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Gute Schule

Finnlands Erfolge beruhen auf einem Bildungssystem, das allen die gleichen Chancen gibt von Philippe Descamps

Die Gemeinschaftsschule von Rauma, einer der ältesten Städte Finnlands, hat weder eine Schulmauer noch ein Portal. Als Erstes fällt die große Garage für Fahrräder und Spielgeräte ins Auge. Die Kinder und Jugendlichen, die hier von der 1. bis zur 9. Klasse zur Schule gehen, sollen sich vor allem wohlfühlen. Das strahlt – von der Sporthalle bis zum Musiksaal – die gesamte Einrichtung aus.

Als wir beim Englischunterricht hospitieren, fällt uns auf, dass die Lehrerin in 45 Minuten fünf verschiedene Lernmethoden anwendet. Vom ersten Moment an gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit der Klasse zu fesseln, angefangen mit einem Ball, der von Hand zu Hand wandert. Diese kleine Übung findet zwar auch in Schweizer, deutschen oder französischen Grundschulen statt, aber da scheint sie nicht so effizient zu sein wie in Finnland, wo auf einen Lehrer im Durchschnitt 12,4 Schüler kommen – einer der besten Personalschlüssel im europäischen Vergleich.

Fanny Soleilhavoup und Fabienne Moisy sind Lehrerinnen, haben ihren Job in Frankreich vorerst aufgegeben und sind ihren Ehemännern nach Finnland gefolgt. Ihre Kinder haben sie nicht in der französischen Schule, sondern in der Gemeinschaftsschule von Rauma angemeldet – eine Entscheidung, die ihre früheren Vorstellungen von Erziehung und gutem Unterricht nachhaltig verändert hat. „Meine drei Söhne entwickeln sich gerade zu drei richtig angenehmen Mitbürgern“, schwärmt Claire Herpin, die ebenfalls in Finnland bleiben möchte. „Hier respektiert man ihre Andersartigkeit. Und sie lernen die anderen zu respektieren. Die Lehrer motivieren sie und wissen, wie man das Beste aus ihnen hervorlockt.“ Ob Dyslexie, leichte Lernschwierigkeiten oder Frühreife – auf alles, was von der Norm abweicht, sagen sie, seien die Lehrer an der französischen Schule wenig eingegangen.

Man kann es kaum glauben, was diese drei Mütter beschreiben: Schule ohne Stress, ohne Wettbewerb unter den Schülern, ohne Konkurrenz der Institutionen, ohne Schulinspektoren, ohne Sitzenbleiben und in den ersten Jahren ohne Noten. Und dann erzielen Finnlands Schüler weltweit auch noch die besten Lernergebnisse bei der sogenannten Pisa-Studie (Programm zur internationalen Schülerbewertung), die die OECD seit 2000 alle drei Jahre in Auftrag gibt. Die nächste Studie wird in einem halben Jahr, am 2. Oktober 2013, veröffentlicht.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie lösen vor allem in Deutschland, aber auch in Großbritannien stets große Besorgnis aus, wohingegen sie in Frankreich oder in den USA, die auch nicht gerade zu den Spitzenreitern gehören, relativ wenig Beachtung finden. Die durchschnittlichen Leistungen von 15-Jährigen Schülern (untersucht wird eine Altersstufe und nicht eine bestimmte Klassenstufe) dieser großen Industrieländer liegen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften international nur im Mittelfeld.1 Dabei wird in den Pisa-Aufgaben, die in „persönlich oder kulturell relevante Kontexte“ eingebettet sind, noch nicht einmal nach Spezialwissen in den einzelnen Fächern gefragt, sondern lediglich die alltagstaugliche Kompetenz im Lesen, Rechnen und Anwenden naturwissenschaftlicher Kenntnisse überprüft.

Dass Finnland vor 13 Jahren erstmals so gut in der Pisa-Studie abschnitt, hat alle Welt überrascht. Seitdem liegt es neben Südkorea in allen drei Kompetenzbereichen regelmäßig unter den vier Besten. Und es gibt eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit zwischen dem asiatischen und dem nordeuropäischen Spitzenreiter: Der sozioökonomische Hintergrund der Jugendlichen hat offensichtlich so gut wie keinen Einfluss auf deren Kompetenzen. Ohnehin zählt Finnland zu den OECD-Staaten mit der geringsten sozialen Ungleichheit.

