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Straßenkämpfe in Wakkala

Marokko will die Westsahara demografisch erobern von Olivier Quarante

Dakhla, im fernen Süden der Westsahara nah an der Grenze zu Mauretanien gelegen, wirkt auf den ersten Blick wie eine aufstrebende Kleinstadt. Das liegt an den neuen Wohnvierteln, die in den letzten zwei, drei Jahren entstanden sind. Ein Beispiel ist Wakkala. Wie überall in der Westsahara kann man sich auch hier kaum bewegen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. In dem Gebiet, das Marokko 1975 annektierte und das von der Frente Polisario beansprucht wird (siehe Kasten), sind die Einsatzkräfte der Nationalen Sicherheit und das Militär allgegenwärtig. „All diese Sicherheitskräfte, das ist zum Kotzen“, schimpft ein ortsansässiger Ausländer. „Auf jeden Polizisten in Uniform kommen zehn Zivilbeamte.“

Eine kurze Autofahrt durch Wakkala macht deutlich, dass die Spuren der gewaltsamen Auseinandersetzungen, die Ende September 2011 hier stattgefunden haben, inzwischen beseitigt sind. „Die wilaya (Regionalverwaltung) hat eiligst aufgeräumt und alles wieder in Ordnung gebracht“, meint Sidi, ein Saharaui um die vierzig.1 In den Verlautbarungen der örtlichen Behörden wird die Normalisierung beschworen, stets ist von der „heiteren und friedlichen“ Stadt die Rede. Aber für die Bewohner ist der Gewaltausbruch vom vergangenen Herbst immer noch Gesprächsthema Nummer eins.

An jenem Sonntag, dem 25. September, war es nach einem Fußballspiel zu „Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Mannschaften“ gekommen, berichtete die Wochenzeitung TelQuel. „Ein junger Saharaui wurde von Leuten angegriffen, die aus dem Norden stammten. Andere Saharauis holten daraufhin Verstärkung aus dem Stadtzentrum. Zu Dutzenden stiegen junge Männer auf ihre Allradfahrzeuge und rasten nach Wakkala.“2

Mohammed, den ich Anfang Dezember in Wakkala treffe, berichtet von einer wahren Schlacht: „Die Marokkaner waren in der Überzahl, vermutlich einige hundert. Sie gingen auf uns los, und die Polizei tat nichts.“ Er malt auf dem Boden auf, wo und wie sich das im Einzelnen abgespielt hat: „Es war ein Kampf mit Säbeln, wie vor 300 Jahren.“ Auch Mohammed besitzt so einen Säbel, und er setzte ihn auch ein – „um meine Familie zu schützen“.

Doch eine andere Waffe erwies sich als viel furchterregender: Allradfahrzeuge rasten rücksichtslos auf die Gegner zu. „Das ist die Geheimwaffe der Saharauis, um die Marokkaner zu überrumpeln“, erklärt Mohammed mit einem Lächeln. Sieben Menschen starben, darunter zwei Polizisten. Sidi erinnert sich, dass sein Nachbar, ein etwa dreißigjähriger Saharaui, wie viele andere in den darauffolgenden Tagen nur deshalb verhaftet wurde, weil er ein Allradfahrzeug besaß. „Er sitzt noch immer im Gefängnis von El Aaiún.“3

In ganz Dakhla kam es zu Zusammenstößen, doch die heftigsten Kämpfe fanden in Wakkala und im Stadtrandgebiet statt, das sich bis zum Flughafen erstreckt. Das Viertel ist bekannt für sein gespanntes Verhältnis zwischen Marokkanern, von den Saharauis meist „Marokkaner aus dem Norden“ genannt, und Saharauis, die wiederum von den Marokkanern und von vielen Saharauis selbst als „Leute, die aus der Region stammen“ oder „Einheimische“ bezeichnet werden. Für Karim Boukhari, den Leitartikler von TelQuel, ist Wakkala „die Zeitbombe der Sahara“.4

In den Häusern des Stadtteils wohnen Menschen, die zuvor in Armenvierteln der nordmarokkanischen Städte lebten. Sie kamen Ende der 1990er Jahre, kurz nach dem Waffenstillstandsabkommen mit der Frente Polisario, als die Vorbereitungen zur Volksabstimmung über die Unabhängigkeit liefen. Damals ging es darum, die Kontrolle über das Gebiet zu sichern und die Wählerlisten aufzublähen, um so das Resultat des Referendums zu beeinflussen. Die Neuankömmlinge bekamen Geld, ein Grundstück und Baumaterial, um das Erdgeschoss eines Hauses zu errichten. „Nach wenigen Wochen waren die Slums verschwunden“, erinnert sich ein ortsansässiger Europäer.

