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Studieren für Geld

Die britische Bildungspolitik wird von einem Unternehmer diktiert von David Nowell-Smith

Während die anderen Studenten mit ihren Familien beim Weihnachtsbraten saßen, verbrachte Julian Howard mit fünf Kommilitonen die Feiertage in einem ungeheizten Sitzungszimmer des Senats der Universität Kent. Seit das britische Unterhaus am 9. Dezember 2010 beschlossen hat, die Studiengebühren zu erhöhen, hielten die Studenten das Gebäude besetzt. Bis zu 9 000 Pfund Sterling (etwa 10 500 Euro)1 können die britischen Universitäten zukünftig für ein Studienjahr verlangen.

„Vierzehn Tage saßen wir hier fest“, erzählt Julian. „Aber wir hatten unglaublich viele Unterstützer. Studenten und Dozenten haben uns durchs Fenster mit Essen und allem, was wir sonst so brauchten, versorgt.“ Am 4. Januar, nach 27 langen, kalten Tagen, haben sie das Gebäude wieder verlassen. Wozu die Strapaze? „Weil Bildung zu den Aufgaben des Sozialstaats gehört“, sagt Julian. Man müsse sich gegen „neoliberale Angriffe auf den Wohlfahrtsstaat“ wehren, fügt Joseph hinzu, ein Politologiestudent, der in London die School of Oriental and African Studies mitbesetzt hat.

Bis 1998 war Studieren in England gebührenfrei, für Bedürftige gab es einen Zuschuss zum Lebensunterhalt. Als in den 1980er und 1990er Jahren immer mehr Studenten an die Universitäten strömten, kam dieses Modell an seine Grenzen. 1996 beauftragte die konservative Regierung unter John Major den damaligen Kanzler der Universität Nottingham, Ronald Dearing, damit, ein Finanzierungskonzept auszuarbeiten. Als Tony Blair 1997 Premierminister wurde, war der Bericht zwar noch nicht abgeschlossen, doch die Labour-Regierung wollte die Reformen vorantreiben und übernahm Dearings Vorschlag einer „einheitlichen Studiengebühr von etwa 25 Prozent der durchschnittlichen Kosten einer Hochschulausbildung“, was damals rund 1 000 Pfund (2 840 DM) entsprach.

Statt die Gebühren am Ende des Studiums in Rechnung zu stellen, wie Dearing vorgeschlagen hatte, wollte die Regierung das Geld allerdings gleich zu Beginn einfordern. Außerdem wurden die staatlichen Zuwendungen durch einkommensabhängige Darlehen ersetzt. 2004 führte Labour dann wieder die Beihilfe für Bedürftige ein und verschob die Eintreibung der Gebühren doch ans Ende des Studiums. Im Gegenzug wurde aber eine andere einschneidende Regelung beschlossen: Von nun an durften die Universitäten „flexible Gebühren“ von bis zu 3 000 Pfund (damals 4 285 Euro) verlangen. Das umstrittene Gesetz wurde mit einer knappen Mehrheit von fünf Stimmen verabschiedet – was Tony Blairs Autorität als Parteiführer einen schweren Schlag versetzte.

In Sorge über die sich zuspitzende Haushaltskrise beauftragte im November 2009 der damalige Wirtschaftsminister Peter Mandelson den ehemaligen BP-Chef John Browne mit einem Finanzierungskonzept. Unter dem Titel „Die Zukunft der Hochschule nachhaltig sichern“ („Securing a Sustainable Future for Higher Education“) legte Browne im Oktober 2010 seinen Bericht vor. Passenderweise waren zu diesem Zeitpunkt bereits die Konservativen in einer Koalition mit den Liberaldemokraten an der Regierung.

Am 9. Dezember wurden die auf Brownes Empfehlungen basierenden Regierungsvorschläge vom Parlament abgesegnet: Erstmals soll die Lehre an den Universitäten nicht mehr aus Steuern, sondern ausschließlich über Studiengebühren finanziert werden, die sich auf 6 000 bis maximal 9 000 Pfund belaufen (gegenwärtig erhalten die Universitäten 7 200 Pfund pro Student). Wie beim Gesetz aus dem Jahr 2004 sollen die Gebühren erst nach Abschluss des Studiums gezahlt werden. Das Mindesteinkommen, ab dem die Rückzahlung fällig wird, wurde von 15 000 auf 21 000 Pfund pro Jahr angehoben. Bis zu einem Einkommen von 21 000 Pfund werden Zinsen nur in Höhe des Inflationsausgleichs erhoben. Bei allen Einkommen darüber steigen sie zusätzlich zur Inflationsrate und ab 41 000 Pfund um bis zu 3 Prozentpunkte. Schulden, die nach 30 Jahren nicht zurückgezahlt sind, werden erlassen.

