Artikel

Artikel drucken zurück

Ein Staat für sich allein

Abchasien braucht keinen großen Bruder, sondern Nachbarn von Neal Ascherson

Auf der Fahrt zur Grenze hielten wir noch einmal an. Der letzte Anblick, den wir von Abchasien mitnahmen, war ein Denkmal neben der Straße: ein schnauzbärtiger, grimmig blickender Abchasenhäuptling mit Schwert und Schild. Er soll an den Krieg von 1992/93 erinnern, in dem mehr als zehntausend Menschen starben und an dessen Ende die georgische Armee vertrieben und ein „unabhängiges“ Abchasien entstanden war.

Außer dem Geschepper von Kuhglocken hörten wir keinen Laut. Die Tiere grasten am Rand der Landstraße nach Russland; einige hatten sich wiederkäuend, die langen Beine unter den Rumpf geknickt, auf der Fahrbahn niedergelassen. Durch die Kiefernwipfel schimmerte tief unter uns das Schwarze Meer. Vor uns zogen sich die Grashänge bis zum Fuß des Küstengebirges, das sich nach Osten hin zum Kaukasus auftürmt, eine kahle Felswand, deren mächtige Rippen in der milchigen Herbstsonne erglühten.

Vor kurzem hatte hier offenbar eine Gedenkzeremonie stattgefunden. Zu Füßen des alten Kriegers lagen welkende Blumengebinde und Kränze. Nach den Patronenhülsen zu schließen, die im Gras glitzerten, hatte es auch einen Ehrensalut gegeben. Ich hob eine von ihnen auf. Unser junger armenischer Fahrer – er stammte aus der Kodori-Schlucht, die abchasische Truppen wenige Monate zuvor von der georgischen Armee zurückerobert hatten – nahm sie in Augenschein. „M4-Munition, nicht von uns, amerikanisch“, meinte er fachmännisch. „Das muss von dem Zeug sein, das wir in der Schlucht erbeutet haben.“

Zehn Wochen waren seit der Nacht zum 8. August vergangen, in der Georgiens Präsident Michail Saakaschwili den Angriff auf Südossetien befohlen hatte. Das löste bekanntlich die Vergeltungsaktion der russischen Armee aus, die den Westen Georgiens überrollte und erst kurz vor Tiflis zum Stehen kam. Am 26. August überraschte Moskau dann die ganze Welt mit der Entscheidung, Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten anzuerkennen. Dem russischen Beispiel folgte – aus unerfindlichen Gründen – bislang nur die Regierung von Nicaragua.

Die westlichen Regierungen sahen in dieser Anerkennung einen Anschlag auf „die territoriale Integrität Georgiens“, die westlichen Medien sprechen bis heute von „abtrünnigen Gebieten“. Andere hielten das Vorgehen Moskaus nur für eine demonstrative Bekräftigung dessen, was ist. Südossetien und Abchasien sind schon seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr „Teil Georgiens“ und insistieren darauf, dass sie auch nie wirklich zu Georgien gehört haben. Durch den Krieg sind die Chancen der Georgier auf null gesunken, mit militärischen oder diplomatischen Mitteln in absehbarer Zukunft die Kontrolle über auch nur eines der beiden Gebiete zurückzugewinnen.

Die Südosseten werden sich am Ende vermutlich den Nordosseten anschließen, deren Territorium zur Russischen Föderation gehört. Das jedenfalls halten die meisten Südosseten, nachdem sie ihre georgische Minderheit verjagt haben, für die beste Lösung. Anders liegt der Fall Abchasien.

Das Land am Schwarzen Meer könnte, wenn die Welt es zulassen würde, ein vertrauenswürdiger und ökonomisch lebensfähiger Ministaat werden. Denn die Abchasen wollen auf keinen Fall wieder unter georgische Herrschaft kommen, aber genauso wenig wollen sie zum Anhängsel Russlands werden. Sie wissen, dass sie nach dem Krieg vom August zumindest die Chance haben, unabhängig zu werden und sich in die moderne Staatenwelt einzugliedern. Die große Frage ist nur, ob der Westen und die Russen das zulassen.