Zum Teil erklären sich die Spannungen aus dieser Klientelpolitik, die sich bis heute fortsetzt. Der marokkanische Staat gewährt den sogenannten Heimkehrern, also jenen Saharauis, die aus den seit 36 Jahren bestehenden Flüchtlingslagern nahe der algerischen Stadt Tindouf zurück ins „Vaterland“ kommen (so die offizielle Bezeichnung der marokkanischen Behörden), finanzielle Unterstützung. Und dann gibt es da noch die kartiya, einen Berechtigungsschein zum Bezug von Sonderleistungen, der vielen Saharauis aufgedrängt wurde, offiziell als Belohnung für „Arbeiten im Dienste der Allgemeinheit“. Kurz gesagt: Das Regime erkauft sich die Zustimmung von allen Seiten. Doch diese durchsichtigen Tricks taugten nicht zur Befriedung – sie weckten eher Neid und Missgunst.

Der Fisch-Deal mit Europa

Tausende Marokkaner haben in der Westsahara allerdings ihren „Goldenen Süden“ gefunden.5 Und die Zuwanderung aus dem Norden hält an, weil es hier Arbeit gibt: beim Tintenfischfang, in den Fischfabriken, die Sardinenkonserven herstellen, beim Gemüseanbau in den riesigen Treibhäusern um Dakhla oder in der Phosphatmine von Bu Craa. Dadurch haben sich die Spannungen innerhalb der Bevölkerung zusätzlich verschärft. Nicht zuletzt, weil viele Arbeitsmigranten ihr Glück dann doch nicht finden. Erst kürzlich kam es zu Entlassungen in den Kühlhäusern der Fischfabriken. Vor einigen Jahren erhielten die Hochseefangflotten Russlands und der Europäischen Union Zugang zu den fischreichen Gewässern vor der Westsahara. Gegen diese Konkurrenz kommt die lokale Industrie an Land nicht an. Täglich entgehen ihr tausende Tonnen Fang, die noch an Bord weiterverarbeitet werden.6 Viele Schiffe schöpfen dabei die maximale Fangquote aus – und verarbeiten ihren Fang direkt zu Fischmehl weiter.

Dass die Ansiedlung zehntausender Marokkaner in der Westsahara weiter mit Nachdruck betrieben wird, kann man an den neuen Siedlungen erkennen, die etwa am Stadtrand von El Aaiún oder Boujdour gebaut werden. Auch dort führt das zu Konflikten mit der saharauischen Bevölkerung. „Hier gibt es die Einheimischen und andererseits die Marokkaner aus dem Norden – und die Firmen gehören ausschließlich Letzteren“, erzählt Baschir. „Ich musste nach Mauretanien gehen, um in meinem Beruf arbeiten zu können.“ „Warum sollen die Saharauis immer nur die einfachen Arbeiten machen, zwölf Stunden am Tag für 2 000 Dirham (120 Euro) im Monat?“, ergänzt Sidi. „Die Menschen von hier wollen die Ressourcen der Gegend selbst nutzen. Warum bekommt irgendein Marokkaner Arbeit auf einem der großen Schiffe, aber kein Saharaui?“ Sein abschließender Kommentar: „Ich glaube, der Staat nutzt jede Gelegenheit, um uns zu radikalisieren. Wenn man Fragen stellt oder Rechte einfordert, gilt man sofort als Separatist und Polisario-Anhänger!“

Auch in El Aaiún, 600 Kilometer weiter nördlich, hat sich die Stimmung im vergangenen Jahr verdüstert. Und auch hier spielt die von Sidi beschriebene „rote Linie“ eine Rolle: Wer gegen soziale und wirtschaftliche Benachteiligung protestiert, wird vom „guten“ Saharaui schnell zum unberechenbaren Rebellen. Zu denen ist auch N’habouha übergelaufen, nachdem ihre beiden Brüder am 25. Dezember 2005 verschwunden waren. Sie hatten an friedlichen Demonstrationen teilgenommen und lebten danach in der ständigen Gefahr, verhaftet zu werden – also beschlossen sie, mit dreizehn anderen, die Westsahara zu verlassen. „So versucht der marokkanische Staat die jungen Saharauis zur Auswanderung in den Norden des Landes zu bewegen“, erklärt Ghalia Jimmi, die stellvertretende Leiterin einer saharauischen Menschenrechtsorganisation. „Wer sich wehrt, wird von den Behörden zur Ausreise auf die Kanarischen Inseln gedrängt. Von 2005 bis 2010 sollen sich etwa 600 Menschen dazu entschlossen haben.“

