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Tomatensoße für Ghana

von Mathilde Auvillain und Stefano Liberti

Prince Bony hätte nie gedacht, dass er die Wüste durchqueren und übers Meer setzen würde, nur um am Ende die gleiche Arbeit zu machen wie bei sich zu Hause. In einen alten Mantel gemummelt, lässt er den Blick in unbestimmte Ferne schweifen. Prince Bony ist dreißig, in Ghana warten seine Frau und zwei Kinder, er hat sie seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. „Zu Hause nannten sie mich Kofi Amerika, weil ich immer reisen wollte. Ich wollte die Welt erobern. Und jetzt bin ich hier gelandet.“

Das „Hier“ ist eine mit Gras und Sträuchern bedeckte Fläche, auf der verfallene Hütten und Scheunen stehen. In diesem Hier haben sich ein paar Dutzend ghanaische Arbeiter notdürftig eingerichtet. Viel zu sehen gibt es nicht: Matratzen auf nacktem Boden, ein paar Päckchen Kerzen, ein Gasofen. Mehr können sich die Einwohner dieses improvisierten Dorfs nicht leisten, das sie „Ghana House“ getauft haben. Die Gebäude sind die Reste einer Ansiedlung, die im Zuge der Agrarreform in den 1950er Jahren entstanden war. Damals war sie auf den offiziellen Karten mit dem optimistischen Namen „Borgo Libertà“ eingezeichnet. Heute klingt es wie Hohn: der Weiler der Freiheit.

Prince und seine Kollegen sind „die Unsichtbaren der Felder“, die Arbeitskräfte, auf die sich ein Großteil der Landwirtschaft in Süditalien stützt. Sie ernten Brokkoli, Zucchini, Rüben. Wenn im Sommer die Tomatensaison beginnt, arbeiten zehn- oder zwanzigmal so viele. Denn wir sind in der Capitanata, in der apulischen Provinz Foggia, wo 35 Prozent der italienischen Tomaten erzeugt werden.

Die meisten arbeiten schwarz und im Akkord: 3,50 Euro gibt es für die 300-Kilo-Steige, das sind weniger als 20 Euro am Tag für eine anstrengende Tätigkeit. Ohne Vertrag, ohne Krankenversicherung, der Gnade der „Caporali“ ausgeliefert, die als Vermittler zwischen Arbeitern und Arbeitgebern auftreten. Wer tagsüber Hunger bekommt, isst heimlich eine Tomate. Erst am Abend geht es wieder in die Hütten.

Auf den Feldern Süditalien gibt es tausende dieser „Unsichtbaren“. Die meisten sind Illegale, sie tun alles, nur um arbeiten zu dürfen. „Nicht mal in Afrika habe ich Menschen unter so unwürdigen Bedingungen arbeiten sehen“, empört sich Yvan Sagnet. Der Student aus Kamerun hat 2010 den ersten Streik von Saisonarbeitern auf den Feldern Apuliens organisiert.

Heute arbeitet Sagnet für die größte italienische Gewerkschaft CGIL und kämpft für die Rechte der Migranten. „Die gesamte Produktions- und Verarbeitungskette der Tomaten beruht auf der Ausbeutung dieser Leute, die ohne Vertrag und unterbezahlt arbeiten. Hinter dem Tomatenbusiness stehen enorme Interessen.“

Die Dimensionen dieses Business verdeutlicht Giovanni De Angelis. Ich besuche den Präsidenten des Verbands der Hersteller von Obst- und Gemüsekonserven (Anicav) in seinem Büro in Neapel: „Italien ist nach Kalifornien der weltweit zweitgrößte Hersteller von konservierten Produkten aus frischen, verarbeiteten Tomaten“, erläutert De Angelis voller Stolz. 2013 exportierte die italienische Tomatenindustrie 1,127 Millionen Tonnen Konserven im Wert von 846 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Zuwachs um 8,32 Prozent, besagen die Statistiken der Federalimentare, des Verbands der italienischen Lebensmittelindustrie.

Das Herz dieses „Business“ befindet sich rund um Neapel. Die Hauptstadt Kampaniens ist das traditionelle Zentrum für die Verarbeitung und den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. Aus dem Hafen von Neapel gehen jede Woche ganze Container voller Steigen mit Tomatenmark „made in Italy“ in die ganze Welt. Die Anbauflächen liegen heute hauptsächlich in Apulien; die Felder rund um Neapel sind längst von Stadtrandsiedlungen überwuchert. Die Ebene der Capitanata rund um Foggia, früher einmal Kornkammer Italiens, ist heute das Hauptanbaugebiet für das „rote Gold“.

