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Die Entstehung der modernen Welt

Europa verdankte seine Vormachtstellung im 18. und 19. Jahrhundert nicht nur der Industrialisierung und der Herausbildung von Nationalstaaten mit imperialer Reichweite. Seine Dominanz beruhte vielmehr auf einer Kombination von ökonomischen und politischen Faktoren, die sonst nirgendwo zeitlich zusammenfielen. von Christopher Alan Bayly

Unterschiedliche Faktoren haben den Überschuss an ökonomischer Dynamik freigesetzt, der den Aufbruch Westeuropas in die so genannte Moderne und damit letztlich in die industrielle Revolution möglich machte. Vor allem hatte Europa, wie der Historiker Kenneth Pomeranz aufgezeigt hat,1 ein riesiges Hinterland mit nicht genutzten Ressourcen, das sich über den europäischen Kontinent wie über die amerikanischen Subkontinente erstreckte. Dieses auch im Vergleich mit China und Indien riesige Hinterland war nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil sich Europa dank der Expansion des auf Sklaverei basierenden Plantagensystems eine Reihe von Agrarprovinzen angeeignet hatte, die mit ihrem Potenzial an Arbeitskräften und natürlichen Ressourcen billig produzieren konnten. So wurden zum Beispiel für den Bau von Schiffen im Lauf des 18. Jahrhunderts gewaltige Mengen Holz geschlagen: anfangs in Westeuropa, im Norden Sibiriens und in Nordamerika, später auch an der Westküste Indiens, in Birma und an der Nordküste Australiens. Darüber hinaus exportierte Europa schon im 18. Jahrhundert einen Großteil seiner Überschussbevölkerung nach Nord- und Südamerika und reduzierte so die hohe Bevölkerungsdichte, die für Teile Asiens im 19. Jahrhundert zu einem wachsenden Problem werden sollte.

Die Produktivität der Landwirtschaft war im 17. Jahrhundert in Teilen Indiens und Chinas wahrscheinlich deutlich höher als in Europa. Im 18. Jahrhundert machten dann jedoch einige europäische Regionen dank neuer Pflanzensorten und intensivierter Produktionsformen große Fortschritte, auch wenn die produzierten Mengen nicht immer ausreichten, um die Nachfrage zu decken. Hinzurechnen muss man die importierten Lebensmittel wie Zucker und eiweißreiche Fische aus der Karibik, dem Atlantik und den nord- und südamerikanischen Gewässern. Damit konnte in Nordwesteuropa eine städtische Bevölkerung ernährt werden, die im Lauf des 18. Jahrhunderts viel schneller zunahm als die städtische Bevölkerung in China, Indien und dem Nahen und Mittleren Osten. Nach Asien und Nordafrika sind dagegen offenbar keine größeren Mengen Fisch transportiert worden, sieht man einmal von Japan und bestimmten Küstengebieten Chinas ab. In Europa stiegen die Investitionen ins Transportwesen rasant, während in China der Binnenhandel und das Transportsystem auf dem erreichten „trügerischen Gleichgewicht auf hohem Niveau“2 verharrten.

Die Länder Nordwesteuropas – auch darauf hat Pomeranz hingewiesen – haben sich zügig an die effiziente Ausbeutung und Nutzung der Kohle gemacht. Die über große Entfernungen transportierte Kohle wurde zum Brennstoff für die Revolution des häuslichen Lebens wie später auch der industriellen Produktion. Demgegenüber wurden die fossilen Brennstoffvorräte Chinas, die nur im abgelegenen Norden und in der Mandschurei vorkamen, weniger effizient ausgebeutet.

Die Kohle hat auch in Großbritannien eine ganze Kette von technischen Neuerungen in Gang gesetzt. Tiefe Kohlenschächte machten starke Pumpen notwendig. Die Entwicklung der Pumptechnologie förderte die Entwicklung des Eisengusses und das Verständnis dafür, was es mit dem Vakuum auf sich hat, was wiederum für den technischen Durchbruch der Dampfkraft entscheidend war. Zwar dauerte es sehr lange, bis Erfindungen wie der mechanische Webstuhl – die berühmte Spinning Jenny3 – und die Dampfmaschine das wirtschaftliche Wachstum beschleunigten (worauf neuerdings einige Wirtschaftshistoriker hinweisen), doch spätestens von den 1820er- und 1830er-Jahren an verschafften diese Maschinen den Europäern außerdem einen militärtechnologischen Vorsprung.

