,5 Prozent rechnen, Anfang 2008 waren es noch 7,5 Prozent. Allein für Frankreich, wo schon im letzten Trimester des Jahres 2008 rund 180 000 Arbeitsplätze entfallen sind, hat die französische Arbeitslosenversicherung (Unedic) den Verlust von 501 000 Arbeitsplätzen angekündigt. In den USA, wo schon 7 Millionen Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren haben, lassen die Zahlen für das erste Halbjahr 2009 (monatlich ein Minus von 600 000 Stellen) eine Arbeitslosenquote von 10 Prozent für das ganze Jahr befürchten, die auch für 2010 erwartet wird.

Insgesamt gesehen könnte die Wirtschafts- und Finanzkrise nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) den Staatshaushalten weltweit zusätzliche 39 bis 59 Millionen Arbeitslose aufbürden; hinzu kommen rund 200 Millionen Arbeitskräfte, die weniger als zwei Dollar pro Tag verdienen.

Mit der Aussicht auf ein von fast allen Forschungsinstituten vorhergesagtes leichtes Wirtschaftswachstum lassen sich die unbezahlten Rechnungen der Krise jedenfalls nicht begleichen. Selbst wenn die Optimisten sich nicht irren sollten, wäre es ausgesprochen leichtsinnig, bereits jetzt einen krisenhaften Rückfall auszuschließen. Weitere Zeitbomben, von denen wir weder die Länge der Lunte noch die Stärke der Sprengladung kennen, stecken nämlich im System. So könnte bei einer weiteren Eintrübung der wirtschaftlichen Lage die Zahl der nicht rückzahlbaren Kredite (von privaten Haushalten wie von Unternehmen) sprunghaft ansteigen, was wiederum für die Banken eine neue Krisenrunde einläuten könnte. Die Finanzinstitute müssen nach einer Schätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) schon heute mit erneuten Verlusten in Höhe von insgesamt 284 Milliarden Euro rechnen. Das werden sie wahrscheinlich nur überstehen, weil sie sich erneut auf großzügige staatliche Hilfen verlassen können.

In diesem Stadium der Krise ist nicht einmal ein Crash am Obligationenmarkt (kursivierte Begriffe: siehe Glossar) auszuschließen – ausgelöst zum Beispiel durch das wachsende Misstrauen der „Investoren“ in die öffentlichen Schuldtitel. In Wahrheit handelt es sich dabei um das Misstrauen von „Rentiers“, von Leuten also, die diese Titel aus ihren Ersparnissen erwerben (und damit alles andere tun als „investieren“). Wenn diese privaten Gläubiger – zu Recht oder Unrecht – befürchten, dass erstens die astronomischen Summen, die sich die Staaten zur Finanzierung ihrer Defizite leihen müssen, zu einer Erhöhung der Zinsraten führen, und dass zweitens der Staat seine Schulden nicht fristgemäß tilgen kann, könnten sie sich schrittweise vom Markt der Staatsobligationen zurückziehen.

Das würde die Preise für Obligationen drücken, was automatisch einen Anstieg der Zinsraten zur Folge hätte. Und das brächte die Staaten an den Rand des Bankrotts, denn die Zinslasten würden genau in dem Moment steigen, in dem auch die öffentlichen Schulden explodieren. Sollte es so kommen, stellt sich die große Alternative: Entweder entdecken die Politiker wieder die Tugend der Besteuerung hoher Einkommen und die Zentralbanken erklären sich bereit, eine Refinanzierung der Staatsschulden quasi zum Nullzinssatz zu ermöglichen. Oder die Zeche müssen wie gehabt „die da unten“ zahlen, weil ein Kahlschlag bei öffentlichen Dienstleistungen und staatlichen Sozialausgaben droht.2 Wobei die zweite Lösung alles andere als ein Beitrag zu einem nachfragegestützten Aufschwung ist.

Diese Probleme sind deutlich vorhersehbar. Weniger klar ist, wo weitere Zeitbomben verborgen liegen. Ist es der inzwischen sichere Bankrott des US-Bundesstaats Kalifornien, der aufgrund der politischen Verhältnisse, die keine Zweidrittelmehrheit für die Erhöhung von Steuern oder Abgaben zulassen, so klamm ist, dass der Staat seine Lieferanten mit selbst gemachten Schuldscheinen „bezahlt“?

