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Die Kandidatenmacher

DIE acht vornehmsten, teuersten und reichsten Universitäten in den USA haben einen eigenen Namen: die „Ivy League“, die Efeuliga. Ob John Kerry oder Bush-Vater und Bush-Sohn: Hier studierte schon immer, wer aus Oberschichtfamilien stammt und seine Karriere auf der Grundlage persönlicher Beziehungen plant. Geheimnisvolle interne Clubs steigern den Elitegedanken weiter. Zwar hat die Demokratisierung des US-Bildungssystems seit den Fünfzigerjahren den Leistungsdruck auf die Studierenden erhöht. Aber noch immer hilft das elterliche Geld den Rich Kids, die Konkurrenz in Grenzen zu halten.

Von RICK FANTASIA *

George Bush oder John Kerry? Egal: Nach den US-Wahlen haben in einem mausoleumartigen Gebäude an der High Street in New Haven, Connecticut, auf jeden Fall bei einer Siegerfeier die Sektkorken geknallt. Das Gebäude, auch „The Tomb“ genannt, liegt auf dem Campus der Eliteuniversität Yale. Hier ist die Skull and Bones Society zu Hause. Der exklusivste von einem runden Dutzend Geheimbünden dieser ehrwürdigen Ivy-League1 -Universität nimmt jedes Jahr nur 15 Studenten auf, die ihr auf Lebenszeit angehören. Von den derzeit 800 Mitgliedern, durch obskure Riten und mysteriöse Beschwörungen zusammengeschweißt, wird absolute Loyalität erwartet.

Seit der Gründung der Skull and Bones Society2 vor 172 Jahren fungiert ihre Mitgliedschaft als „Sesam, öffne dich“ für den Zutritt zur Machtelite der USA. Weltlicher, sozialer und frivoler als andere Geheimbünde, funktionierten die Bonesmen immer auch als Transmissionsriemen zu die wichtigsten US-Institutionen, sei es der Oberste Gerichtshof, der Geheimdienst CIA, seien es die angesehensten Anwaltskanzleien und Konzernvorstände. Ganz abgesehen von Kongress und Weißem Haus: Vor George W. Bush und George Bush senior gehörten bereits andere Familienmitglieder zum Kreis der Bonesmen, angefangen mit Senator Prescott Bush, dem Großvater des Präsidenten. Der hat außerdem mindestens fünf Mitglieder auf Posten in seiner Administration berufen. Aber auch der unterlegene Kandidat John Kerry gehört zu den Bonesmen.

Ein solches Netzwerk bietet Stoff für allerlei Verschwörungstheorien. Interessanter ist, was solche elitären Klubs und Bünde über das Funktionieren der Privilegien aussagen, die das US-amerikanischen Bildungssystem prägen. Was für Yale die Skull and Bones sind, ist für Harvard der Porcellian Club, der sich um die Sprösslinge der alten Oberschichtfamilien kümmert, und für Princeton der Ivy Club. Alle acht3 Ivy-League-Universitäten, aber auch die wenigen anderen Bildungseinrichtungen für die Elite bilden das Kernstück eines Auslesemechanismus, der dazu beiträgt, die rigiden Klassenstrukturen in den USA zu reproduzieren.

Dieses System hat denn auch die Demokratisierung überlebt, die nach 1945 eine enorme Ausweitung der öffentlichen höheren Bildungseinrichtungen bewirkte. Zuvor hatten die Ivy-League-Universitäten ausschließlich die Söhne der gesellschaftlich und wirtschaftlich führenden Familien aufgenommen, und zwar in der Regel aufgrund persönlicher Beziehungen. Diese soziale Aristokratie konnte dann wiederum im Rahmen der ehrwürdigen Alma Mater dauerhafte Verbindungen knüpfen, die als lebenslanges „Old Boy Network“ funktionierten.

Nun wurden die Eliteunis durch die neuen Studienbeihilfen aus öffentlichen Mitteln, durch die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und durch die Frauenbewegung gezwungen, sich auch sozial unterprivilegierten Schichten zu öffnen. Zu den Aufnahmekriterien zählen seitdem auch die Ergebnisse standardisierter Tests und die schulischen Leistungen in der Sekundarstufe. Stipendiaten waren nun an den Eliteuniversitäten fast so häufig anzutreffen wie die soziale Aristokratie. Das neue Hochschulsystem galt nun als „leistungsorientiert“, mithin als „demokratisch“.

