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Kiffen in Uruguay

Mit der Legalisierung von Marihuana geht Präsident Mujica neue Wege in der Drogenpolitik von Johann Hari

Auf meiner Reise durch Mexiko sah ich überall am Straßenrand Bilder von Vermissten, wie pervertierte Werbung. Mehr als 60 000 Menschen sind nach Angaben von Human Rights Watch in dem andauernden Drogenkrieg ums Leben gekommen.1 Die Gewalt kommt aus zwei Richtungen: Auf der einen Seite pumpen die USA Geld und Waffen nach Mexiko, um den Drogenhandel zu unterdrücken. Auf der anderen Seite kämpfen Drogenbanden um die Kontrolle über die Handelswege. Der Publizist Charles Bowden bringt es auf die Formel: Es gibt einen Kampf gegen Drogen und einen Kampf um Drogen. Beide sind tödlich.

Bis vor Kurzem herrschte Resignation: Die Gewalt könne nicht gestoppt, sondern allenfalls von einem Ort zum andern verlagert werden. Doch in den letzten zwei Jahren haben sich lateinamerikanische Politiker wie der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos für einen Kurswechsel starkgemacht – hin zu einer Politik, die, so ihre Überzeugung, der Gewalt ein Ende setzen wird. Uruguays Präsident José Mujica spielte dabei die entscheidende Rolle: Er war der erste Staatschef der Welt, der für eine Legalisierung von Produktion und Verkauf einer bis dahin verbotenen Droge sorgte.

Mujica ist kein gewöhnlicher Politiker. Als früherer Tupamaro-Guerillero war er in den 1980er Jahren zweieinhalb Jahre lang auf dem Grund eines Brunnens gefangen gehalten worden. Nach seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2009 weigerte er sich, in den Präsidentenpalast zu ziehen, und blieb lieber in seinem alten Häuschen mit Wellblechdach wohnen. 90 Prozent seines Gehalts spendet er an die Armen, und zu seinen Terminen fährt er meistens mit dem Bus. Im vergangenen Jahr setzte er sich erfolgreich für die Verabschiedung eines Gesetzes ein, das den Anbau von Marihuana und seinen freien Verkauf innerhalb des Landes erlaubt. Jetzt können die Uruguayer pro Monat bis zu 40 Gramm der Droge in Apotheken erwerben oder sechs Hanfpflanzen pro Haushalt anbauen. Das ist das erste Mal, dass ein Land die Verträge der Vereinten Nationen bricht, die ein weltweites Verbot aller Drogen beinhalten.

Der uruguayische Verteidigungsminister Eleuterio Huidobro – auch er ein ehemaliger Tupamaro, der die jahrelange Gefangenschaft in einem Brunnen überlebte – erklärt, warum sein Land diesen Schritt getan hat: Die Regierung habe erkannt, dass es „hier früher oder später genauso wie in Mexiko zugehen“ werde, wenn man jetzt nichts tue. Uruguay liegt an wichtigen Drogenhandelsrouten: Kokain aus Bolivien und Marihuana aus Paraguay werden über das Land nach Westeuropa geschleust. Laut dem Abgeordneten Sebastián Sabini hat hier jeder dritte Mord mit dem Drogenhandel zu tun.

Huidobros ist überzeugt, dass die Drogenprohibition den Drogenhandel und die damit einhergehende Gewalt überhaupt erst verursacht: „Solange Marihuana illegal ist, geht der gesamte Gewinn aus dem Geschäft an Kriminelle, und die Drogenhändler werden zu einer mächtigen Institution.“ In einem kriminalisierten Markt können Streitigkeiten nicht gerichtlich beilegt werden. Die Gewalt ist vorprogrammiert.

Schon der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman hatte dargelegt, wie die Alkoholprohibition in den USA einen Al Capone hervorbrachte oder Massaker wie in Chicago2 zur Folge hatte. Genauso beschert uns die Drogenprohibition endlose Massaker in Mexiko und Gangs wie die Zetas. „Der Krieg der USA gegen Drogen richtet viel mehr Schaden an als das Marihuana“, meint Huidobro. „Viel mehr Tote und mehr Unsicherheit. Das ist weit schlimmer für die Welt als jede Droge. Die Therapie ist schädlicher als die Krankheit.“

Die Regierung Mujica hält den Glauben, man könne den Drogenhandel beenden, für utopisch und das Motto der Vereinten Nationen „Eine Welt ohne Drogen – wir können es schaffen!“3 für völlig absurd. Der Wunsch, sich zu berauschen, gehöre offensichtlich zu den fundamentalen Bedürfnissen der Menschen. Mujicas Stabschef Diego Cánepa wies darauf hin, dass es in der gesamten Menschheitsgeschichte keine bekannte Gesellschaft gegeben habe, die nicht irgendwie an Veränderungen der Chemie im Gehirn interessiert gewesen wäre.