Oder ist es das drohende finanzielle Debakel bei den Pensionsfonds der öffentlichen Bediensteten von New Jersey, Kalifornien oder Illinois, verursacht durch eine politische Klasse, die den gesetzlichen Staatsanteil nie abgeführt hat, so dass diese Fonds über zwei Jahrzehnte lang unterfinanziert und ausgeplündert wurden?3

Oder ist es das Kartenhaus aus zirka 500 000 Milliarden Dollar gebündelter Schuldscheine, das auf dem Markt der Derivate hochgezogen wurde? Diese Papiere sollten eigentlich dem Zweck dienen, die Wirtschaftsakteure gegen Risiken abzusichern (etwa bei Veränderungen der Wechselkurse und der Zinsraten oder bei Zahlungsunfähigkeit der Geschäftspartner); doch sie verwandelten sich – durch stilles Einvernehmen zwischen den beteiligten Finanzakteuren – in Jetons für das Kasino der Spekulation. Sollte dieses Kartenhaus im Gefolge eines erneuten Finanzbebens zusammenfallen, fielen Verluste in Höhe von 3 500 Milliarden Dollar an – also grob gerechnet noch einmal dieselbe Summe wie bei der ursprünglichen Hypothekenkrise.

Wie gern ließen wir uns von dem Gedanken beruhigen, dass die USA wie Europa dabei sind, Regeln für ihre Finanzmärkte zu entwickeln, zum Beispiel koordinierte Aufsichts- und Regulierungsbehörden zu schaffen sowie eine verbindliche Instanz für Entschädigungsansprüche einzuführen. Aber das wären zum Teil ganz ähnliche Institutionen wie die bestehenden, die weder die Subprime-Krise noch die Bilanzskandale und Betrügereien in den Dimensionen von Enron, WorldCom oder Madoff zu verhindern wussten. Die Securities and Exchange Commission (SEC), also die US-Börsenpolizei, hat die dubiosen Geschäftspraktiken von Bernard Madoff dreimal (1992, 2005 und 2007) unter die Lupe genommen, jedes Mal ohne Folgen. Diese ehrwürdige Institution, die bislang als Vorbild für eine wirksame Regulations- und Aufsichtsbehörde galt, hat von Zeit zu Zeit selbst die Dienste von Madoff in Anspruch genommen, der seine intimen Kenntnisse der Finanzmärkte an der Wall Street als Chef der Nasdaq gewonnen hatte.4 Immer wenn etwas schiefging, stockte die SEC ihre finanziellen und personellen Mittel weiter auf, frei nach der absurden Devise der Shadoks: „Je mehr misslingt, desto mehr Erfolgschancen hat man in der Zukunft!“5

Die Chinesen sparen zu viel

Dieser Widersinn ist das Nebenprodukt einer anderen Maxime, die im Gebäude der liberalen Lehre gewissermaßen den Schlussstein darstellt: „Wir gestatten das Grillen mitten im Wald und vergrößern dafür die Zahl der Feuerwachen.“ Nach dieser Regel muss man überhaupt nichts tun, um die tollen „Finanzinnovationen“, von denen die Welt schon wieder neue Wunderdinge erwartet, vorbeugend im Zaum zu halten.

Dieses Prinzip mahnte auch Fed-Chef Ben Bernanke an, als er fürchten musste, dass der Kongress seine Abneigung gegen eine zu starke Regulierung nicht teilen würde: „Wir dürfen nicht der Versuchung nachgeben, den potenziellen Kreditgebern so große Einschränkungen aufzuerlegen, dass die künftige Entwicklung neuer (Finanz-) Produkte und Dienste behindert wird.“

Fragt man sich erstaunt, wozu solche neuen Produkte gut sein sollen, hilft Bernanke mit dem Hinweis weiter, dass „die finanziellen Innovationen den Zugang zu Krediten erleichtern, deren Kosten gesenkt und die Wahlmöglichkeiten gesteigert haben.“ Diese kühne Behauptung stellte Bernanke acht Monate nach dem Ausbruch der Krise auf. Wenn solche Pyrotechniker immer noch das Sagen haben, muss einem der Umgang mit den künftigen Zeitbomben wirklich Angst einjagen.