Soziologen haben allerdings herausgefunden, dass diese Tests die Kandidaten mit einem bestimmten sozialen und kulturellen Hintergrund begünstigen. Und auch die Schulen, die den Kandidaten die Hochschulreife verleihen, sind je nach Wohnviertel „sozial eingefärbt“. Und wichtig ist auch, ob es sich um eine private oder eine öffentliche Schule handelt. Einige Privatschulen gelten geradezu als Vorkurse für die Ivy-League-Universitäten.

Eine kritische Diskussion im Innern der Institutionen ist selten. Wer eine „leistungsorientierte“ Auswahl propagiert, hat sich meist selbst innerhalb dieses Systems hochgearbeitet und ein Interesse daran, den Leistungsmythos aufrechtzuerhalten. Wer hingegen durch den sozialen Auslesemechanismus begünstigt wurde, gibt nur ungern zu, dass ihm die Aussicht auf beruflichen und materiellen Erfolg von Geburt an vorbestimmt war.

In den USA gibt es rund 2 000 Colleges und Universitäten, die sich nach einer strengen Hierarchie ordnen lassen. Dabei hängen der akademische Ruf wie das soziale Prestige der Institution vor allem von drei Faktoren ab: von ihrem Alter, von ihrer finanziellen Ausstattung und von der sozialen Zusammensetzung ihrer Studentenschaft. An der Spitze der Hierarchie stehen Harvard (dessen akademischer Stammbaum bis auf das Jahr 1636 zurückgeht), Yale und Princeton, die als die drei renommiertesten und leistungsstärksten Universitäten des Landes gelten. Alle drei verfügen über Stiftungsmittel, die dem Umsatz mancher multinationaler Unternehmen entsprechen. Mit einem Fonds von 22 Milliarden Dollar ist Harvard die reichste Universität der Welt; Yale und Princeton kommen je auf die Hälfte.

Dieser enorme Reichtum gründet auf der langen Verbindung der Institutionen mit den wohlhabendsten Familien der USA. Die Beziehungen werden von den „Development Offices“ sorgsam gepflegt. Dabei sind die Mitglieder der Privatclubs die offensichtlichsten Kandidaten, die man zur Kasse bitten kann. Die Tradition, der ehemaligen Universität persönliche Spenden zukommen zu lassen, ist inzwischen auch an öffentlichen Universitäten verbreitet, doch an den privaten und vor allem bei der Ivy League ist sie nicht wegzudenken. Heute kommen jedem Harvard-Studenten 1,1 Millionen Dollar an Stiftungsgeldern zugute, ein Yale-Student kommt auf 0,9 Millionen und einer in Princeton sogar auf 1,3 Millionen Dollar.

Wie die anderen privaten Bildungsinstitutionen zahlen auch die Ivy-League-Universitäten keine Steuern, wohl aber freiwillige Beiträge an ihre Gemeinden, um die örtlichen Politiker bei Laune zu halten. Daneben verfügen viele Universitäten auch über beträchtlichen Immobilienbesitz in den Ostküstenstädten mit ihren hohen Grundstückspreisen.

Neben den renommiertesten Eliteuniversitäten gibt es außerdem rund 150 weitere Anstalten mit denselben Wechselbeziehungen zwischen akademischem Ruf und sozialem Ansehen, Alter der Institution, Umfang der Stiftungsgelder und sozialer Herkunft der Studenten. Auf der nächsten Stufe der Prestigeskala kommen die vielen Universitäten und Colleges, die aus den Etats der Bundesstaaten finanziert werden; die bekanntesten machen durch ihr akademisches Renommee wett, was ihnen an sozialem Prestige abgeht. Viele dieser Universitäten wurden nach 1850 in ländlichen Regionen gegründet, um die bäuerliche Bevölkerung und die Mechanisierung der Landwirtschaft zu fördern. Nach 1945 konnten sie ihre Finanzen mithilfe ihrer enorm populären Footballteams aufbessern, die ihnen einen Bonus in den Parlamenten der Bundesstaaten sicherten, von denen ihre Etats bewilligt wurden.

Diese etwa 1 000 öffentlichen bundesstaatlichen und gemeindlichen Community Colleges bieten zweijährige, vor allem weiterbildende Kurse an und sollen die schlechte Vorbereitung vieler öffentlicher Schulen ausgleichen, indem sie ihren Hörern berufliche Kenntnisse vermitteln und damit auch der einheimischen Wirtschaft helfen. Vielen Studenten aus der Arbeiterklasse bieten sie aber auch den Übergang zu einem vierjährigen College- oder Universitätsstudium. Vor allem die Community Colleges begründen, wenn auch nicht mehr so stark wie vor einigen Jahrzehnten, das Image von bildungsmäßiger „Chancengleichheit“.

