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Brief aus Teheran

von Mitran Keyvan

Die SMS weckt mich um 6.45 Uhr, früher als sonst. „14 h vorm Hörsaal, ild“. Ich schalte den Computer ein, die Verbindung ist langsam. In der Küche summt schon der Samowar. Kräftiger Tee, Käse aus Damghan und aufgebackenes Sangak-Brot, meine Mutter hat alles vorbereitet. „Pass auf dich auf und vergiss nicht, Plavix für deinen Vater zu besorgen“, ruft sie, während sie die Treppe hinunterläuft. Seit sie in Rente ist, besteht ihr morgendliches Ritual darin, erst zu joggen, dann auf den Markt zu gehen. Ich höre das Husten aus dem Schlafzimmer, fiebrige Lungen, Zigarettengeruch. Mein Vater – er hat keine Lust aufzustehen – murrt: „Nicht nötig, ich hab noch welche hinten in der Schublade. Oder darf ich jetzt nicht einmal mehr über meine Medikamente selbst bestimmen.“ Ich weiß, dass bei den Tabletten in seiner Schublade das Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen ist.

Ich gehe online, kann mit dem neuen Proxy den Filter umgehen, Facebook funktioniert: Nazilla hat den Namen geändert, um anonym zu bleiben, Puya hat Fotos von ihrem Geburtstag hochgeladen, man sieht ihre englische Freundin. Eine Nachricht von Roya mit ihrem neuen Gedicht über das Grün, das die Verbindung knüpft zwischen den Bäumen und diesen Händen, und schließlich die tägliche Nachricht von Ramin mit einem Bericht von den Aktivitäten an der Uni, Meeting heute Abend, heute Nachmittag Plakate vorbereiten, auf denen es um die politischen Gefangenen geht. Dann verkündet er noch auf seinem schwarzen Brett, dass ich ihm fehle. Alle werden es sehen … Ich schminke mich schnell, dunkler Mantel und dunkles Tuch, grünes Band in die Tasche, für den Fall der Fälle.

„Kauf grüne Filzstifte, ich liebe deine Augen.“ Ich muss zuerst zur „Sizda Aban“, der großen Apotheke im Zentrum von Teheran. Dort haben sie dieses Blutverdünnungsmittel für Adern, die verstopft sind von der Angst, dem Leiden, dem Tabak und vielen Jahren Frust und Unterdrückung. Der Bus ist voll, Gesprächsfetzen am Handy mischen sich in die selbstgewiss-sonore Stimme des Nachrichtensprechers von Radio Teheran (der Fahrer hat uns nicht gefragt, was wir hören wollen): „Das Atomkraftwerk Bushehr wird im nächsten Frühjahr in Betrieb gehen. Schiedsrichter bei der mit Spannung erwarteten Partie zwischen den Fußballmannschaften Estyle Azin und Esteghlal wird Mohsen Torki sein …“ Dicht hinter der Barriere, die Männer und Frauen trennt, singt ein alter Mann ein Volkslied aus dem Nordiran, es ist rhythmisch und macht Lust zu tanzen.

Am Eingang der Apotheke ziehe ich eine Nummer, setze mich und warte. Ich schlage den Französischhefter auf, ich muss ein Gedicht übersetzen: „Tous les deux étaient fidèles / Des lèvres du coeur des bras“1 . Ich zermartere mir den Kopf auf der Suche nach passenden Reimen und spüre, wie ein Blick auf meinem Text ruht, ich sehe hoch und entdecke die honigfarbenen Augen des jungen Mannes, der neben mir sitzt. „Das ist von Louis Aragon“, sagt er. Überrascht antworte ich, dass ich Mühe habe, die richtigen Worte für die Übersetzung zu finden. Schnell reden wir über alles Mögliche, mein Studium, seine an Schlaflosigkeit leidende Mutter, sein Französischstudium an der Uni von Teheran und am Ende über den Wahlbetrug im Juni, ich argumentiere lebhaft, er hört mir skeptisch zu.

Als meine Nummer aufgerufen wird, erfahre ich, dass Plavix ausgegangen ist. Irgendwann in den nächsten Monaten trifft die nächste Lieferung ein. Und er bekommt kein Zolpidem, um die nächtlichen Qualen seiner Mutter zu lindern. Er schlägt vor, nach Nasser Khossrow im Süden der Stadt zu fahren, in die vergessenen, dunklen, dicht bevölkerten Ecken, wo alles möglich ist – vielleicht haben wir dort auf dem Schwarzmarkt mehr Glück. Ich bin einverstanden. Ich habe irgendwie das Bedürfnis, ihm zu folgen, mit ihm zu reden, ich bin jetzt sogar froh, die Medikamente nicht gleich bekommen zu haben, und muss immer wieder in seine strahlenden Augen schauen.