Die meisten Menschen wissen über Abchasien so gut wie nichts. Der 200 Kilometer lange Küstenstreifen am Ostrand des Schwarzen Meers war in den letzten fünfzehn Jahren international geächtet, isoliert und durch Sanktionen geknebelt. Die Verkehrsverbindungen waren blockiert; jedes Schiff, das sich der abchasischen Küste näherte, wurde beschossen oder geentert. Der Handel kam fast zum Erliegen, und die Abchasen mussten mit dem auskommen, was sie selbst anbauen, fischen oder schmuggeln konnten.

Seit Jahren keine Post mehr – und keine abchasischen Briefmarken

In jüngster Zeit hat sich die Kerkertür jedoch einen Spalt geöffnet. Man kann wieder direkt telefonieren, es gibt Internet und Fernsehen. Im Sommer kommen russische Urlauber, und der Export von Zitrusfrüchten, Gemüse, Haselnüssen ist wieder angesprungen. Mit Geldern ausländischer Investoren – zumeist aus Russland oder der Türkei – werden zerstörte Städte und Hotelanlagen wiederaufgebaut. Doch es gibt immer noch keine Postverbindungen, weder innerhalb des Landes noch mit der Außenwelt. Seit vielen Jahren hat kein Mensch mehr einen Brief mit einer abchasischen Briefmarke darauf zu Gesicht bekommen.

Abchasien liegt da, wo die Küste des Schwarzen Meers am schönsten ist, schöner noch als auf der Krim. Unberührte Wälder ziehen sich hinauf bis in die Vorberge des Kaukasus. An der Küste und vor allem im Norden, wo die Hänge steil ins Meer fallen, fühlt man sich in die subtropische Landschaft der französischen Riviera am Ende des 19. Jahrhunderts versetzt, also bevor sich dort die europäische Plutokratie breitgemacht hatte.

Nach der Eroberung des nördlichen Kaukasus durch die Russen errichteten pensionierte zaristische Generäle, die ein Faible für weiße Palladio-Bauten und exotische botanische Gärten hatten, an Orten wie Gagra ihre Sommerresidenzen. Jahrzehnte später nahmen sich die sowjetischen Führer, von Stalin über Breschnew bis zu Gorbatschow, in Suchumi und Umgebung luxuriöse Ferienvillen, in denen sie Satrapen der Ostblockländer und westliche Staatsmänner empfingen.

Schwerer zu beantworten ist die Frage, wer die Abchasen sind. Sie sprechen ein präindoeuropäisches, zur nordkaukasischen Sprachfamilie gehörendes Idiom und sind seit Jahrtausenden in dieser Gegend ansässig. In der Antike wurde der fruchtbare Küstenstreifen von den Griechen kolonisiert; seit dem 19. Jahrhundert war die Bevölkerung eine kosmopolitische Mischung aus indogenen Abchasen und (tscherkessischen) Ubychen, sowie Ponosgriechen, Georgiern, Megrelen, Juden und Armeniern.1

In den 1860er-Jahren wurde die Region vom zaristischen Russland annektiert. Viele Abchasen flohen vor der russischen Invasion nach Süden die Schwarzmeerküste entlang ins Osmanische Reich (weshalb noch heute in der Türkei mehr Abchasen leben als in Abchasien selbst). Die Eroberung hatte vor allem zwei Folgen: Russische Unternehmer begannen in der Küstenregion zu investieren, und im Süden Abchasiens wurden Megrelen aus dem westlichen Georgien angesiedelt.

Nach der Oktoberrevolution hatte Abchasien eine Zeit lang den Status einer eigenständigen Sowjetrepublik. 1931 wurde die Region jedoch durch Stalin – einen Georgier – zur Autonomen Republik herabgestuft und in die Sozialistische Sowjetrepublik Georgien eingegliedert. Damals wurden viele abchasische Intellektuelle liquidiert oder nach Sibirien verbannt. In den 1940er-Jahren schließlich betrieb Stalins Henker Lawrenti Beria – ein Megrele – die massenhafte Umsiedlung von Megrelen und Georgiern nach Abchasien.