Das einzige Ergebnis des massiven Truppenaufgebots zur Einhegung des Drogenhandels ist, dass er sich ein paar hundert Kilometer in die eine oder die andere Richtung verlagert. Experten sprechen vom „Balloneffekt“: Drückt man die Luft an einer Seite zusammen, beult er sich woanders. Geht man gegen die Kokainproduktion in Kolumbien vor, wandert sie nach Bolivien. Werden die Handelswege über die Karibik in die USA blockiert, läuft der Schmuggel über Mexiko. Das Gemetzel lässt sich verlagern, aber unter der Bedingungen der Prohibition nicht beenden.

20 Monate Gefängnis wegen ein paar Hanfpflanzen

Mujica kam zu dem Schluss, dass die einzig vernünftige Lösung dieses Problems darin besteht, diesen riesigen Markt den bewaffneten Gangstern abzunehmen und das Geschäft in die Hände staatlich konzessionierter Apotheker zu legen. Schließlich hatte schon in den 1930er Jahren die Legalisierung von Alkohol in den USA das Ende der illegalen Bars und des Alkoholschmuggels bedeutet. Bierbrauer von Budweiser verüben keine Mordanschläge auf Guinness-Arbeiter. Und genauso, argumentieren Befürworter, werde die Legalisierung von Marihuana den Kriminellen das Handwerk legen. Hinzu kommt, dass dann auch Steuern erhoben werden können. Die Einnahmen könnten in den Ausbau von Suchttherapie und Suchtprävention fließen.

Die neue Generation der Legalisierungsbefürworter in Lateinamerika hält den Konsum von Marihuana keineswegs für positiv oder gar förderungswürdig (Mujica beschimpfte die Kiffer schon einmal als „nabos“, was mit „Schwachköpfe“ sehr zurückhaltend übersetzt ist). Er ist für sie einfach eine unabweisbare Realität, vergleichbar mit dem Trinken von Alkohol, nur vielleicht ein bisschen weniger schlimm. Man müsse also einen vernünftigen Umgang mit dem Problem finden.

Die Reformer wollen dem Schreckensbild entgegentreten, das die Prohibitionisten seit Jahrzehnten an die Wand malen: Legalisierung bedeute Anarchie und Gesetzlosigkeit, jeder käme überall an Drogen, auch Kinder. Die leidgeprüften Uruguayer argumentieren hingegen, es gehe eher jetzt gesetzlos zu. Unbekannte Kriminelle verkaufen Drogen unbekannter Qualität an unbekannte Kunden. Die Reform will die Kontrolle über den Markt zurückgewinnen und ihn erstmalig regulieren.

Am besten, sagen die Befürworter, sei das für die Jugendlichen. Es gibt Belege dafür, dass der regelmäßige Konsum von Cannabis in jungen Jahren dauerhaft den IQ senkt, und alle sind sich einig, dass er reduziert werden muss. Doch für die meisten US-amerikanischen Teenager ist es leichter, an Marihuana zu kommen als an Alkohol.4 Kein Drogenhändler fragt nach dem Alter der Kundschaft. Legale Händler aber sind verpflichtet, genau das zu tun, wenn sie Alkohol verkaufen.

Hinter vorgehaltener Hand sind viele Polizisten und Politiker der Ansicht, dass sich hier etwas ändern sollte. Dass nun ausgerechnet Uruguay es wagt, wirklich etwas zu tun, dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens existierte dort eine starke Bewegung für die Legalisierung von Marihuana, die durch einige absurde Ereignisse noch bestärkt wurde. So war im April 2011 die 66-jährige Lehrerin Alicia García verhaftet worden, weil sie im Besitz von ein paar Hanfpflanzen war. Ihr drohte eine 20-monatige Gefängnisstrafe wegen kommerziellen Anbaus. Es entstand eine Solidaritätsbewegung für García, und gleichzeitig begannen jüngere Abgeordnete von Mujicas Parteienbündnis Frente Amplio sich für Reformen einzusetzen.

Zweitens wurde die Autorität der USA als Vorreiterin des Prohibitionsansatzes voriges Jahr nachhaltig untergraben: Die Bürger der Bundesstaaten Colorado und Washington stimmten in einem Referendum für die Legalisierung des Konsums, der kommerziellen Produktion und des Verkaufs von Marihuana. Und drittens hat Uruguay einen Präsidenten, der nicht nur beliebt, sondern auch außergewöhnlich mutig ist.

Gleichwohl haben Mujica und seine Verbündeten es nicht geschafft, eine Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen. Rund 60 Prozent aller Uruguayer lehnen die Reformmaßnahmen ab. In Gesprächen mit Reformgegnern tauchen immer wieder drei zentrale Kritikpunkte auf. Der erste: „Sobald der Konsum legalisiert wird, werden die Leute auch mehr konsumieren.“ Empirische Daten lassen jedoch vermuten, dass das nicht stimmt. Die Niederlande dulden seit 1976 den Verkauf von Marihuana in Coffeeshops. (Um nicht gegen die UN-Abkommen zu verstoßen, gab es keine offizielle Legalisierung.) Und trotzdem rauchen nur etwa 5 Prozent der niederländischen Bürger Cannabis – weniger als im EU-Durchschnitt (7 Prozent) und den USA (6,3).5 Dies deutet zumindest darauf hin, dass ein explosionsartiger Anstieg des Verbrauchs nicht zu erwarten ist.

