Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 14.08.1998


  • Von
    IGNACIO RAMONET
  • Wie wird das nächste Jahrhundert aussehen? Wie wird sich die Rollenverteilung unter den zweihundert Staaten unserer Erde entwickeln? Sicher werden einige mehr Einfluß ausüben als andere. Die Vereinigten Staaten setzen alles daran, ihre unbestreitbare Vorrangstellung zu behaupten. Es wird ihnen dabei vor allem darum gehen, die Spielregeln für das „Zeitalter der Elektronik“ einseitig in ihrem Interesse festzulegen, um sich für das kommende Jahrhundert die Herrschaft über die weltweiten Netze zu sicher. DasInternet könnte aus dieser Sicht vor allem der Ausweitung des amerikanischen Handels dienen. Aber keine Hegemonie ist ewig. Und Europa und einige Länder des Südens beginnen, wenn auch noch vorsichtig, aufzubegehren.Von
    HERBERT I. SCHILLER *
  • Der Sieg Frankreichs bei der Fußballweltmeisterschaft hat einen kleinen politischen Erdrutsch bewirkt: Das Volk findet sein Frankreich in der ethnisch gemischten Mannschaft wieder. Die Symbole der Republik – Nationalflagge und Nationalhymne –, welche die Rechten lange okkupiert zu haben schienen, kehrten ins Herz der Bürger zurück. Was sahen die Menschen auf den Bildschirmen und Leinwänden? Was auf den Straßen und Plätzen?Von
    MARC AUGÉ *
  • DER jüngst getroffene Beschluß der israelischen Regierung, die Judaisierung von Ost-Jerusalem voranzutreiben, bestätigt das Scheitern der Osloer Verträge. Diese festgefahrene Situation hat unter den arabischen Intellektuellen neue Diskussionen über ihre Rolle und Verantwortung ausgelöst. Viele von ihnen (mit wenigen mutigen Ausnahmen) sehen in Roger Garaudy, obwohl sie dessen jüngste Werke häufig nicht einmal kennen, einen Verteidiger des Islam, der zum Opfer der westlichen Zensur geworden ist. Edwrd W. Said, der sowohl gegenüber Garaudy als auch gegenüber seinen arabischen Anhängern (vor allem in Ägypten) eine sehr kritische Position einnimmt, äußert sich im Folgenden zur Frage des moralischen und politischen Engagements arabischer und israelischer Intellektueller und zu einem demokratischen Ausweg aus der Krise.Von
    EDWARD W. SAID *
  • ALS das „Wirtschaftswunder“ zu Ende ging, verließen die meisten Europäer nach und nach die Elfenbeinküste, ihr Eldorado der siebziger Jahre. Einige jedoch blieben da und leben heute in Grand Bassam oder anderen Vororten von Abidjan als ärmliche Boheme, werden aber dennoch von den Afrikanern akzeptiert – als eine vom Aussterben bedrohte Ethnie.Von unserem Korrespondenten
    MICHEL GALY
  • DER ehemalige Chef der linken Gruppe Potere Operaio, Antonio (Toni) Negri, sitzt derzeit im römischen Gefängnis Rebibbia ein. Nach vierzehn Jahren im Pariser Exil stellte er sich am 1. Juli 1997 den italienischen Behörden. Negri wurde wegen „bewaffneten Aufstands gegen den Staat“ zu dreißig Jahren Haft verurteilt und erhielt zusätzlich viereinhalb Jahre wegen „moralischer Verantwortung“ für die Zusammenstöße zwischen Linksaktivisten und der Polizei im Mailand der Jahre 1973-1977. Durch die Anrechnun der Untersuchungshaft und verschiedene Strafnachlässe bleiben ihm theoretisch noch vier Jahre zu verbüßen. In Erwartung einer Generalamnestie, deren Verabschiedung die italienischen Abgeordneten bislang verweigern, wurde ihm Ende Juli erlaubt, außerhalb des Gefängnisses zu arbeiten. Im Folgenden erinnert er sich an die politischen Erfahrungen im Italien der siebziger Jahre.Von