Nordwesteuropa und seine nordamerikanischen Kolonien profitierten zudem immer stärker von drei anderen Vorteilen, die weniger auf der ökonomischen als auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene lagen. Vor allem sie trugen dazu bei, dass diese Länder ihre Macht auf der internationalen Bühne zur Geltung bringen konnten. Da war erstens das relativ stabile Gefüge rechtlicher Institutionen als Garant dafür, dass die ökonomische Errungenschaften sich auch auszahlten. Zwar breitete sich das Recht auf geistiges Eigentum außerhalb Großbritanniens nur langsam aus, doch sowohl das englische Common Law als auch das auf dem europäischen Kontinent geltende Römische Recht stellten einen bedeutsamen Schutz für das persönliche und das Familieneigentum dar. Damit konnten Erfinder und Neuerer, wenn sie ihre Karten klug ausspielten, große Reichtümer erwerben.

Auch der ländliche und städtische Grundbesitz war – zumindest in Westeuropa – vor dem Zugriff des Staates vergleichsweise gut geschützt. Da einflussreiche Familien über viele Jahre am selben Ort blieben, hatten sie gute Gründe, sich von Generation zu Generation um kleine Verbesserungen zu bemühen. Und als Lehre aus den ideologisch motivierten Kriegen des 17. Jahrhunderts hatten sich die Regierungen und die Eliten Europas stillschweigend darauf geeinigt, die Besitzrechte weitgehend unangetastet zu lassen. Selbst während der Französischen Revolution und den darauf folgenden Revolutionen in anderen Ländern Europas verloren nur die Kirche und eine kleine Minderheit von Adligen ihr Grundeigentum und ihre Privilegien. Und auch von diesen Familien bekamen viele nach 1815 ihren Besitz zurück.

In den Gesellschaften Osteuropas, des Mittleren Ostens, Asiens und Afrikas blieb das Privateigentum staatlichen Übergriffen offenbar stärker ausgesetzt. Man sollte diesen Unterschied zwar nicht überbewerten, wie es die Theoretiker der „orientalischen Despotie“ getan haben4 doch gab es zwischen Westeuropa und seinen Konkurrenten tatsächlich erhebliche Unterschiede. So haben etwa die herrschenden Dynastien in Asien und Afrika die Entstehung von Reichtum jenseits ihrer unmittelbaren Gefolgschaft häufig verhindert. Zum Beispiel waren im Königreich der Ashanti (im heutigen Ghana) Sklaven und einfache Untertanen von den Aufstiegschancen, die vom Staat kontrolliert wurden, weitgehend ausgeschlossen, und reiche Familien mussten bei jedem Todesfall hohe Abgaben zahlen. Im Osmanischen Reich zwangen die Sultane den bedeutendsten Händlerfamilien staatliche Verträge auf, die zu ihrer Verarmung führten. Anders allerdings in China, wo ein politischer Wechsel im Allgemeinen nicht dazu führte, dass mächtige Familien ihre Rechte einbüßten.

Als die Staatsschuld zu einer britischen Ikone wurde

Ein zweiter, eher mittelfristig wirkender Konkurrenzvorteil der Nordwesteuropäer und der Amerikaner war ein kommerzieller: Sie hatten Finanzinstitutionen entwickelt, die relativ unabhängig von den Vermögen einzelner reicher Kaufleute wie von den Launen und Vorlieben der Regierungen funktionierten. In Holland waren die ersten Aktiengesellschaften entstanden: als eine spezifische Methode zur Minderung der Risiken, die dem Fernhandel mit seinen langen Seerouten anhafteten. Mit der holländischen Ostindienkompanie begann die Herausbildung zweier Prinzipien, die für den modernen Kapitalismus entscheidend wurden: die Aufteilung des Risikos und die Trennung von Unternehmensleitung und Eigentümer.

