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Das lange Warten in Marokko

Afrikanische Migranten drängen sich am Grenzzaun Europas von Sophie Boukhari

Einige Menschen kauern andächtig vor einem provisorischen Altar, dem mit Glanzpapier bedeckten Pappkarton eines Fernsehapparats, auf dem ein Kreuz und ein Strauß wilder Blumen stehen. Etwas weiter entfernt liegen Steine am Boden, die in Richtung Mekka weisen. Wir befinden uns in einer entlegenen Ecke des Universitätscampus von Oujda. Die Migranten aus dem subsaharischen Afrika, die in dieser Grenzstadt im Nordosten Marokkos festsitzen, bleibt nur noch das Beten, damit sie nicht jede Hoffnung verlieren. „Wir sind in Gottes Händen“, sagen sie.

In diesem inoffiziellen Auffanglager überleben 300 bis 400 Personen dank der Hilfe lokaler Einrichtungen und internationaler Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, dank der Solidarität von Frauen aus dem Viertel und dank der spärlichen Einkünfte aus Bettelei, kleinen Jobs und Deals, die sie unter der Hand machen können. Sie schlafen unter Plastikplanen, die an dünnen Bäumen und an den Campusmauern befestigt sind. Sie sind schlecht gekleidet und schlecht ernährt. Und sie haben Angst, nicht nur vor den Razzien der Polizei, sondern auch vor den mafiösen Zirkeln, die das Lager unter Kontrolle halten.

Die meisten dieser Migranten stammen aus Nigeria, Kamerun, Guinea, Senegal, Mali, von der Elfenbeinküste oder aus der Demokratischen Republik Kongo. Gelegentlich stranden auch einige Flüchtlinge aus Darfur. Sie sind meist zwischen 18 und 30 Jahren alt und leben in zwei Sprachgemeinschaften, der frankofonen und der anglofonen. Die Mehrzahl hat eine weiterführende Schulausbildung und einen Beruf. In ihrem früheren Leben waren sie Handwerker, Händler, Arbeiter, Beamte, Landwirte, Ärzte oder Ingenieure.

Für diese Afrikaner, die sich aufgemacht haben, „das Leben in Europa zu suchen“, galt die Region um Oujda lange als die letzte Etappe vor der Überfahrt auf „die andere Seite der Welt“, die weniger Gewalt versprach und so viel reicher war. Ursprünglich wollten sie zumeist die Straße von Gibraltar überqueren. Dann haben sie den Weg über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla ins Auge gefasst, jene einzigartige Hinterlassenschaft einer Epoche, in der die Bevölkerungsströme noch in umgekehrter, also in Nord-Süd-Richtung über das westliche Mittelmeer drängten.

Auf der Tagung des Europäischen Rats, die im Juni 2002 in Sevilla stattfand, drohten mehrere europäische Staaten, allen voran Spanien unter der Regierung Aznar, den Herkunfts- und Durchreiseländern, die sich nicht am Kampf gegen die illegale Einwanderung beteiligen, die Finanzhilfen zu streichen. Damit wollten sie einen Sicherheitsgürtel um die Europäische Union schaffen, wobei es den Nachbarländern überlassen blieb, die Migranten und Asylsuchenden abzuwehren. Günstigerweise hatte man dann auch mit den Menschenrechtsverletzungen nichts zu schaffen, denen die Migranten ausgesetzt sind.

Die Drohung zielte direkt auf Marokko, das die neue Konditionierung der europäischen Finanzhilfen sehr wohl registrierte. Das Land hat viel zu verlieren, da es vom sogenannten Meda-Programm der EU zur finanziellen Unterstützung des Mittelmeerraums am meisten profitiert, nämlich zu rund 20 Prozent. Insgesamt gewährt die Gemeinschaft dem nordafrikanischen Königreich Hilfsgelder von 150 Millionen Euro pro Jahr, dazu kommen noch Kredite.

Alphonse aus Kinshasa hat es schon 30 mal versucht

Im November 2003 wurde in Rabat das Gesetz 02-04 gegen die illegale Migration verabschiedet. In Anlehnung an das französische Recht geht es dabei vor allem um die repressive Dimension, auch wenn politische Flüchtlinge, schwangere Frauen und Minderjährige nach dem Gesetzestext vor Abschiebung geschützt sind. Zudem gründete Rabat eine dem Innenministerium unterstellte Aufsichtsbehörde für Migration und Grenzüberwachung mit einer Personalstärke von rund 10 000 Mann.

