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Was die Nigerianer von der Scharia erwarten

Im letzten Jahr wurde die 30-jährige, geschiedene Amina Lawal im Norden Nigerias wegen „Ehebruchs“ vor ein islamisches Gericht gestellt und zum Tode durch Steinigung verurteilt. Ihr Vergehen: Sie erwartete ein Baby. Nigeria ist ein säkularer Staat, weshalb die Berufungsverhandlung im August weltweit Aufmerksamkeit erregen wird, zumal kürzlich die zum Tode verurteilte „Ehebrecherin“ Safiya Hussaini vom Bundesgericht begnadigt wurde. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist kulturell weit vielfältiger, als es der von den Medien beschriebene Gegensatz zwischen muslimischem Norden und christlichem Süden vermuten lässt.

Von JEAN-CHRISTOPHE SERVANT *

SEINE Wiederwahl wird Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo, der am 29. Mai 2003 sein Amt antrat, kaum wirklich genießen können. Denn das islamische Recht, die Scharia, dürfte die Zukunft der ohnehin fragilen Demokratie demnächst auf eine harte Probe stellen. 36 Bundesstaaten besitzt das anglophone westafrikanische Land, das bevölkerungsreichste Afrikas. Zwölf von ihnen haben seit 1999, als das Militär die Macht abgab, die Scharia bereits eingeführt, zwei weitere könnten sich in Kürze anschließen. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Religionsgruppen wachsen. Seit im Frühjahr 2000 Safiya Hussaini nach islamischem Recht wegen „Ehebruchs“ zum Tode verurteilt worden war, ist die Weltöffentlichkeit alarmiert.1

Doch in den Bundesstaaten, in denen die Scharia bereits herrscht und wo die Menschen ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt hatten, dass das islamische Recht in ihrer verheerenden sozialen Lage Abhilfe schaffen könnte, wartet man bisher vergebens auf greifbare Anzeichen einer positiven Veränderung. Kano, die drittgrößte Stadt des Landes und Wirtschaftszentrum des Nordens, liegt in dem gleichnamigen, mit seinen 8,5 Millionen Einwohnern zweitgrößten Bundesstaat. Die Stadt Kano, in der 3 Millionen Menschen leben, ist im Begriff, zur Metropole der Scharia im muslimischen Norden zu werden, zum Symbol für die unsinnigen Hoffnungen, die das islamische Recht geweckt hat, für dessen Widersprüche und auch für dessen politische Instrumentalisierung.

„Dank Gottes Hilfe leben wir in einer Demokratie, und das Volk hat ein Recht auf Freiheit. Wir alle wollen das islamische Recht. Für mehr Gerechtigkeit und größeren Wohlstand.“ So beschrieben uns Studenten der Bayero University wenige Wochen vor der offiziellen Einführung der Scharia in Kano die überzogenen Erwartungen, die man damals mit dieser Maßnahme verband. Seit dem „politischen Schachzug“2 Ahmed Sani Yerimas – Gouverneur des Bundesstaates Zamfara und Gegner des Präsidenten Obasanjo– breitet das islamische Recht sich im Norden aus. Unter dem Druck der Straße musste Rabiu Musa Kwankwazo, Gouverneur von Kano und Mitglied der People’s Democratic Party (PDP), am 21. Juni 2000 auch für Kano und den zugehörigen Bundesstaat die Einführung der Scharia verkünden.

„Die Leute in Aso Rock, im Präsidentenpalast in Abuja, nennen uns die Führer von morgen“, sagen uns junge Studenten. „Aber was tun sie, um unsere alltägliche Situation zu verbessern? Sie streben nur nach der Macht, um den Erdölreichtum des Landes in die Hand zu bekommen. Die Scharia wird all das ändern.“ Auch wenn Kano auf den Nummernschildern der Autos als Center of Commerce bezeichnet wird und Kumi Market der älteste Markt Westafrikas ist, bleibt Kano dennoch die am wenigsten entwickelte Metropole des Landes. Zwei Drittel der Einwohner verdienen weniger als einen Euro pro Tag. Jenseits des Bankenviertels, dessen erstaunliche Dynamik viele mit dem schmutzigen Geld erklären, das der verstorbene Diktator Sani Abacha3 – der aus Kano stammte – dort in Umlauf brachte, reiht sich ein Elendsviertel ans andere; dort gibt es weder Wasser noch Strom, und die Yandabas (wie Ganoven in der Haussa-Sprache4 genannt werden) treiben hier ihre Schutzgelder ein.

