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Die drei Körper der Kims

Machtfolge in Nordkorea von Bruce Cumings

Als Kim Jong Il am 17. Dezember 2011 starb, war ich gerade in Singapur. So konnte ich mit gebührendem Abstand den ganzen Unsinn lesen, der in den US-Medien als Expertenmeinung ausgegeben wurde. Einer, der unter Bush jr. als Koreaspezialist gedient hatte, schrieb etwa in der New York Times vom „Ende Nordkoreas“. Andere fragten sich, wie es dieser unreife Sohn mit den 80-jährigen Militärführern aufnehmen wolle und ob es nicht zu einem Putsch kommen werde. Kim Jong Un, so wurde spekuliert, werde vermutlich „zuerst zuschlagen“, um vor den Militärs den starken Mann zu markieren. Ein „Zusammenbruch“, hieß es, werde wohl die auf der japanischen Insel Okinawa stationierten US-Marines auf den Plan rufen, um die „unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen“ zu verhindern (was übrigens seit Jahren zu den zentralen Aufgaben dieser Truppe gehört). Und in der Obama-Regierung sorgte man sich, dass ein „Machtkampf“ ausbrechen könnte. Seit Kim Jong Il vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, sprach Außenministerin Hillary Clinton sowieso von nichts anderem mehr. Offenbar stellte man sich die Entwicklung so vor wie in der UdSSR nach Stalins Tod oder in China nach Mao. Niemand schien sich mehr daran zu erinnern, was 1994 nach dem Ableben von Kim Il Sung geschehen war: nämlich nichts.

Als ich 1981 zum ersten Mal Nordkorea besuchte, kam ich mit dem Flugzeug aus Peking und wollte dann mit der Transsibirischen Eisenbahn zurückfahren. Dazu benötigte ich ein Visum von der sowjetischen Botschaft in Pjöngjang. Ich wurde von einem freundlichen Mitarbeiter (des KGB) empfangen, der mir einen Kognak anbot und wissen wollte, was mich nach Pjöngjang geführt hatte. Einige Kognaks später interessierte er sich dafür, was ich von Kim Jong Il hielte, der kurz zuvor auf dem 6. Parteikongress zum offiziellen Nachfolger von Kim Il Sung gekürt worden war. „Na ja, das Charisma seines Vaters besitzt er nicht“, sagte ich. „Er ist ziemlich klein, irgendwie birnenförmig und unansehnlich. Sieht eigentlich aus wie seine Mutter.“ „Ihr Amerikaner denkt immer, es geht um die Persönlichkeit“, erwiderte der KGB-Mann. „Es muss euch doch klar sein, dass hinter ihm ein ganzer Staatsapparat steht, der mit ihm steht oder fällt – diese Leute wissen ganz genau, wie man das macht. Kommen Sie 2020 wieder, dann werden Sie erleben, wie sein Sohn die Macht übernimmt.“

Abgesehen davon, dass Kim Jong Un ein paar Jahre früher die Nachfolge angetreten hat, weil sein Vater schon mit 69 Jahren starb, kenne ich keine präzisere Prognose über diesen hybriden kommunistisch-dynastischen Staat. Jahrtausende Monarchie und ein Jahrhundert Diktatur – etwas anderes hat das nordkoreanische Volk nie erlebt. Erst musste es von 1910 bis 1945 unter einer späten Kolonialherrschaft dem japanischen Kaiser huldigen, danach begann vor nunmehr 66 Jahren die Ära der Familie Kim.

Am 8. Januar, dem Geburtstag von Kim Il Sungs Enkel (dessen Geburtsjahr, entweder 1983 oder 1984, wie ein Geheimnis gehandelt wird), zeigte das Staatsfernsehen eine einstündige „Dokumentation“ über den äußerst tugendhaften Kim Jong Un. Besonders hervorgehoben wurde dessen enge Verbundenheit zu all den bedeutenden Stätten, an denen schon sein Großvater gewesen war, wie dem Paektusan („weißköpfiger Berg“), ein Vulkan an der chinesischen Grenze, der als mythischer Ursprung des koreanischen Volkes verehrt wird. Dort lieferte sich Kim Il Sungs Guerilla in den 1930er Jahren einige Schlachten mit den Japanern, und dort kam 1942 angeblich auch Kim Jong Il zur Welt.