Seit 2004 haben die Europäische Union und Marokko die Straße von Gibraltar dichtgemacht. Nach dem Ansturm auf die Zäune der spanischen Exklaven im Herbst 2005, bei dem mindestens sechs Flüchtlinge durch Schüsse getötet wurden, hat man auch Ceuta und Melilla in quasi uneinnehmbare Festungen verwandelt und die Wälder der Umgebung von marokkanischen Sicherheitskräften durchkämmen lassen. Seitdem verlagern sich die Migrationsrouten nach Süden. Statt der mit 20 bis 40 Personen besetzten pateras (Fischerboote), die zur andalusischen Küste aufgebrochen waren, steuern nun die cayucos – mit über hundert Insassen – von den Stränden der Westsahara aus die Kanarischen Inseln an.

Allein 2006 haben schon zehntausende Migranten die Boote im mauretanischen Nouadhibou, in Dakar oder in Saint-Louis im Senegal bestiegen. Die Überfahrt wurde immer länger und gefährlicher – im vergangenen Jahr soll den spanischen Behörden zufolge einer von sechs Passagieren ertrunken sein. Aber die neuen Routen sind auch billiger: etwa 500 Euro gegenüber 1 000 bis 1 300 Euro, die in El Ayun in der Westsahara verlangt werden.

Dennoch wurde der Weg über Marokko nie aufgegeben. Nach dem Drama von Ceuta und Melilla folgte zwar eine Pause, doch 2007 hat der Ansturm sogar wieder zugenommen, erklärt Jelloul Arraj von der lokalen Hilfszelle für Migranten. Seit einigen Monaten treffen jede Nacht Neuankömmlinge von Algerien in Oujda ein und mischen sich unter die Migranten, die auf ihrem Weg nach Europa bereits grausam gestoppt wurden. „Jede Woche finden ein oder zwei Abschiebeaktionen statt“, sagt Arraj. Dabei trifft es Menschen, die auf dem Meer vom Boot geholt, nach einem Schiffbruch aus dem Wasser gefischt oder sonstwo in Oujda oder irgendwo sonst im Königreichs einfach von der Polizei aufgegriffen werden. Niemand wird verschont, ob schwangere Frauen oder Kinder, Flüchtlinge oder Asylsuchende. Mitten in der Nacht werden alle über die Grenze in das 13 Kilometer entfernte Algerien verfrachtet.

Die meisten kehren sofort auf die marokkanische Seite zurück. Unterwegs werden sie von den Militärs beider Seiten, algerischen wie marokkanischen, schikaniert und ausgeraubt, oder sie fallen Gangsterbanden aus den Elendsvierteln von Oujda oder Gangs nigerianischer Plünderer in die Hände. NGOs berichten, dass es immer wieder zu Vergewaltigungen kommt. Die Gangs entführen auch Personen, für die sie Lösegeld von den im Heimatland verbliebenen Familien fordern.

Und dann sind in Oujda noch die „Alten“, die seit Jahren in Marokko festsitzen und warten. Da ist etwa der 34-jährige Alphonse, der die Demokratische Republik Kongo im August 2002 verlassen hat. „Ich war im letzten Jahr meines Agronomiestudiums in Kinshasa“, berichtet er. „Ich habe gegen Staatschef Joseph Kabila gekämpft. Meine Freunde hatte man verhaftet. Als ich erfuhr, dass auch ich gesucht wurde, habe ich mich über den Fluss nach Brazzaville abgesetzt. Ich war nicht einmal mehr zu Hause, um mich von meiner kleinen Tochter zu verabschieden oder meine Sachen zu holen. Damals wäre es mir gar nicht in den Sinn gekommen, nach Europa zu gehen.“

Seit drei Jahren wartet er. Nach einigen Abenteuern und immer neuen Plänen, die ihn von Nigeria nach Algerien führten, hat er sein Lager in Oujda aufgeschlagen. Mehrmals ist er im Wald verschwunden, um noch einmal sein Glück zu versuchen, mit einer Arbeit in Algerien oder einem weiteren Versuch, nach Europa zu gelangen. Über 30 Rücktransporte hat er schon mitgemacht, zwei davon, nachdem er es schon über den Zaun von Melilla geschafft hatte: „Man nimmt dir alles weg, dein Handy, dein Geld, steckt dich in einen Lastwagen, der 12 Stunden nach Süden rollt, und schmeißt dich einfach in der Wüste raus. Eine einzige Erniedrigung, alles nur wegen der schwarzen Haut.“ Heute hilft er marokkanischen Studenten, die einen naturwissenschaftlichen Studiengang verfolgen, bei Korrekturen, elektronischer Erfassung und Fertigstellung ihrer Jahresarbeiten.