Neben den riesigen, taghell erleuchteten Villen der Oligarchie gibt es die Viertel der einfachen Leute, die durchzogen sind von zahlreichen toten Flussarmen. Hier nehmen immer wieder Cholera- und Typhusepidemien ihren Ausgang. Da die Tankstellen seit Ende 1990 kein Benzin mehr haben – eine der erstaunlichsten Paradoxien des sechstgrößten Erdölproduzenten der Welt –, versorgt man sich in Kano auf einem Schwarzmarkt. Jeder zweite Einwohner der Stadt hat keine feste Anstellung, und wer aus dem völlig wehrlosen Haussa-Lumpenproletariat in einer der (meist von libanesischen Strohmännern geführten) Nahrungsmittel verarbeitenden oder chemischen Fabriken der Stadt Arbeit findet, verdient weniger als 350 Naira (ca. 2,30 Euro) am Tag. Ein Student der Federal University meinte: „Wenn Karl Marx heute leben würde, würde er sein ,Kapital‘ auf der Grundlage der Verhältnisse in Nigeria schreiben.“ Dabei erhält der Bundesstaat Kano jedes Jahr mehrere dutzend Milliarden Naira Hilfe aus Bundesmitteln. Und was ist die Folge? „Welcome Scharia!“

Die Begeisterung für die Scharia hat nicht nur Muslime erfasst, sondern auch Christen in Sabon Gari, einer Enklave, die traditionell den Angehörigen von nicht aus Kano stammender Ethnien vorbehalten ist und deren Nachtleben den entsprechenden Vierteln von Lagos in nichts nachsteht. In dieser erregten, erwartungsvollen Atmosphäre ist Yusuf Ozi Usman, ein muslimischer, den Ebri angehörender Journalist, der seit 20 Jahren in Kano lebt, einer der wenigen, die sich eher in Moll-Tonlage äußern. „Wenn der Koran überall derselbe ist“, meint er, „dann sind Politik und Scharia hier wie siamesische Zwillinge.“ Nach seiner Ansicht „hat Gouverneur Kwankwazo sich weder aus fundamentalistischer Überzeugung noch aus moralischer Inbrunst, sondern allein aus wahltaktischen Gründen für die Einführung der Scharia entschieden. Ich glaube nicht, dass die powerbroker [die politischen Machthaber] und die moneymaker [die Wirtschaftsbarone] dieser Stadt sich jemals vor den islamischen Gerichten zu fürchten haben werden. Die kleinen Leute werden am Ende zahlen, nicht die Korrupten und auch nicht die, die öffentliche Gelder veruntreuen.“

Im Februar 2003, dem Jahr zwei der Scharia, hat sich in Kano die Atmosphäre spürbar verändert, die Spannung hat nachgelassen, die heißen Nächte in Sabon Gari sind nicht mehr dieselben. Als gäbe es eine Sperrstunde, leeren sich um 22 Uhr die Terrassen und die Stromgeneratoren werden abgeschaltet. Alkohol kann man trotzdem bekommen, denn trotz Dunkelheit bleibt Kano seinem Ruf als größter Bierkonsument des Landes treu. Und obwohl das islamische Recht die Prostitution verbietet, ist auch sie nicht verschwunden. Sie findet nun in den Hinterzimmern und Hinterhöfen der Bordelle statt, abseits der Straße, und das sogar in der Abedi Road, dem Zentrum muslimischen Bekehrungseifers. Wir sind hier fern von den Klischees, die in der westlichen Presse über das nigerianische „Talibanland“ verbreitet werden – und ebenso fern von den Versprechungen der Behörden.

Der Besitzer einer Bar in der Abeokuta Road, ein Igbo, gesteht immerhin, dass er „Angst vor dem Unbekannten“ hat, insbesondere seit den Demonstrationen vom 13. Oktober 2001. Der Protest gegen die amerikanischen Bombardements in Afghanistan führte schließlich zu Ausschreitungen am Rande des Stadtviertels Sabon Gari, denen mehr als hundert Menschen, in der Mehrzahl Christen, zum Opfer fielen.