Als sich die Sowjetunion 1991 auflöste, waren gut die Hälfte der halben Million Bewohner Abchasiens Georgier und Megrelen. Die Georgier aus dem „eigentlichen Georgien“, die ihre Ferien an den Stränden Abchasiens verbrachten, betrachteten die Gegend als eine etwas aufmüpfige, aber heißgeliebte georgische Provinz. Die Abchasen dagegen hatten das Gefühl, in einem Land, das sie unbeirrt als ihres empfanden, nur als „rückständige“ ethnologische Kuriosität zu gelten.

Diese Gefühle prallten aufeinander, als die Sowjetunion zerfiel und Georgien unabhängig wurde. Es kam zu einer klassischen postimperialen Krise. Wie in Indien (nach 1945) und in vielen Regionen Afrikas (in der Ära der Entkolonialisierung) rebellierten kleinere Völker, die ein imperiales Regime mit größeren Völkern zusammengespannt hatte, gegen die größeren Partner, als diese sich für unabhängig erklärten und die kleineren unter ihre direkte Kontrolle bringen wollten.

Zu Sowjetzeiten hatten die Abchasen ihre Angliederung an Georgien überlebt, weil sie sich dank der Teile-und-herrsche-Politik Moskaus ihre Autonomie bewahren konnten. Jetzt aber liefen sie Gefahr, zur Minderheit in einem Georgien zu werden, das sich anschickte, das Land kulturell und politisch zu homogenisieren.

Gorbatschow führte noch kurz vor seinem Sturz im März 1991 ein folgenloses Referendum über die „Neustrukturierung“ der Sowjetunion durch, das die Georgier in Kerngeorgien verständlicherweise boykottierten. Die Abchasen jedoch stimmten, da ihnen die Aussicht auf ein unabhängiges Georgien nicht geheuer war, mehrheitlich für den Verbleib in der Sowjetunion. Ihr Votum blieb unbeachtet.

Es kam zu Demonstrationen und Straßenprotesten, doch die Gespräche über eine „Föderation“ blieben ohne Ergebnis. Dann ließ Georgien im August 1992 seine Truppen plötzlich auf die abchasische Hauptstadt Suchumi marschieren (Saakaschwili sollte im August 2008 mit dem Einmarsch in Südossetien denselben Fehler machen). Es folgte ein offener Krieg, an dessen Ende die Abchasen, unterstützt von Freiwilligen aus dem nördlichen Kaukasus und von anderen ethnischen Gruppen der Region (wie den Armeniern) und dank russischer Waffen, die Georgier im Herbst 1993 über die abchasischen Grenzen zurückwarfen. In diesem blutigen Konflikt gab es Gräueltaten auf beiden Seiten. Suchumi und andere Städte wurden von der georgischen Artillerie zusammengeschossen und großenteils in Schutt und Asche gelegt. Georgische Soldaten setzten sogar das abchasische Nationalarchiv in Brand.

Der Sieg der Abchasier hatte aber noch andere tragische Folgen. Die meisten megrelischen und georgischen Bewohner im Westen des Landes flohen vor den abchasischen Einheiten. Einige wurden Opfer von „ethnischen Säuberungen“. Die Mehrheit jedoch floh, noch bevor die bewaffneten Abchasen anrückten. Mehr als 200.000 Menschen zogen über die Grenze nach Westgeorgien, wo sie jahrelang als verbitterte und verarmte Flüchtlinge in Lagern und verlassenen Gebäuden lebten.