Es ist keinesfalls paranoid, wenn man ernsthaft daran zweifelt, ob die „entwickelten“ Volkswirtschaften in naher Zukunft einen Wiederaufschwung schaffen. Tatsächlich wurden viele Engpässe auf der Ebene der Makroökonomie im bisherigen Krisenverlauf keineswegs überwunden. Sie erweisen sich im Gegenteil als derart hartnäckig, dass man sie nicht länger als „konjunkturelle“ Engpässe verharmlosen sollte.

Die Höhe der Staatsverschuldung ist zwar noch um einiges von dem historischen Höchststand der unmittelbaren Nachkriegsperiode entfernt, laut Analyse des Internationalen Währungsfonds in Ländern wie den USA, Großbritannien, Frankreich und Belgien könnte sie aber bis 2014 die Marke von 90 Prozent (des jährlichen Bruttoinlandsprodukts) erreichen oder übertreffen und im Fall Japans sogar die 200-Prozent-Grenze durchbrechen. Diese Entwicklung resultiert aus mehreren Faktoren: den aufgrund der Rezession sinkenden Steuereinnahmen, den politisch gewollten niedrigen Steuersätzen und der gebremsten Inflation. Die Verschuldung der privaten Haushalte, die in den letzten 20 Jahren – als Ersatz für die stagnierenden oder sinkenden Realeinkommen der Beschäftigten – die Konsumgüternachfrage gestützt hat, wird neue Rekordmarken erreichen.

Auf Staatsausgaben und privaten Konsum, die beiden tragenden Pfeiler der globalen wirtschaftlichen Nachfrage, wird man in den kommenden Jahren also nicht setzen können. Und die Auslandsnachfrage, die im Fall der Euroländer durch eine überbewertete Gemeinschaftswährung ohnehin gehemmt wird, wirkt beim geringsten Anzeichen einer wirtschaftlichen Belebung wie eine mechanische Bremse, weil dann die Rohstoff- und Energiepreise sofort wieder in die Höhe schießen.

Das gilt besonders für den Energiebereich, wo die leichter und billiger erschließbaren Vorkommen zur Neige gehen. Hier resultieren die steigenden Preise vor allem aus den hohen Renditen, die von Investitionen in die Exploration, Ausbeutung und Weiterverarbeitung der fossilen Energieträger erwartet werden. Und da die Spekulation sich auf diesen Rohstoffmärkten in den letzten Jahren besonders stark ausgetobt hat, könnten die Energiepreise erneut rapide steigen – auch unabhängig von der Hoffnung auf eine Konjunkturbelebung, die normalerweise einen Preisanstieg auslöst.

Hier droht so etwas wie ein Teufelskreis: Den „reichen“ Ländern und ihren energiefressenden Volkswirtschaften wird es kaum gelingen, die Ausgaben für ihr Lebenselixier kurzfristig durch die Einnahmen aus der Auslandsnachfrage zu kompensieren, die von den Öl und Rohstoffe produzierenden Ländern ausgeht. Die Internationale Energieagentur (IEA) sagte schon 2004 voraus, dass ein dauerhaft hoher Ölpreis von 25 bis 35 Dollar pro Barrel das jährliche Wirtschaftswachstum der OECD-Staaten um 0,4 Prozent und das der EU-Länder um 0,45 Prozent verringern könnte. Im Fall Frankreich würden diese 0,4 Prozent den positiven Effekt des staatlichen Konjunkturprogramms schon wieder auffressen. An einen erneuten Preisanstieg auf 60 bis 150 Dollar pro Barrell will man da gar nicht denken.

Ähnliche Fragen stellen sich in Bezug auf die gigantischen Handelsüberschüsse, die China gegenüber den USA und Europa erzielt. Das Kernproblem ist hier nicht, dass die USA zur Finanzierung ihres eindrucksvollen Leistungsbilanzdefizits die Ersparnisse der übrigen Welt aufsaugen, sondern dass die Chinesen sich selbst „übersparen“. Das erklärt sich zum Teil mit der erhöhten privaten Sparquote, die auch strukturelle Gründe hat. Der Hauptfaktor ist aber, dass in den letzten sechs oder sieben Jahren, in denen sich der Überschuss der chinesischen Handelsbilanz mehr als verdreifacht hat (von 3 auf 10 Prozent des BIP), die neuen industriellen Unternehmen – mit ihrer Ausrichtung auf den Export oder die Substitution von Importgütern – gigantische Profite gemacht haben. Der stark erweiterte Güterabsatz hat die Gewinne im industriellen Sektor so aufgebläht, dass die Bruttosparquote der Firmen seit Anfang 2000 um 7 Prozentpunkte gestiegen ist.

