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Lob der brotlosen Kunst

von Stefan Ripplinger

Glücklich der Bankrotteur – der Gerichtsvollzieher darf ihm nicht alles nehmen. Vom Paragrafen 811 der Zivilprozessordnung, dem „Kahlpfändungsverbot“, wird dem Gerichtsvollzieher die Pfändung von Kleidung, Betten, Haus- und Küchengeräten, Gartenlauben, Roben, Dienstmarken, Kleintieren, Werkzeugen aller Art bis hin zu Vieh und Dünger untersagt, außerdem die von Bibeln und Schulbüchern, Prothesen, Brillen, von allen „zur unmittelbaren Verwendung für die Bestattung bestimmten Gegenständen“ und auch von sämtlichen für „vier Wochen erforderlichen Nahrungs-, Feuerungs- und Beleuchtungsmitteln“, damit die Gepfändeten nicht auf der Stelle verhungern, erfrieren und im Dunkeln sitzen müssen.

Auf dieses Kahlpfändungsverbot scheinen sich verschiedene von der Schuldenbremse bedrohte Kulturinstitute zu berufen, wenn sie behaupten, Kunst sei ein Lebensmittel. „Kunst ist ein Lebensmittel“, sagen Kulturpolitiker von CDU, SPD, Grünen, Linken. „Kunst ist unser Leben“, sagen ungezählte Theatergruppen und Kunstprojekte. Wenn ihnen der Gerichtsvollzieher zu nahe kommt, können sie ihm entgegenschleudern: „Nimm mit, was du willst, aber nicht unsere Kunst, denn sie ist unsere Kleidung, unser Bett und unsere Gartenlaube, unsere Robe, unsere Dienstmarke und unser Kleintier, ist unser Werkzeug, Vieh und Dünger, ist unsere Bibel, unser Schulbuch und unsere Prothese, ist die Brille, durch die wir schauen, wir nehmen sie mit ins Grab, und wir wollen uns von ihr nähren, an ihr wärmen und uns in ihrem Lichte sonnen.“

Nachdem der Gerichtsvollzieher diese feurige Rede angehört hat, wird er hoffentlich nach Hause trotten und sich Peter Steins Inszenierung der „Orestie“ in den DVD-Player schieben. Schuld an der Misere ist ja nicht er. Länder, Kommunen oder Sponsoren haben die Geldzufuhr gestoppt; und danach wird’s still auf der Bühne und dunkel im Museum, dann gibt es keine Lesungen mehr, und die Arie entfällt.

Das ist dann das Aus für alle mit Kunst und Kultur befassten Gewerke, von den Künstlern selbst bis hinab zum Hausmeister, vom Intendanten bis hinauf zum Beleuchter. All ihnen fehlt es dann ganz konkret an Lebensmitteln, denn sie haben ja für die Kunst gearbeitet, und nicht unbedingt aus reiner Begeisterung. Der Fluxuskünstler Emmett Williams fasste es in die unsterblichen Worte: „Ich bin Künstler und nicht Kunstliebhaber.“

Aber diese gelassene Professionalität ist mit „Kunst als Lebensmittel“ gerade nicht gemeint. Nicht dass die Kunst dieser oder jenem als Broterwerb diene, sondern dass sie unser tägliches Brot sei, will die Formel besagen. Es wäre allerdings bloß albern, wenn einer, dessen Kühlschrank sich bedenklich leert, tatsächlich an seiner Goethe-Ausgabe knabberte. Verfeuern könnte er sie immerhin. Ich kannte einmal jemanden, der kein Geld für Briketts hatte und sich mit Punkmusik einheizte. Von Marcel Duchamp ist der Vorschlag überliefert, einen Rembrandt als Bügelbrett zu verwenden. Aber weit kommt man damit nicht, und selbst aus Lebensmitteln hergestellte „Eat Art“-Objekte sind recht bald zum Verzehr nicht mehr geeignet.

Was der Satz „Kunst ist Lebensmittel“ in Wahrheit bedeuten soll, hat der frühere Präsident der Akademie der Künste, Adolf Muschg, erläutert: Er plädiere gegen den Kommerz und für die Kunst „als Lebensmittel. Wir brauchen sie dann, wenn uns die Stützen von Wert und Glauben und alles Mögliche abhanden kommen, dringender als sonst“. Kunst soll also stützen, was morsch geworden ist. Sie soll den weltanschaulichen Halt geben, den der Kommerz nicht bieten kann. Kunst wird Wert- und Glaubensprothese und damit, nach Paragraf 811, unpfändbar.

