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Von Neukaledonien nach Kanaky

Ein französisches Überseegebiet auf dem Weg zu immer mehr Unabhängigkeit von Alban Bensa und Eric Wittersheim

Nouméa hat sich enorm verändert. Wer hier zuletzt in den 1980er Jahren über die Place des Cocotiers oder den Strand Anse Vata spaziert ist, würde sie kaum noch wiedererkennen. Früher war Neukaledoniens Hauptstadt praktisch zweigeteilt: Während die Innenstadt den Europäern vorbehalten war, hausten die Kanaken und die anderen ozeanischen Ethnien in Betonsilos am Stadtrand. Heute herrscht in Nouméa eine viel lebendigere, offenere Atmosphäre, in der sich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahren widerspiegelt. Die nächste Herausforderung wird sein, die politische Zukunft dieses ehemaligen französischen „Überseeterritoriums“ zu gestalten, das heute – übergangsweise – den einzigartigen Status einer „überseeischen Gebietskörperschaft“ besitzt. In vier Jahren soll diese Phase abgeschlossen und der Prozess der Entkolonialisierung beendet sein.

Das Abkommen von Nouméa 1998 war aber nicht nur eine Sache zwischen dem französischen Staat und den Vorkämpfern als auch Gegnern eines unabhängigen Staates Kanaky. Es wurde außerdem durch ein Referendum bestätigt. Ganz Neukaledonien ist aufgerufen, die sozialen und kulturellen Gräben aus der Kolonialzeit zu überwinden.

Im Jahr 2018, wenn die Zuständigkeiten zum großen Teil vom französischen Staat auf Neukaledonien übergegangen sein werden, soll ein weiteres Referendum über die künftige Form der Souveränität entscheiden. Das kann entweder die völlige Unabhängigkeit sein – was für Frankreich die Aufgabe der letzten fünf verbliebenen Hoheitsrechte1 bedeuten würde – oder ein Autonomiestatus, in welcher Form auch immer. Der Kreis der Stimmberechtigten wurde nach langen Verhandlungen auf diejenigen Einwohner festgelegt, die schon 1998 auf dem Archipel gemeldet waren.

Bei den Wahlen zum Kongress und den drei Provinzregierungen im Mai dieses Jahres traten die Gegensätze zwischen Unabhängigkeitsbefürwortern und -gegnern erneut deutlich hervor. In der Nordprovinz und der Provinz Loyalitätsinseln hat die kanakische Mehrheit, die die vollständige Unabhängigkeit des Archipels anstrebt, der Opposition nur drei Sitze gelassen.

In der Südprovinz mit der Hauptstadt Nouméa dagegen haben sich die „Loyalisten“ mit 33 von 40 Sitzen durchgesetzt. Letztere halten auch im Kongress mit 29 Sitzen nach wie vor die Mehrheit. Immerhin konnten die Befürworter der Unabhängigkeit zwei Sitze dazugewinnen und verfügen nun über 25 Mandate. Das für die Kanaken ungünstige demografische Kräfteverhältnis scheint sich damit ein wenig zu verschieben: Die Kanaken wählen zu 80 Prozent die Unabhängigkeitsbefürworter, stellen aber nur 40 Prozent der insgesamt 250 000 Einwohner.

Die Unabhängigkeitsgegner sind seit dem Zerfall der Loyalistenbewegung RPCR („Zusammenschluss für ein Kaledonien innerhalb der Republik“), die Jacques Lafleur2 lange mit eiserner Hand anführte, in drei Parteien organisiert: „Kaledonien Gemeinsam“ (rechtes Zentrum) um Philippe Gomès, „Zusammenschluss – Union für eine Volksbewegung“ (RUMP, die lokale Variante der französischen konservativen Partei UMP) unter Pierre Frogier und die „Kaledonische Volksbewegung“ von Gaël Yanno, der im Mai zum Kongressvorsitzenden gewählt wurde. Die Befürworter der Unabhängigkeit verteilen sich vor allem auf zwei Parteien innerhalb der „Kanakischen sozialistischen Front der nationalen Befreiung“ (FLNKS): die schon seit 1953 bestehende und lange von Jean-Marie Tjibaou geführte „Kaledonische Union“ und die 1976 gegründete marxistische „Partei der Kanakischen Befreiung“. Sie wird von Paul Néaoutyine geführt, der seit 2001 auch Präsident der Nordprovinz ist. Die dritte Partei der Unabhängigkeitsbefürworter, die 2007 gegründete Arbeiterpartei, spielt nur eine marginale Rolle.