Kommen, um leben zu lernen

Die Pisa-Resultate haben einen regelrechten finnischen Bildungstourismus ausgelöst. Nach seinem Besuch in Helsinki im August 2011 erklärte der damalige französische Bildungsminister Luc Chatel: „Es gibt eine Anzahl von Rezepten, die hier gut funktionieren und die man auch gut übernehmen könnte“, vor allem „die große Autonomie, die den einzelnen Schulen gewährt wird“.2 Und die britische Zeitschrift Socialist Review lobt, dass das System „ohne Bewertungen“ auskommt und „jedes Kind ein gesundes Mittagessen bekommt“.3

Außerhalb von hochinteressanten Buchpublikationen4 ist in der internationalen Presse jedoch kaum etwas über die Ursprünge und besonderen Entstehungsbedingungen des finnischen Modells (siehe nebenstehenden Artikel) zu erfahren. Stattdessen picken sich die staatlichen Bildungstouristen nur die vermeintlichen Neuerungen heraus, die gerade in ihre jeweiliges Programm passen. Doch Finnland ist anders: Dezentralisierung bedeutet hier nicht, den Wettbewerb unter Provinzen oder Kommunen zu fördern. Und wenn finnische Bildungspolitiker über das „Engagement der Lehrer“ reden, verbirgt sich dahinter keineswegs eine Erhöhung der Zahl der Unterrichtsstunden; so wie hinter dem Ruf nach „Ausgabendisziplin“ nicht die Absicht steckt, privaten Trägern das Feld zu überlassen. „Vergessen Sie Pisa!“, fordert etwa Jukka Sarjala, einer der Wegbereiter der finnischen Bildungsreform. „Natürlich sind wir stolz auf die Anerkennung. Aber man muss unser System als Ganzes betrachten und kann sich nicht einfach nur diesen oder jenen Aspekt herauspicken.“

Der finnische Erfolg beruht zuallererst auf dem nordischen Wohlfahrtsstaatsmodell. Als Pasi Sahlberg, Autor, Lehrercoach und Direktor des in Helsinki ansässigen Centre for international mobility and cooperation (CIMO), bei einem Podiumsgespräch des US-Senders PBS aufgefordert wurde, Finnlands pädagogisches Rezept zu verraten, antwortete er mit strahlendem Lächeln: „Zuerst einmal ist bei uns die Schule für alle kostenlos, von der Vorschule bis zur Universität!“ Damit erübrigte sich jeglicher Vergleich mit dem US-amerikanischen Modell.

In Finnland ist nicht nur der Unterricht gratis. Bis zum Alter von 16 Jahren wird auch das Schulmaterial aus den öffentlichen Kassen bezahlt, ebenso wie Nachhilfeunterricht, Schulbusse, Schulessen und Gesundheitsausgaben. Die Finanzierung tragen mehrheitlich die 336 Kommunen, der Staatshaushalt sorgt dabei für die Harmonisierung der Unkosten. Die reichste Gemeinde – Espoo nahe Helsinki – wird nur mit einem Prozent bezuschusst, während es sonst im Durchschnitt 33 Prozent der Kosten5 sind – bei manchen Kommunen sogar bis zu 60 Prozent. Die Zentralregierung verhindert auch die Gründung von Privatschulen, die seit den 1970er Jahren fast komplett verschwunden sind.6 Eine Ausnahme bilden Einrichtungen mit alternativen pädagogischen Konzepten wie Waldorf- oder Montessori-Schulen, die von Vereinen getragen werden.

Diese umfassende staatliche Finanzierung scheint nicht einmal besonders kostspielig zu sein, im Gegenteil. Gemessen an der Kaufkraft gibt Finnland weniger Geld pro Grund- und Mittelschüler aus als der Durchschnitt der OECD-Staaten und viel weniger als die USA oder Großbritannien.7 Der Schwerpunkt lag und liegt auf dem guten Personalschlüssel und der Eignung und Ausbildung der angehenden Lehrer, die sich zum Beispiel mindestens ein Jahr lang, unabhängig von ihrem Fach, nur mit Methodentraining beschäftigen.

Der Lehrerberuf ist in Finnland hoch angesehen und auch begehrt, obwohl die Ausbildung relativ lange dauert (allein das Studium beansprucht mindestens fünf Jahre) und die Gehälter im Großen und Ganzen dem OECD-Durchschnitt entsprechen. Nur einer von zehn Lehramtsanwärtern erreicht sein Ziel. Zudem wird von Lehrern ein starkes Engagement erwartet. So ist es zum Beispiel an allen Schulen selbstverständlich, dass die Eltern auch die private Telefonnummer und E-Mail-Adresse der Klassen- und Fachlehrer bekommen.