Das Interessanteste an dem Film war die Körpersprache von Kim Jong Un: Hochgewachsen und kräftig, schüttelte er lächelnd Hände – ein herzlicher Mensch, der mit seiner unerwarteten neuen Rolle als „Geliebter Nachfolger“ schon vertraut schien. Es war ein vollkommen anderer Auftritt, als man ihn von Kim Jong Il gewohnt war, der in seinem gefütterten Anorak, das Gesicht stets hinter einer riesigen dunklen Sonnenbrille verborgen, mürrisch und unangenehm gewirkt hatte.

In Statur und Habitus ist Kim Jong Un das Ebenbild seines Großvaters bei dessen Machtantritt Ende der 1940er Jahre: Er ließ sich sogar die Koteletten genauso kurz schneiden (im Film wurden Fotos gezeigt, auf denen Kim Il Sung die gleiche Frisur trägt). Offenbar will das Regime das Volk glauben machen, dass die Gene des Großvaters vollständig auf den Enkel übergegangen sind.

In der koreanischen Kultur spielen die Familiengeschichten der Herrscher eine große Rolle – vor allem der Streit der Söhne um die Thronfolge. Manche Regenten kamen schon sehr jung an die Macht: Sejong der Große, der das koreanische Alphabet einführte, bestieg den Thron 1418 im Alter von 21 Jahren. Wie Kim Jong Un war er der Drittgeborene, aber sein Vater unterstützte ihn und trat sogar zu seinen Gunsten zurück – seinen ältesten Sohn verbannte er wegen schlechten Benehmens, der mittlere ging in ein buddhistisches Kloster. Auch Kim Jong Ils Erstgeborener, Kim Jong Nam, verstieß gegen den Kodex, als er dabei erwischt wurde, inkognito nach Japan einzureisen (es heißt, er habe dort ein Disneyland besuchen wollen); heute lebt er als Exilant im Spielerparadies Macao. Über den zweiten Sohn ist wenig bekannt – beide erschienen jedenfalls nicht zur Beerdigung ihres Vaters.

Die Tradition des Königs Gojong

Dass die Asiaten nicht „ihr Gesicht verlieren“ wollen, ist ein gern zitiertes Klischee. Dabei sind Würde oder Ehre viel passendere Begriffe. In Nordkorea hängt das Ansehen der Nation vom Bild des Führers ab. Als wir 1981 auf dem Weg zum Flughafen an den Plakatwänden mit Kim-Il-Sung-Porträts vorbeifuhren, hatte mein freundlicher Geheimdienstbegleiter einen ernst gemeinten Rat für mich: Bitte keine Beleidigung unseres Führers (nichts lag mir ferner, ich wollte schließlich ausreisen).

Nach der Philosophie des Großen Führers gilt immer noch das Leitprinzip der kukch’e: Jeder Untertan hat zuerst und vor allem anderen an Korea zu denken. Im klassischen Diskurs, so hat es der Spezialist für koreanische Geschichte Gari Ledyard erklärt, erweiterte sich die Bedeutung des Worts kukch – „Nation“ – durch ein angehängtes e zum Begriff „Würde der Nation“: „Die kukch’e kann beschämt, beleidigt, beschmutzt werden. Alle Mitglieder der Gemeinschaft sind verpflichtet, sich so zu verhalten, dass die kukch’e nicht ‚untergeht‘. Die emotionale und moralische Dimension des Begriffs ist im kollektiven Unterbewusstsein tief verankert.“ Wer jemals in Nordkorea war, kann bestätigen, dass die Vorstellung von der kukch’e immer noch lebendig ist – man denke etwa an die bombastischen Denkmäler. Dabei geht es immer auch um die nationale Würde.

