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Wer vertritt die Tibeter?

Geschichte und Gegenwart der Konfrontation mit China von Mathieu Vernerey

Die Niederschlagung der Demonstrationen in Tibet im März hat in aller Welt zu heftigen Protesten geführt. Zwei Wochen lang gingen tausende Tibeter zunächst in Lhasa, später auch in anderen Städten auf die Straße. Unter tibetischen Fahnen forderten sie lautstark die Unabhängigkeit ihres Landes. Sechzig Jahre chinesischer Herrschaft sind offensichtlich genug.

Dass Mönche die Demonstrationen mit anführten, wirft jedoch Fragen auf: Was ist das für eine Bewegung, die meist als buddhistische Revolte beschrieben wird? Auch die ungewöhnliche Gewaltsamkeit der Proteste – die freilich im Kontext der brutalen Repression durch Peking zu sehen ist – hat das Bild eines bislang als friedlich geltenden Kampfes ins Wanken gebracht. Der Zorn der „Aufständischen“ richtete sich gezielt gegen Han-Chinesen und muslimische Hui,1 was den Eindruck eines ethnisch oder religiös motivierten Aufstands erwecken konnte.

Die Demonstrationen begannen am 10. März, einem für die Tibeter symbolischen Datum. An diesem Tag begann in Lhasa 1959 der Volksaufstand gegen die chinesischen Besatzer. Die blutige Niederschlagung dieser Bewegung zwang den Dalai Lama und seine Regierung ins indische Exil, tausende Flüchtlinge folgten. Der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru nahm die Exilregierung damals zwar auf, hat sie aber auch später nie formell anerkannt. Dasselbe gilt übrigens für die Vereinten Nationen.

Die Invasion Tibets 1949 (in chinesischer Terminologie: seine „friedliche Befreiung“) ist ein Ereignis, das bis heute unterschiedlich gedeutet wird. Es verweist zum einen darauf, wie schwierig es für China schon immer war, diese Region zu vereinnahmen und zu halten. Zum anderen erinnert es daran, dass die Tibeter die moderne Welt nie von der historischen Berechtigung ihrer Unabhängigkeit überzeugen konnten.

Die chinesischen Ansprüche auf Tibet reichen bis ins 13. und 17. Jahrhundert zurück. Während der mongolischen Yuan-Dynastie (1279–1368) und der mandschurischen Qing-Dynastie (1644–1911) erreichte das chinesische Reich seine maximale Ausdehnung nach Westen. Die Yuan-Dynastie herrschte nach siegreichen Feldzügen über ganz Asien, einschließlich China und Tibet. Im Schatten der chinesischen Ming-Dynastie (1368–1644), die stärker auf Seekriege setzte, bauten die mongolischen Fürsten ihren Einfluss auf Tibet aus.

1578 konnte der Mongolenfürst Altan Khan interne religiöse Konflikte beilegen, indem er dem Oberhaupt des Gelupka-Klosterordens den Titel Dalai Lama („Ozean der Weisheit“) verlieh und somit dessen Führungsrolle bekräftigte. 1642 unterstrich Güshi Khan die politische Stellung des fünften Dalai Lama und erneuerte die Verbindungen zwischen Tibet und der Mongolei. Das Verhältnis zwischen beiden Reichen beruhte auf der Priester-Patron-Beziehung (im Tibetischen als „Chö-Yön“ bekannt): Der mongolische Fürst schützte Tibet militärisch; umgekehrt sorgte das tibetische geistliche Oberhaupt für das spirituelle Wohlergehen der Mongolei. Dieses Verhältnis galt auch in Bezug auf die Mandschurei und für andere verbündete Nachbarreiche.

Rückkehr Tibets in das Stiefmutterland

Interventionen von außen hat Tibet im Laufe seiner Geschichte also häufig erlebt, und zwar mehr von mongolischer als chinesischer Seite. Die Tibetaner riefen aber ihrerseits China zu Hilfe, um 1720 die Mongolen und 1792 die Nepalesen zu vertreiben. In dieser Zeit versuchte China erfolglos, eine eigene Verwaltung in Tibet aufzubauen. Nach dem Untergang der mandschurischen Qing-Dynastie rief der chinesische Revolutionsführer Sun Yat-sen 1912 die Nanjing-Republik aus. Ein Jahr später erklärten die Tibeter ihre Unabhängigkeit.

1914 unterzeichneten Vertreter Großbritanniens, Chinas und Tibets im indischen Shimla eine Konvention, die Tibet der chinesischen Oberherrschaft unterstellte. Dieses Abkommen hat China dann allerdings nicht ratifiziert, weil es die darin garantierte Gleichstellung der Tibeter nicht anerkennen wollte.