Dann bleibt keiner mehr im Bett liegen

Für die Doktorandin Laura Kilbride, die bei der Besetzung der Universität Cambridge dabei war, ist die ganze Rechnerei so unbedeutend wie das „Kleingedruckte auf dem Beipackzettel“. Ihr geht es um einen anderen Punkt: Bisher sei Englands Hochschulsystem öffentlich gewesen, mit privaten Gebühren als Zubrot. Nun werde es zu einem erkennbar privaten, über staatliche Darlehen subventionierten System umgebaut.

Die Browne’sche Reform eröffnet den Wettbewerb zwischen den Hochschulen und will so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Verbesserung von Lehre und Forschung und die Entlastung des Staatshaushalts. Während die jungen Leute ihr Studium zukünftig als Investition betrachten sollen, solle die Universität „den veränderten Bedürfnissen der Wirtschaft“ verstärkt entgegenkommen.2

Browne ist nicht der Einzige, der so denkt: „Wenn die Ausbildung so viel Geld kostet, gibt es keine Studienabbrecher mehr, die Leute lassen keine Seminare mehr ausfallen und konzentrieren sich auf die Sache. Bei uns werden die Studenten darauf vorbereitet, als Juristen, Mediziner oder Betriebswirte Karriere zu machen“, erklärt der keynesianische Ökonom David Blanchflower, der in den USA am privaten Dartmouth College lehrt.3 „Wer sich ausrechnet, was ihn das Seminar kostet, der bleibt nicht im Bett liegen“, stichelt Blanchflower. Außerdem käme dann kaum noch jemand auf die Idee, Philosophie, Ethnologie oder mittelalterliche Geschichte zu studieren.

Für Leute wie Blanchflower und Browne ist das ein Pluspunkt des neuen Systems. Browne meint, es müsse zwischen der Hochschullehre und den Kompetenzen, die in der Wirtschaft gebraucht werden, einen engeren Konnex geben. Die eigentliche Aufgabe höherer Bildung sieht er offenbar in der Vermittlung eines unternehmerischen Bewusstseins. Die Universität Leicester verkündete unlängst, sie wolle „unternehmerische Fähigkeiten schon in die Lehrpläne des Grundstudiums aufnehmen.“ Eine solche Vorstellung von höherer Bildung, klagt Laura, „hat keinerlei Sinn für die Notwendigkeit kritischer Neugierde auf die Welt“.

Thesen wie die von Browne bilden seit zwei Jahrzehnten das Mantra der britischen Bildungspolitik. Sie kulminierten schließlich 2009 im Rahmenplan für Exzellenzforschung (REF), der festlegt, dass 25 Prozent der Forschungsgelder auf der Basis von „Wirkung und Relevanz“ (impact) der Institute und deren „nachweislichen Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft“ vergeben werden.4

Daraufhin kam Kritik von Wissenschaftlern, die darauf hinwiesen, dass die größten – und äußerst gewinnträchtigen – Fortschritte in der Wissenschaft dem freien Forschen zu verdanken sind. Wenn man von vornherein nur auf den messbaren wirtschaftlichen Nutzen schiele, könne sich das am Ende nachteilig auf die gesamte Volkswirtschaft auswirken. Die Debatte um die Finanzierung der Hochschulbildung ist noch lange nicht abgeschlossen. Doch der REF wurde inzwischen vom britischen Parlament abgesegnet und wird von diesem Jahr an umgesetzt.

Das Beharren darauf, dass höhere Bildung einen wirtschaftlichen Nutzen haben müsse, rechtfertigt die Konzentration auf die „prioritären Fächer“ wie Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Schon vor der Veröffentlichung des Browne-Reports hatte die Regierung angekündigt, dass sie die Budgets der Universitäten im Rahmen ihres Sparprogramms um 40 Prozent kürzen müsse. David Willetts, der Minister für Forschung und Lehre, hat bereits festgelegt, dass die verbleibenden Gelder ausschließlich für die naturwissenschaftliche Lehre eingesetzt würden.

