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São Paulo – eine Stadt auf dem Trockenen

von Anne Vigna

Ein schickes Restaurant im Zentrum von Brasiliens Wirtschaftsmetropole São Paulo. Der Sommelier präsentiert den Gästen eine Weinflasche, die er so vorsichtig behandelt wie ein Baby. Den Inhalt schenkt er in Plastikbecher. Die Toiletten sind pieksauber, aber der Abfluss des Waschbeckens ist abmontiert, das Abwasser läuft in eine Wanne. Über dem WC hängt ein Schild: „Sehr geehrte Kunden, bitte nutzen Sie das Brauchwasser für die Spülung.“ In der Stadt der Superlative – die meisten Einwohner, die längsten Verkehrsstaus, der größte Reichtum – kommt es seit Monaten zu merkwürdige Szenen. In einer der größten Megalopolen der Welt, die im vergangenen Jahrzehnt zu den wirtschaftlich am stärksten wachsenden Städten zählte, wird das Wasser knapp.

Im Bundesstaat São Paulo mit 41 Millionen Einwohnern sind seit 21 Jahren die Konservativen an der Macht. Als im Oktober vergangenen Jahres die Fernsehdebatte zur letzten Gouverneurswahl stattfand, gingen die Wasservorräte bereits zur Neige. Geraldo Alckmin von der Partei der brasilianischen Sozialdemokratie (PSDB), die hier zu den Konservativen zählt, erklärte dazu kategorisch: „In São Paulo fehlt es uns nicht an Wasser, und es wird uns auch in Zukunft nicht fehlen.“ Er gewann die Wahl, aber dieses Zitat geistert seither, vielfach geteilt und wiederholt, durch die sozialen Netzwerke.

„Zu Beginn, im August 2014, wurde das Wasser nur abends abgestellt. Aber jetzt drehen sie es schon mittags ab!“, schimpft der Inhaber des Nobelrestaurants und zeigt uns die Kanister in der Küche, die gefüllt werden, sobald es Wasser gibt. „Sie“, das ist die Sabesp, eine Aktiengesellschaft mit öffentlicher Mehrheitsbeteiligung,1 die für die Wasserversorgung und -aufbereitung in São Paulo zuständig ist. Das Wasserreservoir auf dem Dach reicht für das Restaurant nicht aus: Das schmutzige Geschirr bleibt über Nacht stehen und wird erst am Morgen gespült. Gekocht wird mit Trinkwasser aus großen Ballonflaschen. Wie überall schlägt sich das Problem in den Preisen auf der Speisekarte nieder. Und Besserung scheint nicht in Sicht: Die Sabesp hat sogar überlegt, einigen Vierteln nur an zwei Tagen pro Woche Wasser zur Verfügung zu stellen, musste den Plan aber aufgeben. Die Angestellten sind beunruhigt. Auskünfte gibt es nur sehr spärlich. Auf massiven öffentlichen Druck hin zeigt die Sabesp jetzt immerhin auf ihrer Website die Wasserabschaltungen in jedem Viertel an. Diese Informationen sind jedoch häufig falsch. Presseinterviews werden gar nicht mehr gewährt.

Am Ende einer Vorführung des Dokumentarfilms „A Lei da Água“ (Das Gesetz des Wassers) von André Vilela d’Elia (Cinedelia, 2014) steht niemand im Kino auf. Der Saal ist überfüllt, wie immer, wenn dieser Film läuft. Angekündigt ist eine Diskussion mit Ana Paula Fracalanza, einer Wissenschaftlerin von der Universität São Paulo, die auf Wassermanagement spezialisiert ist. Eine der Fragestellerinnnen ist Maria Caçares, bei der das Wasser immer schon abgestellt ist, bevor sie von der Arbeit kommt – bis morgens gegen 10 Uhr, aber da ist sie längst wieder weg. In ihrem Haus kümmern sich glücklicherweise die Rentner darum, die Eimer für die Berufstätigen zu füllen. „Wissen Sie, was die jetzt vorhaben?“, fragt Caçares. „Gibt es einen Plan B für die nächsten Monate?“ Alle schauen auf die Expertin, doch die winkt ab: „Nein, ich habe dieselben Informationen wie Sie, und ich weiß auch nicht, ob es einen Plan B, C oder D gibt. Das Einzige, was ich weiß: Das Schlimmste liegt noch vor uns.“