„Wir haben die Pflicht, alle Kinder zu integrieren. Jedes einzelne ist wichtig!“, sagt Ulla Rohiola, die stellvertretende Direktorin der Gemeinschaftsschule von Rauma. Für jede Behinderung oder Andersartigkeit, alle sozialen, emotionalen oder schulischen Schwierigkeiten muss eine Lösung gefunden werden. „Wenn du dich in der Gruppe wohlfühlst und deinen Fähigkeiten entsprechend lernst, bist du auch nicht frustriert“, erklärt Rohiola. „Ein Schnelllerner kann seine gesamte Schulzeit durchaus neben einem langsamen Lerner verbringen, vorausgesetzt, dass beide jeden Tag zu ihrem Recht kommen.“

Während im internationalen Schulvergleich diverse Leistungsindikatoren, Prüfungen und Ranglisten im Vordergrund stehen, vertreten die finnischen Pädagogen eine andere Auffassung vom Umgang mit Bewertungen: Sie sollen dazu dienen, Methoden und Lernmittel im Sinne der Entfaltung von Lehrenden und Lernenden anzupassen, und nicht als Instrument der Kontrolle oder des Wettbewerbs. Deshalb werden auch nur Stichproben vorgenommen und die Ergebnisse der einzelnen Schulen weder landesweit verglichen noch öffentlich gemacht. Als Journalisten einmal die Ergebnisse publik machen wollten, zogen mehrere Kommunen dagegen vor Gericht. Die Richter gaben den Redakteuren sogar recht, doch die meisten Zeitungen lehnten es ab, die Schulergebnisse abzudrucken.

„In den 1990er Jahren begann man den Wettbewerb zwischen den Schulen zu fördern. Ein konservativer Abgeordneter aus Helsinki schlug sogar vor, die Schulen sollten Werbekampagnen machen. Heute hat man eingesehen, dass das ein Fehler war“, erzählt der Finnischlehrer Susse Huhta aus Helsinki. Seitdem das Wohnortprinzip abgeschafft wurde und sich jeder die Schule selbst aussuchen kann, gibt es andererseits vor allem in der Hauptstadt einen regelrechten Run auf die renommiertesten Schulen. Inzwischen gehen in Helsinki nur noch 30 Prozent der Siebtklässler auf eine Schule in Wohnortnähe. In anderen Städten oder kleineren Gemeinden erledigt sich das Problem allein schon aus Mangel an Auswahl.

Tuomas Kurttila, Vorsitzender des Landeselternverbands, ist gegen die freie Schulwahl. Sie fördere die Ungleichheit und die gesellschaftliche Spaltung Finnlands: „Unsere Bildungspolitik droht zur Fassade zu verkommen, während sich unsere Sozialpolitik verschlechtert. Die Grundlagen für die heutigen Erfolge wurden in den 1970er und 1980er Jahren geschaffen. Der Erfolg von morgen entsteht heute. Es gibt immer noch zu wenig Kinder, die über die Pflichtschulzeit hinaus weiterführende Schulen besuchen. Im Großen und Ganzen bin ich zwar optimistisch, aber wir müssen aufpassen, denn die soziale Ungleichheit nimmt zu.“ Es sei allerdings zu viel verlangt, meint Petri Pohjonen, Direktor des Zentralamts für Unterrichtswesen, dass die Schule auf alle Probleme der Gesellschaft eine Antwort haben soll: „Das kann sie kaum leisten.“

Eero Väätäinen, der lange eine Gemeinschaftsschule und später die Bildungsbehörde von Vantaa nahe Helsinki geleitet hat, bringt auf den Punkt, was sicher die meisten Lehrer in Finnland unterschreiben würden: „Wir müssen im Kopf behalten, dass die Schüler nicht in der Schule sind, um Tests zu absolvieren. Sie kommen, um leben zu lernen und ihren eigenen Weg zu finden. Wie soll man das denn messen?“

Fußnoten: 1 OECD (2011): www.oecd.org/berlin/themen/pisa-internationaleschulleistungsstudiederoecd.htm. 2 „En visite en Finlande, Chatel prépare la rentrée et 2012“, Les Echos, Paris, 19. August 2011. 3 Terry Wrigley, „Growing up in Goveland: How politicians are wrecking schools“, Socialist Review, London, Juli/August 2012. 4 Siehe dazu Pasi Sahlberg, „Finnish Lessons. What Can the World Learn from Educational Change in Finland?“, New York (Teachers College Press) 2011. Hannele Niemi, Auli Toom und Arto Kallioniemi, „Miracle of Education, The Principles and Practices of Teaching and Learning in Finnish Schools“, Rotterdam (Sense Publishers) 2012. 5 Nach Angaben des Amts für Unterrichtswesen (Opetushallitus) zuständig für Rahmenpläne und Standards. 6 Weniger als 2 Prozent der finnischen Schüler gehen auf eine Privatschule, im Vergleich zu 17 Prozent in Frankreich, 9 Prozent in Deutschland und 6 Prozent in der Schweiz. 7 OECD, „Bildung auf einen Blick“, 2010: www.oecd.org/berlin/publikationen/bildungaufeinenblick2010.htm. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Philippe Descamps ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 12.04.2013,