Dies steht allerdings in krassem Widerspruch zum Ideal vom sich selbst regulierenden Markt, auf dem Universitäten und Fakultäten um Studienanwärter konkurrieren sollen – als wolle die Regierung dafür sorgen, dass dieser „freie“ Markt nur die von ihr gewünschten Ergebnisse produziere: Absolventen, die im Dienst der Wissensökonomie stehen. Der Politologe Alan Finlayson von der Universität Swansea in Südwales warnt: „Indem die Koalition bei den Sozial- und Geisteswissenschaften streicht, manipuliert sie den Markt, an den sie angeblich glaubt, und trocknet planmäßig jene Bildungsbereiche aus, die am ehesten zum Gesamtverständnis unserer sozialen, ökonomischen und politischen Lage beitragen könnten.“5

Im Grunde wird Bildung nur noch aus der Perspektive einer Kosten-Nutzen-Analyse betrachtet. Browne führt neuere OECD-Studien an, die angeblich zeigen, dass der individuelle Nutzen der Hochschulbildung im Vereinigten Königreich im Schnitt mehr als 50 Prozent über dem öffentlichen Nutzen liege: „Die private Rendite ist hoch.“6

Auf welche Weise hier Nutzen und Rendite miteinander gleichgesetzt werden, ist schon bemerkenswert. Der zitierte OECD-Bericht beschränkt sich im Übrigen auf den rein finanziellen Gewinn: Zum „öffentlichen Nutzen“ zählen eine höhere Produktivität aufgrund besser ausgebildeter Arbeitnehmer, ein größeres Steueraufkommen und der private Konsum der Reichen. Was nicht vorkommt: die Bereicherung der Kulturlandschaft eines Landes, Fortschritte in der öffentlichen Gesundheit dank besser ausgebildeter Ärzte und hochwertiger Forschung oder der Erhalt demokratischer Einrichtungen, wie zum Beispiel das Parlament eines ist, durch allgemeingebildete Bürger.

Nachdem Lord Browne befunden hatte, dass höhere Bildung eine persönliche Investition mit finanzieller Gewinnerwartung sei, schien es nur logisch, die Lasten vom Staat auf den einzelnen Bürger zu übertragen. Was dabei unter den Tisch fiel, war die Idee der Universität als Gemeingut. Hier tut sich eine Lücke auf, die sich auf Jahre und Jahrzehnte hinaus auswirken wird.

Auch der Druck auf die Dozenten wächst

Der Wettbewerb zwischen den Universitäten in Sachen Kostenersparnis droht derweil in eine gefährliche Abwärtsspirale zu führen, insbesondere bei den weniger angesehenen Hochschulen. Denn die können, so dringend sie das Geld auch bräuchten, von ihren Studenten eben nicht 7 200 Pfund jährlich verlangen.

Viele Kritiker warnen bereits davor, dass Universitäten bankrottgehen oder sich an private Arbeitsvermittler wenden könnten, um billigere Lehrkräfte zu bekommen, und damit dem Ansehen des Dozentenberufs schaden würden. Andere fürchten, dass Studenten die Universitäten bei den Noten unter Druck setzen könnten und dadurch die Abschlüsse abgewertet würden.

Während Julian fest überzeugt ist, dass „der Bildungsstandard in Großbritannien sinken wird“, meinen andere, dass die Einführung von Studiengebühren schon heute zu einer Verbesserung der Lehre geführt habe. David Papineau, Leiter des Philosophischen Seminars am King’s College in London, hat den Eindruck, dass sich die Einstellung der Dozenten gegenüber den Studierenden bereits verändert habe: „Seit sie wissen, dass die Studenten dafür bezahlen, nehmen sie ihren Job viel ernster.“

Manche geben zu bedenken, dass der voraussichtliche Schuldenberg von 40 000 Pfund, den Studierende bis zum Ende ihrer Ausbildung anhäufen, Bewerber aus ärmeren Schichten abschrecken wird. Für Julian läuft es darauf hinaus, dass man „sie de facto aus den Universitäten drängt“ und die soziale Mobilität, die früher dank der Universitäten möglich war, untergraben wird. Wenn man bedenkt, dass sich die Briten gerade von einer Rezession erholen, die durch eine unhaltbar hohe private Verschuldung mitverursacht wurde, erscheint es geradezu aberwitzig, die Universitäten ausgerechnet über Privatschulden finanzieren zu wollen.

Lord Browne behauptet zwar immer, dass die Gebührenerhöhungen der letzten 13 Jahre keineswegs zu einer sinkenden Nachfrage an Studienplätzen geführt habe. Doch niemand kann vorhersagen, wie sich die jüngste drastische Gebührenerhöhung auswirken wird. Um solche Sorgen zu mindern, hat die Regierung beschlossen, dass Hochschulen, die über 6 000 Pfund verlangen, ihren mittellosen Studenten im zweiten Jahr die Gebühren erlassen sollen. Man kann sich leicht vorstellen, wie eine Hochschule entscheiden wird, die vor der Wahl steht, entweder einen armen Studenten zu immatrikulieren, für dessen Kosten sie im zweiten Jahr selbst aufkommen muss, oder einen wohlhabenderen, der die Gebühren komplett selbst übernehmen kann.