Das Land ist also in zwei politische Lager gespalten, die mal auf eine Strategie der verschärften Spannung, mal auf Dialog und oft auch auf beides zugleich setzen. Der französische Staat spielt dabei abwechselnd die Rolle des Schiedsrichters, des Zuschauers oder des Sündenbocks, obwohl er die ultimative Waffe in der Hand hat: die Kontrolle über die Geldtransfers aus dem Mutterland, die immer noch 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen.

Im Verlauf der gerade begonnenen fünfjährigen Legislaturperiode muss der Kongress darüber entscheiden, ob das im Abkommen von Nouméa vorgesehene Selbstbestimmungsreferendum 2018 abgehalten wird. Dafür wäre eine Dreifünftelmehrheit nötig – 32 von 54 Stimmen. Falls diese Mehrheit für ein Referendum nicht zustande kommt, wird das ganze Verfahren wieder zu einer Angelegenheit des französischen Staates. Die loyalistischen Parteien, die sich im Mai über die Aufteilung der Verantwortungsbereiche und Posten untereinander geeinigt haben, würden sich das Referendum gern sparen, da es „sowieso keine Lösung“ sei, wie sie seit Jahren behaupten.

Das Land braucht auch einen neuen Namen

Die Befürworter der Unabhängigkeit dagegen bestehen auf der Abstimmung, da sich die FLNKS vor Jahren darauf verpflichtet hat. Zwar haben sie gegenwärtig kaum Chancen auf einen Sieg, dennoch wollen sie – zumindest offiziell – den im Abkommen von Nouméa vorgesehenen Weg zu Ende gehen, bevor sie andere Lösungen als die vollständige Unabhängigkeit in Erwägung ziehen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Entscheidung über den endgültigen Schnitt – ähnlich wie 1998 – zugunsten neuerlicher Verhandlungen verschoben würde.

Seit einigen Jahren beschränkt sich das politische Leben weitgehend auf Geplänkel, Postengeschacher, Symbolpolitik und Streitereien über juristische und technische Details wie die Aktualisierung des Wählerverzeichnisses. Praktische Auswirkungen auf das tägliche Leben der Bevölkerung hat all dies nicht. Es gab Meinungsverschiedenheiten über die Nationalfahne (die in den Kompromiss mündeten, sowohl die französische als auch die von Kanaky zu verwenden); über die Unmöglichkeit, sich auf einen Namen für das Land zu einigen; über den Bau traditioneller Häuser in Nouméa (die schließlich von Bulldozern niedergerissen wurden); um die regelmäßigen Demonstrationen gegen die Teuerung.

Wenigstens ein paar Erfolge können beide Seiten verbuchen. In der Südprovinz hat die gemäßigte Rechte unter Philippe Gomès (der auch als Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung sitzt) zwischen 2004 und 2009 eine Sozialpolitik verfolgt, die die Kluft zwischen Unabhängigkeitsbefürwortern und -gegnern verringerte. Auch höhere Posten in der Verwaltung wurden an Kanakinnen vergeben. Gomès, dessen Bewegung zur stärksten Kraft im loyalistischen Lager geworden ist, bezeichnet sich übrigens selbst lieber als „Non-“ statt als „Antiunabhängigkeitsbefürworter“.

Im Norden hat die Provinzverwaltung einige verdienstvolle Projekte gestartet. Es wurden Bibliotheken, Kulturzentren und Supermärkte eröffnet, Wohnungen gebaut, traditionelle Handwerksbetriebe angesiedelt und sogar ein Jachthafen eingerichtet. Der Bergbausektor wird konsequent gefördert, und in Vavouto entstand ein nickelverarbeitender Betrieb, an dem die Unabhängigkeitsbefürworter 51 Prozent der Anteile halten.

Mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3 bis 4 Prozent über die letzten 20 Jahre hebt sich Neukaledonien deutlich vom französischen Mutterland ab. Stärker als der Tourismus (mit rund 4 Prozent des BIPs) und die noch bescheidene Aquakultur trägt die Nickelindustrie zu dieser Entwicklung bei (siehe Kasten). Es sind jedoch noch andere Faktoren, die die Wirtschaft beflügeln und den Wandel beschleunigen werden: die französische Steuerbefreiung für Investitionen in den Überseegebieten und die äußerst geringe Einkommensteuer. Hinzu kommen noch Subventionen für die Provinzen, Finanzierungen öffentlich-privater Partnerschaften oder staatlicher Unternehmen und ein 70-prozentiger Aufschlag auf die Bezüge von Beamten aus dem Mutterland, die immerhin 11 Prozent der kaledonischen Bevölkerung ausmachen.