Während China mit internen Kämpfen und ausländischen Invasionen durch Frankreich, England, Russland und Japan beschäftigt war, erlebte Tibet zwischen 1913 und 1949 eine lange Periode faktischer Unabhängigkeit. Wenige Monate nach der Ausrufung der Volksrepublik China befahl Mao Tse-tung 1950 die Invasion in Tibet. Im UN-Sicherheitsrat gelang es den Vertretern Nationalchinas (des heutigen Taiwan), den Überfall als internes Problem darzustellen und völkerrechtlich absegnen zu lassen.2

1951 zwang Mao der tibetanischen Führung ein 17-Punkte-Abkommen auf. Es besiegelte die „Rückkehr des tibetischen Volkes in den Schoß seines Mutterlandes“, konzedierte den Tibetern dafür aber ein Autonomiestatut, in dem „das bestehende politische System, … der Status, die Funktionen und Zuständigkeiten des Dalai Lama“ anerkannt wurden. Für die Tibeter war der Dalai Lama allerdings nicht nur ihr geistiliches Oberhaupt, sondern auch ihr politischer Führer, wobei Letzteres dem Abkommen widersprach. Zudem erfüllte China keine einzige seiner vertraglichen Verpflichtungen.

Bei seiner Ankunft im indischen Exil 1959 kündigte der Dalai Lama dieses „Abkommen“ auf. Er setzte eine Exilregierung und ein Parlament ein und organisierte die Exilgemeinde, die an ihrem Kampf für die Unabhängigkeit festhielt. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er „günstige Bedingungen für Verhandlungen“ anstrebte, die zu einer „friedlichen Lösung“ führen sollten.3 1979 erklärte Chinas neuer Staatschef Deng Xiaoping, dass man „außer der Unabhängigkeit alles diskutieren“ könne.4 Bis 1985 durften vier Delegationen der Exiltibeter ihre Heimat besuchen, die 1965 den Status einer Autonomen Region erhalten hatte.5 Damit wollten die Chinesen die Fortschritte im Lande vorzeigen – die Besucher waren jedoch nicht sehr überzeugt.

1988 verzichtete der Dalai Lama in seinem „Straßburger Vorschlag“ offiziell auf das Ziel der Unabhängigkeit zugunsten einer Autonomie und Union mit China. Im März 1989 brach der Dialog jedoch ab: Am Jahrestag des Volksaufstands kam es zur blutigen Niederschlagung der größten Demonstrationen gegen die chinesische Besetzung seit 1959.

Um eine Wiederaufnahme der Gespräche zu erreichen, wiederholte der Dalai Lama immer wieder seinen Vorschlag einer „wirklichen Autonomie“ unter Anerkennung der Zuständigkeit Pekings für Außen- und Verteidigungspolitik. Doch obwohl zwischen 2002 und 2007 sechs weitere Treffen zwischen der chinesischen Regierung und den Exiltibetern abgehalten wurden, scheint sich die Geschichte nun zu wiederholen.

Die buddhistische Religion ist fraglos ein zentrales Wesensmerkmal der nationalen Identität Tibets. Aber das erklärt nicht alles. Die nationalistischen Gefühle im heutigen Tibet zeugen vor allem von einer wachsenden Ablehnung Chinas. Obwohl ein Großteil der Bevölkerung resigniert zu haben scheint, kommt diese Ablehnung immer stärker zum Ausdruck. Während Peking den Dalai Lama als den „größten Unruhestifter“ bezeichnet, schwindet dessen Einfluss bei den jüngeren Leuten.

Die innerhalb der chinesischen Gesamtgesellschaft ohnehin marginalisierten Tibeter erleben derzeit einen massiven Zustrom chinesischer Siedler, ohne dass die versprochene materielle Entwicklung bei ihnen ankommen würde. Dass die Investitionen, mit denen die Tibeter beschwichtigt werden sollten, weitgehend verpuffen, liegt vor allem daran, dass diese Investitionen einer kolonialen Logik folgen.

Die Gewalt, die sich im „chinesischen Lhasa“ entladen hat, ist keineswegs kennzeichnend für die gesamte Protestbewegung. Aber dass sich diese Bewegung zunehmend auf andere tibetische Städte und frühere tibetische Provinzen ausweitet, ist eine neue Entwicklung. Zudem vereinigt die Protestbewegung in ihren Reihen Tibeter sowohl aus dem nichtreligiösen als auch aus dem religiösen Spektrum.