Damals verlor Abchasien fast die Hälfte seiner Bevölkerung. Seither waren die Abchasen zwar Herren im eigenen Haus, aber ihr Haus war eine ausgebrannte Ruine. Und es gab – und gibt bis heute – keinerlei Aussicht auf eine Versöhnung mit Georgien, weil die Flüchtlinge schon aufgrund ihrer schieren Anzahl ein unlösbares Problem darzustellen scheinen. Georgien beharrt darauf, dass sie ein Recht auf Rückkehr haben. Die große Frage ist nur, ob sie mit friedlichen Absichten zurückkehren und sich zur neuen abchasischen Regierung loyal verhalten würden. Oder ob sie sich als Rächer fühlen und versuchen würden, die ethnischen Abchasen zu unterdrücken und die georgische Dominanz wiederherzustellen.

Eines Tages fuhr ich von Suchumi in Richtung Süden nach Ochamchira. Das Städtchen liegt in einer Gegend, in der vor dem Krieg nur wenige Abchasen lebten. Zu beiden Seiten der Straße hatte gelb blühendes Unkraut die brachliegenden Felder überwuchert, die einst von megrelischen Bauern bestellt und dann im Krieg vermint worden waren. Durch die eingefallenen Dächer verlassener Bauernhäuser wuchsen junge Bäume.

Ochamchira war früher ein schmuckes Küstenstädtchen mit 20.000 Einwohnern. Heute leben hier nur noch etwa 4.000 Menschen. Entlang der mit Schlaglöchern übersäten Straßen stehen kleine, geisterhafte Häuser, in den Vorgärten leuchten Kakibäume, aber Türen und Fenster sind nur noch dunkel klaffende Scharten. Das klassisch weiße Bahnhofsgebäude ist verfallen, in der Schalterhalle steht das Regenwasser. Nach dem Sieg zogen einige abchasische Familien in Häuser ein, die Georgier zurückgelassen hatten. Aber viele sind inzwischen wieder in ihre Dörfer zurückgezogen oder zum Arbeiten nach Suchumi gegangen.

Seit meinem letzten Besuch in Abchasien vor vier Jahren haben die Städte weiter im Norden einen kräftigen Aufschwung genommen. In den Hauptstraßen sind neue Geschäfte und Cafés entstanden. Aber hier im Süden ist es noch genauso trostlos wie kurz nach dem großen Exodus.

Vor Ochamchira liegt ein grauer Raketenkreuzer der russischen Schwarzmeerflotte, deren Heimathafen Sewastopol ist. Den Abchasen bereitet das gemischte Gefühle. Fast alle, die ich darauf ansprach, haben die ganze Nacht zum 8. August auf ihren Fernseher gestarrt, wo ein russischer Sender live den Beschuss der südossetischen Hauptstadt Zchinwali durch die georgische Armee zeigte. Eine Frau sagte zu mir: „Wir dachten alle nur: Als Nächste sind wir dran. Sie müssen verstehen, wie erleichtert wir waren, als die Russen eingegriffen haben. Als die russischen Kriegsschiffe vor Suchumi auftauchten und russische Flugzeuge mit Soldaten ankamen – da konnten wir einfach nicht anders. Dabei wissen wir genau, dass die Russen nur ihre eigenen Interessen im Sinn haben und dass ihnen kleine Länder egal sind. Aber in dem Moment waren wir ihnen sehr dankbar.“

In Suchumi regieren keine Marionetten Moskaus

Nach Darstellung der Georgier, die Tiflis in den Hauptstädten der USA und Europas erfolgreich verkauft, ist Abchasien eine russische Enklave mit einer vom Kreml eingesetzten Marionettenregierung. Dieses Bild ist auf verhängnisvolle Weise falsch. Verhängnisvoll deshalb, weil es den Blick für neue Wege versperrt, die Abchasien wie auch Georgien selbst Sicherheit und Freiheit bringen könnten.

