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Maisonette mit Meerblick

Rios gehobene Mittelschicht zieht in die befriedeten Favelas von Jacques Denis

Letztes Jahr fieberte beinahe ganz Brasilien monatelang mit den dramatischen Ereignissen der Telenovela „Avenida Brasil“. Abend für Abend erzählte sie vom Kampf zwischen der brünetten Rita und ihrer blonden Schwiegermutter Carminha: Die eine, Rita, ist nach dem Tod des Vaters in einem Elendsviertel von Rio aufgewachsen, nachdem die andere, Carminha, das gemeinsame Haus verkauft und sie auf einer Müllhalde ausgesetzt hat. Der Vater ist auf der Avenida Brasil gestorben – einer Stadtautobahn, die den armen Norden Rios vom reichen Süden trennt und das Brasilien der „zwei Geschwindigkeiten“ symbolisiert.

„Avenida Brasil“ verdankt ihren Erfolg im Wesentlichen der Tatsache, dass sie nicht wie üblich in der Welt der Superreichen spielt, sondern in der neuen, teils aus bitterer Armut aufgestiegenen Mittelschicht des Landes. Hinter ihrer schlicht gestrickten Handlung vom harten sozialen Aufstieg und von der menschlichen Wärme in der Favela verbirgt sich aber noch eine ganz andere Geschichte.

Eduardo Granja Coutinho, Kommunikationswissenschaftler an der Universidade Federal do Rio de Janeiro erkennt darin eine „psychologische Vorbereitung der Mittelschicht in den besseren Vierteln des südlichen Rio. Und zwar darauf, dass sie bald selbst in den armen Norden umsiedeln muss.“ Ein im Fernsehen dargestelltes gesellschaftliches Phänomen, meint Coutinho, könne indirekt einen ganz konkreten Missstand des wirklichen Lebens behandeln. In diesem Fall eine Explosion der Immobilienpreise, die aus ganz Rio ein riesiges Monopoly gemacht hat. Nicht umsonst heißt eines der bekanntesten Lieder aus der Telenovela „Meu Lugar“ („Mein Zuhause“).

Ein Zuhause haben – derzeit gibt es in Rio kein wichtigeres Thema. Am Strand, im Bus, im Restaurant sprechen die Leute von nichts anderem. Seit einigen Jahren lässt die Spekulation mit Wohneigentum die Preise stetig steigen. Damit erhöht sich auch der wirtschaftliche Druck auf die Cariocas, die Einwohner von Rio, die inzwischen einen großen Teil ihres Haushaltseinkommens für Mieten oder Kreditraten aufwenden müssen.

Von Januar 2008 bis Juli 2012 sind die Preise für Eigentumswohnungen um 380 Prozent, die Mieten um 108 Prozent gestiegen. Aus Geldmangel erwägen viele Menschen den Umzug in Favelas, die sie vor der systematischen „Befriedung“ durch die Polizei in den letzten Jahren niemals freiwillig betreten hätten (siehe Kasten). Auslöser für die Entschlossenheit der Behörden, in den Slums von Rio durchzugreifen, waren die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft 2014 und vor allem die erfolgreiche Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2016.

Vidigal liegt auf einem morro (Hügel) am Meer. Die Favela schließt unmittelbar an die reichen Stadtteile Leblon und Ipanema an. Am 13. November 2010 begannen hier Einheiten der Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) mit dem Aufräumen, und seither ist nichts mehr, wie es vorher war. Noch vor Kurzem spazierten kleine Jungs mit großkalibrigen Waffen durch die Straßen. Heute begegnet man auf der Estrada do Tambá, der Haupt- und einzigen Zugangsstraße in diesem dichten Geflecht aus asphaltierten Serpentinen und mit Bauschutt gepflasterten Gassen, an jeder Ecke einem Polizisten. Und das ist nicht die einzige sichtbare Veränderung im Viertel: „Die Müllabfuhr funktioniert, der Strom auch, und es gibt jetzt sogar einen dreisprachigen Bankautomaten. Die öffentliche Versorgung existiert wieder“, sagt Polizeihauptmann Fábio, Leiter der örtlichen UPP. Überall kündigen Schilder Abrisse und Bauarbeiten an – verlässliche Anzeichen eines beginnenden Immobilienbooms.