In der Tat scheint es so zu sein, dass Westeuropa seit Entstehung der modernen Stadtstaaten in Italien es geschafft hat, eine Kettenreaktion kommerzieller Innovationen stetig in Gang zu halten. Dagegen gaben selbst die erfolgreichsten und dynamischsten chinesischen Firmen niemals das Prinzip auf, dass die Leitung innerhalb des Familienverbands verblieb, um die Ressourcen zusammenzuhalten. In Großbritannien legte die Bank of England regelmäßig einen unabhängigen Bericht über den Zustand der Volkswirtschaft vor. Und die Idee einer durch die Händler- und Grundbesitzerklasse finanzierten Staatsschuld machte das öffentliche Finanzwesen so transparent wie sonst nirgendwo. Die Staatsschuld wurde zu einer Art nationalen Ikone. Sie belegte für die Menschen das absolute Vertrauen zwischen der Elite und der Regierung. Durch Banknoten und die rapide Ausbreitung von regionalen Banken in Großbritannien und Nordamerika wurde die Vergabe und Aufnahme von Krediten erleichtert. Aufgrund dieser vielfältigen Errungenschaften konnten die europäischen Regierungen und Finanzinstitutionen nicht nur von der industriellen Revolution im eigenen Lande, sondern auch von der ökonomischen Entwicklung auf anderen Kontinenten profitieren. Die geräumigen Märkte der Europäer absorbierten auch Tee und Porzellan aus China, Gewürze aus Java oder Textilwaren aus Indien.

Neuerdings haben Historiker auf das hohe professionelle Niveau der großen Kaufleute Asiens und des Mittleren Ostens hingewiesen. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts zählten Kaufleute aus Indien, China und dem Mittleren Osten zweifellos zu den reichsten der Welt. Und hinsichtlich ihrer unternehmerischen Fähigkeiten und Buchhaltungstechniken standen sie keinesfalls hinter ihren europäischen Zeitgenossen zurück. Der Vorsprung Westeuropas und vielleicht auch Japans lag vielmehr in dem stabilen rechtlichen und unternehmerischen Rahmen, innerhalb dessen die großen Firmen operieren konnten. Dieselben rechtlichen Garantien und gesicherten Eigentumsrechte erlangten die einheimischen Kaufleute und Finanziers in Asien und Afrika ironischerweise erst im Rahmen der Kolonialreiche des 19. Jh., denen der ökonomische Fortschritt dieser Gebiete ansonsten ja nicht gerade am Herzen lag.

Der dritte Konkurrenzvorteil für Teile Europas basierte auf der Verflechtung von Militär und Finanzen. Die Europäer wurden, hart gesagt, einfach viel besser im Töten. Die grausamen ideologischen Kriege, die Europa im 17. Jahrhundert erschütterten, hatten Verbindungen zwischen Kriegführen, Finanzwesen und kommerziellen Innovationen gestiftet und so den Vorsprung auf all diesen Gebieten weiter ausgebaut. Damit verschaffte sich der alte Kontinent einen klaren Vorteil in den weltweiten Konflikten, die dann im 18. Jahrhundert ausbrachen.

Die westeuropäische Art der Kriegführung war auch deshalb besonders kompliziert und kostspielig, weil sie „amphibisch“ angelegt war, das heißt, die Regierungen mussten gleichzeitig Land- und Seestreitkräfte aufstellen, eine Kriegsmarine und eine Armee sowohl finanzieren als auch ausstatten. Um 1750 warf die auf Sklavenarbeit beruhende Agrarproduktion in der Karibik so riesige Summen ab, dass davon auch eine Kriegsflotte ausgerüstet und unterhalten werden konnte, die den Schutz dieser Inseln gewährleisten sollte.

Besonders erfolgreich waren dabei die Briten. Indem sie eine ständige Flotte in den Gewässern westlich des Karibischen Meeres unterhielten, konnten sie ihre Besitzungen gegen etwaige Invasionen absichern. Das machte ein umfassendes Nachschub- und Kontrollsystem erforderlich, ließ aber auch eine stehende Kriegsflotte entstehen, die man in entferntere Gewässer des Karibischen Raumes, aber auch in den Osten entsenden konnte. Deshalb musste jede europäische Seemacht, die sich militärisch mit Großbritannien anzulegen gedachte – und sei es noch so weit von den Britischen Inseln entfernt – in diesem Wettrüsten mitziehen. Der berühmteste Fall war Russland, wo Peter der Große zu Beginn des 18. Jahrhunderts seine Armee und seine Kriegsmarine modernisierte. 150 Jahre später machten es ihm die japanischen Herrscher nach. Allerdings fiel der Drang nach solchen Innovationen umso schwächer aus, je weiter man sich von Europa entfernte. Natürlich konnten auch die asiatischen Mächte und das Osmanische Reich große Kriegsflotten zusammenziehen, aber ihre Möglichkeiten, diese über lange Zeit auf See zu halten, waren weniger entwickelt. Und auch in der Technologie des Schiffsbaus waren sie seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Rückstand geraten.

