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Eine Perle von den Philippinen

Über die weltweite Migration von Frauen ist noch viel zu wenig bekannt von Petra Dannecker

Nazima und Josna sitzen vor ihrer Hütte in einem Dorf im Süden von Bangladesch. Beide sind vor kurzem aus Malaysia zurückgekehrt, nachdem sie sechs Jahre in einer Elektronikfabrik in der Nähe von Kuala Lumpur gearbeitet haben. Ausführlich beschreiben sie, welche Ängste sie vor ihrer großen Reise hatten, aber auch die Neugier, mit der sie aufbrachen. Josna hatte immer davon geträumt, einmal in einem Flugzeug zu sitzen und andere Länder kennenzulernen. Nazima hatte sich zur Migration entschlossen, weil sie ihren Kindern, vor allem ihren Töchtern, eine gute Bildung ermöglichen wollte.1

Im Rückblick erzählen sie leicht belustigt, wie fremd ihnen die Arbeit in der Fabrik am Anfang war. Nie hätten sie es sich vorstellen können, dass sie einmal aus kleinen Einzelteilen elektronische Geräte zusammenbauen würden. Die Unterstützung durch Kolleginnen und die respektvolle Behandlung seitens der Vorgesetzten halfen ihnen, die ersten Ängste und Schwierigkeiten zu überwinden. Zwar waren die Arbeitstage lang, sie mussten viele Überstunden machen, aber sie bekamen regelmäßig ihren Lohn, auch wenn dieser nicht den zuvor gemachten Zusagen entsprach. Dann zeigen sie uns Fotos von ihren Ausflügen ans Meer. Immer wieder kommen sie darauf zurück, dass sie in Malaysia zugenommen hatten. Zu essen gab es offenbar genug.

Keine Fotos gibt es von den gut bewachten Unterkünften in der Nähe der Fabrik. Dort haben sie zusammen gewohnt, gekocht und ihre Freizeit verbracht. Einmal die Woche durften sie in Begleitung ihrer „Aufpasser“ auf den Markt gehen, um Lebensmittel zu kaufen. Und einmal im Monat ging es zur Bank, um den Lohn einzuzahlen.

Nun sind sie zurück in Bangladesch und müssen sich wieder in ihrem Dorf zurechtfinden, wo es keine regelmäßige Stromversorgung und vor allem keine Arbeit gibt. Das Geld, das sie nach Hause geschickt haben, ist verbraucht: Ein Teil ging für die Kredite drauf, mit denen sie die Vermittlungsgebühren bezahlt hatten; den Rest haben ihre Familien für das tägliche Leben und für Konsumgüter ausgegeben. Nazimas Mann hat sich während ihrer Abwesenheit eine zweite Frau genommen und sich wenig um die Kinder gekümmert, die ihre Mutter am Flughafen nicht mehr erkannten. Sie hat es schwer, wieder einen Platz in der Familie und in der dörflichen Gemeinschaft zu finden.

Auch für Josna ist es nicht einfach. Ihre Familie kann für sie nur schwer eine Ehe arrangieren. Wie die meisten Migrantinnen, die befristet im Ausland gearbeitet haben, müssen sich Josna und Nazima mit dem negativen Image auseinandersetzen, das die zurückgekehrten Migrantinnen in Bangladesch haben. Obwohl sie in einem muslimischen Land gearbeitet haben, stehen sie unter dem Verdacht, ein „unislamisches Leben“ geführt zu haben. Dagegen werden Frauen, die in den Ländern des Nahen Ostens, meist als Hausangestellte, gearbeitet haben, als passive und schutzbedürftige Opfer wahrgenommen. Im Namen solcher Klischees fordern islamistische Organisationen und politische Parteien in Bangladesch, die unabhängige Migration von Frauen weiter einzuschränken. Wenn Frauen ohne männliche Begleitung ins Ausland gehen, sieht man dadurch nicht nur ihre Ehre, sondern auch die ihrer Familien und damit der ganzen Nation verletzt.