Bitterer Orangensaft für mich, Granatapfelsaft für ihn. Wir trinken an der Ecke, ich sehe den Sonnenstrahl in seinen Augen funkeln und lasse nicht zu, dass er bezahlt. Er behauptet, dass er Ahmadinedschad nicht mag, aber noch mehr hasst er die Kommentare des Senders Voice of America. Er erklärt mir, dass sie uns nicht belehren sollen, am wenigsten über Gaza. Wir nehmen zusammen ein Taxi, wir haben immer noch keine Übersetzung für „Reseda“ gefunden. Er sagt leise: „Die Rose ist das Rot, die Reseda ist das Weiß, aber es gibt auch weiße Rosen, was bedeuten schon die Unterschiede und Klischees …“

„Bassidsch-Milizen sind da, boykottieren die 11-Uhr-Vorlesung, 1 000 Küsse, du fehlst mir“. Ich antworte per SMS, dass ich ihn auch liebe. Nasser Khosrow ist voller Menschen, die fliegenden Händler lassen einen kaum vorbei, ich ziehe mein Tuch eng um den Kopf, wir gehen ans Ende einer schmalen Passage. Plavix ist nicht zu finden, aber wir treiben eine Schachtel Zolpidem auf. Er spricht von der Gefahr der Destabilisierung des Landes, Bürgerkrieg, Interessen des Westens. Ich rede von der Notwendigkeit, sich im Namen der Demokratie zu verbünden, was zählt, ist das Ende der Diktatur. Er ist nicht überzeugt, spricht von Unruheregion und Pulverfass. Wir klappern die winzigen Läden ab, ein junger Mann verspricht uns, bis Mittag weitere Medikamente aufzutreiben. Inzwischen lädt er uns in seinen Laden zum Tee ein. Wir nehmen gern an. Zahnpasta, Vitamine, Kalzium, Enthaarungscreme, alles Auslandsimporte, stapeln sich in den Regalen. Medikamente sind nicht zu sehen, die verstecken sie hinten in im Kabuff. Ich beuge mich wieder über meine Übersetzungsarbeit, er geht raus, um zu rauchen. „Et leur sang rouge ruisselle / Même couleur même éclat“2 – das Blut, es fließt aus Adern, die nicht alt und verkalkt sind, sondern tot.

Wir gehen los, um grüne Filzstifte zu kaufen, ich erkläre ihm, dass wir damit Losungen auf Plakate schreiben, die wir dann an die Wände des Hörsaals hängen, er fragt, ob wir gemeinsam entscheiden würden und wie wir uns organisieren. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, eigentlich ist alles spontan, alle beteiligen sich, bringen Ideen ein, wir haben keinen Anführer, wir versuchen, Mussawi zu folgen. Endlich erzählt er von sich, dass er eine Stelle als Lehrer in einer Vorortschule an der Straße nach Karadsch gefunden hat und bei seiner Mutter wohnt.

„Verteilen uns, Bassidsch haben angegriffen, komm nicht her, treffen uns um 1 mit den anderen im Park, meine Schönste“. Wir verzichten auf den Kauf der Filzstifte. Plötzlich hören wir in der Ferne Rufe „Ya Hossein, Mir Hossein“3 , vor der Schule eine Gruppe, die sich in wenigen Minuten versammelt hat, die Stimmen werden immer lauter. Wir ziehen uns zurück, er hält meinen Arm, seine Hand zittert leicht, die Händler machen ihre Läden zu, die Rufe werden noch lauter: „Natarsin natarsin, ma hameh ba ham hastim!“ (Habt keine Angst, wir sind alle zusammen). Von der anderen Straßenseite kommt eine Gruppe erwachsener Männer mit Stöcken und Ketten angerannt, sie greifen die Schüler an, Schmerzensschreie mischen sich in die Parolen. Wir rennen zu dem Laden, er hat gerade zugemacht. Die Passanten machen einen Bogen um die Demonstranten, die Schüler werden verprügelt, rufen aber immer noch, während sie sich in die Nebenstraßen verteilen. Immer noch sind keine Ordnungskräfte eingetroffen. Ich weise meinen Begleiter darauf hin, dass niemand die Angreifer aufhält, dass es bestimmt Zivilpolizisten sind. Er entgegnet trocken, dass dieser ganze Aufruhr mitsamt den prügelnden Zivilpolizisten nur provoziert wird, um das Land zu destabilisieren. Er wird immer verschlossener und distanzierter, die Honigfarbe seiner Augen trübt sich. Dann sagt er plötzlich, dass wir gehen müssen, dass wir weder Schlafmittel noch Blutverdünnungsmittel finden werden, er mischt sich unter die Passanten, ich sehe ihn nicht mehr, ein schwarzer Punkt in der Menge.