Die Konflikte zwischen den mittelgroßen Staaten Europas setzten enorme Anreize zur Modernisierung des Landkrieges, wobei neue und tödlichere Waffen produziert wurden, aber auch Finanzierungssysteme entstanden, die eine wachsende Zahl von Berufssoldaten unterhalten konnten. Daraus ergab sich wiederum ein deutlicher Vorsprung für den europäischen Handel und den Teil des Welthandels, der von Europäern kontrolliert wurde. Denn natürlich waren es die besser bewaffneten europäischen Schiffe und Handelsgesellschaften und nicht die asiatischen oder afrikanischen Anbieter von Sklaven, Gewürzen, Kattun oder Porzellan, die im Zuge der Ausdehnung des Welthandels während des 18. Jahrhundert den größten „Mehrwert“ absahnen konnten. Die Transaktionen wie der Warentransport auf den größten Märkten der Welt wurden eben von den Europäern kontrolliert.

Als symbolische Repräsentanz lokale Solidarität stiftete

Genauso wichtig war, dass sie ihre internationale Handelsbilanz durch den Verkauf von Schutz und Militärleistungen an nichteuropäische Mächte ausgleichen konnten. Das galt schon für die Zeit vor der industriellen Revolution, als die Produkte des europäischen Kontinents auf dem Weltmarkt noch teurer und weniger nachgefragt waren als die aus Asien und Nordafrika. Kurz gesagt: Europa schuf die Verbindungsnetze, unterwarf sich fremde Regionen und profitierte von den bahnbrechenden Entwicklungen anderer Völker.

In Europa entstanden jedoch nicht nur flexible und expandierende Wirtschaftssysteme, die in einen relativ günstigen institutionellen Rahmen eingebettet waren. Hier bildeten sich auch die ersten Formen des modernen Staats heraus, in die bereits unterschiedliche Arten von Lokalpatriotismus einflossen. Diese Staatengebilde wurden im Zuge einer revolutionären Krise in jene aggressiven Nationalstaaten umgeschmiedet, die dann die Welt des 19. Jahrhunderts dominierten.

Historiker wie Nationalismustheoretiker finden mittlerweile rein ökonomische Erklärungen für die Ausbreitung nationaler Gefühle nicht mehr so einleuchtend wie früher. Dabei ist nach wie vor richtig, dass die Entstehung großer, integrierter Regionalmärkte zugleich regionale Solidaritäten hervorbrachte, die über lokale Klasseninteressen hinausreichten. Eine Volkswirtschaft ist schließlich keine rein materialistische Angelegenheit, sie hat auch andere Dimensionen, wie Kultur, soziale Bindungen, intellektuelle Diskurse und symbolische Repräsentation. Geld zum Beispiel ist ein symbolisch hoch aufgeladenes Phänomen, denn es hat keinen Wert jenseits des diskursiv vereinbarten Werts, den es verkörpert.

Historiker und Geschichtsphilosophen ha- ben sich natürlich auf eine Lesart der Geschichte verständigt, die davon ausgeht, dass der in Europa entstandene Nationalismus im Lauf des 19. Jahrhunderts voll ausgebildet in den Rest der Welt exportiert wurde:5 Demnach haben die Zusammenstöße und Konflikte zwischen Europäern, Asiaten und Afrikanern bewirkt, dass die Saat des Nationalismus über die ganze Welt verbreitet wurde. Angeblich ist diese kulturelle Sendung des Nationalismus um 1880 in Indien und Ägypten angekommen, in den Jahren nach 1900 in China und nach dem Ersten Weltkrieg schließlich im Osmanischen Reich und in Nordafrika. An den Küsten Japans sei der Nationalismus freilich bereits etwas früher angespült worden. Hingegen wurde die ideologische Fracht im subsaharischen Afrika zu spät, nämlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgeliefert, wo sie dann auch prompt eine falsche Verwendung fand.

So lautete ungefähr die gängige Darstellung der viktorianischen und später auch anderer imperialer Ideologen, egal ob sie anerkennende oder bedauernde Worte dafür fanden, dass die Europäer und Nordamerikaner den Nationalismus im Gefolge der Kolonialregierungen und der westlichen Erziehung nach Osten und Süden exportiert haben.