Interessant ist dabei, dass Muschg sich nicht auf irgendeinen kunstsinnigen Sonntagsprediger, sondern auf Friedrich Schiller beruft, den man eher nicht in der Lebensmittelbranche vermutet hätte. Dessen „Ästhetische Erziehung des Menschen“ besage, so Muschg, „dass der Spieltrieb nicht nur, wie es im CDU-Wahlprogramm richtig heißt, ein Lebensmittel ist, sondern dass der Spieltrieb eine Schule auch der Vorstellungskraft und damit auch der politischen Fantasie wäre. Wer gut spielen gelernt hat, der lernt auch seine Einbildungskraft, seine Fantasie zu gebrauchen.“

Es soll also schon bei Schiller zugegangen sein wie im deutschen Kindergarten: Das Kind darf zwar spielen, aber nur, wenn es dabei etwas lernt. Es greift nach einem bunten Bilderbuch und bekommt ein Curriculum zu fassen. Es will mit seinen Kumpels in den Sandkasten und landet in einer Vorschule der Ästhetik. Wie ehrgeizige Erziehung einen immer größeren Teil der Kindheit erfasst und die armen Kleinen „spielerisch“ mit dem Einmaleins, mit englischen Vokabeln und Naturwissenschaften stopft, so soll die Kunst zum Aufbautraining der Fantasie werden.

Und doch hat Schiller auch geschrieben, die Kunst sei „eine Tochter der Freiheit“. Von „der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie“ wolle sie „ihre Vorschrift empfangen“. Sie habe sich insbesondere nicht dem „Nutzen“, diesem „großen Idol der Zeit, dem alle Kräfte frönen und alle Talente huldigen sollen“, zu beugen. Wer also behauptet, Kunst sei ein Lebensmittel, der unterstellt sie der Notdurft, und wer aus ihrem sinnlosen Spiel ein Fantasietraining macht, der huldigt dem Nutzen.

Derlei Einsichten sollten im Förderantrag oder vor dem Kulturausschuss tunlichst vermieden werden. Wer Gelder einwerben will, muss sein Vorhaben irgendwie als nützlich oder sinnvoll darstellen. Spielt die Kunst selbst kein Geld ein, sorgt sie nicht für Belehrung oder wenigstens für Unterhaltung, wird der Antrag abgelehnt. Denn warum sollte den Kulturinstitutionen gewährt werden, was den Sozialverbänden vorenthalten wird?

Die Ökonomen verlangen Argumente. Doch, seltsam, an der Kunst perlen alle Argumente, ob pro oder kontra, ab. Sie hat mit ihnen so wenig zu tun wie die Interpretation von Kafkas „Schloss“ mit Kafkas „Schloss“. Das ist das Paradox der Ästhetik: Je mehr sie erklären muss, desto weniger erklärt sie.

Die Erklärungsresistenz der Kunst ist das Einzigartige an ihr. Denn wo in unserer kartografierten Welt gibt es noch einen solchen weißen Flecken? Was, außer der Kunst, wird öffentlich und bleibt trotzdem hartnäckig geheim? Wo gibt es etwas, das wie sie weder Sinn noch Nutzen hätte?

Alle gehören irgendwohin, geben auf artige Fragen artige Antworten, nur die Kunst bleibt verstockt, und zwar umso mehr, je mehr noble Kunstliebhaber ihre Existenz verteidigen. Wieso müssen Tausende ausgegeben werden, um beispielsweise einen Kilometer Messing in die Erde zu versenken, wie es Walter de Maria 1977 in Kassel getan hat?

Zu sehen ist nichts, zu spüren auch nicht. Damit ein Gefühl für Raum entsteht? – Jeder Wegweiser, jede Architektur gibt dir ein genaueres. Damit die Fantasie trainiert wird? – Löse lieber ein Sudoku. Nein, der Erdkilometer muss versenkt werden, weil der Erdkilometer versenkt werden muss. Wollen wir hoffen, dass eine solche Aktion den Künstler nährt, aber das Kunstwerk selbst ist nicht hungrig.

Das Kunstwerk ist nicht nur satt, es pfeift auch auf die Betrachter, wenn auch auf seine stumme Weise. Vielleicht regt es an und belehrt es, aber nur nebenbei und gewiss nicht mehr als ein Gespräch unter Freunden oder Wikipedia. Es ist manchmal sinnlich und manchmal lustig, aber weder will irgendwer mit ihm ins Bett noch verleiht ihm einer den Comedypreis. Gelegentlich sieht es aus wie die Natur, aber die Natur ist immer noch mehr Natur. Wer die Vorzüge der Kunst zu kennen vorgibt, spricht meistens über ganz etwas anderes und steht überdies im Verdacht, sich ihrer bedienen zu wollen, ob als Galerist, Kritiker, Direktor oder Professor. Wer sie unverzichtbar nennt, hofft bloß auf Zuschüsse.

Liegt aber darin der Nutzen der Kunst, dass sie nutzlos, und darin ihr Sinn, dass sie sinnlos ist? Ach, geht mir fort mit diesen dialektischen Taschenspielertricks. So viel ist aber zuzugeben: Ihre Sinnlosigkeit ist das Andere und Sympathische an der Kunst. Weil sie weder Lehr- noch Lebensmittel ist, erinnert sie daran, wie platt die meisten Lehren sind und wie fade das tägliche Brot schmeckt.

Stefan Ripplinger ist Journalist in Berlin und Autor u. a. von „Bildzweifel“, Hamburg (Textem) 2011. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.12.2011,