Es stimmt schon, Russland hat einiges getan, um sich unentbehrlich zu machen: für die Verteidigung Abchasiens, für seine auf dem Rubel basierende Wirtschaft und sogar für die Reisefreiheit der Abchasen, die dank der großzügig ausgestellten russischen Pässe zumindest nach Russland fahren können. Aber eine Marionette? Es ist erst vier Jahre her, dass der vom Kreml unterstützte Raul Chadschimba bei den Präsidentschaftswahlen seinem vorsichtig lavierenden Gegenkandidaten Sergei Bagapsch unterlag. Unmittelbar nach den Wahlen gab es einen Versuch, das Wahlresultat gewaltsam zu annullieren, als ein Mob von „Chadschimbisten“ das oberste Gericht stürmte. Aber die kleine demokratische Elite Abchasiens behielt die Nerven und respektierte die Entscheidung der Wähler. Am Ende gaben die Russen nach und Bagapsch ist bis heute Präsident.

Die Abchasen können ihre Abhängigkeit von Russland nicht abschütteln und wollen das auch gar nicht, jedenfalls soweit es die Verteidigung gegen Georgien betrifft. Aber sie wünschen sich verzweifelt, diese Abhängigkeit zu mindern. Vor allem wollen sie, wie mir führende Politiker immer wieder versicherten, ihre internationale Isolation durchbrechen und Beziehungen zur Europäischen Union und zur Türkei aufbauen.

Aber lässt sich die Situation, die mit der staatlichen Anerkennung durch Russland entstanden ist, für den Aufbau von Kontakten mit der Außenwelt nutzen? Werden Schiffe von Suchumi oder Ochamchira direkt nach Trabzon oder Istanbul fahren können, damit Abchasen in der Türkei einkaufen oder Geschäfte machen können? Und könnte es, wenn der Flughafen instand gesetzt ist, wieder Flugverbindungen nicht nur mit Russland, sondern auch mit der Türkei oder gar Europa geben? Ein Vizeminister spekulierte sogar, direkte Verbindungen mit der Türkei könnten tausende von türkischen Abchasen dazu bringen, ins Land ihrer Väter zurückzukehren und sich im dünn besiedelten Süden niederzulassen.

Doch es gibt viele Hindernisse. Nirgendwo wird der abchasische Pass anerkannt. Und auch wenn die Passagiere mit russischen Papieren reisen, müsste ein Schiff auf der Fahrt in die Türkei zuerst im russischen Schwarzmeerhafen Sotschi anlegen, um zu verschleiern, dass es aus Abchasien kommt. Die internationalen Luftfahrtbestimmungen akzeptieren keine Flüge aus einem „besetzten Gebiet“, was Abchasien nach georgischer Definition nun einmal ist.

Was Russland von solch ehrgeizigen Zukunftsplänen hält, ist offen. Und wie die Abchasen reagieren, falls aus Moskau ein Njet kommt, weiß auch niemand. Klar erkennbar ist dagegen die politische Zaghaftigkeit der Europäischen Union, die heftige Proteste aus Washington und Tiflis befürchtet, falls sie ernsthafte Kontakte mit Abchasien anknüpfen würde.

Anfang 2008, noch vor dem Krieg, hatte die EU mehrere Friedensmissionen nach Suchumi entsandt. Wie ein hoher abchasischer Beamte erzählt, wurde dabei detailliert erörtert, wie sich Beziehungen auf niedriger Ebene aufbauen ließen: „Ich hab denen gesagt, man solle uns, wenn sie uns jetzt nicht anerkennen können, wenigstens in das EU-Programm für die Schwarzmeerregion einbeziehen. Warum nicht direkte Kontakte in Bereichen wie Bildungswesen, Sport, Umweltpolitik? Wir haben stundenlang geredet, es schien ganz aussichtsreich, aber dann geschah nichts. Brüssel blieb hart. Am Ende blieb einzig der Vorschlag, hier ein EU-Informationszentrum einzurichten – aber nur als Filiale der EU-Vertretung in Tiflis. Warum nicht eines in Suchumi, das Brüssel direkt untersteht? Die EU könnte leicht einen kleinen Schritt auf uns zugehen und etwa helfen, unser Nationalarchiv wieder aufzubauen.“

Als Moskau am 26. August Abchasien anerkannte, war das offenbar ein impulsiver Schritt – aus Wut über die Entscheidung der polnischen Regierung, die am 20. August den Vertrag über die Stationierung von US-Raketen unterschrieben hatte. Theoretisch ist die Unabhängigkeit Abchasiens damit der Wirklichkeit ein Stück näher gerückt, die Zugänge zur Außenwelt könnten sich jetzt etwas öffnen. Aber das erfordert Entschlossenheit, Fantasie und die Bereitschaft, das Verhältnis zu Russland zu strapazieren. Viele Abchasen wollen den Wandel, und zwar schnell. Aber die Politiker sind übervorsichtig, ja lethargisch.