Doch sie bleiben die Ausnahme innerhalb eines ansonsten inegalitären Hochschulsystems.4 Als beispielhaft dafür kann die Praxis gelten, die an den meisten privaten Eliteinstitutionen als legacy bezeichnet wird, in etwa: „Erbfolge“. Der Begriff bezeichnet die bevorzugte Zulassung jener Studenten, deren Väter und Großväter an derselben Universität studiert haben. Ein Bericht der New York Times verwies auf das Beispiel eines Elitecolleges an der Ostküste, das 45 Prozent der „Erbfolge“-Kandidaten aufnahm, während von der Gesamtzahl der Bewerber nur 27 Prozent zum Zuge kamen.5

Probleme können allerdings die Kinder reicher Eltern bekommen, die nicht aus der etablierten Oberschicht stammen und keinen entsprechenden Stammbaum vorweisen können. Angesichts der traditionellen Ausschlussmechanismen, die den sozialen Zusammenhalt der Oberklasse gewährleisten sollen, und angesichts der strengen akademischen Auswahlkriterien kann die Zulassung für sie zum Problem werden. Um es zu bewältigen, hat sich in den letzten zehn Jahren eine blühende Beratungsindustrie entwickelt, die Kindern ohne Ivy-League-Stammbaum dazu verhelfen soll, ihre Ambitionen zu verwirklichen. Die gängigste Methode sind teure Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfungen. Doch viele Eltern sind sogar bereit, weit umfangreichere Programme zu finanzieren.

Die Chefin einer dieser Beratungsagenturen hat beobachtet, dass sich die Preise im letzten Jahrzehnt verzehnfacht haben. Sie kassiert für einfache Analysen der erzielten Schulnoten und Testergebnisse rund 100 Dollar. Das so genannte Ivy Guaranteed Admission Program kostet satte 10 000 Dollar, aber dafür bekommt man das Geld zurück, wenn der Student nicht von einer der renommierten Institutionen angenommen wird.

Für Kinder der sozialen Oberschicht war die Annahme an einer der Ivy- League-Universitäten bislang so etwas wie ein durch Geburt erworbenes Recht. Doch das Gedränge an den Eingangsportalen der Eliteunis nimmt zu, und die Beratungsagenturen profitieren davon. Sie wissen sehr wohl, dass es den Leuten an der Spitze der sozialen Pyramide weniger um die Qualität der Ausbildung als solcher geht als vielmehr um das Anknüpfen persönlicher Beziehungen, die ein Leben lang halten und den Zutritt zu einer geschlossenen gesellschaftlichen Elite sichern sollen.

Für die Kinder der Oberschicht werden solche Verbindungen teilweise schon in exklusiven Grundschulen geknüpft. Während der Sommerferien werden sie in ein paar exklusiven Feriendomizilen an den Küsten von Maine und Massachusetts weiter gepflegt und in der Sekundarstufe dann in einigen wenigen privaten Eliteschulen.6 Viele dieser sechzehn Prep Schools liegen in der ländlichen Idylle der Neuenglandstaaten, wo sie ihre Schützlinge vor dem moralischen Verfall und den Versuchungen der Städte abschirmen. Wie die britischen Lehranstalten wollen sie ihre Schüler durch einen strammen Tagesablauf abhärten, der mit Frühaufstehen und kalter Dusche beginnt.

Hier lernen sie, die Welt in einer vorgegebenen Weise zu betrachten, sich entsprechend zu benehmen und auszudrücken. Diese Schulen können sich mit ihren gleichfalls enormen Stiftungsgeldern und mit Schulgebühren, die zwischen 25 000 und 30 000 Dollar im Jahr liegen, große Beraterstäbe leisten, die direkt mit den großen Universitäten über die Aufnahme ihrer Schüler verhandeln. Und dies häufig mit Erfolg, denn die Schüler der Prep Schools werden von den Aufnahmekommissionen der renommierten Unis tendenziell bevorzugt – zumal die Berater oft selbst Ivy-League-Absolventen sind. Gegen solche Konkurrenz haben die öffentlichen Schulen mit ihren knappen Etats keine Chance. Hier kommt im Durchschnitt ein Berater auf 407 Schüler.7