Da sich Nazima und Josna dessen bewusst sind, finden sich bei ihnen auch nicht die Statussymbole, die männliche Migranten nach ihrer Rückkehr so gern zur Schau stellen: Fernseher, neues Wellblechdach, westliche Kleidung. Die Migration von Männern bedeutet einen Statusgewinn nicht nur für den Migranten selbst, sondern für seine ganze Familie, und zwar unabhängig von dem damit verbundenen ökonomischen Erfolg. Der Migration von Frauen hingegen haftet – ebenfalls unabhängig vom ökonomischen Erfolg – ein Makel an. Das erklärt, warum die Regierung nur die männliche Migration propagiert und als wichtigen Wirtschaftssektor würdigt.2 Diese Wahrnehmung prägt auch viele wissenschaftliche Migrationsstudien. Und auch enthusiastische Entwicklungspolitiker, die auf die Rücküberweisungen und deren segensreiche Folgen für die Entsendeländer verweisen, haben zumeist nur die männlichen Migranten im Blick.

Die lokale, islamisch geprägte Geschlechterordnung erlaubt es Nazima und Josna kaum, ins Nachbardorf zu fahren, um sich zum Beispiel mit ehemaligen Kolleginnen zu treffen. Und doch sind sie Teil der weltweiten Wanderbewegungen im Zeitalter der Globalisierung. Sie repräsentieren einen Prozess, der in der Migrationsforschung wie in den entwicklungspolitischen Debatten als „Feminisierung der Migration“ bezeichnet wird.

Schon seit einigen Jahren steigt der Anteil der Frauen an den Wanderbewegungen kontinuierlich. 1990 waren 47 von 100 Migranten Frauen.3 Der Weltbevölkerungsbericht von 2006 geht davon aus, dass 95 Millionen der 191 Millionen internationalen Migranten Frauen sind. Solche Statistiken können allerdings nur Trends aufzeigen, da ein Großteil der Wanderbewegungen nicht erfasst wird oder auch nicht erfasst werden kann. Dies hat zum Teil politische Ursachen. Einige Aufnahmeländer veröffentlichen die Migrantenzahlen nur sehr selektiv, um ihre Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften zu verschleiern.4 Aber auch einige Entsendeländer veröffentlichen keine geschlechtsspezifischen Statistiken, weil – wie im Fall Bangladesch – die Migration von Frauen gesellschaftlich umstritten ist. Und insgesamt gilt, dass die Statistiken zu undokumentierten Migranten und Migrantinnen stets nur vage Schätzungen sind.5

Trotz aller Einschränkungen zeigen die verfügbaren Daten eindeutig, dass der Anteil von Frauen an der Migration vor allem innerhalb und nach Europa, innerhalb Lateinamerikas und zwischen Lateinamerika und Nordamerika, und zwischen den süd- und südostasiatischen Ländern gestiegen ist. In Afrika ist der Anstieg weitaus geringer, was zum Teil damit erklärt werden kann, dass Frauen vor allem als Händlerinnen und meist nur für kurze Zeit Grenzen überqueren oder innerhalb von Familiennetzwerken migrieren. Deshalb bleiben ihre Wanderungsbewegungen noch häufiger undokumentiert.

Bei der Migration innerhalb Ost- und Südostasiens und von diesen Regionen in die Länder des Nahen Ostens hängt die Feminisierungstendenz mit dem neuen Migrationsmuster der befristeten Arbeitsmigration zusammen. Die meisten Aufnahmeländer in diesen Regionen erlauben generell nur einen zeitlich befristeten Aufenthalt und halten diese Befristung auch strikt ein, weil sie eine gesellschaftliche Integration verhindern wollen. Solche Regelungen gelten natürlich nicht nur für Frauen, doch die sind davon in der Regel stärker betroffen als männliche Migranten, da ihnen die Netzwerke und Kontakte vor Ort fehlen, um ihren Aufenthalt gegebenenfalls zu verlängern.