Nach Ansicht mancher Journalisten waren diese blutigen Ausschreitungen die Tat muslimischer Extremisten der Atadschit-Bruderschaft, einer kleinen fundamentalistischen Sekte, die den „Dschihad gegen die amerikanischen Interessen“ predigt. Andere geben die Schuld eher politischen Gegnern des Gouverneurs Kwankwazo, die mit Hilfe der Yandabas seine Amtsführung zu „beschmutzen“ versuchten.

Im Wahlkampf im Frühjahr 2003 war der Islam jedenfalls mehr als je zuvor ein politisches Argument. In den Städten, wo man 1999 für Obasanjo gestimmt hatte, wandte man sich diesmal seinem Gegner, dem General a. D. Muhammadu Buhari, zu, der an der Spitze der All Nigeria People’s Party (ANPP) steht. „Weil er ein Muslim ist, weil er die Ordnung wiederherstellen wird und weil Abuja uns an den Rand drängt“, erklärt uns ein junger Funktionär.

Auf dem Land unterstützt man dagegen weiterhin den zur Wiederwahl antretenden Präsidenten. „Die Bauern lassen sich nicht vom politischen Klima der Städte beeinflussen und vergiften“, sagt Aïcha, eine Frankophile, die bei den Landfrauen Wahlwerbung für die Regierung macht. „Zumal sie schon mit wenig zufrieden zu stellen sind: mit Elektrizität, mit dem Beginn einiger Projekte zur Wasserversogung“ und, wie die Opposition behauptet, mit ein paar hunderttausend Naira für die Oberhäupter der Bezirksregierungen. Im Bundesstaat Kano gibt es vierundvierzig davon. „Alle korrupt“, gesteht das traditionelle Oberhaupt des Dorfes Beibeji. Hier erlebt der mittelalterliche Islam seine Auferstehung. Hier wurde Safiya Husseini zum Tode verurteilt – eine Welt der Strohhütten und des Analphabetentums, in der Frauen mit 12 Jahren verheiratet und Dorfstreitigkeiten durch eine Schlägerei geklärt werden. Ein anderes Nigeria, das mit der Anwendung der Scharia nicht auf deren offizielle Einführung gewartet hat. „Schon immer hat der Islam den Alltag bestimmt, von der Erbschaft bis zur Scheidung“, erläutert Aïcha.

Anders als in der Stadt braucht man hier keine hisbahs, jene in grüne Uniformen gekleideten Milizen, die über die Einhaltung des islamischen Rechts wachen. Man findet sie überall in den Schilderhäusern, die an den Eingängen zu den ärmeren Vierteln aufgestellt sind. Es ist schwer zu erkennen, wem sie unterstehen. Die Soldaten, die im Dienst der Regierung des Bundesstaats Kano stehen, sind nur schwer von denen zu unterscheiden, die für den Imam einer Moschee, für ein traditionelles Oberhaupt oder auch für einen big man (Paten) auf Seiten der Opposition arbeiten. Nach dem Vorbild der sich im ganzen Land verbreitenden Stammesmilizen5 hat die Scharia tatsächlich zu einer Privatisierung der Justiz geführt, diesmal im Namen Gottes: „Alle wollen heutzutage hisbah werden“, erklärt Dr. Ameen Al Deen Abubakar, Vorsitzender des State Hisbah Committee, der offiziellen Vereinigung der hisbahs. Und genau darin liegt das Problem. Ein wenig verlegen räumt er ein, „dass es gelegentlich Missbräuche gegeben hat“, und fügt dann hinzu: „Aber das hat sich inzwischen gebessert.“

Opfer solch eines Missbrauchs ist Sani Dan Indo geworden. Diese regional sehr bekannte Haussa-Sängerin, die für ihre Kalengu-Musik bei ihren Vorstellungen auf spektakuläre Weise mit Naira-Scheinen überschüttet wird, musste vergangenen Sommer zusehen, wie ihre Instrumente bei einer Vorstellung im Central Hotel von hisbahs zerstört wurden. Nach Ansicht dieser Wächter des Islam hatte Dan Indo durch ihre Auftritte gegen die Gebote des Koran verstoßen. „Ich habe nie einen Anwalt nehmen wollen“, erklärt sie, „denn wenn ich mich beklage, wird man sagen, ich verbände die Musik mit der Religion und sei eine schlechte Gläubige. Jedenfalls habe ich noch nicht gehört, dass selbst in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien Musiker so misshandelt werden wie hier. Aber was ist das für eine Scharia? Ich bin für das islamische Recht. Diese hisbahs wollten aber nur mein Geld.“