Präsident George W. Bush besuchte wie sein Vater die Phillips Academy in Andover, Massachusetts. John Kerry besuchte die St. Pauls School in Concord, New Hampshire. Beide Institutionen verfügen über einen Stiftungsetat von je 300 Millionen Dollar. Der entscheidende Punkt ist hier nicht, dass sich die Machtelite aus einem engen Segment der US-Gesellschaft rekrutiert oder dass das Bildungssystem nach Auslesemechanismen funktioniert, deren Basis das soziale Faktum „Klasse“ ist. Entscheidend ist vielmehr, dass uns das Bildungssystem der sozialen Elite einen fundamentalen Widerspruch der US-Gesellschaft vor Augen führt: Die Ideologie des freien Marktes, die praktisch unangefochten das politische Denken der beiden großen Parteien wie der sozialen Elite bestimmt, wird durch die Art und Weise, wie dieselben Eliten ihr Leben führen und ihre Karrieren planen, ganz grundsätzlich infrage gestellt.

Die hohen institutionellen Mauern, hinter denen sich diese Elite in jeder Lebensphase verschanzt, die Ausnutzung „flexibler“ Aufnahmekriterien und die ganzen exklusiven Riten und Methoden – sie gewährleisten, dass die Mitglieder dieser Elite immer nur im eigenen Saft schmoren und sich gegenseitig ihr Weltbild bestätigen. Ihren Kindern soll erspart werden, sich mit Menschen aus einem anderen Milieu abzugeben, sich von ihnen beeinflussen zu lassen oder gar gegen sie konkurrieren zu müssen.

Heute verfügen 10 Prozent der US-Bevölkerung bereits über fast 72 Prozent der privaten Vermögen.8 Diese gesellschaftliche Elite redet zwar ständig von Markt, Konkurrenz und Leistung. Aber sie tut alles und investiert gewaltige Geldsummen, um den eigenen Nachwuchs in privaten Schutzzonen von den Realitäten des Bildungssystems abzuschotten.

deutsch von Elisabeth Wellershaus

* Professor der Soziologie am Smith College in Northampton, Massachusetts.

Fußnoten: 1 Zur Ivy League („Efeuliga“) gehören acht Universitäten im Nordosten der USA: Brown University, Providence, Rhode Island (gegründet 1764); Columbia University, New York (1754); Cornell University, Ithaca, New York (1865); Dartmouth College, Hanover, New Hampshire (1769); Harvard University, Cambridge, Massachusetts (College 1636, Universität 1780); Princeton University, Princeton, New Jersey (1746); University of Pennsylvania, Philadelphia, Pennsylvania (1749); Yale University, New Haven, Connecticut (1701). „Ivy Plus“ schließt noch das Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, Massachusetts (1861) sowie die Stanford University, Stanford, Kalifornien (1891) ein. Historisch geht die Bezeichnung auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, als sich die acht Universitäten in einer Footballliga zusammenschlossen. „Ivy“ ist eine Anspielung auf den Pflanzenbewuchs der meist alten Gebäude. 2 Die Skull and Bones, zugleich um Geheimniskrämerei wie um Attraktivität bemüht, soll den Diebstahl des Schädels und der Knochen von Apachenhäuptling Geronimo und von Pancho Villa, Held der mexikanischen Freiheitsbewegung im Jahr 1926, zu verantworten haben. Bonesman Prescott Bush, Senator und Großvater des US-Präsidenten, soll beteiligt gewesen sein. www.yaleherald.com/article.php?Article=2801 3 Siehe Anmerkung 1. 4 Dabei werden die Kandidaten allerdings vorher gründlich unter die Lupe genommen. 5 The New York Times, 13. Februar 2003, S. A20. 6 Caroline H. Persell, Peter W. Cookson, „Pensionnats d‘elité: ethnographie d‘une transmission de pouvoir“, in: Actes de la recherche en sciences sociales 138 (2001), S. 56–65. 7 Siehe den Report „State of College Admission 2003–2004“, Alexandria (Virginia), Februar 2004, S. 4–6. 8 Ihr Jahreseinkommen stieg von 1970 bis 2000 im Schnitt um fast 90 Prozent. Zugleich blieb das Durchschnittseinkommen der unteren 90 Prozent bei etwa 27 000 Dollar.

Le Monde diplomatique vom 12.11.2004,