Über das Internet kämpft Alphonse immer noch für eine andere Demokratische Republik Kongo, aber er engagiert sich auch für die Rechte der Migranten in Marokko. „Hier leben wir unter dem reinsten Terror. Ich kann kaum mehr schlafen, ständig bin ich darauf gefasst, dass die Polizei über uns herfällt. Wir werden bestohlen, geschlagen, bis zu 800 Leute in einen Raum gesperrt, wo man keine Luft bekommt. Ich verlange nur das Recht, Rechte zu haben.“

Gustave, der sein „Büro“ in einem Internetcafé betreibt, ist ein beliebter Anlaufpunkt im Universitätsviertel. Er dient auch als Mittler für die NGOs, denen es nicht mehr gelingt, die Verteilung der humanitären Hilfe an die Migranten zu sichern. „Ich kämpfe dafür, dass jeder das Gleiche bekommt“, sagt er. „Unter unseren Leuten gibt es einige, die es nur auf die Taschen der anderen abgesehen haben. Einer hat mich gestern verprügelt, aber das kann mich nicht einschüchtern.“

Seit Frühjahrsanfang ist die Atmosphäre auf dem Campus extrem gespannt. April bis September ist die Saison der Überfahrten, neue Geschäfte werden eingefädelt. Zwei Nigerianer, die sich „Chairmen“ nennen, machen sich die Kontrolle über das Lager streitig. „Vor einigen Jahren waren die Anführer noch Intellektuelle. Es gab einen Ökonomieprofessor, ein anderer war Kinderarzt. Die haben das Lager klug regiert“, sagt der Vertreter einer Hilfsorganisation. „Aber je mehr Jahre vergehen, umso verzweifelter sind die Menschen und umso härter geht es hier zu. Jetzt sind die Gewalttätigsten am Drücker.“

Eine kleine Minderheit beherrscht das Netzwerk sämtlicher Verbindungen, den Schwächsten werden Schutzgelder abgepresst, die Widerspenstigen terrorisiert. Dieselben Leute sind zugleich Informanten für die Banden der Plünderer, die das Grenzgebiet durchstreifen. Kein Wunder, dass mehrere hundert Migranten das Lager auf dem Universitätsgelände meiden und sich lieber in verlassenen Farmen der Umgebung verstecken oder Unterschlupf im Wald suchen.

Seydou ist zweimal am Zaun von Melilla gescheitert

Zu den letzten gehört Ali aus Gambia. „Ich bin hierher gekommen, um mich auszuruhen“, erklärt der 24-Jährige, der perfekt Englisch spricht. „Ich bin kaputt und will nachdenken. Ich habe mein Land am 15. Juli 2005 verlassen. Bis 2004 war die Welt für mich in Ordnung. Mein Onkel bezahlte mir mein Studium an der Universität von Banjul, wo ich Wirtschaftswissenschaften studiert habe. Dann ist er gestorben, und ich musste die Uni aufgeben. Kurze Zeit habe ich in einem Geldtransfer-Unternehmen gearbeitet, aber nach zwei Monaten wurde die Zweigstelle geschlossen. Mit dem verdienten Geld habe ich eine Informatikausbildung begonnen. Ich wollte unbedingt weitermachen und studieren. Ein Freund sagte mir, in Europa gebe es Möglichkeiten genug, ich solle doch mitkommen.“

Seydou hat 500 Euro zusammengekratzt und sich damit über Senegal, Mali und Algerien nach Marokko durchgeschlagen. „Ich war bei dem Massenansturm auf den Grenzzaun von Melilla im Herbst 2005 dabei, da hab ich ein Plastikgeschoss ins Knie gekriegt. Die Spanier nahmen mich gefangen und schickten mich nach Marokko zurück. Ich wurde nach Oujda verfrachtet, von wo ich wieder auf die algerische Seite, nach Maghnia, gewechselt bin. Ich musste wegen meines Knies stillhalten. Da ich gut Arabisch spreche, haben die Algerier mir geholfen. Islamisten haben mich nach Algier mitgenommen und mich drei Monate untergebracht. Aber diese Leute werden von der Polizei überwacht. Eines Tages wurde ich verhaftet, dann wieder freigelassen. Der Islamist hat mir 100 Euro in die Hand gedrückt und mich gebeten zu gehen. Da ging ich dann wieder nach Marokko zurück, in die Wälder.