Als am 10. Oktober die Nachricht kam, dass bei Gdeim Izik, 15 Kilometer südöstlich von El Aaiún in der Wüste, ein Lager aus khaimas (traditionelle Nomadenzelte) entstand, zögerten N’habouha, ihre Freundinnen Kadija und Hadi und andere Frauen keinen Moment, sich dieser Bewegung anzuschließen. Die Frauen wollten vor allem Aufklärung über das Schicksal ihrer Brüder und Söhne, aber sie wurden schnell Teil einer viel breiteren Bewegung: Als „Lager der Würde“ bezeichnete man die Zeltstadt bei Gdeim Izik, und manche Beobachter sahen dort sogar den Ursprung des „Arabischen Frühlings“.7 Es war die größte Protestaktion der Saharauis seit 1975, als der damalige König Hassan II. mit dem „Grünen Marsch“ die Annektierung des Gebiets durch Marokko einleitete. Vom 10. Oktober bis zum 8. November 2010 wurden fast 7 000 Khaimas aufgeschlagen, etwa 20 000 Menschen schlossen sich der friedlichen Protestbewegung an. Was sie vereinte, war die Kritik an der sozialen und wirtschaftlichen Benachteiligung der Saharauis.

Nach wenigen Tagen wurde die Zeltstadt von einem gewaltigen Aufgebot an Sicherheitskräften umstellt. Es gab nur noch einen einzigen Zugang zum Lager, niemand kam herein oder hinaus, ohne kontrolliert zu werden, es folgte eine Informationssperre, selbst humanitäre Hilfsorganisationen hatten keinen Zutritt mehr. Am 24. Oktober töteten marokkanische Soldaten an einer Straßensperre einen vierzehnjährigen Jungen. Und im Morgengrauen des 8. November kam der Befehl zum Angriff. „Es herrschte völliges Chaos“, erinnert sich Leila. „Mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern haben sie uns aus dem Lager vertrieben. Als ich wieder in El Aaiún war, wurde ich verhaftet. Es gab Prügel, ich wurde verhört, und sie zwangen mich ‚Es lebe der König, es lebe Marokko‘ zu sagen. Erst dann kam ich frei.“ Nach offiziellen Angaben, die von der marokkanischen Menschenrechtsvereinigung bestätigt wurden, starben elf Mitglieder der Ordnungskräfte und zwei Saharauis. Anderen Quellen zufolge sind bei der Zerstörung des Lagers und in den folgenden Tagen 168 Personen verhaftet worden. Sie wurden misshandelt und auch gefoltert, kamen dann aber ohne Anklage und Verurteilung wieder frei.

Der UNO-Mission für die Westsahara (Minurso) waren die Hände gebunden – ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, die Einhaltung des Waffenstillstands von 1991 zu überwachen. In den vergangenen Jahren haben sich einige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, darunter auch Frankreich, gegen die Ausweitung des Minurso-Mandats auf den Bereich „Überwachung der Menschenrechte“ ausgesprochen. 22 saharauische Aktivisten, die man um den 8. November 2010 festgenommen hatte, waren Anfang Januar 2012 – obwohl Zivilisten – immer noch im Militärgefängnis von Salé inhaftiert. Aus Protest gegen die Haftbedingungen traten sie am 31. Oktober 2011 in einen Hungerstreik (16 von ihnen saßen in Isolationshaft, und nach Angaben ihrer Anwälte waren die meisten gefoltert und einige vergewaltigt worden). Erst als die Behörden ihnen nach 38 Tagen einen baldigen Prozessbeginn zugesichert hatten, beendeten sie den Streik.

1999 hatten sich erstmals marokkanische Bürger an der Repression gegen die Saharauis beteiligt. Damals war gerade das „Koordinationsbüro der saharauischen Arbeiter“ gegründet worden, auf Initiative der Arbeiter in der Phosphatmine von Bou Craa. „Wir wollten eine Kundgebung abhalten, aber die Polizei hat das brutal verhindert“, erinnert sich ein Rentner, der in Bou Craa beschäftigt war. „Aus den Mannschaftswagen stiegen marokkanische Zivilisten und schlugen alles kurz und klein, sie verwüsteten die Läden und die Häuser der Saharauis. Aber nach Gdeim Izik ist es noch schlimmer geworden.“