Sani Dan Indo lebte in Tamburawa, einem Dorf, das etwa 20 Kilometer südlich von Kano in Richtung Zaria liegt. Bei Tage gleicht der Ort den anderen Dörfern an der Straße, die in den Süden Nigeras führt. Abends dagegen bietet er einen schizophrenen Anblick. Haussa-Fernfahrer, Städter aus Kano, Gruppen junger Frauen, die einen Geburtstag feiern, angeheiterte Nachtschwärmer und muslimische Lebemänner bevölkern die einzige Straße des Dorfes und flanieren zwischen den vier Bordellen, Clubs und Schankwirtschaften, die sie säumen. Haussa-Rap, begleitet von amerikanischen HipHop- und jamaikanischen Reggae-Instrumenten, Bier, Gras, Soldatenliebchen, unverheiratete Paare – die Jugend von Tambura trotzt der Scharia. Die hisbahs haben keinen Zugang. „Wenigstens hier lässt man uns in Ruhe“, erklärt Sani Dan Indo mit Blick auf Musiker, die ihr zu Ehren aus Katsina gekommen sind. „Und schließlich tun diese jungen Leute nichts Unrechtes. Warum sollte man sie verdammen? Haben sie etwa kein Recht, sich zu amüsieren? Wir leben doch in einer Demokratie, oder? Nur Gott kann darüber urteilen. Nicht diese hisbahs, die nicht einmal den Koran kennen.“

Ussama Africa gleicht seinem saudischen Vorbild und Namensvetter wie ein Ei dem anderen. Nur dass er natürlich schwärzer ist. Ussama ist ein hisbah. Wenn man ihn fragt, was er an Ussama Bin Laden schätzt, sagt er in seinem gebrochenen Englisch: „Ich liebe ihn, weil Amerika ihn töten will und weil er Muslim ist.“ Zusammen mit seinen Freunden in der Miliz würde Ussama Africa „gerne am Dschihad teilnehmen. Aber dann müsste er uns ein Flugzeug schicken. Wir können gar nichts tun. Wir haben kein Geld. Aber ich glaube auch, dass Ussama nichts für uns tun kann.“ Dennoch gab ihnen ihr Held am 11. Februar vergangenen Jahres ein großes Zeichen. In einer von al-Dschasira am Tag des Opferfests Aid al-Kebir ausgestrahlten Tonbandbotschaft nannte der Führer der al-Qaida Nigeria erstmals als eines der Länder mit der größten Bereitschaft, „den Befreiungskrieg zu führen“. „Eine Fälschung der CIA“, meinten westliche Diplomaten in Abuja. Ein Täuschungsmanöver, das jedenfalls gerade zur rechten Zeit kam, um die Regierung Obasanjo, die im Lager der gegen eine amerikanisch-britische Intervention im Irak eingestellten afrikanischen Staaten stand, an die Bush-Administration anzunähern. Zumal es im Schatten des Kriegs gegen den weltweiten Terrorismus auch andere, weniger leicht einzugestehende Erklärungen gibt, zum Beispiel die einträglichen Ölvorkommen im Golf von Guinea.6