    TONI NEGRI *
  • SEIT zehn Jahren wird im brasilianischen Pôrto Alegre ein vorbildliches Experiment durchgeführt: das System des partizipativen Haushalts (OP). Parallel zum gewählten Stadtrat wurden neuartige Entscheidungsstrukturen geschaffen, in denen alle Einwohner direkt Einfluß auf die Geschicke ihrer Stadt nehmen können. Und das Modell funktioniert. Besonders für die Ärmsten war dies eine Möglichkeit, öffentliche Gelder, die traditionell in die wohlhabenderen Viertel flossen, zu ihren Gunsten umzuleiten.Von unserm Korrespondenten
    BERNARD CASSEN
  • MIT der schwersten Rezession seit 1945 ist inzwischen auch Hongkong in den Strudel der wirtschaftlichen und sozialen Krise geraten, in dem Ostasien seit einiger Zeit treibt. Bei den Wahlen des ersten „Legislativrats“ am vergangenen 24. Mai haben die demokratischen Parteien 14 der insgesamt 20 Sitze errungen, die nach demokratischem Wahlmodus vergeben werden. Ein Jahr nach der „Übergabe“ hält Peking die Bewohner Hongkongs zwar fest unter Kontrolle, hütet sich aber davor, ihren Bestrebungen nach Demokatie, die von Bill Clinton im Juli bei dessen Chinareise bestärkt wurden, allzu offensichtliche Hindernisse in den Weg zu legen. Für die Regierung in Peking geht es darum, den neuen „Honeymoon“ mit Washington nicht zu gefährden und, angesichts ihrer Strategie der Öffnung, Taiwan nicht zu verschrecken.Von unserem Korrespondenten
    JEAN CHESNEAUX *
  • Vor mehr als fünfzig Jahren ließen die Amerikaner Zehntausende Jeeps auf den Philippinen zurück, und die Filipinos bauten sie zu Sammeltaxis um. Noch heute beherrschen diese Jeepneys die Straßen von Manila und sichern mehr als 300000 Menschen den Lebensunterhalt. Wegen der Wirtschaftskrise sind immer mehr Passanten auf sie angewiesen. Doch geraten sie aufgrund ihres katastrophalen Zustands und der chaotischen Fahrweise ihrer Besitzer regelmäßig ins Schußfeld der Kritik. Dennoch symbolisieren sie ein eigenständige philippinische Identität und Widerstandskraft gegenüber den Konsumvorgaben der Globalisierung.Von unserem Korrespondenten
    ALAIN ROUSSILLON *
  • Wer vom globalisierten Kapitalismus spricht, meint häufig die Handvoll Milliardäre, die die Erde beherrschen. Diese können allerdings die Schalthebel der Macht nicht allein betätigen. Parallel zur Globalisierung entsteht eine neue, lohnabhängige Bourgeoisie, deren Ambitionen die nationalen Mittelschichten bedrohen. Aber ist diese neue Klasse imstande, die Fortdauer des Systems zu garantieren, ohne auf die politische Kultur der traditionellen Bourgeoisie zurückzugreifen?Von
    DENIS DUCLOS *
  • STILLSCHWEIGEND hat sich in unseren Gesellschaften eine gewaltige Regression breitgemacht: Unser Nichtdenken hat eine Nichtgesellschaft hervorgebracht. Der im letzten Jahr verstorbene Philosoph, Soziologe und Historiker Cornelius Castoriadis war ein wichtiger Dissident, der sich sowohl dem Ästhetizismus und Zynismus als auch der aus Übersättigung geborenen Apathie verschloß. 1996 erschien in Frankreich sein Buch „La Montée de l'insignifiance“ (“Der Aufstieg der Beliebigkeit“). In diesem Zusammenhan veröffentlichte France Inter im November 1996 im Rahmen der Reihe „Là-bas, si j'y suis“ ein Interview, das wir hier in Auszügen nachdrucken.Von