Dabei ist gerade jetzt nicht der Moment, die Hände in den Schoß zu legen. Als mich ein Freund in Suchumi herumführte, deutete er auf einen Balkon des frisch renovierten Ritsa-Hotels. In dem sonnigen Zimmer mit Blick auf die Palmen und Oleanderbüsche der Strandpromenade logierte im Januar 1924 Leo Trotzki und vertrödelte die entscheidenden Tage nach Lenins Tod. Wäre er nach Moskau zurückgeeilt, hätte er vielleicht seine Anhänger mobilisieren und Stalin daran hindern können, seine Macht auszubauen. Das hätte den Lauf der Geschichte verändert. Doch selbst der aktivste aller revolutionären Aktivisten ließ sich vom trägen Charme Abchasiens einlullen. Trotzki setzte seine Ferien am Schwarzen Meer fort – und die Chance war verpasst.

Viele Abchasen geben selbstkritisch zu, dass sie keine Meister im Ergreifen historischer Chancen sind. Die ethnischen Abchasen – das sind heute noch etwa 80.000 Menschen – waren immer satte Dorfbewohner, die sich nie zum städtischen Erwerbsleben und seinen mannigfachen Zumutungen hingezogen fühlten. Die jungen Leute in Suchumi sitzen am liebsten im Café und quatschen pausenlos in ihre Handys. Den Wiederaufbau leisten derweil die „Gastarbeiter“, von denen die meisten aus Armenien und Usbekistan kommen. Anders als ihre hitzköpfigen Nachbarn im Nordkaukasus waren die Abchasen nie ein fanatisches Volk. Es gibt orthodoxe Christen, Muslime und Anhänger eines „traditionellen“ (heidnischen) Glaubens. Dabei ist die christlich-muslimische Prägung kaum zu spüren, wohingegen eine milde Ehrfurcht vor Geistern, die in bestimmten Bäumen oder Bergen hausen, weit verbreitet ist.

Die Abschottung der vergangenen fünfzehn Jahre hat die Menschen passiv gemacht und zugleich gelehrt, aus dem wenigen, was sie haben, das Beste zu machen. Von dem aufregenden, aber Ungleichheit erzeugenden kapitalistischen Aufbruch, den Saakaschwili in Georgien in Gang gesetzt hat, ist hier nichts zu spüren. Aber es gibt eine reelle Chance für eine Zukunft, die Sicherheit und dauerhaften Wohlstand garantieren würde – und zwar nicht nur für Abchasien, sondern auch und gerade für Georgien.

Denn auch die Georgier sitzen in einer Falle – aufgestellt von den um die Vorherrschaft im Südkaukasus ringenden Großmächten Russland und USA. Indem Tiflis nun auf seiner „territorialen Integrität und Souveränität“ beharrt und sich strikt weigert, den Verlust von Südossetien und Abchasien zu akzeptieren, halten die Fangeisen dieser Falle Georgien umso fester umschlossen.

