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Pekingente mit Clenbuterol

In China werden bezahlbare Nahrungsmittel knapp von Shi Ming

Zhou Qing stellte 2008 aus aktuellem Anlass in seinem Buch die wichtige Frage: „Wovon soll sich unser Volk ernähren?“ Nahrungsmittel seien in China bedroht, und zwar systematisch, so die These des im deutschen Exil lebenden Autors. Eine gewissenlose Nahrungsmittelindustrie, profitgierige Zwischenhändler, ein korrupter Staatsapparat und multinationale Konzerne trügen gemeinsam die Verantwortung dafür, dass sich in China niemand mehr sicher fühlen kann mit dem, was er zwischen die Zähne bekommt: Mit Melamin gepanschtes Milchpulver, chemisch verseuchter Reis oder hormonell belastetes Schweinefleisch. Doch inzwischen müssten Zhous Fragen ein wenig anders gestellt werden.

Im Juni und Juli 2011 stiegen die Verbraucherpreise in China weiter an, und zwar um 6,5 Prozent. Den Löwenanteil machten Nahrungsmittelpreise aus: So verteuerte sich Schweinefleisch um über 20 Prozent im Monat, Getreide um 12,4 Prozent – und das in der günstigsten Saison nach der Sommerernte. (Im Februar lag die Teuerungsrate bei 15,1 Prozent.) Die Stimmung im Land verschlechterte sich so dramatisch, dass sogar der dem Optimismus verpflichtete Thinktank der Akademie der Sozialwissenschaften Chinas (Cass) in Peking schon im Mai warnte: „Die Inflation unterhöhlt die Mittelschicht.“ Nicht einmal offizielle Statistiker versuchen mehr, die Teuerung als „nur gefühlt“ abzutun.

Jeder Versuch in diese Richtung löste nur noch weitere Panikkäufe aus. Knoblauch, Ingwer, grüne Bohnen, Soja, schier alles, was auf dem Acker wächst, wird mittlerweile zum Objekt von Spekulationen. Kurzfristige Entwarnungen der Behörden bleiben aus, seit Premier Wen Jiabao nicht mehr von einer Inflationsrate von 4 Prozent als absoluter Obergrenze spricht, sondern nur noch davon, dass die Stabilität der Verbraucherpreise vorrangigste Aufgabe seiner Regierung sei. Im Klartext: Eine Garantie, dass zumindest die Preise für Lebensmittel auf einem erschwinglichen Niveau bleiben, gibt es nicht.

Dabei ist die Ausgangssituation auf den ersten Blick gar nicht so düster. China besitzt insgesamt eine Anbaufläche von 1,6 Milliarden Mu1 (über 100 Millionen Hektar), um die Grundversorgung mit Getreide abzusichern.2 Doch schon heute wird mehr als ein Drittel des Getreideertrags als Viehfutter verwendet, denn der Fleischverzehr in den Städten ist seit den 1990er Jahren sprunghaft gestiegen.

Experten versprechen sich zwar von verbesserter Technik und Düngung, dass die Produktion das Plansoll von 395 Kilogramm Getreide pro Kopf im Jahr 2020 erfüllen wird. Doch das geht nur, wenn es keine Missernten gibt und der Fleischverzehr nicht mehr so rasant zunimmt wie bisher. Wegen des Klimawandels aber ist es unwahrscheinlich, dass folgenschwere Naturkatastrophen – wie die Jahrhundertdürre in Ost- und Zentralchina 2011 – seltener werden. Zudem sollen laut nationaler Planung 40 Prozent der Getreideproduktion bis 2020 zu Futtermittel verarbeitet werden. Eine bevorstehende Verknappung ist also absehbar.

Der gegenwärtige Höhenflug der Nahrungsmittelpreise hat aber noch andere Gründe: Die Landflucht nimmt zu, Schätzungen zufolge liegen inzwischen 2 Millionen Hektar Anbaufläche brach. Sollte sich dieser Trend beschleunigen, könnte China bald von Gertreideimporten abhängig werden. Bei Soja für Viehfutter ist dies schon heute der Fall.