    CORNELIUS CASTORIADIS *
  • DIE weltweite Vereinheitlichung des Marktes verlangt die Über-Zurschaustellung jeder Handlung, die gleichzeitige Konkurrenz von Firmen und ganzen Gesellschaften, aber auch von Konsumenten, also von allen Bürgern, und nicht mehr allein von bestimmten Zielgruppen. Die Technologien der Kommunikation, des Bildes und des Blicks machen es heutzutage möglich, sich ununterbrochen wechselseitig zu beobachten und zu vergleichen. Jedes ökonomische und politische System dringt seinerseits in den Intimbereich aler anderen Systeme ein und untersagt jedem, sich von der Konkurrenz- und Wettbewerbslogik längerfristig loszusagen.Von
    PAUL VIRILIO *
  • DIE Vorherrschaft des Mannes ist derart fest in unserem Unbewußten verankert, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, und derart genau auf unsere Erwartungen abgestimmt, daß wir Mühe haben, sie in Frage zu stellen. Dabei ist es heute notwendiger denn je, das Offensichtliche aufzubrechen und die symbolischen Strukturen des androzentrischen 1 Unbewußten zu erforschen, das Männern wie Frauen noch immer innewohnt. Welche sind die Mechanismen und Institutionen, die die Reproduktion des „Ewigmännlichen“ ermglichen? Ist es möglich, diese Mechanismen auszuhebeln, um die – bislang gebundenen – Kräfte freizusetzen, die für einen Wandel notwendig sind?Von
    PIERRE BOURDIEU *
  • FÜNFZIG Jahre sind seit der Shoah vergangen, doch entzünden sich an ihr Streit und Debatte lebhafter denn je. Gestritten wird wegen der verleumderischen Behauptungen von Roger Garaudy (siehe auch den Artikel von Edward Said auf Seite 3), mit denen er den Völkermord an den Juden leugnet. Debattiert wird unter Historikern über Geschichte und Wesen des Genozids. Hierher gehört auch die Auseinandersetzung um den amerikanischen Historiker David Jonah Goldhagen, die aufs neue entflammt ist, seitdem der Auor des Bestsellers „Hitlers willige Vollstrecker“ den Versuch unternommen hat, die schärfsten Kritiker seiner Thesen zum Schweigen zu bringen. Jenseits solcher Einzelgefechte geht es jedoch um ein tieferes Verständnis des Genozids an den Juden an sich, seiner historischen Besonderheiten sowie seiner universellen Tragweite. ■ Von
    DOMINIQUE VIDAL
  • AUF ersten Blick scheinen Che Guevara, Lady Diana und Mutter Teresa nichts gemein zu haben außer der Tatsache, daß alle drei zu Ikonen von Millionen Menschen in aller Welt geworden sind. Während der argentinische Revolutionär in die Geschichte eingehen wird, ist das für die albanische Nonne keineswegs sicher. Und die Erinnerung an die Prinzessin von Wales hätte wenig Chancen, mehr als zwei Generationen zu überdauern, wenn nicht das „Diana-Business“ dem Gedächtnis nachhelfen würde. Am 1. Juli eröffnee Lord Spencer ein Museum/Mausoleum zum Gedenken an die verstorbene Prinzessin. Nur 10 Prozent der Einnahmen aus diesem „Dianaland“ sind letztlich für karitative Zwecke bestimmt. Aber das ist unbedeutend – Hauptsache, der Mythos bleibt bestehen. ■ Von
    MANUEL VÁZQUEZ MONTALBÁN *
  • Fünfzig Tage lang zu Fuß von West nach Ost, vom Mont Saint-Michel bis nach Grenoble, rund tausend Kilometer über Wanderwege, Feldraine und kleine Landstraßen – keine Abenteuerroute, doch eine Entdeckungsreise besonderer Art. ■ Von
    CHRISTIAN DE BRIE *