König Gojong war erst elf Jahre alt, als er 1863 den Thron bestieg. Bis zu seiner Volljährigkeit regierte sein Vater Daewongun, der das Land gegen äußere Einflüsse abschottete. Er stärkte den damals populären Neokonfuzianismus, kultivierte die kukch’e und wehrte einige Kolonialreiche ab: In den Kriegen gegen Frankreich (1866) und die USA (1871) konnte sich Korea behaupten und zwei Jahre später auch den Eroberungsversuch Japans vereiteln. Als Gojong 1873 die Regierungsgeschäfte übernahm, bemühte er sich um Modernisierung und Reformen, schloss ungleiche Verträge ab, die das Land dem Handel mit dem Ausland öffneten, und trachtete danach, die Kolonialmächte gegeneinander auszuspielen.

Das ging noch ein Vierteljahrhundert lang so weiter, bis Korea 1910 von Japan annektiert wurde und seine Souveränität verlor. Vor dem Revolutionsmuseum von Pjöngjang steht eine zwanzig Meter hohe Statue von Kim Il Sung, und drinnen wird das Hohelied des Daewongun gesungen. So kann man hier unter anderem die zeitgenössischen steinernen Monumente bewundern, die fremde Barbaren abschrecken sollten, und mit viel Säbelrasseln wird an die Siege Koreas über die Franzosen und die Amerikaner erinnert.

An dem Wintertag, als Kim Jong Il zu Grabe getragen wurde, ging sein Schwager Chang Song-t’aek im Leichenzug direkt hinter Kim Jong Un – der 65-jährige Chang hat seit langem das Kommando über die wichtigen Einrichtungen der nationalen Sicherheit. Ihm folgte der über 80-jährige Kim Ki Nam, einst ein enger Vertrauter von Kim Il Sung. Vertreter dreier Generationen schritten hier feierlich neben dem gepanzerten Leichenwagen, einem Lincoln Continental aus den 1970ern. Auf der anderen Seite des Wagens marschierte die militärische Führungsspitze des vielleicht erstaunlichsten Kasernenstaats der neueren Geschichte, der sich die viertgrößte Armee der Welt leistet.

Der Ablauf des Rituals erinnerte an die Zeremonie beim Begräbnis von Kim Il Sung, und auch damals überboten sich unsere Politexperten und Regierungsvertreter in abwegigen Kommentaren. „The Headless Beast“ – „Das enthauptete Ungeheuer“ titelte Newsweek 1994, und der Kommandeur der US-Truppen in Südkorea erklärte ein ums andere Mal, der Norden werde entweder „explodieren oder implodieren“. Mitte der 1990er Jahre war die CIA überzeugt, dass das Regime bald zusammenbrechen würde. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und wenn die Demokratische Volksrepublik Korea noch ein paar Jahre durchhält, kann sie genauso alt werden wie die Sowjetunion. Einige Monate vor dem Tod Kim Il Sungs hörte ich auf einer Tagung, wie ein US-amerikanischer Wissenschaftler seinen Zuhörern versicherte, das Volk werde sich erheben und das Regime stürzen, sobald Kim tot sei. Stattdessen weinten die Menschen auf den Straßen, genau wie 1919, als König Gojong starb – sein Tod löste im ganzen Land Aufstände gegen die Japaner aus.

Als Kim Jong Il sich nach dem Ableben seines Vaters 1994 von der Öffentlichkeit zurückzog, kursierten gleich Gerüchte über Machtkämpfe. Dabei folgte er nur einem alten Brauch: Drei Jahre lang muss der Thronfolger seinen Vater betrauern. Bei den Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Bestehen der Demokratischen Volksrepublik erschien Kim Jong Il als unangefochtener Führer des Landes und gab zur Feier des Tages den Befehl zum Start der ersten Langstreckenrakete. Wiederholt erklärte er, der Kommunismus sei im Westen nur deshalb gescheitert, weil die Reinheit der Lehre verwässert worden sei. In Nordkorea dagegen wurde Marx gleichsam von den Füßen auf den Kopf gestellt, indem man behauptete, dass Ideen alles bestimmen – eine Formulierung, die den neokonfuzianischen Schriftgelehrten der Daewongun-Ära sicher gefallen hätte.