Die Autorität des Dalai Lama, den seine Anhänger nicht nur als geistliches Oberhaupt, sondern auch als Chef der Exilregierung sehen, ist nach wie vor unangefochten, und zwar in Tibet wie in der Diaspora. Und obgleich einige Tibeter einen offensiveren Kampf fordern, bleibt der Dalai Lama die Figur, die die Nation zusammenhält. Auch die chinesischen Seite erkennt dies auf ihre Weise an, wenn der Sekretär der Kommunistischen Partei Tibets von einem „Kampf auf Leben und Tod gegen den Dalai Lama und seine Clique“ spricht.6 Solche Sprüche bestärken die Tibeter nur noch mehr in ihrem Nationalgefühl.

Die Haltung der Auslandstibeter gegenüber dem Dalai Lama und der Unabhängigkeitsfrage ist ungleich komplexer. Seit sich der Dalai Lama von Unabhängigkeitsforderungen förmlich distanziert und eine Politik der Öffnung und des Dialogs mit Peking verkündet hat, war das Thema Unabhängigkeit zum Tabu geworden. Im Oktober 2002 hat der nationale Führer aus seinem Exil sogar dazu aufgerufen, die antichinesischen Proteste und Bekundungen in der Welt zu unterlassen. Er wollte damit eine „Atmosphäre des Dialogs“ schaffen, aber auf viele Aktivisten wirkte der mäßigende Appell verwirrend und demobilisierend.

Die chinesische Regierung hatte damit ihr Ziel erreicht: Sie wurde nicht mehr offen angegriffen, und sie konnte mit dem bekundeten „guten Willen“ international sogar punkten. Doch jede Forderung nach einer Autonomie Tibets wischte sie einfach vom Tisch. Auf diese negative Politik konnten die Verfechter der tibetischen Unabhängigkeit verweisen, ohne selbst überzeugend darlegen zu können, wohin die Reise gehen sollte.

Die Autorität des Dalai Lama ist nicht mehr unbestritten

Im Ausland wird die Unabhängigkeitsbewegung von verschiedenen Exilgruppierungen repräsentiert, die jedoch nicht an einem Strang ziehen. Keine der Organisationen hat bislang ein klares Konzept entwickelt, das die Linie der „Exilregierung“ ersetzen oder ergänzen könnte. In Tibet selbst sind die Kundgebungen für die Unabhängigkeit meist isolierte Aktionen von Einzelnen oder aber spontane, unberechenbare Aktionen von Gruppen, die ohne Strategie und klare Ziele nur auf einen bestimmen Anlass reagieren.

Vor diesem Hintergrund bieten die Olympischen Spiele in Peking eine einmalige Chance, um die chinesische Herrschaft medienwirksam und vor aller Welt anzuprangern. Deshalb schlossen sich die fünf größten tibetischen Unabhängigkeitsorganisationen in Indien zusammen, um am 10. März zum Marsch in die Heimat aufzubrechen. Als die indischen Behörden diesen Marsch sofort unterbanden, löste das nur eine weitere Marschwelle aus. Gleichzeitig gab es erste Demonstrationen in Lhasa, die sich immer weiter ausbreiteten. Dabei zeigte sich, dass hier aus dem Volk kommende und zum Kampf entschlossene Kräfte zwar gemeinsam auftreten, aber noch keine Bewegung mit gemeinsamen politischen Visionen und erkennbaren Strategien bilden.

Damit stellt sich noch einmal allgemeiner die Frage nach einer eigenständigen Repräsentation des „tibetischen Volkes“ und den dazu erforderlichen Ausdrucksformen. Die Mehrzahl der Tibeter im Inland betrachtet die „Exilregierung“ als ihre rechtmäßige Vertretung, da sie den traditionellen Herrschaftsanspruch des Dalai Lama repräsentiert. Das Scheitern aller bisherigen Lösungsvorschläge und die Kehrtwende weg von der Forderung nach Unabhängigkeit erzeugen jedoch ein gewisses Misstrauen, das sich bislang allerdings kaum gegen die Person des Dalai Lama selbst richtet.

In ihrem diplomatischen Auftreten unterscheidet sich diese „Regierung“ von den Vertretern des „Tibetischen Exilparlaments“. Letzteres soll alle Tibeter repräsentieren, einschließlich der Menschen im Lande, dies aber eher nur symbolisch, da ein Diskussionsprozess in Tibet selbst ja nicht möglich ist. Die Wählerbasis des Parlaments besteht also aus Exiltibetern in Indien und Nepal, organisiert nach den drei Herkunftsregionen im historischen Tibet. Vertreten sind auch die fünf buddhistischen Schulen und die Diaspora in Europa und Nordamerika. Nicht zuletzt wegen dieses komplizierten Zuschnitts der „Wahlkreise“ ist parlamentarische Repräsentation ziemlich undurchsichtig.