Da diese in China „zurückgehaltenen“ Unternehmensgewinne nicht in die weltweite Nachfrage fließen, tragen sie – zusammen mit den privaten Ersparnissen – zu den Handelsdefiziten der Partnerländer bei, die dasselbe China anschließend gern finanziert. Diese Strategie bedeutet für die Weltwirtschaft – in der Phase einer ersten zögerlichen Erholung – eine riesige Nachfragelücke von 168 Milliarden Euro gegenüber der EU und in Höhe von 268 Milliarden Dollar gegenüber den USA.

Angesichts der Tatsache, dass solche makroökonomischen Krisenzwänge weltweit die effektive Nachfrage hemmen, fällt es schwer, sie als „konjunkturelle Probleme“ zu klassifizieren. Denn was ist von „Einflussfaktoren“ zu halten, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert das kennzeichnen, was Paul Krugman „Depression Economics“6 nennt: eine Wirtschaft, die sich nur mühsam dahinschleppt, weil sie von der Last der wirtschaftsliberalen Globalisierung und der Herrschaft der Finanzen (des Finanzkapitals) über Unternehmen und Arbeit niedergedrückt wird.

Schwammig bleibt aber auch das Attribut „strukturell“, mit dem man die Probleme versieht, die jetzt in der Krise nur klarer sichtbar geworden sind. Denn mit ihm wird das neue Regime der Kapitalakkumulation, das sich in den 1980er-Jahren unter den Regierungen von Reagan und Thatcher etablierte, nur ungenau beschrieben: „Stark“ war dieses neue Regime ja keineswegs darin, eine besondere Dynamik von Realinvestitionen zu entfesseln (jedenfalls nicht in den Kernländern der OECD), sondern in seinen Auswirkungen: wachsende Ungleichheit, sozialpolitische Einschränkungen auf Kosten der Lohnabhängigen und die nachhaltige Schädigung der Umwelt. Freilich deutet bislang alles darauf hin, dass uns dieses neoliberale Regime im Prinzip erhalten bleibt und das Wachstum (und nicht nur dieses) weiter beeinträchtigen wird.

Vollends abgesichert wird dieses finanzgetriebene Akkumulationsregime durch die neue Macht der Aktionäre über die börsennotierten Großunternehmen. Das Comeback des Aktionärs vollzog sich in den 1980er-Jahren. Aber nicht etwa in Gestalt der netten Witwe von Carpentras, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Aktionärsversammlungen Petits fours anzubieten pflegte, sondern als gewaltiger Machtzuwachs der großen institutionellen Anleger, die seit der Jahrhundertwende mehr als 50 Prozent der börsennotierten Unternehmensaktien an sich bringen konnten.

Vermögensanlagefonds, Pensionsfonds oder Versicherungsgesellschaften sind die neuen Großakteure, die mit großartigen Renditeversprechen die Ersparnisse der vermögenden Bevölkerungsgruppen an sich ziehen wollen. Durch ihre neuen Anlagestrategien und -formen (wie Private-Equity-Fonds) nehmen sie gezielt auf das Topmanagement der Unternehmen Einfluss und maßen sich sich die Rolle einer Art „Aktienmarkt-Polizei“ an. Sie bestrafen die Unternehmen, die nicht das Aktionärsinteresse (den Shareholder Value) ins Zentrum aller Entscheidungen stellen, und belohnen umgekehrt diejenigen, denen es gelingt, die berühmten 15 oder 25 Prozent Profit auf das Eigenkapital zu erwirtschaften.

Natürlich stärken derart maßlose Gewinnerwartungen weder die zukünftigen Investitionen noch die Konsumkraft der Beschäftigten. Auf der einen Seite zwingen sie die Unternehmen, ihre Investitionen drastisch zurückzufahren und nur noch Projekte zu verfolgen, mit denen sich die neuen finanziellen Vorgaben realisieren lassen. Auf der anderen Seite gehen die geforderten Gewinnspannen auf Kosten der Löhne und Gehälter wie der Beschäftigung und bewirken damit, dass die Konsumkraft der Erwerbsbevölkerung weiter zurückgeht.