Kim Jong Un scheint bislang auf das traditionelle Trauerritual zu verzichten. Er stattet den Truppenverbänden Besuche ab und tritt auch sonst häufig in der Öffentlichkeit auf. Es wäre sicherlich besser für ihn, wenn er sich zurückhalten würde, um erst einmal Erfahrungen zu sammeln. Währenddessen könnte er der alten Garde das politische Tagesgeschäft überlassen.

2012 finden in den USA und in Südkorea Präsidentschaftswahlen statt (der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak, ein Hardliner, darf nicht wieder antreten), und in China wird im Herbst auf dem 18. Parteitag der Nachfolger von Hu Jintao bestimmt. In Russland steht die Wiederwahl Wladimir Putins noch nicht fest. Mit Kim Jong Il, der eine wesentlich bessere Figur macht als sein Vater, präsentiert sich das Regime in Nordkorea mit einem neuen Gesicht.

Dennoch muss ich meinem sowjetischen Gesprächspartner von damals recht geben: Die äußere Erscheinung ist unwichtig. Denn der König kann nichts falsch machen, ganz gleich wie er aussieht. Der Historiker Ernst Kantorowicz erzählt in seinem klassischen Werk „Die zwei Körper des Königs“, dass es in der Vorstellungswelt des europäischen Mittelalters zwei Könige gab: den schwachen, menschlichen und sterblichen Körper des jeweiligen Herrschers und den perfekten unsterblichen Körper als Inbegriff der Monarchie. In Korea verkörpert der längst verstorbene Kim Il Sung den ewigen Präsidenten, dem kein Makel mehr anhängt. Sein Mausoleum ist das bedeutendste Bauwerk des Landes.

Kim Jong Un, als sein Abbild, soll die Bevölkerung vergessen machen, was sie nach dem Ableben des Großen Führers und Gründers der Dynastie in den vergangenen siebzehn Jahren unter Kim Jong Il erleiden musste: Überschwemmungen, Dürre, Hungersnöte mit hunderttausenden von Toten, den Zusammenbruch der Wirtschaft. Einen zweifelhaften Erfolg konnte Kim Jong Il immerhin verbuchen: die atomare Bewaffnung Nordkoreas. Aber daran hatte auch die provokante „Bush-Doktrin“ großen Anteil, die Nordkorea nicht nur zur „Achse des Bösen“ zählte, sondern gemeinsam mit dem Iran und dem Irak auch zum möglichen Ziel eines Präventivangriffs machte.

Meine Frau und ich genießen das Privileg, in einem Pavillon zu wohnen, den Thomas Jefferson vor fast zweihundert Jahren entworfen hat. Im Garten steht immer noch der Schuppen, in dem die Sklaven des „tadellosen Mister Jefferson“ ihr Werkzeug aufbewahrten. Mehr oder weniger bewusst leben wir alle mit der Vergangenheit und sähen in ihr nur zu gern einen positiven Sinn.

Die Nordkoreaner werden die Reinkarnation des „väterlichen Führers“ begrüßen. Und wenn mein sowjetischer Gesprächspartner von damals recht behält (wie schon seit drei Jahrzehnten), dann werden wir das Gesicht von Kim Jong Un noch sehr lange sehen.

Aus dem Englischen von Edgar Peinelt Bruce Cumings ist Dekan der Historischen Fakultät an der Universität Chicago. Zuletzt erschien von ihm „The Korean War – A History“, New York (Random House) 2010.

Le Monde diplomatique vom 10.02.2012,