Sollte die „fundamentalistische“ Gefahr nichts als ein Druckmittel sein? Nach einem offiziellen US-amerikanischen Bericht sind Nigeria und der Sudan die zwei afrikanischen Staaten, die „hinsichtlich der Religionsfreiheit größten Anlass zur Sorge geben“. Und nach demselben Bericht stellt die Scharia „eine Herausforderung für die verfassungsmäßigen Rechte und die Religionsfreiheit“ dar. Jedenfalls haben die Vereinigten Staaten ihre Haltung nicht weiter präzisiert, seit Präsident Obasanjo – ein „wiedergeborener“ Christ – das „verfassungsmäßige Recht der Bundesstaaten auf Einführung des islamischen Rechts“ anerkannt hat.7 Und sie haben auch nichts über den beunruhigenden christlichen Fundamentalismus gesagt, den die im Süden des Landes stark expandierenden evangelikalen Bewegungen und Pfingstkirchen verbreiten. Unerwähnt bleiben auch die Kirchen, die nach der Einführung der Scharia in Sabon Gari zu dutzenden entstanden und zum Teil einen „christlichen Dschihad“ predigen. Noch beunruhigender ist schließlich die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten, die so rasch bei der Hand sind, wenn es um den Schutz der nigerianischen Christen geht, sich nicht sonderlich um das Schicksal der Angehörigen anderer Glaubensrichtungen kümmern. Die Muslime im Norden sind Opfer einer „Scharia der zwei Geschwindigkeiten“. „Einer der jungen Leute, die ich in den Glauben eingeführt habe, ist gestern von hisbahs misshandelt worden. Der Koran spricht von Frieden und Toleranz, nicht von Gewalt“ sagt Omar, ein „guter Muslim“ und Verwandter des Emirs von Kano; er gehört zu den traditionellen Oberhäuptern und spirituellen Führern der Stadt und vollzieht das Bori, eine Zeremonie der vorislamischen Haussa. Während das Juju (das südnigerianische Voodoo) von manchen Evangelikalen verfolgt wird, hat das Bori unter Daw’a-Predigern zu leiden, die den Ulemas eine Zerrüttung der Moral vorwerfen und in den Armenvierteln die Spannungen unter den Muslimen schüren.8

Doch die internationale Einmischung – nicht allein die von Seiten der USA – stört den sanftmütigen Gouverneur Rabiu Musa Kwankwazo: „Kürzlich erhielt ich wieder einmal einen Brief von einer deutschen Vereinigung, in dem man mich aufforderte, den Amputationen in meinem Staat ein Ende zu setzen. Aber wir haben hier noch nie jemanden amputiert. Und auf jeden Fall ist das nicht das Problem, das wir in Kano haben. Der strafrechtliche Aspekt macht allenfalls 5 Prozent der Scharia aus. Ihr im Westen konzentriert euch auf diese Frage und vergesst dabei, dass unser eigentliches Problem die Unterentwicklung ist. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, in welchem Zustand wir Kano vorgefunden haben, als wir 1999 hierher kamen.“

Dennoch scheint das Elend in Kano seit unserem letzten Aufenthalt (bei der Einführung der Scharia) nur noch größer geworden zu sein. Wegen – oder trotz – des islamischen Rechts soll das Geld aus dem Bankensektor der Stadt abgezogen worden sein, und es heißt, selbst die großen Haussa-Vermögen seien in die Bundeshauptstadt Abuja transferiert worden. Von der nigerianischen Presse geächtet, von westlichen Unternehmen verteufelt und von den internationalen Entwicklungsorganisationen aufgegeben, steckt die Welt der Haussa in der Falle ihrer Scharia.

„Die Zustände im Bildungs- und Gesundheitswesen sind dramatisch“, erklärt uns einer der letzten Europäer der Stadt. „Die christlichen Ärzte haben die Region verlassen und ihre Privatkliniken geschlossen. Das Ende der gemischten Schulen und der Versuch, die Lehrerstellen allein mit einheimischen Kräften zu besetzen, haben die Probleme nur verdoppelt.“

Auch die Diagnose des Scheichs Jaffar Usman lässt keinen Widerspruch zu: „Ich dachte, die Scharia würde streng nach den Grundsätzen des Koran angewendet und alle in Kano, Muslime wie Christen, zögen am Ende Vorteile aus einer gerechten Justiz. Doch kaum 5 Prozent der Reichen in Kano tragen zum Zakat [den Almosen] bei. Und das Volk ist ärmer als jemals zuvor. Das einzige Geld, das hier verteilt wird, dient dem Stimmenkauf.“ Scheich Jaffar Usman ist Gründer des Bin Affan Islamic Trust, einer der angesehensten islamischen Schulen in Kano. Jeden Tag kommen 600 Schüler – Jungen und Mädchen – in der von einem Minarett überragten Grund- und Hauptschule zusammen. Fern von den archaischen Madrassas der Altstadt, die ihre Schüler, die Almadschirai, zum Betteln an die Straßenkreuzungen schicken, vermitteln die Lehrer des Bin Affan Islamic Trust gleichermaßen „muslimische Werte und westliche Bildung“.