Dass die Binnennachfrage, die in den entwickelten Ländern eine Hauptstütze der Konjunktur darstellt, anhaltend schwächelte, war einer der Gründe dafür, dass „westliche“ Unternehmen ihre neuen Absatzparadiese zunehmend in anderen Weltregionen suchen.

Wo aber sollten angesichts eines schlappen Aufschwungs der globalen Nachfrage jene magischen Selbstheilungskräfte der Krise herkommen, in der eine unter dem Diktat der Aktiengewinne ächzende Wirtschaft plötzlich zum Stakeholder-Kapitalismus wird, das heißt zum Wohle der „Anspruchsgruppen“7 funktionieren soll? Oder sich sogar in eine gemeinwohlorientierte Wirtschaftsordnung verwandelt, die das Unternehmen auf das Wohl der Beschäftigten und der Konsumenten wie auch der sozialen und natürlichen Umwelt verpflichten könnte?

Keynesianischer Übermut

Ebenso große Zweifel sind angebracht, wenn es um die Fragen einer Liberalisierung des internationalen Handels und der Kapitalmärkte geht, über die seit 20 Jahren im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) und danach der Welthandelsorganisation (WTO) verhandelt wird. Die traditionelle Herrschaft der „freien Konkurrenz“ macht es möglich, Produktionsprozesse und Investitionsprojekte in Wertschöpfungsketten zu organisieren, die um die ganze Welt reichen und die unterschiedlichsten Gruppen von Beschäftigten gegeneinander ausspielen. Diese Entwicklung hat die Masse der Lohnabhängigen in den Entwicklungsländern in eine riesige Reservearmee verwandelt, die es der Kapitalseite ermöglicht, die Löhne und Gehälter auf Dauer und überall zu drücken.

Ebenso wenig ist zu erkennen, welche Kräfte diese verhängnisvolle Entwicklung kurzfristig aufhalten oder gar umkehren könnten. In der gegenwärtigen Rezession wächst eher die Gefahr, dass der ständige Druck auf die Löhne das Sinken der Einkommen beschleunigt. Das ist keine langfristige Hypothese, sondern bereits ein sehr realer Prozess; und zwar vor allem in den USA, wo die Wochenlöhne – aufgrund der schwachen Verhandlungsmacht der Beschäftigten und schrumpfender wöchentlicher Arbeitszeiten – bereits auf einen Tiefpunkt angelangt sind.

Und in Europa? Die EU hat angeblich einen einheitlichen Wirtschaftsraum geschaffen, der genauer besehen weder ein Raum ist (mit verbindlich geltenden Regeln für den Außenhandel und die Währungspolitik) noch eine Wirtschaft (mit gemeinsamer Mindestbesteuerung der Unternehmen und landesspezifisch angepassten Mindestlöhnen) noch eine Einheit (mit Transferleistungen, die regional ungleiche Entwicklungschancen kompensieren würden). Und wie es aussieht, hat die Politik der Dumpinglöhne in diesem Europa nach wie vor eine glänzende Zukunft.

Zu den strukturellen Faktoren, die dieser „Ökonomie der Depression“ zum Durchbruch verholfen haben, zählt ganz entschieden auch die ökonomische Denkweise, die sich seit gut einem Vierteljahrhundert durchgesetzt hat. Diese herrschende Lehre leugnet beharrlich die Rolle der Nachfrage und konzentriert sich stattdessen auf die Probleme, die das Angebot an (natürlich privatwirtschaftlich produzierten) Waren und Dienstleistungen begrenzen. Die üblichen Verdächtigen sind hier die hohen Lohnkosten, der unflexible Arbeitsmarkt, die angeblich an Enteignung grenzende Kapitalbesteuerung, die Bürokratie, die mangelnde Motivation der Menschen, sich eine neue Arbeit zu suchen und so weiter. Diese wissenschaftlichen Erfüllungsgehilfen, die allein auf die langfristige Entwicklung des potenziellen Wachstums schwören, konnten unentwegt ihre vermeintlich „strukturpolitische“ Strategie propagieren, mit dem Ziel, die Verfügbarkeit der Lohnabhängigen, die Ausbildung von „Humankapital“ und den technischen Fortschritt zu fördern.