Während viele befürchten, dass der Wettbewerb die Hochschulen in den Ruin treiben wird, prognostiziert das unabhängige Higher Education Policy Institute (Hepi) das Gegenteil. Hepi sagt voraus, dass „die meisten Universitäten um die 9 000 Pfund verlangen werden, wenn keine Maßnahmen zur Gebührenbeschränkung ergriffen werden“. Die Bewerber würden nämlich den Preis für ein Zeichen von Prestige halten: Weniger zu kassieren käme einem Eingeständnis minderer Qualität gleich. Als 2006 die flexiblen Gebühren eingeführt wurden, forderten übrigens alle prompt den zulässigen Maximalbetrag.

Hepi ist außerdem zu der Überzeugung gelangt, dass die Regierung das durchschnittliche Einkommen von Hochschulabsolventen massiv überschätzt und unterm Strich vermutlich nicht einmal die Hälfte der Gebühren zurückgezahlt werden. Die Autoren der Studie warnen, „die neuen Vorschläge der Regierung könnten die öffentliche Hand am Ende eher be- als entlasten“.7 Statt die tatsächlichen Kosten der Hochschulbildung zu bezahlen, werde der Staat die angeblichen Marktpreise mit vermutlich 2 000 Pfund pro Student subventionieren müssen, alles nur im Namen der sogenannten Effizienz.

Der Rechnungshof kalkuliert, dass Studiendarlehen in den nächsten vier Jahren von 4,1 auf 10,7 Milliarden Pfund steigen werden. Die einzige Möglichkeit, die Kosten unter Kontrolle zu halten, bestünde laut Hepi in der Reduzierung der Studienplätze. Manche befürchten, dass genau dies das heimliche Ziel der Reform ist.

Richard Drayton, Professor für Geschichte am Londoner King’s College, geht davon aus, dass die Regierung die Schulden früher oder später an Privatinvestoren verkaufen werde, was „ein enormes Geschenk an die Finanzindustrie wäre: eine großes Paket staatlich garantierter Schuldverschreibungen, die zu hundert Prozent sicher sind und aus denen Zinsen zu marktüblichen Sätzen abgeschöpft werden können“.

Als am 12. November letzten Jahres in London 50 000 Studenten auf die Straße gingen, um gegen die geplante Erhöhung der Studiengebühren zu protestieren, hieß es, sie würden die Inhalte der Reform doch gar nicht kennen und könnten sich also gar kein Urteil darüber erlauben. Dabei sei genau das einer der Kritikpunkte gewesen, sagt Laura Kilbride: dass die Regierung „die dringend notwendige Debatte über die Hochschulbildung einfach umgangen“ habe. Die Besetzungen waren nicht nur Ausdruck des Protests, sondern auch „Mittel und Schauplatz, um die überfällige Diskussion überhaupt erst zu ermöglichen“. Besonders empört sind die Studenten über die Arroganz der Regierung. Sie haben schließlich noch in Erinnerung, wie der spätere liberaldemokratische Vizepremier Nicholas Clegg im Wahlkampf im Mai 2010 beteuerte, er werde „gegen jegliche Erhöhung der Studiengebühren stimmen“.8

Das Gesetz wurde verabschiedet. Doch die studentischen Aktivisten haben sich nicht entmutigen lassen, im Gegenteil: Seit den Besetzungen fühlen sie sich in ihrem Widerstandsgeist und Optimismus nur bestärkt. Angesichts des Zickzackkurses in der britischen Politik lässt sich schwer voraussagen, was bis zum Inkrafttreten der neuen Finanzierungsrichtlinien im September 2012 noch alles geschieht. Eines jedoch ist gewiss: Im Vereinigten Königreich hat die überfällige Hochschuldebatte begonnen.

Fußnoten: 1 Zurzeit entspricht ein britisches Pfund umgerechnet 1,17 Euro. 2 Lord Browne et al., „Securing a Sustainable Future for Higher Education“, hereview.independent.gov.uk/hereview/report, 12. Oktober 2010. 3 The Observer, 27. Dezember 2009. 4 „Second consultation on the assessment and funding of research“, Higher Education Founding Council for England, London, September 2009. 5 Alan Finlayson, „Britain, greet the age of privatised Higher Education“, Open Democracy, 9. Dezember 2010, www.opendemocracy.net. 6 Siehe Anm. 2, S. 25. 7 www.hepi.ac.uk/478-1905/HEPI-publishes-analysis-of-Governmentconcessions-on-HE-funding-and-student-finance.html. 8 Judy Friedberg, „Crib sheet email“, The Guardian, 12. Oktober 2010.

Aus dem Englischen von Robin Cackett

David Nowell-Smith ist Dozent an der Universität Paris VII.

Le Monde diplomatique vom 11.03.2011,