Bis in die späten 1990er-Jahre tauchten Migrantinnen in öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskussionen allenfalls schemenhaft auf. Unabhängige Migration von Frauen gab es bis vor kurzem nicht, jedenfalls nicht im wissenschaftlichen Mainstream, in den Medien oder in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger. Migrantinnen wurden entweder als Anhängsel ihrer Männern und Familien oder als die Opfer der sich globalisierenden Sex- und Dienstleistungsindustrie wahrgenommen. Allenfalls galten sie als Symbol für die Identität einer Diaspora oder Migrantengruppe.

Weltweit ist das gesellschaftlich am ehesten akzeptierte Migrationsmuster immer noch das des mobilen jungen Mannes auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensmöglichkeiten. Die Migration von Frauen gilt dagegen oft als als Abweichung von der Norm. Zur Konstruktion und Verstetigung dieses Klischees hat die Migrationsforschung das Ihre beigetragen. Zum einen hat sie Daten und Statistiken, die schon relativ früh zeigten, dass Frauen auch unabhängig wandern, in ihren Interpretationen und Analysen nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei haben historische Quellen und feministische Studien schon früh gezeigt, dass Frauen seit jeher an Migrationsprozessen teilhatten: Das zeigt etwa die weibliche Massenmigration aus Irland am Ende des 19. Jahrhunderts, oder die Tatsache, dass seit 50 Jahren konstant mehr Frauen als Männer in die USA einwandern; auch unter den Migranten innerhalb der Europäischen Union Anfang der 1990er-Jahre waren knapp die Hälfte Frauen.6 Doch die Forschung hat nur migrierende Männer als Ernährer der Familien wahrgenommen. Bei vielen Ländern in aller Welt beruhte und beruht die Immigrationspolitik auf dieser Annahme.

Die Arbeitskraft von Frauen ist unschlagbar billig

Malaysia ist keineswegs das einzige Land, in dem für Frauen immer noch restriktivere Einreisebeschränkungen gelten als für Männer. Diese dienen angeblich vor allem dem Schutz von Frauen mit befristeter Arbeitserlaubnis. Aber die Frauen fühlen sich nicht geschützt, sondern verunsichert, zumal wenn sie mit der Migration die Hoffnung verbinden, ein neues, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ihre Migrationsneigungen werden zunehmend von mächtigen Rekrutierungsorganisationen, mafiösen Schlepperbanden und Unternehmen kanalisiert, die Mittel und Wege finden, die geltenden Restriktionen zu umgehen. Zum Beispiel werden Migrantinnen häufig für viel Geld über die Grenzen geschmuggelt und landen in den Zielländern – da sie ohne Papiere keinen rechtlichen Status haben – in sexuellen oder sonstigen Ausbeutungsverhältnissen.

Anders als viele bangladeschische Frauen hatten Josna und Nazima Glück. Der lokale Vermittler, ein ehemaliger Migrant aus dem Nachbardorf mit guten Kontakten zu einer Vermittlungsorganisation in Dhaka, machte sich nicht mit den Vermittlungsgebühren aus dem Staub. Und er gehörte auch nicht zu denen, die ihre Kundinnen bei der Einreise nach Malaysia mit gefälschten Papieren ausstatten. Beides trifft in Bangladesch vor allem ausreisewillige Frauen, die in ländlichen Regionen leben, keinen Zugang zu den männlichen Netzwerken haben und wenig Unterstützung durch ihre Familien oder auch durch die einschlägigen Nichtregierungsorganisationen haben. Nur langsam entstehen kleinere Netzwerke, die sich etwa bemühen, die Frauen über Vermittlungsorganisationen zu informieren und ihre Unsicherheiten abzubauen. Einen wichtigen Beitrag leisten dabei auch zurückgekehrte Frauen, die im ländlichen Bangladesch kaum Möglichkeiten haben, ihr erspartes Geld vernünftig zu investieren – und daher an Frauen mit Migrationsplänen Kredite zu Marktkonditionen vergeben.