Neukaledonien war lange Zeit ein äußerst rückständiges Gebiet. Erst die Rebellion der Jahre 1984 bis 1988 und in deren Gefolge die Matignon-Verträge von 1988 und das Abkommen von 1998 führten zu institutionellen und wirtschaftlichen Reformen, der „Neuausrichtung“. Bis in die 1980er Jahre hinein verließen die Kanaken kaum je die Reservate, in die sie Ende des 19. Jahrhunderts gedrängt worden waren. In baufälligen Hütten ohne jeden Komfort fristete eine in ökonomischer und sozialer Hinsicht diskriminierte Bevölkerung ein kümmerliches Dasein – während die Weltmarktpreise für Nickel in die Höhe schossen und die Europäer in Nouméa sich schamlos bereicherten.

In Nouméa kosten Immobilien genauso viel wie in Paris

In den vergangenen 25 Jahren ist viel geschehen: Siedlungen wurden ans Stromnetz angeschlossen, Straßen geteert, Wasserleitungen gelegt, es wurden Krankenhäuser und Schulen gebaut, Investitionen in Ausbildung und in ein großes Bergbauprojekt getätigt und so weiter. Dadurch verbesserte sich die räumliche wie soziale Mobilität der Landbevölkerung; das durchschnittliche Haushaltseinkommen stieg, Konsumgüter rückten in greifbare Nähe und bei den jungen Leuten erwachten neue Ambitionen. Dennoch haben sich die Ungleichheiten vertieft. An der ländlich geprägten und vom Zentrum abgeschnittenen Ostküste, auf den Loyalitätsinseln und in den Regionen ohne wirtschaftliche Dynamik, weit weg von Nouméa, ist eine latente Verarmung zu beobachten. In den wohlhabenderen Regionen dagegen gedeiht die aufstrebende Mittelschicht, ganz zu schweigen von der fortgesetzten Bereicherung der wohlhabenden Europäer.

Trotz des starken ökonomischen Gefälles – die Arbeitslosenrate in der Nordprovinz und auf den Loyalitätsinseln beträgt rund 30 Prozent gegenüber 8 Prozent in der Südprovinz – herrscht auf dem Archipel insgesamt ein eher gehobener Lebensstandard. Die öffentliche Infrastruktur ist ähnlich wie in einer französischen Region, das BIP (pro Einwohner) liegt etwa auf dem Niveau von Dänemark oder Großbritannien und noch vor Japan. In Nouméa kosten Immobilien mit 7 000 bis 10 000 Euro pro Quadratmeter praktisch genauso viel wie in Paris, es wird gebaut wie verrückt. In der kaledonischen Hauptstadt sieht es mancherorts schon so aus wie in Kalifornien oder an der französischen Riviera. Andererseits entstehen auf Brachflächen immer mehr Wellblechsiedlungen. Der soziale Wohnungsbau, den die Kommune und die Südprovinz zwar schon in die Wege geleitet haben, kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Die ökonomische Benachteiligung betrifft alle Einwohner ozeanischen Ursprungs, die Kanaken ebenso wie die Migranten aus den französischen Überseegebieten Wallis und Futuna sowie aus Vanuatu, aber auch eine nicht zu vernachlässigende Randgruppe von Europäern.

Der Großraum Nouméa und die wachsenden Gemeinden an der Westküste ziehen immer mehr Menschen an, dagegen drohen die ländlichen Gebiete den Anschluss zu verlieren. Zwar trägt die Landwirtschaft noch zwischen 6 und 12 Prozent zu den Haushaltseinkommen der Kanaken bei, aber die meisten von ihnen arbeiten oder suchen Arbeit in der Nickelindustrie, in der Verwaltung oder im Dienstleistungssektor. Hier konkurrieren sie mit mehr oder weniger qualifizierten Arbeitskräften aus Frankreich und anderen Ländern des Schengenraums. Die Nachfrage nach Arbeitskräften übersteigt das, was der kaledonische Arbeitsmarkt hergibt, zumal überall auf der Welt hochqualifizierte Fachkräfte gesucht werden. So versuchte das in der Nordprovinz ansässige Unternehmen Koniambo Nickel SAS schon in Frankreich Führungskräfte anzuwerben.