Chinas fruchtbarste Anbauflächen befinden sich im Osten und im Süden. Und genau dort schreitet auch die Verstädterung rasant fort. Der Bedarf an Bauland wächst. Bodenspekulanten bedrängen die Behörden, um an bebaubare Flächen heranzukommen. Und die Behörden lassen sich nicht lange bitten, denn viele Provinzen beziehen bis zu 90 Prozent ihrer Einnahmen aus Einkünften, die sie über Immobilien erzielen. Beamte und Geschäftsleute setzen gemeinsam die Bauern unter Druck, damit diese gegen eine geringe Entschädigung ihr Ackerland aufgeben.

Auch die Zentralregierung hat dabei die Hand im Spiel. Ende 2008 erließ sie ein Gesetz, das der Umwidmung von Ackerland zu Bauland Tür und Tor öffnet. Anders als in der chinesischen Verfassung festgeschrieben, lässt sie zu, dass Provinz- und Regionalregierungen mit dem Erlös aus Landverkäufen die Löcher in ihren Haushalten stopfen. Und die werden immer größer: Mitte August räumte die Provinz Hainan nahe Hongkong ein, 98 Prozent ihres Budgets mit Krediten zu bestreiten. Das Finanzministerium in Peking ließ dazu verlauten, den Provinzen stünden genügend Sachwerte zu Verfügung. Wie eben Grund und Boden.

Kein Wunder, dass man hinter vorgehaltener Hand über Wen Jiabao lacht, der schwört, die Anbaufläche für Getreide werde auf keinen Fall unter die Marke von 1,6 Milliarden Mu fallen. Aber selbst wenn sich dieses Ziel zumindest nach außen noch aufrechterhalten ließe, könnten langfristig nur noch 45 Prozent dieser Fläche ausreichend bewässert werden.

Die entstandenen Versorgungslücken versucht man durch intensiven Anbau wettzumachen: Mehr Dünger, Pestizide und Landmaschinen kommen zum Einsatz – mit enormen Kosten für die Bauern. Und die Bauern profitieren am wenigsten von den steigenden Endverbraucherpreisen der Lebensmittel. In der Provinz Shandong, der nordchinesischen Kornkammer, ermittelten Statistiker, dass die Bauern etwa 30 Prozent vom Endpreis bekommen – wovon dann noch ihre Einstandskosten abgezogen werden müssen. Cass in Peking schätzt: 80 Prozent der Gewinne durch die Verteuerung streichen verarbeitende Industrie und Großhandel ein.

Nennenswerte Hilfen vom Staat können sich die Bauern nicht mehr erhoffen. Zwar hatte die Zentralregierung 2006 die Landwirtschaftssteuer gestrichen, die ohnehin nur 2 Prozent ausmachte. Seitdem stagnieren aber auch die staatlich subventionierten Erzeugerpreise für Getreide. Während die Produktionskosten für die Bauern seit drei Jahren in Folge ansteigen, 2010 sogar über 30 Prozent, blieb der Zuschuss unter 10 Prozent. Rechnet man die Teuerung der Lebenshaltungskosten hinzu, die in den letzten beiden Jahren 4 bis 5 Prozent betrug, wundert es nicht, dass Chinas Bauern wenig Begeisterung für den Getreideanbau aufbringen. Dass sich die Landflucht verschärft, ist nur eine logische Folge.

Zudem rächt sich nun der jahrelange massive Einsatz industrieller Hilfsmittel. Laut Professor Zhang Fusuo, Leiter des Instituts für Umwelt- und Agrarwissenschaften an der China Agricultural University in Peking, ist es auch dem Einsatz von Kunstdünger zu verdanken, dass sich die chinesischen Getreideernten in den dreißig Jahren der sogenannten Reformpolitik um 40 Prozent steigern ließen. Dabei gelangt allerdings fünfmal so viel Stickstoff in die Luft wie in Europa, obwohl China insgesamt nur halb so viel Stickstoffdünger einsetzt. Die dadurch verursachte Gesundheitsgefährdung alarmiert die Verbraucher in den Städten. Außerdem machen die hohen Pestizidrückstände in chinesischen Agrarprodukten die Exportchancen zunichte.

Monsanto und Co auf dem Vormarsch

Erst als 2008 Japan wegen zu hoher Acephatrückstände in chinesischem Reis große Bestellungen stornierte und Schadenersatz forderte – was für Chinas Reisbauern Milliardenverluste bedeutete –, begann in China die Diskussion darüber, wie giftig der Reis sein dürfe, den die Chinesen selbst tagein, tagaus essen. Japan stuft Reis mit Rückständen von 0,02 bis 0,06 mg/kg Acephat3 als „ungenießbar“ bis „gefährlich“ ein. In China dagegen gilt er auch mit 0,1 mg/kg Acephat noch als „Güteklasse A“.