Den Plan A der Regierung kennen alle: Sie will umgerechnet 300 Millionen Euro investieren, um Wasser aus dem Fluss Paraíba do Sul umzuleiten, der bereits den Nachbarstaat Rio de Janeiro versorgt. Doch die Umsetzung dieses Plans, der zudem Rio um einen Teil seiner Wassers bringen würde, wird im günstigsten Fall 18 Monate dauern.

„Wir haben wegen der Wahl viel Zeit verloren. Wenn die Regierung schon vor einem Jahr gesagt hätte, dass wir Wasser sparen müssen, dann hätte die Bevölkerung das auch verstanden“, meint Marcelo Cardoso von der Wasserallianz, einem Bündnis von Umweltorganisationen, die sich aufgrund der Wasserkrise zusammengeschlossen haben. In der Stadt Itu kam es bereits letzten Oktober zu Aufständen: Einwohner, die auf dem Trockenen saßen, griffen öffentliche Gebäude an. Tankwagen des Bundesstaats mussten von der Polizei eskortiert werden. Die Demonstranten waren keine Fanatiker, sondern ganz normale Bürger, darunter viele Frauen aus der Mittelschicht. „Wasser hat viel mit Menschenwürde zu tun“, meint Cardoso. „Wenn man sich nicht mehr waschen oder zur Toilette gehen kann, die Kinder nicht mehr richtig versorgen kann, dann kriegt man Angst.“

Die Ursache der Dürre liegt in Amazonien

Nach einem Bericht des Nachrichtendienstes des Bundesstaats São Paulo, den die Tageszeitung El País enthüllte,2 werden für die Region ebenso heftige Aufstände befürchtet wie die vom Juni 2013, als die Menschen gegen Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr auf die Barrikaden gingen.3 Die auf Sicherheitsfragen spezialisierte Website Defesa4 behauptete, die Wasserkrise sei der Anlass für eine „Hospitanz“ der Geheimdienstler aus São Paulo bei der Swat-Spezialeinheit der US-amerikanischen Polizei im letzten Jahr gewesen. São Paulo erhielt im März zudem vierzehn neue Einsatzfahrzeuge – ausgerechnet Wasserwerfer. Wird man damit wirklich auf Demonstranten zielen, die Wasser fordern?

An Vorschlägen, wie man die Wasserversorgung verbessern könnte, fehlt es nicht: Ausbau der biologischen Landwirtschaft; Reinigung des Flusses Tietê, der inzwischen wie eine offene Kloake quer durch São Paulo fließt; Reparatur der Wasserrohre (durch Lecks gehen derzeit schätzungsweise 25 Prozent des Wassers verloren); Auffangen von Regenwasser und viele andere mehr. Keiner dieser Vorschläge wurde von den Behörden aufgegriffen.

Die Ursache für die Dürre liegt weiter im Norden, im Amazonas-Urwald, der abgeholzt wird, um Platz für Sojaanbau und Rinderherden zu schaffen. Brasilien steckt in einer Zwickmühle: Die Agrarindustrie, der Grundpfeiler des Außenhandels, schluckt fast 70 Prozent des insgesamt verbrauchten Wassers. Allein mit dem Export von Landwirtschaftserzeugnissen werden jährlich 112 Billionen Liter Süßwasser quasi ins Ausland ausgeführt.5 Die Landwirtschaft ist auf die kräftigen Regenfälle im Urwald angewiesen; dessen Abholzung zum Zweck weiterer Ausdehnung der Nutzflächen bringt aber alles in Gefahr. Der Urwald speichert ja nicht nur Wasser und fruchtbaren Boden, sondern entlässt durch Verdunstung auch beträchtliche Mengen Wasserdampf in die Atmosphäre. Wissenschaftler schätzen, dass im Amazonasbecken etwa 20 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Tag verdunsten. Diese Feuchtigkeit fördert die Wolkenbildung und führt zu „Luftflüssen“ aus Wasserdampf.