Man überschätzt die Bedeutung dieser akademischen Ideen nicht, wenn man darauf hinweist, dass sie ihren Teil zur gegenwärtigen Krise beigetragen haben. Auf eine der einflussreichsten dieser Lehren weist Paul Krugman hin: „Das dürftige gedankliche Konstrukt, das sich den Titel ‚Angebotsökonomie‘ zugelegt hat, ist im Grunde nur eine hirnrissige Doktrin. Sie hätte kaum großen Einfluss erlangt, würde sie nicht so erfolgreich an die in den Medien herrschenden Vorurteile und an die sozialen Instinkte der Reichen appellieren.“

Freilich ist zu befürchten, dass diese hirnrissige Doktrin erneut zur herrschenden Lehre wird, wenn der „keynesianische Übermut“, den wir in diesem Karneval der ökonomischen Debatten erleben, wieder verklungen ist. Jean-Claude Trichet, der unerschütterliche Präsident der Europäischen Zentralbank, ließ Anfang Juli auf seiner monatlichen Pressekonferenz bereits erkennen, dass sich seine makroökonomischen Vorstellungen aus den alten Inspirationsquellen speisen: „Im Hinblick auf die Strukturpolitik müssen wir die Bemühungen zur Unterstützung des potenziellen Wachstums im Euroraum intensivieren.“

Und dann forderte er „notwendige Strukturreformen“, zu denen ihm Folgendes einfiel: „Insbesondere brauchen wir Reformen des Gütermarkts, um den Wettbewerb zu verstärken und die Restrukturierung sowie das Produktivitätswachstum voranzutreiben. Ferner müssen Arbeitsmarktreformen die Festsetzung angemessener Löhne und eine sektor- und regionenübergreifende Mobilität der Arbeitskräfte erleichtern. Zugleich sollten viele der in den letzten Monaten ergriffenen politischen Maßnahmen zur Unterstützung bestimmter Wirtschaftssegmente in angemessenen Fristen auslaufen. Entscheidend ist jetzt, dass wir uns auf die Stärkung der Anpassungsfähigkeit und Flexibilität der Wirtschaft des Euroraums konzentrieren – im Einklang mit den Grundsätzen einer offenen Marktwirtschaft und des freien Wettbewerbs.“

Ein Licht am Ende des Tunnels ist das nicht.

Fußnoten:1 Die Rückkehr zu weltweitem Wirtschaftswachstum prognostizieren IWF und Fed für die zweite Jahreshälfte 2010, die OECD schon für Anfang 2010. 2 Eine entsprechende Empfehlung richtet die OECD an die USA: Die sollten ihre öffentlichen Finanzen dadurch stabilisieren, dass sie „das Problem der sich aufblähenden Sozialausgaben angehen“. Siehe OECD-Bericht Nr. 85 vom Juni 2009. 3 Den Rest besorgte der Börsencrash von 2008, der die Aktiva der Pensionsfonds um 30 Prozent reduziert hat. 4 Diese Börsenaufsicht ist allerdings keine staatliche Institution, sondern wird von der Vereinigung der Börsenmakler (National Association of Security Dealers oder NASD) organisiert, an deren Spitze Madoff einige Zeit stand. 5 In der gleichnamigen Zeichentrickserie sind die „Shadoks“ vogelähnliche Wesen, die streng hierarchisch organisiert sind und auf eine logisch verstörende Weise miteinander kommunizieren. 6 Paul Krugman, „Die große Rezession“, Frankfurt am Main (Campus) 2001. 7 Als „Stakeholder“ gelten, im Gegensatz zum Konzept des reinen „Shareholder“-Kapitalismus, Individuen, Gruppen und Organisationen, die gegenüber den privaten Unternehmen materielle, soziale, ökologische und politische Interessen geltend machen. Wichtige Stakeholderinteressen gegenüber den Unternehmen vertreten z. B. die Beschäftigten und ihre Organisationen, die Kunden und Konsumenten, der Staat sowie die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen (NGOs etc.).

Aus dem Französischen von Ulf Kadritzke

Laurent Cordonnier ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Lille I und Autor von „Pas de pitié pour les gueux“, Paris (Raison d’agir) 2000.

Le Monde diplomatique vom 11.09.2009,