Die zahlungskräftige Mittelschicht meidet seither nach Möglichkeit die Agrarprodukte aus dem eigenen Land und greift stattdessen zu den sehr teuren Importprodukten aus den USA, Singapur und Frankreich. Wer sich das nicht leisten kann, kauft Reis bei ausländischen Einzelhändlern wie der französischen Supermarktkette Carrefour, die für Qualitätssicherung sorgen, aber den mageren Gewinn chinesischer Getreidebauern weiter drücken.

Der schlechte Ruf der chinesischen Agrarprodukte ebnet internationalen Lebensmittelkonzernen den Weg in das bevölkerungsreichste Land der Erde. Marktführer sind die Louis Dreyfus Group aus Frankreich, Cargill Inc., Archer Daniels Midland Co. und Bunge Ltd. aus den USA sowie Wilmar International aus Singapur mit ihrer chinesischen Tochter Yihai Kerry. In einigen Schlüsselbereichen haben sie bereits Monopolstellungen erlangt.

Am 16. August 2011 warnte Zhang Hanlin, Experte für Agraraußenhandel an der Pekinger Universität für Internationalen Handel: Mit 66 Prozent Aktienanteilen beherrschen diese Giganten den Markt für Speiseöl.4 Mit ihrer Marktpräsenz, schimpft Chinas marxistische Linke auf ihrer Website Utopia, können die „ausländischen Blutsauger“ bestimmen, wer wo wann was zu welchem Preis anbaut.

Im Jahr 2009 konnte Chinas Behörde für Nahrungsmittelproduktion noch – wenn auch etwas kleinlaut – bestreiten, dass es eine „Vorherrschaft“ internationaler Konzerne „über die Ölflaschen in chinesischen Küchen“ gebe: Ganz so schlimm sei es nicht. 2011 aber berichten selbst liberale Medien wie das Magazin 21. Jahrhundert in Reportagen aus verschiedenen Provinzen über die Resignation der Bauern: Der Anbau von Ölfrüchten wie Soja, Raps und Erdnüssen lohnt sich nicht mehr. Chinas Importe von Speiseöl haben zwischen 2000 und 2010 um 353 Prozent zugenommen, das ist ein jährlicher Zuwachs von 35 Prozent. Der zweifache Effekt ist bekannt: Das Leben in Chinas Städten wird teurer. Chinas Bauern haben nichts davon. Nicht bekannt sind genaue Zahlen, wie viel Ackerfläche inzwischen brach liegt.

Seit 2010 warnen Chinas Ökonomen, darunter auch die Leute von der Cass in Peking, dass das internationale Kapital dabei sei, sich auch in den immer größeren Markt für Fleischerzeugnisse zu drängen. Auch hier leistet der schlechte Ruf der chinesischen Produzenten der internationalen Nahrungsmittelindustrie die beste Schützenhilfe: Schon lange versucht die chinesische Regierung erfolglos, die Anwendung des „lean meat powder“ (Clenbuterol) in der dezentralen Viehzucht zu verhindern. Kleinzüchter in den ländlichen Regionen mischen dem Viehfutter gerne Clenbuterol bei, weil sich damit die Mastdauer verkürzt, der Anteil an Magerfleisch erhöht und Futtergetreide eingespart wird. In der Folge kommt es seit Jahren immer weder zu schweren Lebensmittelvergiftungen beim Verzehr, manchmal sogar mit tödlichem Ausgang.

Wenn nur die Bauern den Schaden gehabt hätten, so die Kritik der Linken, dann hätten sich Chinas neoliberale Wirtschaftslenker weiterhin in Schweigen gehüllt. Seit jedoch die einheimische Nahrungsmittelindustrie zunehmend in Mitleidenschaft gerät, da sie hohe Importpreise akzeptieren muss, ändert sich etwas. 80 Prozent der Soja, so beklagen Branchenvertreter, stammten nicht nur aus dem Ausland, sie würden auch durch chinesische Filialen ausländischer Firmen importiert.