Die Regierungen der EU-Länder und der USA haben Tiflis in dieser Haltung stets eilfertig unterstützt. Doch nach dem Desaster vom August 2008 – dem letzten von mindestens drei Versuchen Georgiens, seine „territoriale Integrität“ mit militärischer Gewalt wiederherzustellen – sollte man in Europa wie in Washington drei Dinge verstanden haben: Erstens ist eine „Wiedervereinigung“ unmöglich mit militärischen Mitteln zu erzwingen. Zweitens führen solche Versuche genau das herbei, was sie gerade verhindern wollen: Sie schwächen die Unabhängigkeit Georgiens, indem sie das russische Droh- und Erpressungspotenzial gegenüber der georgischen Regierung verstärken. Und drittens stellt der Westen mit seiner Unterstützung der unrealistischen georgischen Gebietsansprüche sicher, dass Georgien sein ohnmächtiger Klient bleiben wird – und damit außerstande, den Konflikt mit Russland zu entschärfen. Was nur bedeutet, dass Tiflis noch stärker auf die militärische, wirtschaftliche und diplomatische Patronage Washingtons angewiesen ist.

Die Politiker Georgiens stehen vor ihrer Oder-Neiße-Frage

Es hat schon einmal eine solche Falle gegeben, die jedem europäischen Journalisten meiner Generation im Gedächtnis haftet: die „Oder-Neiße-Frage“, mit der man uns vor fünfzig Jahren in endlosen, ermüdenden Hintergrundsgesprächen traktierte, auf dass wir ellenlange Analysen schreiben konnten. Mit dieser Doktrin wurde der westdeutsche Staat über zwanzig Jahre lang an die Sicherheitskette seiner Verbündeten gelegt. Natürlich gibt es da, was die weltpolitische Relevanz wie die Details betrifft, gewaltige Unterschiede – aber eben auch deprimierende Ähnlichkeiten.

Worum ging es bei der Oder-Neiße-Frage? Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Polen auf Beschluss der Potsdamer Konferenz Schlesien, Pommern und Ostpreußen annektiert. Die deutschen Bewohner dieser Gebiete, die noch nicht vor der Roten Armee geflohen waren, wurden vertrieben. Die meisten der etwa 8 Millionen Flüchtlinge landeten in Westdeutschland. Nach 1949 weigerte sich die neue Bundesrepublik, die neue Ostgrenze anzuerkennen. Bonn bestand auf der Gültigkeit der „Grenzen von 1937“ und behauptete, der Rest der Welt habe die Pflicht, die „territoriale Einheit“ Deutschlands wiederherzustellen. Die starken Vertriebenenverbände hielten die politische Klasse geknebelt: Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze zu fordern war für Jahrzehnte gleichbedeutend mit politischem Selbstmord. Und im Fernsehen wurde das Wetter – sonnig oder bewölkt – für Schlesien wie für Bayern vorausgesagt.

Offiziell stärkten die Westalliierten ihren Verbündeten den Rücken. Aber im privaten Gespräch hätte jeder französische oder britische Diplomat eingeräumt, dass die deutsche Haltung dumm und unrealistisch war. Doch genau das schätzten die Alliierten. Eine Bundesrepublik, die diese unerfüllbare Forderung zum Staatsdogma erklärte, war nicht imstande, mit der Sowjetunion bestimmte Dinge auszuhandeln – etwa die Wiedervereinigung mit der DDR als Gegenleistung für den Austritt der BRD aus der Nato. Erst 1970 befreite Willy Brandt sein Land aus dieser Falle, indem er die Oder-Neiße-Grenze anerkannte.

Wann erleben wir den georgischen Willy Brandt? Die Frage löst in Suchumi nur ungläubiges Gelächter aus. Georgiens Politiker beharren immer noch darauf, dass Abchasien georgisch sei, sie reden weiter von der „Bekämpfung des Separatismus“ und verlassen Konferenzen, zu denen Abchasier eingeladen sind. Aber wie in der früheren Bundesrepublik bewirkt diese Realitätsverweigerung nur, dass Georgien noch abhängiger wird.

Die Russen können frohlocken, dass Tiflis ihnen eine Provokation nach der anderen liefert, die sie als Vorwand nutzen können, um Georgien unter Druck zu setzen und die kleinen Kaukasusnationalitäten noch enger an die Kandare zu nehmen. Und auch die USA können sich, solange die georgische Führung auf ihren aussichtslosen territorialen Ansprüchen herumreitet, auf die Inkompetenz ihrer Partner in Tiflis verlassen und weiter den „fernen Erlöser“ geben.