Zu fünft haben wir dann noch mal versucht, über den Zaun von Melilla zu klettern. Zwei haben es geschafft, aber ich wurde erwischt und wieder an die algerische Grenze bei Oujda zurückgeschickt. Das war im Dezember 2006. Mit meinem kaputten Knie hätte ich es nie über den Zaun geschafft. Ich muss irgendwie zu Geld kommen und eine andere Route für die Überfahrt finden. In Afrika sehe ich keinen Platz für mich.“ „Man geht nicht mit leeren Händen nach Hause zurück, nachdem einem das ganze Geld durch die Lappen gegangen ist“, fügt einer seiner Kumpel hinzu. Er ist 22 Jahre alt und aus Kamerun: „Ich bleibe jedenfalls hier, bis ich es geschafft habe.“

Dass der Weg über Oujda in jüngster Zeit wieder attraktiver geworden ist, erklärt sich durch neue Verbindungen. In Wirklichkeit ist für die Migranten alles eine Frage der finanziellen Mittel. Für die Überfahrt braucht man in erster Linie Geld und dann natürlich auch Glück. Der oft vergebliche Ansturm auf die Zäune der spanischen Exklaven ist nur der Weg der Armen. Wenn jemand 1 000 Euro hat, kann sich eher der neue Weg über das Rif-Gebirge zur marokkanischen Nordostküste anbieten, und von dort die Überfahrt in die Region Almería in Spanien – vorausgesetzt, man gerät an einen ehrlichen Schlepper und das Meer ist einem gnädig.

Zum gleichen Preis kann man auch den Grenzübertritt nach Ceuta und Melilla als blinder Passagier in einem Auto oder einem Lastwagen versuchen. „Die Exklaven sind Umschlagplätze für alles, was geschmuggelt wird: Drogen, Zigaretten und was es sonst noch gibt. Der Menschenschmuggel ist nur eine Sorte Handel unter anderen“, sagt ein freiwilliger Helfer. In Melilla gibt es inzwischen weniger Afrikaner aus der Subsahara-Region und mehr Asiaten, die über Afrika und Marokko kommen. „Sie zahlen vor der Abreise eine hohe Summe, bis zu 10 000 Dollar pro Person, und sie haben ein gut organisiertes Netz.“

Aber die meisten, die Oujda als Transitstation sehen, wollen in die Städte an der marokkanischen Atlantikküste. Seit der Tragödie von Ceuta und Melilla könne man zwei große Tendenzen erkennen, sagt Javier Gabaldón, der Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Marokko. Zum einen versuchen immer mehr Migranten, sich dauerhaft niederzulassen, zum anderen sind sie immer häufiger Opfer von Angriffen – von außen oder unter ihresgleichen: Fast 30 Prozent der verübten Gewaltakte sind afrikanischen Dealern oder Menschenhändlern zuzuschreiben, 35 Prozent marokkanischen Sicherheitskräften und weitere 31 Prozent einheimischen Kriminellen, berichtet Gabaldón: „Außerdem beobachten wir eine sehr beunruhigende Zunahme sexueller Gewalt bei den Abschiebungsaktionen.“

Nach Rabat hat sich Casablanca zu einem Sammelbecken der etwa 10 000 afrikanischen Migranten in Marokko entwickelt. Die Hauptstadt des Königreichs ist die Schaltstelle sämtlicher Netzwerke und eine obligatorische Etappe vor El Ayun und der Überfahrt zu den Kanarischen Inseln geworden. Die Afrikaner leben dort in Wohnungen, für die man ihnen das Doppelte der ortsüblichen Mieten abverlangt, und sie werden misshandelt, wenn sie nicht zahlen.