In jüngster Zeit wurde diese Theorie durch Intellektuelle in Asien und Afrika zu neuem Leben erweckt. In ihrer tiefen Abscheu vor dem Weltkapitalismus, dessen Produkt sie sind, versuchen sie ihre eigene frühe Geschichte als Idyll darzustellen: Unter dem Druck des monolithischen Nationalismus und ethnischer Zugehörigkeiten, die ihnen der Westen und seine Handlanger aufgezwungen haben, seien die ursprünglich gutartigen, dezentralisierten, sich ständig wandelnden bäuerlichen Gesellschaften zerbrochen.

Natürlich kann niemand bezweifeln, dass Indien als fest abgegrenztes Staatsgebiet erst durch die britische Kolonialherrschaft entstanden ist, ebenso wie Algerien und Vietnam durch die französische, Indonesien durch die niederländische oder wie die Philippinen durch die spanische und US-amerikanische Herrschaft entstanden. Die Jesuiten beschrieben die „konfuzianische“ Kultur in China, in Afrika ordneten christliche Missionare die „Stämme“ jeweils bestimmten Heimatterritorien zu und schrieben „deren“ Sprachen nieder.

Grenzverläufe, Pässe, nationale Währungen und nationale Gefängnissysteme, all das waren Produkte der europäischen Dominanz. Die internationalen Konflikte des 19. Jahrhunderts förderten bei den politischen Führungen in aller Welt das Bewusstsein von „ihren“ Grenzen und „ihren“ Völkern. Doch auch in Asien und Afrika hatten sich – wie in Europa – genauer abgegrenzte Identitäten und „gefühlte Vaterländer“, die von mehr als nur dynastischen Loyalitäten zusammengehalten wurden, schon vor oder in der Anfangsphase der Expansion der europäischen Kolonialreiche herausgebildet, wieder aufgelöst und erneuert.

Bis Europas Ausnahmestellung verloren ging

Diese gesellschaftlichen Gebilde und Prozesse haben aktiv zur Entstehung von Nationalismen in Asien und Afrika während des 19. und 20. Jahrhunderts beigetragen. Sie waren nicht einfach „erfundene Traditionen“, mithin „falsches Bewusstsein“, das eine eigensüchtige, verwestlichte Intelligenzija auf sie losgelassen hätte. Und sie gingen auch nicht reibungslos in den späteren volkstümlichen Nationalismen auf, wie es für den europäischen Patriotismus des 19. und 20. Jahrhunderts gilt. Der irische Patriotismus des 18. Jahrhunderts war gewiss gegen die Briten gerichtet, aber im Grunde auch gegen die katholische Kirche, hatte also wenig mit dem späteren, katholisch geprägten bäuerlichen Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu tun. Ganz ähnlich war der Patriotismus, der im 18. Jahrhundert bei den Marathen im Westen Indiens aufkam, zu exklusiv auf die höheren Kasten beschränkt, als dass er mit der nationalen Mobilisierung der Volksmassen vereinbar gewesen wäre, die im 19. und 20. Jh. aufkam.

Das Wirken von Staaten, Märkten und religiösen Lehrern hatte also in vielen Gebieten außerhalb Europas schon vor der kolonialen Flutwelle des 19. Jahrhunderts bestimmte Formen einer fließenden patriotischen Identität entstehen lassen. Ganz offensichtlich zeigt sich dies bei den europäischen Kolonien in der Neuen Welt und im Süden Afrikas, wo die im Lande geborenen Kreolen, Amerikaner und „Afrikaner“ bereits deutlich vor 1776 – dem Jahr der amerikanischen Rebellion gegen das britische Mutterland – starken Widerstand gegen die aus Europa kommenden Gouverneure und die europäischen Wirtschaftsinteressen entwickelten. Dasselbe gilt für die großen Reiche Asiens, wo die Idee einer „Nationalität“ oder ethnischen Identität zuweilen durch die Aktionen der Herrscher selbst gefördert wurde. So hat etwa Kaiser Quianlong die Leistungen seiner Soldaten gepriesen, die als Han-Chinesen im Dienst seiner mandschurischen Dynastie kämpften – und bei diesen damit offenbar das Gefühl einer Han-chinesischen Identität nachhaltig geprägt, das in Widerspruch zur Solidarität mit dem Mandschu-Reich geriet.