Die kaledonischen Arbeitnehmer verlassen sich auf das im Abkommen von Nouméa vorgesehene, aber erst 2012 in Kraft getretene Gesetz, das Ortsansässige bevorzugt. Dieses Gesetz, dessen Umsetzung sich ohnehin schwierig gestaltet, betrifft jedoch nur Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern. Unterhalb dieser Grenze steht den Arbeitgebern frei, wen sie einstellen. Zahlreiche Arbeiter und Angestellte, Leiharbeiter und befristet Beschäftigte, die der Krise in Frankreich und dem restlichen Europa zu entkommen suchen, haben sich in diese Bresche gestürzt. Diese neuen Abenteurer der Arbeitswelt, die hier ohne Nachweis von Qualifikationen eine Arbeitserlaubnis erhalten, versuchen am Aufschwung in Neukaledonien teilzuhaben, indem sie niedrigere Löhne als die ortsüblichen akzeptieren. Auf den Baustellen kommt es inzwischen immer öfter zu Auseinandersetzungen.

In den letzten Jahren haben die sozialen Konflikte gelegentlich zu Ausschreitungen geführt, einige Gewerkschafter und Politiker suchen geradezu die Konfrontation mit den Ordnungskräften. Ein Funktionär der „Gewerkschaft der Kanaken und Ausgebeuteten“ (USTKE), der 2013 verstorbene Gérard Jodar, wurde 2009 sogar zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das Arbeitsrecht, die Rechte von Frauen, der Umweltschutz und ganz allgemein die demokratische Kultur sind rückständig, wenn nicht gar rückschrittlich. Das berüchtigte Gefängnis Camp Est in Nouméa, in dem zu 95 Prozent Kanaken und andere Ozeanier einsitzen, ist ein Symbol dieses Zustands.

Trotz all dieser Schwierigkeiten und zuweilen paranoiden Verhältnisse – so kursierte an Sylvester 2013 das Gerücht, die Kanaken wollten in Nouméa einmarschieren – ist Neukaledonien ein Magnet für Zuwanderer aus dem restlichen Archipel, aus Frankreich und anderen französischen Überseeterritorien, die der heimischen Misere entfliehen wollen. Während im Mutterland immer mehr Hochschulabsolventen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, gibt es in Nouméa derartige Probleme kaum: Hier entwickeln sich so unterschiedliche Berufszweige wie Baugewerbe, Handel, soziale Dienste, Hochschulen, Medien und Gegenwartskunst gleichermaßen gut.

Die Wiederherstellung des inneren Friedens, der Anschub von Investitionen und nicht zuletzt die Annehmlichkeit eines Lebens in den Tropen mit allem Komfort hat in den letzten Jahrzehnten die verschiedenartigsten Leute angelockt. Man trifft hier nicht mehr nur Aussteiger und Steuerflüchtlinge, sondern auch Maler, Schriftsteller, Musiker und Journalisten, die mehr denn je das Leben auf der Insel zu schätzen wissen. Sie bevölkern die angesagten Treffpunkte, an denen Kanaken, Tahitianer, Wallisier, Caldoches3 und Neuzuwanderer zusammenkommen.

Diese Entwicklung ist etwas ganz Neues auf dem Archipel, das sich mit der Rassenmischung immer äußerst schwergetan hat. „Wir sind doch alle Mestizen“, meint der Schriftsteller Frédéric Ohlen4 , dessen Vorfahren Caldoches sind. Und der kanakische Lyrik-Performer Paul Wamo skandiert: „Ich rufe alles Volk im Lande, ich rufe die Provinzen, ich rufe den Staat, ich rufe die Kirche, ich rufe die Träger des Brauchtums … ich rufe die Jugend, ich rufe die jungen Kanaken, die jungen Caldoche, die Jungen aus Wallis […] sich gegen das Schweigen aufzulehnen.“

Auch das Internationale Filmfestival der Völker in Poindimié, der Ozeanische Literatursalon, das Musikfestival Dubaan Kabe in Pouébo, zahlreiche Konferenzen und Ausstellungen in Nouméa wie im Inland zeigen, dass die Künste und Wissenschaften längst etwas geschaffen haben, das für die Hoffnungen auf Emanzipation und kollektives Wohlergehen viel bedeutsamer ist als die schwach ausgeprägte politische Kultur.

Dieser neue Schwung wird durch den steten Bevölkerungsaustausch zwischen Frankreich und dem Archipel befeuert. Früher zogen nur wenige Kanaken und andere Neukaledonier nach Frankreich, und die blieben unter sich. Heute sind es viele, die kommen und zum Teil bleiben, zum Teil pendeln: Studenten und Praktikanten, Sportler, Militärs, Schriftsteller und Künstler. Ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, tragen all diese neugierigen Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Prägung zu der Vision einer neuen Staatsbürgerlichkeit bei, auf die das Abkommen von Nouméa abzielt.