Hinter all dem verbirgt sich jedoch ein anderes Problem: die Scheu der Tibeter vor einer echten politische Debatte. Das Exilparlament basiert deshalb auch nicht auf einem Parteiensystem. Die vorläufige Verfassung schreibt diese Repräsentationsform nicht vor. Sie sagt dazu schlicht gar nichts, obwohl sie ansonsten durch Reformen die Gewaltenteilung sowie die Direktwahl der Abgeordneten und des „Premierministers“ eingeführt hat.

Demokratische Institutionen allein machen eben noch keine Demokratie aus, solange es nicht möglich ist, auf der Grundlage unterschiedlicher politischer Ziele oder Ideale über eine Sache zu streiten. Zum Beispiel auch über die offensichtliche – aber nicht förmlich vollzogene – Spaltung zwischen den Verfechtern der Unabhängigkeit und den Anhängern des Autonomiestatuts.

Vor den letzten Wahlen zum tibetischen Exilparlament im März 2006 plädierten einige Kandidaten für die Unabhängigkeit, verfochten diese in der späteren Ausübung ihres politischen Mandats jedoch nicht mehr offensiv. Die Erklärung dafür ist, dass die Bekundung einer Meinung, die von der Linie des Dalai Lama abweicht, innerhalb der tibetischen Gemeinschaft sofort als Opposition gegen die höchste Autorität aufgefasst wird.

Da innerhalb des Parlaments noch immer das alte Denken vorherrscht, ist die Bildung von politischen Parteien vorerst ausgeschlossen. Allerdings bekennen sich mehr und mehr Abgeordnete zu einem unabhängigen Tibet, und manche setzen dafür bereits auf eine außerparlamentarische Koalition. Doch angesichts der prekären Lage der Flüchtlinge, der ambivalenten Haltung Indiens gegenüber den Exiltibetern, des Drucks ausländischer Regierungen, den Status quo zu erhalten, sowie der Repressalien der chinesischen Regierung gegen die Tibeter im Inland sind die Spielräume sehr eng.

Das Aufbegehren im Lande hat also einstweilen noch keine politische Stimme. Ohne die werden aber die zart sprießenden Knospen dahinwelken, ehe sie richtig aufblühen konnten. Für Chinas Präsidenten Hu Jintao sind die Ereignisse von Lhasa mit unguten Erinnerungen verbunden: Er war während der Demonstrationen von 1989 als Sekretär der Kommunistischen Partei für Tibet zuständig und hat damals die Repressionsmaßnahmen angeordnet und das Kriegsrecht verhängt. Hu Jintao weiß also genau, dass die Bewegung, die seinerzeit das Dach der Welt erschütterte, nur das Präludium für das war, was sich kurz darauf auf dem Platz des Himmlischen Friedens abspielte.

Die Stimmung in Tibet könnte auf die anderen Regionen übergreifen, in denen die Forderung nach Anerkennung nichtchinesischer Identitäten virulent ist: etwa bei den Uiguren in Xinjiang oder bei den Mongolen in der Inneren Mongolei. Angesichts der Olympischen Spiele steht Peking vor der Frage, wie sich das chinesische Image in der Welt verbessern und zugleich eine innenpolitische Situation bewältigen lässt, die für die Stabilität des Landes bedrohlich werden könnte.

Fußnoten: 1 China definiert sich mit seinen 56 Ethnien als multiethnisches und multinationales Land: Die Han machen 92 Prozent der Bevölkerung aus. Die Tibeter und Hui wie die Uiguren und die Mongolen genießen formell den Status von Autonomen Regionen: Tibet, Ningxia, Xinjiang, Innere Mongolei. Siehe „China – Verordnete Harmonie, entfesselter Kapitalismus“, Edition Le Monde diplomatique, März 2007. 2 Nach dem Aufstand von Lhasa wurden drei UN-Resolutionen verabschiedet: 1959, 1961 und 1965. In der Resolution von 1961 wird an das „Selbstbestimmungsrecht“ des tibetischen Volkes erinnert. 3 Erklärung des Dalai Lama in Mussorie (Indien) am 20. Juni 1959. 4 Diese Nachricht ließ Deng Xiaoping dem älteren Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondup, in Peking im März 1979 übermitteln. 5 Die Autonome Region umfasst das Kerngebiet (Utsang) des historischen Tibet. Die anderen traditionellen Provinzen Kham und Amdo wurden in die chinesische Provinz Qinghai und die westlichen Randzonen von Gansu, Sichuan und Yunnan eingegliedert. 6 Die Rede von Zhang Qingli in: Quotidien du Tibet, 21. Mai 2006. Dieselbe Zeitung griff das Zitat am 19. März 2008 wieder auf mit dem Titel: „Kampf auf Leben und Tod gegen die Clique des Dalai Lama“.

Aus dem Französischen von Veronika Kabis Mathieu Vernerey ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.04.2008,