Viele Leute berichten, dass die marokkanische Bevölkerung aufgehetzt wurde, vor allem die Jugendlichen. Im November 2010 kam es zu Übergriffen und Gewalttaten gegen die Saharauis. „Seit einem Jahr haben Hass und Rachegelüste zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zugenommen“, meint die Menschenrechtsaktivistin Ghalia Jimmi, die selbst vier Jahre als vermisst galt. „Meine Generation war duldsam und friedfertig. Wir haben immer nur dem Staat die Schuld gegeben, nicht dem marokkanischen Volk. Aber die jungen Leute von heute haben das Gefühl, dass die Internationale Gemeinschaft überall eingreift, nur nicht hier bei uns. Sie sind enttäuscht und greifen jetzt zur Gewalt.“

Fußnoten: 1 Die meisten Namen wurden geändert. 2 „Quand Dakhla s’embrase“, TelQuel (Casablanca), 7. Oktober 2011. 3 Siehe auch Gaël Lombard und Julie Pichot, „Ausnahmezustand in El Aaiún“, Le Monde diplomatique, Januar 2006. 4 „La bombe Sahara“, TelQuel (Casablanca), 2. Oktober 2011. 5 Schon die Portugiesen nannten das Gebiet der heutigen Westsahara „Rio de Ouro“ (Goldfluss), obwohl dort niemals Gold gefunden wurde. 6 Im Februar 2007 schlossen Marokko und die EU ein Fischereiabkommen, das auch die Küste vor der Westsahara einschloss. Es gewährt europäischen Schiffen Fangrechte, und ein bestimmter Anteil des Fangs darf ausgeführt werden. Im Gegenzug erhielt Marokko Finanzhilfen (für die ersten vier Jahre insgesamt 144 Millionen Euro). Trotz des Einspruchs von sieben EU-Mitgliedstaaten wurde das Abkommen bis Februar 2012 verlängert. Das Europäische Parlament stimmte allerdings am 14. Dezember 2011 gegen die Fortsetzung des Fischereivertrags. Die Gegner des Abkommens bezeichnen es als illegal, solange der Westsaharakonflikt nicht beigelegt und sichergestellt ist, dass auch die saharauische Bevölkerung von dem Vertrag profitiert. 7 So Noam Chomsky in einem Interview mit „Democracy Now!“, vom 14. Februar 2011: www.democracynow.org/2011/2/17/the_genies_are_out_of_the. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Olivier Quarante ist Journalist.

Der endlose Konflikt

Im Jahr 1975 hat Spanien seine seit 1884 dauernde koloniale Herrschaft über die Westsahara beendet. Das Gebiet wurde zwischen Mauretanien und Marokko aufgeteilt. Mauretanien gab 1979 seine Ansprüche auf, worauf Marokko das gesamte Gebiet besetzte. 1976 hatte die seit 1973 bestehende Befreiungsbewegung Frente Polisario (Frente Popular para la Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro) die Demokratische Republik Sahara (Dars) ausgerufen – sie erhielt von der damaligen Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) die Anerkennung als unabhängiger Staat.

Der bewaffnete Konflikt zwischen der Polisario und Marokko ließ nicht lange auf sich warten. Fast 100 000 Saharauis flohen vor den marokkanischen Luftangriffen nach Algerien, das die Polisario unterstützte. Sie leben seither in Flüchtlingslagern nahe der westalgerischen Stadt Tindouf. 1991 trat ein von den Vereinten Nationen vermitteltes Waffenstillstandsabkommen in Kraft, das eine Volksabstimmung über die Selbstbestimmung der Bevölkerung in der Westsahara vorsah.

Dieses Referendum hat bis heute nicht stattgefunden, obwohl sich eine Reihe von UN-Sonderbeauftragten dafür einsetzten.1 In seiner Resolution 1 783 vom 31. Oktober 2007 bekräftigte der UN-Sicherheitsrat seine „Entschlossenheit, den Parteien bei der Herbeiführung einer gerechten, dauerhaften und für beide Seiten annehmbaren politischen Lösung behilflich zu sein, die die Selbstbestimmung des Volkes von Westsahara […] vorsieht.“

Die Frente Polisario besteht darauf, dass diese Volksabstimmung stattfindet und auch die Möglichkeit der vollen Unabhängigkeit erhalten bleibt. Marokko will dagegen einen Autonomiestatus aushandeln und nur darüber im Referendum abstimmen lassen. Aus Sicht der Vereinten Nationen ist die Westsahara heute das einzige Gebiet in Afrika, das seine Unabhängigkeit noch nicht erlangt hat und dessen Entkolonisierung immer noch nicht abgeschlossen ist.

Fußnote: 1 Siehe Khadija Finan, „Wem gehört die Wüste“, Le Monde diplomatique, Januar 2006.

Le Monde diplomatique vom 10.02.2012,