Internationale Unternehmen, wie etwa der US-Agrarriese Bunge, kassieren zudem hohe Lizenzgebühren für die Nutzung ihrer Technologie, die den Ölertrag bei der Verarbeitung erhöht. So holt man sich auch noch die Inflation selbst ins Haus, giften die Neomarxisten, und zwar ganz ohne internationale Spekulation.

Dass der US-Konzern Monsanto, der weltweit größte Hersteller von Saatgut und spezialisiert auf genmanipulierte Feldfrüchte, laut Angaben chinesischer Fachverbände heute schon über die Hälfte des auf dem chinesischen Markt verfügbaren Saatguts kontrolliere, wertet die marxistische Linke gar als eine Form der „biologischen Kriegsführung“ gegen die Chinesen. Der „Verräter Landwirtschaftsministerium“ habe gegen Ende 2009 Monsanto Sonderlizenzen für den „großflächigen Anbau von drei Sorten Gengetreide, zweimal Mais und einmal Reis“, erteilt, „obwohl sogar die Amis selber immer lauter Zweifel an genmanipuliertem Saatgut anmelden, unter anderem wegen äußerst bedenklicher Beeinträchtigung von Spermien“.

So scharf wollen amtliche Propagandisten zwar nicht schießen. Aber auch sie schlagen Alarm. Die Tendenz, dass westliche Giganten „uns an die Gurgel gehen“, nehme zu, warnt etwa Li Changjiu. Er war jahrelang bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua Chefreporter für Ernährungsfragen und Vizevorsitzender der Studiengruppe für internationale Beziehungen. Die Multis stoßen zunehmend in zentrale Bereiche des alltäglichen Bedarfs vor und bauen ihre Monopolstellungen aus. Laut Li werden die westlichen Konzerne beim Speiseöl keineswegs haltmachen. Warum, fragt er, kontrollieren sie schon jetzt 80 Prozent aller Supermärkte in den Städten? Weil der, der am Ende der Lieferkette sitzt, das letzte Wort über Preise und Nachschub habe.

Der Schönheitsfehler solcher Verschwörungstheorien ist, dass die internationalen Konzerne mit den staatlichen chinesischen Riesen – wie etwa der Cofco5 – eng verzahnt sind. Wenn sie wuchern, wuchert mit ihnen der chinesische Staat. Wenn sie Bauern und Züchter schröpfen, ist auch der chinesische Staat zumindest Mitwisser, wenn nicht Komplize.

Der jüngste Beweis: Als in diesem Frühjahr die Spekulation mit Agrarprodukten wie Ingwer, Knoblauch oder Raps Spitzenwerte erreichte und es zu Hamsterkäufen kam, gab Chinas oberste Institution zur Wirtschaftslenkung, die Staatskommission für Planung und Reform, strikte Anweisung an alle staatseigenen Unternehmen, keine Ernten bei den Bauern aufzukaufen, um nicht von staatlicher Seite die Panik zu schüren. Kritische Journalisten in Südchina fanden aber heraus, dass multinationale Konzerne wie Bunge gerade in Provinzen wie Zhejiang unterwegs waren und alles kauften, was sie kriegen konnten. Bunge besitzt dutzende gemeinsamer Tochterunternehmen mit Chinas Branchenprimus Cofco – und dem wurde zu genau diesem Zeitpunkt ausdrücklich verboten, sich mit Agrarprodukten einzudecken.

Fußnoten: 1 1 500 Mu entsprechen einem Quadratkilometer. 2 Der Getreideverbrauch in China lag 2010 bei 389 Kilogramm pro Kopf und Jahr. 3 Acephat ist ein Nervengift aus der Gruppe der Phosphorsäureester, das als Insektizid gegen Blattschädlinge eingesetzt wird. In Europa liegen die Grenzwerte für Gemüse bei 0,02 mg/kg. 4 Guo Qingbao; „Studie über die Verteilung der ausländischen Investitionsbeteiligung an der Speiseölproduktion Chinas“, China Oils and Fats, Nr. 33, Peking 2008. 5 Der Mischkonzern ist vor allem in der Nahrungsmittel- und Gastrobranche aktiv. Auf der Liste der größten Staatsunternehmen steht er auf Platz 21. Shi Ming ist Freier Journalist und lebt in Köln. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.10.2011,