Beim Anwohnerverein des Viertels freut man sich durchaus über die Durchsetzung von Recht und Ordnung, aber ihr Vorsitzender Sebastião Alleluia sieht auch deren Schattenseiten: „Plötzlich haben wir mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Unser Grund und Boden ist jetzt bei Investoren begehrt. Die Immobilienbranche macht Druck. Spekulation bestimmt unseren Alltag. Und was wir bisher erleben, ist erst der Anfang. Neben den Brasilianern kommen hier sogar schon Ausländer an, die vor der Krise in Europa fliehen und von den Gewinnaussichten in unseren Vierteln angelockt werden. Eine typische Maisonettewohnung im unteren Vidigal, die vor einem Jahr noch 50 000 Reais (18 000 Euro) wert war, kostet heute das Fünffache.“ Die Stiftung Getúlio Vargas hat ausgerechnet, dass die Mieten hier schon im ersten Jahr der „Befriedung“ um 6,8 Prozent schneller wuchsen als in anderen Teilen von Rio.

Vidigal ist jetzt das angesagteste Viertel der Stadt. Vor Kurzem war das noch der einst begehrte, über lange Zeit verkommene und zu Beginn der Lula-Ära (2003–2010) wieder sanierte Stadtteil Santa Teresa. In Vidigal drängen sich heute Künstler aus aller Welt in hippen Restaurants zwischen scharf bewachten Villen und „Pousadas“ (Hotelpensionen) mit Nachhaltigkeitssiegel. Kaum ein Jahr nach Beginn der Befriedung zog die Favela, in die man zuvor als Auswärtiger besser keinen Fuß hineinsetzte, bereits die Töchter und Söhne aus gutem Hause an. Inzwischen kommen sie in Scharen, um hier ins verruchte Stadtleben einzutauchen.

Bei ihren bestens besuchten „Luv“-Klubnächten an improvisierten Orten legen Star-DJs auf. Mit den Funk-„Bailes“ (Tänzen) aus früheren Zeiten, in die die Jeunesse dorée keinen Fuß zu setzen wagte, hat das nichts mehr zu tun. Eintrittspreise um die 80 Reais (30 Euro, etwa ein Siebtel des durchschnittlichen Monatseinkommens) sorgen dafür, dass sich keine Leute mit schmaler Geldbörse unter die Bessergestellten mischen.

Elfmeter für die globalen Immobilienspekulanten

Der Regisseur Guti Fraga ist Vorsitzender des Vereins „Nós do Morro“ (wörtlich: „Wir vom Hügel“), den er 1986 in Vidigal gegründet hat, um ein Projekt für kulturelle Integration in Gang zu bringen. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als es eine klare Grenze zwischen dem offiziellen Wohnviertel mit seinem Straßennetz und den legal errichteten Häusern weiter unten und der „grundbuchfreien Zone“ der Favela gab, deren rote Mauern sich allmählich hügelaufwärts ins Grün fraßen.

In der Nachbarschaft zu Leblon wurde 1969 die Favela da Praia do Pinto in Brand gesteckt, um die dort lebenden rund 20 000 Armen zu vertreiben und in finsteren Sozialgettos wie der Cidade de Deus anzusiedeln. Eine Vertreibung ganz anderer Art droht nun in Vidigal, und die Befriedung ist ihr trojanisches Pferd. Fraga deutet auf ein französisches Restaurant, das demnächst hier öffnen soll. „Ob das etwas ist für die Leute von hier?“ Und das geplante Fünfsternehotel werde wohl kaum die Leute aus dem armen Nordosten beherbergen, von wo die meisten heutigen Einwohner Vidigals stammen.

Ganz oben auf dem Hügel betreibt ein Österreicher eine Jugendherberge – „wahrscheinlich nicht für die Leute aus Alamão1 , die ein Wochenende am Strand verbringen wollen“, meint Fraga. Auch ein Polizeihauptmann vor Ort bestätigt: „Vidigal ist eine Touristenattraktion für Europäer geworden. Sie machen hier stimmungsvolle Fotos“ – oder sie kaufen Grundstücke in der begehrten Hügellage.

„In den 900 Favelas von Rio leben mehr als 2 Millionen Menschen“, erläutert der Soziologe Luiz César de Queiróz Ribeiro. „Das ist ein lukratives Feld für Leute mit Abenteuerlust und der Fähigkeit, die strukturellen Entwicklungen in dieser Stadt im Umbruch vorherzusehen.“ Queiróz Ribeiro leitet am Forschungsinstitut für Stadt- und Regionalplanung (Ippur) der staatlichen Universität das Observatório das Metrópoles und erforscht die Bodenspekulation in Rio. Denn die Stadt gilt als Modellfall für ein Land, in dem sich viele Arme und auch einige Reiche ihren Wohnraum ohne rechtliche Grundlage errichtet haben – die einen durch gewaltsame Aneignung, die anderen durch massenhafte Besetzung eines Landstücks. „In Brasilien findet gerade eine Art Elfmeterschießen der globalen Immobilienspekulation statt. All das Kapital, das auf der Welt verschoben wird – von Südostasien bis nach Spanien –, fließt jetzt zu uns“, meint Queiróz Ribeiro. Auch dass Brasiliens Wirtschaft zurzeit stabiler ist als die in den „Zentren“ der alten Industrieländer, trage dazu bei.