Josna und Nazima haben ihre Heimat offiziell als qualifizierte Arbeiterinnen verlassen, obwohl sie keinerlei Erfahrung mit Fabrikarbeit hatten. Aber nur mit diesem Stempel ist die teure Ausreise möglich. Auf den neuen globalen und regionalen Arbeitsmärkten sind jedoch Fähigkeiten und Qualifikation ohnehin nicht entscheidend.

Ob die Frauen am Ende in einer Fabrik in Malaysia oder als Hausangestellte in Dubai arbeiten, hängt von den Aus- und Einreisebestimmungen, der Nachfrage und den Vermittlerorganisationen ab. Vor allem Letztere orientieren sich an den Bedürfnissen der Arbeitsmärkte: Sie vermarkten bestimmte Frauenbilder und damit bestimmte Fertigkeiten, aber auch länderspezifische Klischees.

Die Feminisierung der Migration verweist nicht zuletzt auf die Zunahme von schlecht bezahlten, befristeten und unqualifizierten Tätigkeiten, für die weltweit immer stärker Frauen bevorzugt werden.7

Migrantinnen und Migranten tragen weit mehr als gemeinhin angenommen zum wirtschaftlichen Erfolg insbesondere der asiatischen Schwellenländer und der Staaten des Nahen Ostens bei. Die gestiegene Nachfrage nach billigen Arbeitskräften für die ausgelagerten Produktionsstätten von Waren für den Weltmarkt führte in den 1980er- und 1990er-Jahren zunächst dazu, dass in den Schwellenländern junge einheimische Frauen Arbeit fanden. In der nächsten Phase warb man dann aktiv Migrantinnen an, die meist billiger sind als lokale Arbeiterinnen oder männliche Migranten. Die Folge waren – wie in anderen Ländern auch – verschärfte Spannungen und Konflikte zwischen der lokalen Bevölkerung und der Migrantenpopulation.

Da in Malaysia viele Firmen zunehmend Migrantinnen anwerben und die an den niedrigeren Löhnen orientierten Vermittlungskosten für Frauen geringer sind, emigrierte damals Nazima und eben nicht ihr Ehemann. Die starke Nachfrage nach den billigeren und angeblich willigeren Arbeiterinnen führt insbesondere in klassischen Entsendeländern wie Bangladesch, wo bis vor einigen Jahren fast ausschließlich Männer ins Ausland gingen, zu einer zunehmenden Konkurrenz zwischen Männern und Frauen.

Dabei haben zurückgekehrte männliche Migranten und teilweise ihre zu Hause wie auch in den Aufnahmeländern etablierten Organisationen und länderübergreifenden Netzwerke nach Kräften ein Frauenbild propagiert, das der „guten“ Frau die „schlechte“ Migrantin gegenüberstellt, um – unter anderem – ihre Position und ihre Chancen auf den globalen und regionalen Arbeitsmärkten zu sichern. Dem von ihnen gezeichneten Bild zufolge ist die typische bangladeschische Migrantin eine Frau in westlichen Kleidern, die Kontakte zu Männern unterschiedlicher ethnischer Herkunft pflegt.

Solche Stereotype machen sich islamistische Organisationen zunutze, um ihre Vorstellung von islamischer Geschlechterordnung zu untermauern und die unabhängige Migration von Frauen zu verbieten. In Bangladesch wurde diese Forderung 1981 erstmals in Gesetzesform gegossen und 1997 mithilfe männlicher Migrantenorganisationen erneuert. Hier bewirkte also die globale und regionale Nachfrage nach billigen weiblichen Arbeitskräften zunächst, dass die lokalen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage gestellt wurden, was dann wiederum zu gesellschaftlichen, religiösen und politischen Veränderungen führte, die Frauen nicht nur die Ausreise, sondern vor allem die Wiedereingliederung erschweren. Weil Josna und Nazima dies am eigenen Leibe erfahren haben, wollen sie möglichst bald wieder weg und planen bereits ihr nächstes Migrationsvorhaben.