Nur für die kanakischen Jugendlichen gibt es noch immer viele Hindernisse auf dem Weg zum beruflichen Aufstieg. Die Bildungspolitik hat zwar einem Teil der Bevölkerung den Ausbruch aus bescheidenen Verhältnissen ermöglicht; als Beleg dafür wird gern auf ein paar Bilderbuchkarrieren von kanakischen Frauen verwiesen. Doch insgesamt gibt es wenig Hochschulabgänger unter den Kanaken, dafür aber viele Schulabbrecher. Es bleibt abzuwarten, wie sich im Bildungsbereich die neuen Zuständigkeiten auswirken werden, wenn die neukaledonischen Behörden das Geschäft von den Franzosen übernehmen werden.5

Kanaken auf dem Marsch durch die Institutionen

Viele junge Kanaken haben Probleme mit bestimmten traditionellen Werten. Die alte Kultur, entstanden in einer ländlichen Welt, weist den Alten und den Männern die führende Rolle zu und benachteiligt die Jungen und die Frauen. So stehen die alten Bräuche im Widerspruch zu modernen Vorstellungen von Selbstverwirklichung. Die jungen, urban sozialisierten Kanaken sind gefangen zwischen den konservativen Ansprüchen der Alten und den eigenen Schwierigkeiten, einen Platz in einer Gesellschaft zu finden, die von wohlhabenden Europäern dominiert wird. Risikoverhalten wie extremer Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch und gewalttätige Übergriffe haben bei den jungen Erwachsenen in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Daneben ist eine Bewegung entstanden, die sich auf das heimische Erbe der Kanaken besinnt und die Frage der Zugehörigkeit wieder in den Mittelpunkt rückt. Entmutigt durch Wahlniederlagen und beunruhigt von der absehbaren Ausbreitung der Industrie, konzentrieren sich die Unabhängigkeitskämpfer von einst (und deren Kinder) immer mehr auf kulturelle Fragen. So haben sie einen „Gemeinsamen Kanon kanakischer Werte“ erstellt, der die Politiker, die ihrer Meinung nach zu sehr von ökonomischen Problemen vereinnahmt werden, in die Pflicht nehmen soll. Ihr Plädoyer für die Neuorientierung an einer idealisierten kanakischen Kultur, die auf Bildung, Recht und Wirtschaft einwirken soll, spielt in der Medienöffentlichkeit eine wichtige Rolle; dabei gehen die tatsächlichen Entwicklungen im heutigen Neukaledonien genau in die entgegengesetzte Richtung.

Ein Ältestenrat nach traditionellem Vorbild, der mit dem Abkommen von Nouméa ins Leben gerufen wurde, dient als Stütze dieser anderen kanakischen Legitimation, die sich den Auswirkungen des Kolonialismus durch eine Vorstellung vom „ewig Melanesischen“ entziehen möchte. Dieses Konstrukt bietet eine Alternative zum alten Unabhängigkeitsdiskurs. Es soll verhindern, dass die Kanaken „in einem kolonialen System verloren gehen wie einzelne Erbsen in einem großen Eintopf“, wie es der frühere Generalsekretär der Unabhängigkeitspartei „Kaledonische Union“, Éloi Machoro, einmal ausdrückte.

Zwischen 1970 und 1990 hatten die Führer der Unabhängigkeitsbewegung ihre Bemühungen darauf konzentriert, Machtpositionen in den demokratischen Institutionen – von der Nationalversammlung bis in die Gemeinderäte – zu besetzen. Ihre kulturellen Eigenheiten wie Sprache, Bräuche und lokale Geschichte dienten ihnen allenfalls als symbolische Waffe im politischen Kampf. „Die Rückkehr zur Tradition ist nichts als ein Mythos. Kein Volk hat so etwas jemals in die Realität umgesetzt“, verkündete Jean-Marie Tjibaou im Jahr 1985. Für ihn ging es in erster Linie darum, „möglichst das, was unsere Geschichte und Kultur ausmacht, den neuen Menschen, der neuen Gesellschaft mitzugeben, um das Gemeinwesen zu schaffen, das wir wollen“.6

Auch wenn Neukaledonien über eigenes industrielles Potenzial verfügt, hängt es doch am Tropf der Zuschüsse aus Frankreich. Antagonistische Kräfte zerreißen die Gesellschaft, und es gibt keine klaren politischen Antworten. Inmitten dieses beunruhigenden, aber eben auch energiegeladenen Zustands ist die Unbeweglichkeit der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung geradezu verblüffend. Sie halten eisern an der Macht fest, die sie dem Abkommen von 1998 verdanken, und stehen der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft im Weg. Sie warten einfach ab und halten am Status quo fest, als sei dies der beste denkbare Status für ein künftiges Kanaky-Neukaledonien.