Je nach Herkunft hat jede Gemeinschaft ihr bevorzugtes Viertel, ihren Boss, ihr Gesetz, ihr Verbindungsnetz. „Die schon länger da sind, leben von den Neuen“, sagt Frau Gwenaelle de Jacquelot vom katholischen Caritas-Hilfswerk, das ein Betreuungszentrum für Migranten gegründet hat. „Bei der Unterbringung in einem Quartier wird eine ‚Ghettogebühr‘ von 50 Euro kassiert.“ Da die Migranten keine Arbeitserlaubnis bekommen, entwickeln sie unter der Hand ein eigenes Wirtschaftssystem, um zu überleben.

„Alles ist unter Kontrolle und wird immer straffer durchorganisiert“, erklärt Pierre Tainturier von der humanitären Organisation Médecins du Monde. Die „Chairmen“ kassieren gut ab. Sie verwalten ihre Gruppe und sämtliche Transaktionen zwischen ihren „Schützlingen“ und den „connection men“, jenen Schlüsselfiguren, die über alle nötigen Kontakte auch bei der Polizei oder der Armee verfügen, um die Überfahrt zu organisieren.

Die anderen Migranten schlagen sich irgendwie durch, um die Wartezeit zu finanzieren und zusammenzukratzen, was sie für die Abreise brauchen. Manche bekommen Geld von der Familie zu Hause. Andere gehen betteln oder machen einen Stand mit Gemüse oder Kleidung auf. Und dann gibt es noch die dunkleren Geschäfte: Falschgeld, Freudenhäuser, Handel mit gefälschten Papieren.

Für die Schwächsten ist das Leben in diesem abgekarteten System, das immer härter wird, die wahre Hölle. Am schlimmsten ergeht es den Frauen: Fast alle sind gezwungen, sich für ein Dach über dem Kopf oder eine 10-Dirham-Münze, die einen Euro wert ist, zu verkaufen. „Wir sind aus unserer Heimat weggegangen, weil es dort nicht mehr ging“, erzählt Françoise, eine 29-jährige Kongolesin, die 2004 nach Marokko kam. „Aber dieses Leben haben wir nicht gewollt. Wir werden immer nur gejagt, nach Oujda verschleppt, vergewaltigt. Immer muss man einem Mann nachlaufen, der als Gegenleistung deinen Körper verlangt. Und danach bist du schwanger oder hast dich angesteckt. Gott allein weiß, wann dieses Elend ein Ende nehmen wird.“

Der Leidensweg dieser jungen Frau gleicht in seiner tragischen Banalität dem der meisten Frauen, die sich auf die Reise gemacht haben. Françoise hat die Demokratische Republik Kongo 2001 wegen der politischen Situation verlassen. „Ich war 21 Jahre alt. Mein Vater war bei Mobutus Militär. Als Kabila die Macht übernahm, wurde er in den Norden nach Kisangani versetzt.

Eines Tages haben die Rebellen sein Lager überfallen und die Waffen eingezogen. Mein Vater ist auf ihre Seite übergelaufen. Dafür hat Kaliba sich gerächt. Er hat seine Männer zu uns nach Kinshasa geschickt. Meine Mutter wurde vor meinen Augen vergewaltigt, meine Tante getötet. Und ich brach einfach zusammen, bekam Krämpfe und war plötzlich halbseitig gelähmt. Nachbarn haben mich ins Krankenhaus gebracht, wo ich über ein Jahr lang lag. Als ich entlassen wurde, habe ich erfahren, dass meine Familie nach Brazzaville geflohen war. Meine Mutter hatte bei einem Freund Geld für mich hinterlassen. Ich habe es genommen und mich auf die Suche gemacht.“

Françoise hat ihre Familie nie wiedergefunden. Sie hat überall gesucht, bis Kamerun, wohin es sie im Strom nach Norden verschlagen hatte. „Ich kannte niemanden und musste einfach weiter“, sagt sie. „In Niger hat ein Monsieur uns in einen Jeep geladen. Es waren Männer aus Mali dabei, Nigerianer und außer mir zwei Frauen, eine davon mit Kind. Wir fuhren los, aber der Fahrer setzte uns mitten in der Wüste ab. In der Ferne sah man die Lichter von Djanet in Algerien. Von irgendwo kamen Männer, die weder weiß noch schwarz waren. Sie haben uns alles weggenommen und mich vergewaltigt, mich und die anderen Frauen. Mir blieb die Luft weg, und ich musste Blut erbrechen. Aber wir hatten keine Wahl, wir mussten weiter, zu Fuß durch die Wüste bis nach Djanet, wo meine ‚Brüder‘ mich im Hospital gelassen haben.“

