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Die Entstehung des Sandschak Novi Pazar

Schon der Name dieser Region klingt sehr „exotisch“. Im Osmanischen Reich bezeichnete der Begriff Sandschak einen Verwaltungsbezirk. Novi Pazar genießt heute keine Selbstverwaltung, ist aber als territoriale Einheit erhalten geblieben. Auf Beschluss des Berliner Kongresses von 1878 wurde das Mandat über diesen Sandschak an Österreich-Ungarn übertragen. Die militärische Oberhoheit des Habsburger Reiches sollte verhindern, dass sich Serbien und Montenegro hier eine Landbrücke zwischen ihren Staatsgebieten schaffen konnten.

Bis zu den Balkankriegen von 1912 und 1913 blieb der Sandschak formell unter osmanischer Herrschaft. Erst 1913 wurde das Territorium aufgeteilt: Serbien erhielt den Norden, Montenegro den Süden. Nachdem sich im Zweiten Weltkrieg ein antifaschistisches Komitee für die Befreiung des Sandschak gebildet hatte, sollte das Gebiet eigentlich zu einem jugoslawischen Bundesstaat werden. Doch Milovan Djilas, der für die Festlegung der inneren Grenzen des neuen Jugoslawiens maßgeblich verantwortlich war, entschied sich für die alte Teilung: Die eine Hälfte kam zu Serbien, die andere zu Montenegro.

Die Hauptstadt des Sandschak, Novi Pazar, war lange Zeit ein wichtiger Handelsplatz am Kreuzpunkt der alten transbalkanischen Karawanenstraßen. Auf dieser Rolle beruhte auch der einstige Reichtum der Stadt, von dem der heute verfallene jüdische Friedhof zeugt. Im heutigen Sandschak leben Angehörige dreier nationaler Gemeinschaften: Die muslimischen Slawen, die etwas mehr als die Hälfte der rund 500 000 Einwohner ausmachen, verstehen sich als „Bosniaken“; die orthodoxen Christen im Norden definieren sich als Serben, die im Süden als Montenegriner.

Geografisch bildet der Sandschak einen Korridor zwischen dem Kosovo und Bosnien, und damit in den Augen mancher Ideologen den Kernabschnitt einer „grünen Diagonale“, sprich einer „muslimischen Achse“ in der Balkanregion. Zwischen dem Osten und dem Westen sind die Beziehungen aber nicht sehr intensiv. Der Osten ist stark muslimisch geprägt, wobei sich die Bosniaken in den serbischen Städten Novi Pazar, Sjenica und Tutin und im montenegrinischen Rozaje konzentrieren. Aus dem Westen dagegen wurden die meisten Muslime schon im Zweiten Weltkrieg durch die Tschetniks, die serbischen Nationalisten vertrieben. Ethnische Säuberungen gab es auch während der Kriege in den 1990er-Jahren, etwa in Pljevlja (Montenegro) und Priboy (Serbien). Für die serbischen Nationalisten war vor allem die Vertreibung der Muslime aus dem Drina-Tal immer sehr wichtig. Die Spannungen zwischen den nationalen Gemeinschaften dauern bis heute an und werden neuerdings durch die Aktivitäten kleiner wahhabitischer Gruppierungen verstärkt, die bei den verunsicherten Muslimen die islamische Identität stärken wollen.

Heute dient der Sandschak auch als Korridor für mafiose Gruppen aus Serbien, Montenegro, Bosnien und Albanien, die besonders in Novi Pazar präsent sind. Doch wenn auf dem Balkan Frieden einkehrt und die Grenzen sich öffnen, könnte die Stadt erneut zum Zentrum von Handel und kulturellem Austausch werden. Dann würde auch der Sandschak seinen angemessenen Platz im Europa der Regionen finden.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2008,