Scheich Jaffar Usman hat an der Islamischen Universität in Medina und an der Afrikanischen Universität in Khartoum studiert. Menschen, die ihm nahe stehen, beschreiben ihn als „Republikaner“. Mit kritischem Blick auf die „arabischen Diktaturen“ meint der Scheich (ein Mittvierziger), ein Muslim solle „Zeit seines Lebens sein Wissen mehren“. In seinen Augen gehen die Todesurteile gegen Safiya Husseini und Amina Lawal „zweifellos auf bedauerliche Fehlurteile zurück. Die Alkalis können sich durchaus irren“, fügt er hinzu. „Aber das darf man nicht dem islamischen Recht anlasten.“ Fast drei Jahre nachdem er „mit Freude“ die Einführung der Scharia in Kano begrüßt hat, ist der Scheich heute verbittert. „Man hat uns getäuscht. Aber das wird keinen Bestand haben. Eines Tages wird sich die Scharia gegen jene wenden, die sie eingeführt haben. Der Zorn Gottes wird schrecklich sein. Und das Volk wird Rechenschaft von denen verlangen, die es verraten haben.“

Zur allgemeinen Überraschung und trotz der gekauften Stimmen unterlag Gouverneur Kwankwazo im Mai 2003 seinem Rivalen von der ANPP, Ibrahim Shekarau. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Kano werde nun „die wahre Scharia“ kennen lernen. Nach vier Jahren Demokratie –oder vielmehr „Demokrazie“, wie man das politische System mit einer Mischung aus Ironie und Fatalismus gerne nennt –fühlt das Volk der Haussa sich getäuscht und ausgeraubt. Angesichts der Wahlfälschungen verstärkt die Niederlage des Oppositionskandidaten Muhammudu Buhari bei der Präsidentenwahl nur die Frustration durch ein islamisches Recht, „das die Armen unterdrückt und die Reichen bevorzugt“. Doch das ist letztlich nur eines der Alarmzeichen für den schleichenden Zorn, der das ganze Land und alle Religionen befallen hat. Aus dieser Unruhe könnte wirklicher – muslimischer oder christlicher – Fundamentalismus hervorgehen. Für die Bevölkerung, die immer tiefer in Armut versinkt, ist die Religion der letzte Halm, an den sie sich klammert. Da kommt es nicht darauf an, wer einem den Halm hinstreckt. Verzweiflung macht blind.

deutsch von Michael Bischoff

* Journalist

Fußnoten: 1 Präsident Olusegun Obasanjo hat versprochen, dass solche Strafen in Nigeria niemals vollstreckt würden. 2 Siehe Murray Last, „Le Charia dans le Nord-Nigéria“, Politique africaine, 2000, S. 141–152. 3 Letzter Diktator Nigerias, dessen brutales Ende im Jahr 1997 den Weg für die Präsidentenwahl 1999 öffnete, aus der die zivile Regierung des Präsidenten Olusegun Obasanjo hervorging. 4 Die Haussa, eine der drei größten Ethnien des mehr als 250 Ethnien zählenden Landes, leben vor allem im Norden. Ihre Sprache wird von mehr als 50 Millionen Menschen in der Sahelzone gesprochen. Die beiden anderen Hauptethnien sind die (teils christlichen, teils muslimischen) Yoruba im Südwesten und die (christlichen) Igbo im Südosten des Landes. 5 Zu nennen wäre hier die Yoruba-Miliz des Oodua People’s Congress (OPC), die als ständiger Ersatz für die Polizei in den Straßen von Lagos patrouilliert, oder die Igbo-Miliz der Bakassi Boys, deren außergesetzliche Hinrichtungen von Menschenrechtsorganisationen angeprangert werden. 6 Siehe Jean-Christophe Servant: „Stille Offensive, das Interesse der USA an den Erdölvorkommen Afrikas“, Le Monde diplomatique, Januar 2003. 7 BBC London, 18. Februar 2003. 8 Wie im Dezember 1980 bei der blutigen Unterdrückung der Anhänger des Propheten Maitatsine, der tausende von Menschen zum Opfer fielen. Kano erlebt heute ein Wiederaufleben dieser Art muslimischer Erweckungsbewegung.

Le Monde diplomatique vom 13.06.2003,