„Die Luft, die vom Meer kommt, nimmt den Wasserdampf auf, der ständig über Amazonien hängt, und die Wolken bleiben dann im Osten an den Anden hängen, so dass der Regen in den gesamten Süden des Kontinents geleitet wird“, erläutert Antonio Donato Nobre, Klimaexperte und Verfasser einer Studie zum Amazonasklima.6 Dank der zusammenwirkenden Ökosysteme des Amazonasbeckens und der Anden leidet der Süden Lateinamerikas weitaus weniger unter Dürre als andere Landstriche auf ähnlichen Breitengraden, wie etwa die australische Wüste. Die so entstehenden Niederschläge sind für circa 70 Prozent der regionalen Wertschöpfung verantwortlich.

„Wir haben fast 90 Prozent der Atlantikwälder an der Ostküste des Landes abgeholzt, aber keinerlei Konsequenzen gespürt, weil Amazonien immer noch genug Feuchtigkeit bildet“, sagt Donato Nobre. Heute sind 18 Prozent des Amazonasurwalds abgeholzt und 29 Prozent geschädigt.7 „Wir können nicht genau sagen, in welchem Augenblick wir die Auswirkungen dieser Katastrophe zu spüren bekommen werden, aber wir weisen bereits seit zehn Jahren darauf hin.“

Nach letzten Schätzungen wurden im Verlauf der vergangenen 40 Jahre 762 979 Quadratkilometer Wald zerstört – das entspricht mehr als der doppelten Fläche Deutschlands. Allein im Jahr 2004 sind 27 772 Quadratkilometer Urwald verschwunden. Auch wenn es 2012 dann nur noch 4 571 Quadratkilometer waren, dauerte die Erholungsphase nur kurz. 2011 reformierte die Regierung das Waldschutzgesetz auf Druck der „ruralistas“, also der Abgeordneten und Senatoren, welche die Interessen der Agrarindustrie vertreten. Jetzt sind die Schutzgebiete stark beschränkt, und illegale Waldrodung wird nicht mehr gerichtlich verfolgt, so dass die Zahlen wieder stark ansteigen werden.

Die Trockenheit führt zu Engpässen auch bei der Stromversorgung, da in Brasilien 75 Prozent der Energie mit Wasserkraft erzeugt wird. Der Minister für Bergbau und Energie, Eduardo Braga, besteht weiterhin auf einen alten Plan der Regierung, einen Staudamm am Rio Tapajos in Amazonien zu bauen, obgleich das lang umkämpfte gigantische Wasserkraftwerk Belo Monte am Rio Xingu noch gar nicht in Betrieb ist.

Die Reservoirs sind leer, die Häfen verlandet

Wird der Wassermangel in São Paulo die Menschen davon überzeugen, dass der Amazonaswald geschützt werden muss? Momentan konzentriert sich die Bundesregierung auf die Finanzierung von Plan A für São Paulo. Sie muss auch die Probleme in anderen von der Wasserkrise betroffenen Bundesstaaten wie Rio de Janeiro und Minas Gerais angehen. Dazu kommen die Entschädigungen, die die Bauern wegen der anhaltenden Trockenheit verlangen, sowie Steuererleichterungen für die Industrie, die sich mit wassersparenden Maschinen ausrüsten will. So gleicht die brasilianische Regierung einem Feuerwehrmann, der mehrere Brände gleichzeitig löschen muss. Es fehlt nicht nur an Wasser, sondern auch an Geld.