„Sind im Park, ruf an“. An der Ecke treffe ich meinen jungen Händler wieder, schaue auf das Verfallsdatum der Packungen, die er mir gibt, wir handeln. Ich nehme auch das Schlafmittel, Zolpidem für die schlaflosen Nächte, in denen mich die Hustenanfälle meines Vaters, die Unentschlossenheit zwischen Freundschaft und Liebe für Ramin und die Zweifel an der Zukunft der „grünen“ Bewegung und an meiner eigenen Zukunft quälen, für die Abende, wenn der Proxy nicht funktioniert und keine Verbindung möglich ist.

Ich steige in den Bus, bei den Frauen gibt es noch einen Sitzplatz. Vorn hat alles vorbereitet. „Pass auf dich auf und vergiss nicht, Plavix für deinen Vater zu besorgen“, ruft sie, während sie die Treppe hinunterläuft. Seit sie in steigen mehrere Schüler ein, manche sind verletzt. Durch das Fenster sehe ich die Ordnungskräfte, die jetzt angekommen sind, um die letzten Widerspenstigen auseinanderzutreiben. Ich suche verzweifelt nach den honigfarbenen Augen zwischen den Passanten … nichts.

„Dites flûte ou violoncelle / Le double amour qui brûla / L’alouette et l’hirondelle“4 Ich frage mich, ob ich es nicht besser ohne Reim versuchen sollte. Die Schüler diskutieren erregt über die Zivilpolizisten, die sie angegriffen haben. Einen haben sie erkannt, er war früher fliegender Händler im Viertel, offenbar handelte er auch mit Drogen. Die junge Frau neben mir schläft ein und lässt ihre Pakete auf meinen Schoß fallen. „Werden vielleicht verfolgt, ruf hat alles vorbereitet. „Pass auf dich auf und vergiss nicht, Plavix für deinen Vater zu besorgen“, ruft sie, während sie die Treppe hinunterläuft. Seit sie in mich in 2 h bei Bidschan an, ild“. Der Bus kommt langsam voran, wir erreichen den Ferdowsiplatz, ich beschließe, zur Uni zu gehen.

Der Eingang wird überwacht, ich gehe mit gesenktem Kopf einfach weiter. An der Informationstafel steht, dass die Kurse bis auf Weiteres ausfallen. Die Bibliothek der Sprachfakultät hat noch geöffnet. Auf der Wand am Eingang steht: „Nieder mit dem Diktator“. Seyed, der alte Hausmeister, kommt mit Eimer, Putzmittel und Schwamm, um die Schrift zu entfernen, die er nicht lesen kann. Er fragt mich, ob es um den geistlichen Führer geht. Ich lese ihm leise die Losung vor, er sieht mich an und sagt, ich sollte besser nach Hause gehen. Ich empfehle ihm, Handschuhe anzuziehen, das Putzmittel sei sehr scharf. hat alles vorbereitet. „Pass auf dich auf und vergiss nicht, Plavix für deinen Vater zu besorgen“, ruft sie, während sie die Treppe hinunterläuft. Seit sie in

Ich setze mich in eine Ecke ganz hinten im Lesesaal und schlage das große Wörterbuch auf: Reseda kommt vom lateinischen resedare, lindern, die Blätter der Resedapflanze sind länglich und die Blüten nicht weiter auffällig, Reseda heißt „Espark“ auf Farsi, das reimt sich mit „Tschakawak“, unserem Wort für Schwalbe.

Ich schalte mein Handy aus.

Fußnoten: 1 Dt.: „Sie waren beide treu / Mit Lippen Herz Armen“. Aus „La Rose et la Réséda“ von Louis Aragon. Das berühmte Gedicht entstand 1943 und ist eine Erinnerung an vier französische Widerstandskämpfer, die der Gestapo zum Opfer fielen. Zwei von ihnen waren Kommunisten, zwei gläubige Christen. 2 Dt.: „Und ihr rotes Blut rinnt / Gleiche Farbe gleicher Glanz“. 3 Der Slogan „Mir Hossein“ gilt dem unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi hat alles vorbereitet. „Pass auf dich auf und vergiss nicht, Plavix für deinen Vater zu besorgen“, ruft sie, während sie die Treppe hinunterläuft. Seit sie in und „Ya Hossein“ (Ach, Hussein) greift das Wehklagen über den Tod von Imam Hussein auf, einer der wichtigsten Märtyrer der Schiiten. 4 Dt.: „Ob Flöte oder Cello / Die doppelte Liebe verbrannte / Die Lerche und die Schwalbe“.

A us dem Französischen von Claudia Steinitz

Mitra Keyvan ist Mitarbeiterin von Le Monde diplomatique auf Farsi.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.02.2010,