Die weltweit steigende Nachfrage nach privaten Dienstleistungen hat die Feminisierung der Migration zusätzlich beschleunigt. Seit in Europa und Nordamerika, aber auch in einigen südostasiatischen Ländern wie Malaysia, Singapur oder Hongkong die Berufstätigkeit von Frauen zur weitgehend akzeptierten Selbstverständlichkeit geworden ist, wächst der Bedarf an Arbeitskräften für Haushalt und Kinderbetreuung.

Zu einer neuen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen kam es also nicht. Vielmehr werden Dienstleistungen, die bislang von einheimischen Frauen gänzlich unbezahlt erbracht wurden, zunehmend von schlecht bezahlten Migrantinnen übernommen, die zumeist verheiratet sind und ihre Familien zurücklassen. Auch in den Staaten des Mittleren Ostens ist die Nachfrage nach Hausangestellten seit den 1980er-Jahren kontinuierlich gestiegen. Hier ist es mittlerweile ein Statussymbol, eine ausländische Hausangestellte zu beschäftigen.

Auf diesem globalisierten Markt sind die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten zunehmend durch Geschlecht und nationale Herkunft bestimmt. In den letzten Jahrzehnten ist die Nachfrage nach philippinischen Hausangestellten weltweit stetig gestiegen und damit der Anteil der Philippininnen an der internationalen Migration. Das liegt unter anderem daran, dass die Regierung in Manila wie auch lokale Vermittlungsorganisationen philippinische Frauen seit Jahrzehnten als besonders fürsorgliche, fleißige und zuverlässige Hausangestellte oder Pflegekräfte vermarkten. Dieses Markenprofil erleichtert ihnen den Zugang zu regionalen und globalen Arbeitsmärkten und führt dazu, dass sie in manchen Ländern besser bezahlt werden als ihre Kolleginnen aus den Nachbarländern.

So konkurrieren schließlich nicht nur die einheimischen Frauen mit den Migrantinnen, sondern auch Migrantinnen unterschiedlicher Herkunft miteinander. Qualifikation wird also zunehmend über die Herkunft und die daran geknüpften Frauenbilder vermarktet – wobei, wohlgemerkt, kaum jemand bezweifelt, dass jede Frau der Welt prinzipiell und quasi naturgegeben für häusliche Tätigkeiten geeignet ist.

Häufig entscheidet auch die religiöse Zugehörigkeit über Einreise- und Arbeitsmöglichkeiten. So durften muslimische Familien in Malaysia einige Jahre nur muslimische Hausangestellte beschäftigen, was die Einreise von indonesischen Frauen begünstigte. Bis heute dürfen Migrantinnen aus Bangladesch in Malaysia nicht als Hausangestellte arbeiten: Es heißt, sie seien dazu technisch nicht in der Lage, weil sie aus einem sehr unterentwickelten Land kommen. Kritik an dieser Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten kommt übrigens eher von den Rekrutierungsorganisationen, da sie Frauen aus Bangladesch in diesem Sektor in Malaysia nicht vermarkten können, und weniger von den Migrantinnen selbst, die viel lieber in der Fabrik arbeiten.

Inwieweit es sich bei Tätigkeiten, für die hauptsächlich Frauen rekrutiert werden, um typisch weibliche handelt, und ob sich tatsächlich von einer Globalisierung traditionell weiblicher Tätigkeiten sprechen lässt, ist jedoch fraglich.8 Die Arbeit am Fließband oder an der Nähmaschine gilt in vielen Entsendeländern zunächst eben nicht als typisch weiblich, vielmehr wird sie im Zuge der Globalisierung erst als solche konstruiert, um die Lohnkosten gering zu halten und schlechte Arbeitsbedingungen zu legitimieren. An diesem Konstrukt haben – mit je eigenen Motiven und Wahrnehmungen – viele mitgewirkt: Unternehmen, Vermittlungsfirmen, die Politik der Entsende- und der Aufnahmeländer und nicht zuletzt auch die sozialwissenschaftliche Forschung.