Weniger klar ist, was sich die EU von ihrer Unterstützung Georgiens verspricht. Auf der Geberkonferenz für das kriegsgeschädigte Land hat sich die EU im Oktober 2008 zur Zahlung von 1,1 Milliarden Dollar verpflichtet – knapp ein Viertel der insgesamt 4,5 Milliarden. Dabei hat sie erneut die „territoriale Integrität“ Georgiens bekräftigt. Auf lange Sicht tut die EU damit Tiflis keinen Gefallen.

Noch ist es für eine Entschärfung der Krise im Kaukasus nicht zu spät. Denn der Krieg im August hat mehr Tore aufgestoßen als geschlossen, und die vier Hauptakteure sollten es wagen, sie zu durchschreiten. Am schwersten wird das für Georgien, denn es müsste die Realitäten akzeptieren. Südossetien zu umwerben dürfte freilich zwecklos sein. Aber Abchasien könnte man in kleinen Schritten entgegenkommen: Gewaltverzicht, Wiederherstellung der wirtschaftlichen Verbindungen und Verkehrswege, Aufgabe des diplomatischen Boykotts, am Ende die Hinnahme der De-facto-Unabhängigkeit als notwendige Vorbedingung für die Rückkehr georgischer und megrelischer Flüchtlinge nach Abchasien. All das würde Abchasien helfen, sich aus dem Klammergriff der Russen zu befreien.

Der zweite Akteur, die Europäische Union, sollte diese Annäherung unterstützen und möglichst bald Kontakte auf niedriger Ebene mit Abchasien knüpfen. Die Regierung Abchasiens als dritter Akteur müsste entschlossener als in den letzten Jahren gegen ihre internationale Isolierung vorgehen. Und der vierte Akteur, die neue US-Regierung, sollte auch im südlichen Kaukasus auf „Change“ setzen und den extremen georgischen Nationalismus nicht länger unterstützen.

Bei allen feindseligen Gefühlen machen sich die abchasischen Politiker über Georgiens Zukunft große Sorgen. Für sie wäre es ein Albtraum, wenn das Nachbarland unter dem Druck seiner Minderheitenprobleme oder russischer Machenschaften auseinanderfiele. Und ihr größter Wunsch ist, trotz der jüngsten Vergangenheit, eine enge Beziehung zwischen Abchasien und einem stabilen blühenden Georgien: zwischen zwei kaukasischen Nachbarn, die durch gemeinsame Interessen gegenüber der EU, der Türkei und anderen Weltregionen verbunden sind.

Beide Länder haben vieles gemeinsam und können, wenn man sie lässt, erneut ein besonderes Vertrauensverhältnis entwickeln, das sich in der Kultur und im Essen zeigt, aber auch in einem sehr eigenen, für Außenstehende kaum nachvollziehbaren Humor. Ein abchasischer Parlamentarier erzählte mir, wie er in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku reisen musste, um sich mit einem alten georgischen Freund zu treffen. Als die Frau an der Hotelrezeption ihre Pässe studierte, war sie irritiert: „Warum sind Sie beide hier?“ Der Abchase suchte nach einer Erklärung – und sagte am Ende: „Weil wir Liebhaber sind und ein Rendez-vous in unserem eigenen Land verboten ist.“

Fußnote: 1 Die ethnisch-sprachlichen Definitionen sind wichtig, werden aber auch überbewertet. Die kartwelischen und nordkaukasischen Sprachen (zu Letzteren gehört Abchasisch) sind eigenständige Idiome. Das Georgische gehört zur kartwelischen (südkaukasischen) Sprachfamilie. Die Megrelen (Nachfahren der Kolcher), die im Westen Georgiens leben, fühlen sich trotz ihres eigenen Dialekts überwiegend als Georgier.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Neal Ascherson lebt in London. Autor unter anderem von: „Schwarzes Meer“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1998. © London Review of Books, für die deutsche Übersetzung: Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 16.01.2009,