In der riesigen Favela Brasilândia im Norden, eine Busstunde vom Stadtzentrum São Paulos entfernt, wissen die Einwohner bereits, wie sie mit der Knappheit umgehen müssen. Im unteren Teil des Slums wird das Wasser ebenso häufig abgestellt wie im Rest der Stadt, doch je höher man im Gassenlabyrinth nach oben steigt, desto weniger Haushalte haben überhaupt einen Wasseranschluss. Eine Großmutter, die gerade das Brauchwasser aus ihrer Waschmaschine auffängt, erklärt uns: „Damit putze ich das ganze Haus.“ Sie ist überrascht, als wir ihr eine Infografik zeigen, die am selben Tag in der Zeitung Folha de S. Paulo erschienen ist und darstellt, wie man Wasser sparen kann: das Waschwasser aus der Waschmaschine wiederverwenden, beim Duschen einen Eimer benutzen oder den Hahn zudrehen, wenn man sich die Zähne putzt. „Die Leute unten auch? Dann ist die Lage wirklich ernst“, meint sie verdutzt.

Als wir auf ihr laje steigen, das bei allen Favela-Häusern übliche Flachdach, sehen wir eine Menge Kanister auf den Dächern der Nachbarn. „Bei jedem kleinen Regenguss stellen wir Wannen aufs Dach und Eimer an die Hausecken“, berichtet uns der älteste Sohn. Das funktioniert zwar gut, aber in einem tropischen Land wie Brasilien hat es auch unliebsame Folgen: In stehendem Wasser brüten die Mücken. Nach Angaben des Gesundheitsamts der Stadt gab es im Januar dreimal so viele Fälle von Denguefieber wie im gleichen Monat des Vorjahrs.8

Eine weitere Konsequenz der Wasserkrise kann man im Cantareira-System besichtigen, einer der größten Wasserversorgungsanlagen der Welt. Der Anblick ist absolut trostlos. Der riesige künstliche See gleicht einem Tagebaukrater, die von der Sonne ausgedörrte Erde ist voller Risse. Von der normalen Wassermenge sind nur noch 8 Prozent übrig. „Keiner kann uns sagen, wie viel Zeit es braucht, bis das Wasser wieder auf den Pegel vor der Krise steigt“, sagt Francisco de Araújo, Umweltbeauftragter der Stadt Bragança Paulista. „Aber es wird sicher mehrere Jahre dauern. Denn wenn der Boden so wie jetzt der Sonne ausgesetzt ist, wird das Regenwasser versickern und kann nicht zurückgehalten werden.“ Die fünf Jachthäfen am Seeufer, die in der Sommersaison gewöhnlich voll sind, stehen trocken und leer. „Unsere Kunden haben fast alle ihre Boote an die Küste überführt, und ich glaube nicht, dass sie wiederkommen“, sagt der Hafenbesitzer Sydney José Trinidad.

Gerüchten zufolge denken die Reichen, die ihre Boote verlegt haben, schon daran, São Paulo ganz zu verlassen. Aber der Minister für Bergbau und Energie bleibt gelassen: „Gott ist Brasilianer. Er wird es regnen lassen.“

Fußnoten: 1 Der Bundesstaat São Paulo hält 50,3 Prozent der Sabesp-Anteile, der Rest wird börslich gehandelt. 2 „Polícia teme onda de protestos por causa da falta de água e de luz“, in: El País Brasil, São Paulo, 6. Februar 2015. 3 Siehe Gerhard Dilger, „Kein Wunder in Brasilien“, Le Monde diplomatique, Juli 2013. 4 „Seca em São Paulo é tratada como caso de segurança pública“, 30. November 2014: www.defesanet.com.br. 5 Isabella Bueno, „A água virtual no contexto da exportação“, in: Jornal Biosferas, Rio Claro, 10. März 2015. 6 Antonio Donato Nobre, „O futuro climático da Amazônia. Relatório de avaliação científica“, Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia, Oktober 2014. 7 Der Wald wird durch teilweise, vorübergehende Abholzung geschädigt, zum Beispiel um Vieh darin weiden zu lassen oder Holz zu gewinnen. In schwereren Fällen kann dies auch zu dauerhafter Entwaldung führen. 8 „Secretaria divulga segundo balanço de dengue e chikungunya na cidade“, Presseerklärung des Gesundheitsamts von São Paulo, 12. Februar 2015.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Anne Vigna ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015,