Inzwischen sind sowohl die politischen Entscheidungsträger als auch die Wissenschaftler aufgewacht. Weltweit wächst das Interesse für das Phänomen der weiblichen Migration. Seit Ende der 1990er-Jahre widmen sich wissenschaftliche Arbeiten den strukturellen Ursachen der Feminisierung der Migration. Zuvor waren in den ökonomisch verengten Globalisierungsanalysen die unterschiedlichen Akteure – von den politischen Entscheidungsträgern über die Vermittlungsorganisationen und religiösen Gruppierungen bis hin zu den Geschlechterklischees produzierenden Medien – allenfalls am Rande aufgetaucht.

Frauen aus Malaysia, Sri Lanka, den Philippinen oder Indonesien arbeiten zeitlich befristet in den Fabriken, Bars oder Haushalten von Hongkong, Dubai, Kuala Lumpur oder Tokio. Sie bekommen dafür sehr wenig Lohn, haben einen weitgehend rechtlosen Status, nehmen Unsicherheiten und eine zuweilen menschenunwürdige Behandlung in Kauf.

Ihre Situation sollte in Zukunft viel stärkere Beachtung finden. Denn nur wenn die internationale Öffentlichkeit die entsprechend engagierten zivilgesellschaftlichen Akteure unterstützt und nur wenn es gelingt, den Druck zu erhöhen, werden mehr Staaten die in den Schubladen liegenden internationalen Abkommen zum Schutz der Rechte von Migrantinnen auch ratifizieren und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen in nationale Rechtsprechung umsetzen.

Der Forschung kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Die Migrationsprozesse kann man nur verstehen und ihre langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen beeinflussen oder sogar steuern, wenn man mehr über die Zusammenhänge und Lebensweisen vor, während und nach der Migration weiß. Vor allem deshalb lohnt es sich, den Migrantinnen zuzuhören und sich für ihre Sicht der Dinge zu interessieren, statt immer nur nach den strukturellen Bedingungen zu fragen.

Die Arbeits- und Lebensumstände in Malaysia mögen im Licht des westlichen Arbeitsrechts und der universalistischen Menschenrechte noch so kritikwürdig sein, Josna und Nazima haben einen anderen Maßstab: Für sie bedeutete das Arbeitsleben in Malaysia, gemessen an ihrer alten und ihrer neuen Lebenssituation in Bangladesch, eine eindeutige Verbesserung. Sie haben allen Grund, weitere Migrationspläne zu schmieden.

Fußnoten:1 Die folgenden Ausführungen beruhen auf Feldforschungen eines Projekts der Universität Bielefeld 2003 und 2004 in Malaysia und Bangladesch. 2 Verschiedene Studien gehen davon aus, dass bangladeschische Migranten (nach Geschlecht differenzierte Daten liegen nicht vor) jährlich bis zu 3,8 Milliarden US-Dollar über offizielle Kanäle nach Bangladesch schicken, über informelle Kanäle fließt schätzungsweise noch einmal so viel. Damit machen die Überweisungen in die Heimat fast ein Drittel der erwirtschafteten ausländischen Devisen aus. 3 Hania Zlotnik, „Data Insight the Global Dimension of Female Migration“, in: United Nations, International Migration Report 2002, New York (United Nations) 2002. 4 Das gilt zum Beispiel für Malaysia und Singapur. 5 Allgemein wird geschätzt, dass in vielen Aufnahmeländern ebenso viele undokumentierte Migranten und Migrantinnen wie dokumentierte leben und arbeiten. 6 Siehe dazu: Elisabeth Aufhauser, „Migration und Geschlecht“, in: Karl Husa u. a., „Internationale Migration. Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?“, Frankfurt am Main (Brandes & Apsel Verlag) 2000. 7 Siehe Christa Wichterich, „Die globalisierte Frau“, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1998. 8 Vgl. Barbara Ehrenreich und Arlie R. Hochschild, „Global Women. Nannies, Maids, and Sex Workers in the New Economy“, London (Granta Books) 2003.

Petra Dannecker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.10.2008,