Fußnoten: 1 Justiz, öffentliche Ordnung, Verteidigung, Finanzen und Außenpolitik. 2 Jacques Lafleur (1932–2010) unterzeichnete zusammen mit dem Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Jean-Marie Tjibaou (1936–1989), die Matignon-Verträge von 1988. 3 Als Caldoche werden die seit Langem auf dem Archipel ansässigen Weißen bezeichnet. 4 Frédéric Ohlen, „Quintet“, Gallimard (Paris) 2014. 5 Marie Salaün, „Décoloniser l’école. Hawai’i, Nouvelle-Calédonie. Expériences contemporaines“, Presses universitaires de Rennes, 2013. 6 „Nouvelle-Calédonie pour l’indépendance“, Interview mit Jean-Marie Tjibaou in Les Temps modernes, Nr. 464, Paris, März 1985. Aus dem Französischen von Nicola Liebert Alban Bensa ist Studienleiter an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS). Autor (mit Yvon Goromoedo und Adrian Muckle) von „Les Sanglots de l’aigle pêcheur: Nouvelle-Calédonie, la guerre kanak de 1917“, Toulouse (Anacharsis) 2014; Eric Wittersheim arbeitet am Institut de recherche interdisciplinaire sur les enjeux sociaux (Iris). Autor (mit Dorothée Dussy) von „Villes invisibles. Anthropologie urbaine du Pacifique“, Paris (L’Harmattan) 2013.

Was wann geschah

1774 James Cook gelangt als erster Europäer auf die Hauptinsel und nennt sie (nach der altrömischen Bezeichnung für das östliche Schottland) Neukaledonien.

1853 Admiral Auguste Febvrier-Despointes nimmt Neukaledonien für Frankreich in Besitz. Zehn Jahre später werden große Nickelerzvorkommen entdeckt.

1864 Frankreich beginnt den Archipel als Strafkolonie zu benutzen.

1878 Nach mehreren kleineren Revolten kommt es zu einem siebenmonatigen Aufstand der Kanak.

1887 Der „Eingeborenenkodex“ (Code de l’indigénat) unterwirft die einheimische Bevölkerung einem Apartheidsystem.

1942 Die Hauptstadt Numea wird im Zweiten Weltkrieg Hauptquartier der US-Streitkräfte im südlichen Pazifik; eine Million Soldaten sind hier stationiert.

1946 Neukaledonien wird französisches Überseeterritorium.

1953 Die Einwohner erhalten französische Bürgerrechte.

1984 Im Zuge der erstarkenden Unabhängigkeitsbewegung kommt es zur Gründung der Kanakischen sozialistischen Front der nationalen Befreiung (FLNKS). Sie bildet eine provisorische Regierung mit Parteiführer Jean-Marie Tjibaou als Präsident. Nach anhaltenden Unruhen und politischen Morden ruft Frankreich den Notstand aus.

1987 Ein Unabhängigkeitsreferendum wird von den Kanak boykottiert. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen kulminieren im Jahr darauf in einer Geiselnahme von Polizisten, in deren Folge mehrere Aufständische standrechtlich erschossen werden.

1988 Die Matignon-Verträge teilen Neukaledonien in drei teilautonome Provinzen auf und sehen die Durchführung eines Referendums über die Ablösung von Frankreich nach Ablauf von zehn Jahren vor.

1989 Der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung Tjibaou wird von radikalen Separatisten ermordet, die die Matignon-Verträge ablehnen.

1998 Das Abkommen von Numea verlängert die in den Matignon-Verträgen vorgesehene Frist bis 2018. Es sieht einen Prozess wachsender Autonomie vor, an dessen Ende ein Referendum über die völlige Unabhängigkeit stehen soll.

2003 Neukaledonien erhält einen einzigartigen Status als überseeische Gebietskörperschaft. Es ist damit kein Überseeterritorium mehr, aber auch nicht unabhängig.

Le Monde diplomatique vom 11.09.2014,