Dort lernte Françoise eine Algerierin kennen, die sich ihrer angenommen hat. „Sie wohnte in Algier und hat mich mitgenommen. Ich habe ihr den Haushalt gemacht und in ihrem Friseursalon geholfen. Sie hat mich bezahlt und gut behandelt. So ging das ein Jahr, dann habe ich beschlossen, nach Marokko zu fahren. Damals, 2004, war Marokko sicherer für Leute ohne Papiere. Wer in Algerien erwischt wird, muss tausende Kilometer zurück. 2005 sind die Männer aufgebrochen, um den Zaun von Ceuta zu stürmen. Ich konnte das nicht.

Françoise trieb fünf Stunden im eiskalten Wasser

Mit einer kleineren Gruppe wollte ich versuchen, nachts über das Meer nach Ceuta zu gelangen. Von den marokkanischen Führern bekommt man Luftkissen, an denen man sich festhalten muss. Die Führer schwimmen und jeder zieht drei Personen hinter sich her, die mit Seilen untereinander verbunden sind. Aber mein Führer hat einen Kälteschock erlitten und uns vom Seil gelassen. Ich trieb fünf Stunden im eiskalten Wasser. Ein junger Kameruner ertrank vor meinen Augen. Am frühen Morgen wurden wir dann von Fischern gerettet.“

Nachdem Françoise sich noch mehrere Monate gejagt und verfolgt in den Wäldern herumtrieb, folgte sie schließlich ihrer Gruppe nach Rabat. „Wir sind 20 Tage lang marschiert, immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Am 24. Februar 2005 bin ich hier angekommen.“ Jetzt schlägt sie sich allein durch, geht den Männern aus dem Weg und meidet die „Mafias“. Sie wohnt bei einer marokkanischen Frau, die ihr für eine Ecke in der Küche 150 Dirham (14 Euro) pro Monat abverlangt. Zum Leben ist sie auf Hilfsorganisationen, kirchliche Unterstützung und das wenige Geld angewiesen, das sie schwarz mit ihrem Talent als Friseurin verdienen kann.

Françoise gehört auch zu denen, die das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) als Asylbewerber anerkannt hat. Seit der Eröffnung des Büros in Rabat zu Beginn des Jahres 2005 hat das HCR im Durchschnitt 100 Asylbewerber pro Monat registriert, hauptsächlich aus der Demokratischen Republik Kongo und von der Elfenbeinküste. Bisher wurde weniger als 400 Personen der Flüchtlingsstatus zuerkannt, was einer Anerkennungsrate von 17 Prozent entspricht.

Dennoch hat Françoise es mehr ihrer Vorsicht als ihrem nur theoretisch schützenden Flüchtlingsstatus zu verdanken, dass sie den Polizeirazzien entkommen ist. Denn Marokko will nicht, mit Hinweis auf seine schwerwiegenden sozialen Probleme, ein allgemeines Asylrecht auf seinem Boden gewähren, wie es der Hohe Flüchtlingskommissar und die Europäische Union verlangen. Deshalb haben die Flüchtlinge weder das Recht auf eine Aufenthaltsgenehmigung noch auf eine Arbeitserlaubnis, um sich nach ihren gescheiterten Europaplänen in Marokko ein neues Leben aufzubauen. Schlimmer noch, sie werden bei Razzien regelmäßig von der Polizei verhaftet und an die algerische Grenze abgeschoben. Da hilft kein Schutz durch das Gesetz 02-03 oder die Genfer Konvention.

Für den Juristen Mohamed Kachani ist es höchste Zeit, den Sicherheitswahn zu begraben und das Problem der Migrationen in seiner Gesamtheit zu erfassen. „Wir müssen die tieferen Ursachen in den Griff bekommen“, sagt er. Und dafür wäre es das erste Gebot, sich ernsthaft an die Arbeit zu machen, um Afrika aus der Krise zu retten, die den Kontinent zu überwältigen droht.

Aus dem Französischen von Grete Osterwald Sophie Boukhari ist Journalistin und lebt in Rabat.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2007,