Zudem sind Immobilien in Rio immer noch verhältnismäßig günstig. „2005 setzte mit der Aussicht auf Großereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele eine umfassende Dynamik ein. Die klassischen Voraussetzungen für das Spekulieren mit Grund und Boden sind seither gegeben. Jetzt die Entschlossenheit zu behalten, heißt für die Stadt auch, dem Kapital Schranken aufzuerlegen. Sie muss klare Regeln für die Nutzung und den Handel mit Grundstücken schaffen.“ Doch ihre Prioritäten sind offenbar andere. „Sie will dem Markt Zugang zu den informellen Siedlungsgebieten verschaffen, also dort das Grundeigentum auf eine Rechtsgrundlage stellen.“ Mit anderen Worten: Sie will das Land modernisieren, damit sich Investoren darin frei entfalten können.

Um einen Grundstücksmarkt zu schaffen, haben die Behörden bereits mit der Anerkennung von informellem Besitz begonnen. Derartige Rechtstitel gab es bisher nicht in den Favelas, denn diese Gebiete wurden seit einem Gesetz von 1937 einfach nicht in die Grundbücher aufgenommen. Auch nach der Abschaffung dieses Gesetzes im Jahr 1984 blieb der rechtliche Status der Siedlungen unklar. Damit ist es vorbei: Die konservative Wochenzeitschrift Veja2 jubelte in ihrer Ausgabe vom 4. Juli 2012, dass „im Umkreis von 500 Metern rund um die UPP-Polizeistation von Vidigal die Immobilienpreise um 28 Prozent mehr gestiegen sind als im Rest der Stadt.“ Nun wird es auch für Cariocas der relativ gut verdienenden „Klasse B“3 schon schwierig, in diesem Viertel eine bezahlbare Miet- oder sogar Eigentumswohnung zu finden.

„Lange Zeit wurden die Favelas als provisorische Siedlungen betrachtet“, erklärt Sérgio Magalhães. „Man ging davon aus, dass sie mit der Entwicklung der Wirtschaft verschwinden würden. Aber die Entwicklung ließ auf sich warten, und so beschloss die Stadt mal, sie zu zerstören, dann wieder, sie hier und dort wachsen zu lassen.“ Magalhães lehrt Architektur an der Universidade Federal und war von 1993 bis 2000 Stadtsekretär für Wohnungsbau in Rio de Janeiro. Außerdem war er Mitinitiator des 1993 begonnenen Programms Favela-Bairro, dessen Ziel es war, 155 Favelas in „normale“ Stadtviertel umzuwandeln. „Anfang der 90er Jahre waren schon drei, vier Generationen in diesen Gebieten aufgewachsen. Da konnte von ‚vorübergehend‘ nicht mehr die Rede sein. Man musste den Stand der Dinge anerkennen.“

In den Jahrzehnten davor hatten die Militärregierungen noch auf Umsiedlungen gesetzt. Zwischen 1962 und 1974 wurden mehr als 140 000 Menschen aus illegalen Siedlungen vertrieben und am Stadtrand untergebracht, 80 Favelas wurden ganz zerstört. Dann erkannten die Behörden, dass sie die Wünsche und Vorstellungen der Bewohner miteinbeziehen mussten. Und das hieß, den informellen Siedlungen an Ort und Stelle eine Zukunft zu geben. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IBD) gab 600 Millionen Dollar dafür aus, hinzukamen 250 Millionen vom brasilianischen Staat und Zuschüsse aus der Stadtkasse.

In den 20 Jahren, die seither vergangen sind, gab es zahlreiche ähnliche Initiativen, wie Bairrinho, Morar Legal oder Novas Alternativas. Verschiedene Vereine und Privatpersonen in Vidigal haben mittlerweile Eigentumstitel für ihre Häuser beantragt. Mehr als 200 Dokumente seien bereits ausgestellt, heißt es, Tausende weiterer Verfahren sind anhängig. Wie viele es am Ende sein werden, kann niemand sagen, da auch niemand weiß, wie viele Menschen in einer Favela wirklich leben. 20 000? 40 000? 60 000? Jeder hat dazu eigene Zahlen.