Die zweite häufig geäußerte Sorge lautet, dass die Legalisierung weicher Drogen den Einstieg in härtere Drogen erleichtere – wie beispielsweise Freebase, ein Kokainderivat ähnlich dem Crack, das in Uruguay von einer kleinen, aber sehr sichtbaren Minderheit geraucht wird.

Die auf Drogentherapie spezialisierte Ärztin Raquel Peyraube hält diese Annahme für falsch. Gerade unter den Bedingungen der Prohibition seien Kiffer dem sogenannten Gondeleffekt ausgesetzt: Um an Marihuana zu kommen, muss man zu einem Dealer gehen, der auch andere Drogen im Angebot hat und natürlich auch verkaufen will. „Das ist wie im Supermarkt“, erklärt Peyraube, „wo man lauter Dinge kauft, die man gar nicht braucht, weil sie gerade im Angebot sind.“ Genauso laufe es auch im Drogenhandel: Marihuanakäufer bekommen Kokain und andere Drogen zunächst zum Vorzugspreis angeboten. Dieser Ablauf ließe sich verhindern, wenn Marihuana legalisiert und auf anderen Wegen verkauft wird. Eine neuere Studie der Open Society Foundations stützt diese Annahme: Der Anteil von Problemfällen unter den Drogenkonsumenten sei in den Niederlanden geringer als anderswo in Europa, zum Teil, weil Marihuana dort von anderen Drogen getrennt bleibt.6

Peyraube widerspricht auch der Behauptung, die Legalisierung werde zu einem Anstieg der Schizophrenie-Fälle führen. Wenn Marihuana ursächlich für die Schizophrenie sei, meint sie, hätten die Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten explosionsartig zunehmen müssen, denn der Marihuanakonsum ist rasant gestiegen. Doch die Häufigkeit der Schizophrenie sei stabil geblieben. Der Zusammenhang bestehe vermutlich darin, so Peyraube weiter, dass Menschen, bei denen sich diese Krankheit entwickelt, Cannabis als eine Art Beruhigungsmittel nehmen.

Es gibt jedoch eine ernst zu nehmende Kritik an den Reformen, die zumindest im privaten Gespräch auch von einigen Verantwortlichen geteilt wird: Marihuana macht nur einen Teil des Drogenmarkts aus. Seine Legalisierung wird zwar den Schwarzmarkt deutlich verkleinern, aber die profitabelsten Segmente unberührt lassen. Um den Drogenkartellen wirkungsvoll beizukommen, müsste der Staat weitergehen und auch den Markt für andere Drogen regulieren. Bei Substanzen wie Ecstasy oder Kokain käme ein kontrollierter Verkauf infrage; bei anderen, wie Heroin, eine Abgabe auf Rezept, wie sie schon erfolgreich in der Schweiz und auch in Deutschland erprobt wurde.

Mujicas Parteifreund Sabini, wichtigster Verfechter der Reformen im Parlament, ist der gleichen Meinung: Zwar sei die Zeit noch nicht reif, aber wenn es so weit sei, über andere Drogen zu reden, werde man „diesen Standpunkt auch öffentlich vertreten“. Sabini gilt als wahrscheinlicher Nachfolger von Präsident Mujica und er hat eine mögliche Legalisierung von Kokain bereits angesprochen. Denn was wäre die Alternative? Weiter einen Krieg zu führen, der, wie Verteidigungsminister Huidobro sagt, „längst verloren ist“?

Solange Politiker das nicht einsehen, zahlen Leute wie die Mexikanerin Emma Veleta den Preis: Acht Mitglieder ihrer Familie sind verschwunden, und die lokalen Behörden stecken wahrscheinlich mit den Entführern unter einer Decke. David Simon, der Produzent der US-Fernsehserie „The Wire“ (über den Drogenhandel in Baltimore), glaubt, dass sein Land den Krieg gegen die Drogen immer weiterführen will – „bis zum letzten Mexikaner“.7

Fußnoten: 1 Siehe „Mexico’s Disappeared“, Human Rights Report, 20. Februar 2012: www.hrw.org/reports/2013/02/20/mexicos-disappeared. 2 Am 14. Februar 1929 ermordeten Gangster in Chicago sieben Mitglieder einer anderen Gang. Das Ereignis ging als „Massaker am Valentinstag“ in die Geschichte der organisierten Kriminalität ein. 3 www.un.org/ga/20special/. 4 Vgl. Tom Feiling, „The Candy Machine. How Cocaine Took Over the World“, London (Penguin) 2009. 5 ca.reuters.com/article/topNews/idCATRE7992IX20111010. 6 www.opensocietyfoundations.org/reports/coffee-shops-and-compromise-separated-illicit-drug-markets-netherlands. 7 davidsimon.com/a-fight-to-the-last-mexican/. Aus dem Englischen von Nicola Liebert Johann Hari ist freier Journalist in Großbritannien.

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,