Am stärksten war dieses Identitätsgefühl zumeist in den abgelegensten und kleinsten Ländern, die durch äußere Feinde besonders verwundbar waren. In Sri Lanka zum Beispiel hatten die Herrscher und die Oberschicht in Reaktion auf die tamilischen Nachbarn in Südindien und die Raubzüge der Portugiesen schon lange einen starken Lokalstolz entwickelt. Auch bei Birmanen, Koreanern und Vietnamesen (zumindest den Nordvietnamesen) hat sich schon lange vor dem 19. Jahrhundert ein Identitätsgefühl ausgebildet, das sich aus distinkten religiösen Praktiken, einer gemeinsamen Sprache und langen Kriegen gegen aggressive Nachbarn speiste. In dem Maße, in dem sich bei diesen Kulturen und Gesellschaften eine stärkere Wertschätzung des eigenen „Heimatlands“ entwickelte, wurde China zum großen Vorbild, das man nachahmen wollte, zugleich aber auch auf Distanz halten musste.

Bei den Japanern hatte sich ein vereinnahmender Patriotismus bereits über längere Zeit entfaltet. Dieser grenzte sich von verschiedenartigen ausländischen „Barbaren“ ebenso ab wie von inneren „Barbaren“, etwa den indigenen Ainu, die zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert im Zuge der „großen Unterwerfung“ von den Japanern immer weiter in die unwirtlicheren Regionen von Hokkaido zurückgedrängt wurden.

Das Besondere an Westeuropa war also nicht immer die Tatsache, dass es hier starke, aktive Nationalstaaten gab oder gar eine traditionelle, wenn auch noch elastische patriotische Identität existierte. Entscheidend war vielmehr, dass diese beiden Momente zusammenfielen mit einer ökonomischen Dynamik, der Entwicklung ausgefeilter Kriegstechnologien und heftigen Rivalitäten zwischen mittelgroßen politischen Staatsgebilden. Dass Europa vorübergehend und in bestimmtem Sinne eine „Ausnahmestellung“ einnehmen konnte, erklärt sich nicht aus einem einzigen Faktor, sondern aus dem vergleichsweise kontingenten Aufeinandertreffen vieler Merkmale, die in anderen Teilen der Welt eben nicht zeitgleich auftraten. So war zum Beispiel das kontinentale Südostasien, wo Konflikte zwischen mittelgroßen Königreichen bereits eine lange Geschichte hatten, genau die Region Asiens, in der die vorkolonialen Identitäten ziemlich scharf ausgeprägt waren.

Die Ausnahmestellung Europas war natürlich ein Vorteil, der im Lauf der Zeit wieder verloren ging. Bereits in den 1870er-Jahren hatte Japan erstmals seinen eigenen, parallelen Entwicklungspfad in die Modernität ins Auge gefasst. Wenn wir uns allein auf die ökonomischen Verhältnisse, die Macht der Staaten und die patriotischen Identitätsgefühle konzentrieren, übersehen wir ein wichtiges Erklärungselement: die Substanz und Struktur der Gesellschaften, die sich im Lauf des 18. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika zügig herausgebildet haben. Sie ermöglichten es den Individuen, sich zu versammeln, zu debattieren und ihre Institutionen immer neu zu justieren. Und es waren diese Institutionen, die sich im Lauf der Zeit zu immer wirksameren Instrumenten für die Akkumulation von Geld, Macht und Wissen entwickelt haben.

Fußnoten: 1 Kenneth Pomeranz, „The Great Divergence: China, Europe and the Making of the Modern World Economy“, Princeton University Press 2002. 2 Siehe Mark Elvin, „The Pattern of the Chinese Past“, Stanford University Press 1973. 3 „1764 erfand James Hargreaves in Lancashire die spinning-jenny, eine Maschine, die von einem Arbeiter getrieben, ihn instand setzte, sechzehnmal mehr als auf dem alten Spinnrade zu spinnen.“ Friedrich Engels, „Die Lage Englands“, In: MEW, Bd. 1, Berlin (Dietz) 1976, S. 560. 4 Den Begriff „orientalische Despotie“ hat der Soziologe und Sinologe August Karl Wittfogel in die Wissenschaft eingeführt. 5 Siehe etwa die klassische Studie von Benedict Anderson „Imagined Communities“ (1983), deutsche Ausgabe: „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts“ , Frankfurt (Campus) 2005. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Christopher Alan Bayly lehrt Geschichte in Cambridge, sein Spezialgebiet ist die koloniale Vergangenheit Großbritanniens. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem Buch „The Birth of the Modern World, 1780–1914“, Oxford (Blackwell Publishers) 2004, das es seit Anfang April auch auf Französisch gibt („La naissance du monde moderne, 1780–1914“), herausgegeben von Le Monde diplomatique, Paris, und dem Verlag Les Editions de l’Atelier.

Le Monde diplomatique vom 12.05.2006,