Einer von ihnen ist Roque. Er stammt aus Bahia und lebt seit 1976 in Vidigal. Er freut sich über das zunehmende Interesse der „Gringos“ (der Ausländer aus dem „Norden“) und betrachtet sie als Geldquelle. Eine Nachbarin habe ihr Erspartes schon verfünffacht. Sein eigenes Haus mit zwei Zimmern zu verkaufen, komme für ihn aber nicht infrage. Der Siebzigjährige hat es 1995 eigenhändig gebaut. Dass er hier bleiben will, liegt vor allem am guten Verhältnis zur Nachbarschaft, das man für Geld nicht kaufen kann. „Ich habe eine Bestätigung von der Anwohnervereinigung erhalten. Jetzt warte ich auf meine offizielle Besitzurkunde. Damit kann ich meinen Kindern, wenn ich sterbe, ein bisschen Geld hinterlassen. Aber ich will mein Viertel auf keinen Fall verlassen. Es ist mein Leben.“

Die Normalisierung der Besitzverhältnisse bedeutet auch eine ideologische Vereinnahmung dieser in winzige Parzellen aufgeteilten Stadtteile, die früher von anderen, selbst geschaffenen Gesetzen regiert wurden. Der Soziologe Jailson de Souza e Silva, Gründer des Observatório de Favelas4 , betrachtet sie als „Fundament der Gentrifizierung“. „Viele sind nun versucht, ihre Häuser zu verkaufen, weil diese zum ersten Mal einen echten Marktwert haben. Nach meiner Überzeugung ist eine Eigentumsurkunde das Letzte, was die Bewohner einer Favela brauchen.“ Mit dem verbrieften Besitz gehe die Möglichkeit einher, diesen weiterzugeben und in das Spiel des „Markts“ einzusteigen.

„Eike Batista, der reichste Brasilianer, hat Millionen in die Ausrüstung der UPP-Einheiten gesteckt und ist zugleich Eigentümer großer Immobilienkonzerne. Diese Politik zu finanzieren, ist ganz in seinem Interesse. Er wird die Dividenden später einstreichen, wenn er sich einen Teil der Gebiete aneignet.“ Nach Ansicht des Soziologen können die sozialen Probleme in den Favelas nur außerhalb jeder Spekulationslogik gelöst werden.

Das sieht der konservative Bürgermeister Eduardo Paes, der am 7. Oktober 2012 mit 65 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde, ganz anders. Seinen Wahlerfolg verdankt Paes auch den Stimmen aus den Favelas und der Unterstützung der Arbeiterpartei (PT). Sein Name ist eng mit der Befriedung verbunden und steht für den großen Umbau, den Rio zurzeit erlebt. Eines seiner Vorzeigeprojekte ist Porto Maravilha, bei dem ein ganzes bislang heruntergekommenes und gefährliches Hafenviertel der Innenstadt in eine riesige Touristenattraktion mit Einkaufsmall, sanierten Wohnhäusern und Künstlerateliers verwandelt wird.

Höhepunkt von Eduardo Paes’ zweiter Amtszeit werden die Olympischen Sommerspiele 2016 sein. Dann soll Brasiliens einstige Hauptstadt, die später vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht vom dynamischeren São Paulo abgehängt wurde, wieder in vorderster Reihe des internationalen Geschehens stehen. In den Augen der Welt verkörpert Rio Brasilien wie keine andere Stadt des Landes. Das sieht auch die Unesco so, die im Juli 2012 die „Cidade Maravilhosa“ zum Weltkulturerbe erklärt hat.

„Rio entwickelt sich zu einem Schaufenster der brasilianischen Selbstvermarktung“, meint Queiroz Ribeiro. Seit 2011 steht an der Flughafenausfahrt eine Schallschutzmauer, die dem Besucher den Blick auf das Elend hinter der Avenida Brasil versperrt.

Fußnoten: 1 Die große Favela Alamão liegt etwa eine Autostunde vom Zentrum Rios entfernt. 2 Siehe Renaud Lambert, „Die freie Meinung und der freie Markt. Presselandschaften in Lateinamerika“, Le Monde diplomatique, Januar 2013. 3 Die Statistik in Brasilien teilt die Gesellschaft in fünf Klassen ein: A (mehr als 30-faches Mindesteinkommen, B (15- bis 30-faches Mindesteinkommen), C (6- bis 15-faches Mindesteinkommen), D (bis 6-faches Mindesteinkommen), E (bis zu zweifaches Mindesteinkommen). 4 Das Observatório de Favelas verknüpft Universitäten und Forschungseinrichtungen eng mit dem Geschehen in den Favelas und bezieht deren Bewohner in die wissenschaftliche Arbeit mit ein. Jailsons Ansatz wurde mittlerweile von vierzig anderen Universitäten Brasiliens übernommen. Siehe dazu: www.ashoka.org/fellow/ja%C3%ADlson-de-souza-e-silva. Aus dem Französischen von Herwig Engelmann Jacques Denis ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 08.02.2013,