Prince Bony und hunderte andere Arbeiter sind kleine Rädchen in einer Produktionskette, die sie nicht überblicken, die aber ohne sie nicht funktionieren würde. Prince Bony weiß nicht, was mit den Tomaten geschieht, die er pflückt. Er sieht nur die Lastwagen, die die gefüllten Steigen abholen. Manchmal denkt er zurück an die Zeit, als er selbst Tomaten angebaut hat – auf eigene Rechnung: „Meine Familie hatte ein Tomatenfeld, ein paar Hektar. Wir haben die Ernte auf dem Markt verkauft.“ Das war in Navrongo, einer Kleinstadt im Norden Ghanas an der Grenze zu Burkina Faso, dem Hauptanbaugebiet für Tomaten. „Wir haben die Tomaten in Körben gesammelt, anders als hier. Unser Verkauf lief gut.“

Die Träume in Navrongo und das Leben im Borgo Libertà

Die weite Reise, zu der sich Prince aufgemacht hat, endete vorerst im Borgo Libertà – und er weiß nicht, wie er jemals wieder nach Ghana kommen soll. Während der Erntesaison hat er manchmal ein paar Euro übrig, die er nach Hause schicken kann. Aber sonst ist er wie gefangen, es geht weder vor noch zurück. Und er kann auch seiner Familie nicht sagen, dass sie nachkommen soll. Wenn er über sein Leben in Navrongo nachdenkt und über seine eigene Reise von Ghana nach Italien, kommt ihm das alles wie ein sehr waghalsiges Unternehmen vor.

Doch Navrongo ist heute nicht mehr der blühende Landstrich wie damals, als Prince Bony beschloss fortzugehen. Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt, neben dem ein staubiger Fußballplatz liegt, kann man die Krise deutlich spüren. Es herrscht brütende Hitze, der Markt ist halb leer, an den paar besetzten Ständen sitzen die Frauen gelangweilt hinter ihrer Ware, die reifen Tomaten vergammeln langsam auf den Brettern. Die Kunden bevorzugen inzwischen aus dem Ausland importiertes Tomatenmark.

„Obwohl Tomaten zu fast jedem ghanaischen Essen dazugehören, werden wir unsere einfach nicht mehr los“, sagt Ayine Justice Atomsko bitter. Der Vorstand der kleinen Agrargenossenschaft in Vea, ganz in der Nähe von Navrongo gelegen, hat wahrlich schon bessere Zeiten erlebt. Um ihn herum stehen ein paar Dutzend Frauen und ein paar Alte. Ein paar Meter weiter harken Jugendliche lustlos ein kleines Tomatenfeld: „Das ist alles, was von unserer riesigen Anbaufläche übrig geblieben ist“, sagt Atomsko, „früher wuchsen hier Tomaten, so weit das Auge reichte.“

Die Frauen sitzen auf Holzbänken, im Schatten des einzigen Baumes weit und breit. Sie hören zu, wie der Vorsitzende ihrer Gemeinschaft die Geschichte des Niedergangs erzählt, und nicken dabei immer wieder zustimmend. „Seit zehn Jahren kauft niemand mehr unsere Ware. Die Fabrik in Pwalugu ist stillgelegt, und die market queens holen sich die Tomaten aus Burkina Faso“, klagt Atomsko. Die Konkurrenz aus Burkina Faso, darum dreht sich hier alles: Das Geschäft mit frischen Tomaten liegt in der Hand eines Kartells mächtiger Frauen, die die Preise festlegen und sich ihre Lieferanten aussuchen. Ihr Name ist Programm: Königinnen des Markts.1

Es stimmt zwar, dass es die Tomaten aus Burkina Faso über die Grenze geschafft haben und heute von den Market Queens bevorzugt werden, doch die Wurzeln der Krise liegen viel tiefer. Wer sich auf die Suche begibt, stößt auf eine Geschichte von Dumping und unfairem Handel – über Meere und Kontinente hinweg. Die Leute aus Vea sehen nur das letzte Glied einer Handelskette, die weit über ihre Region hinausreicht.

„Schuld an der Krise der Produktion in Ghana sind nicht so sehr die Tomaten aus Burkina Faso, sondern in erster Linie die ausländischen Importe von Tomatenmark“, betont Victoria Adongo, Präsidentin der Peasant Farmers Association of Ghana in ihrem Büro in Ghanas Hauptstadt Accra. „Die Invasion europäischer Produkte hat unseren heimischen Markt kaputtgemacht. Deshalb war es unmöglich, eine eigene verarbeitende Industrie aufzubauen. Und die Verbraucher ziehen heute Tomatenmark in Dosen vor, weil es billiger und haltbarer ist als unsere frischen Tomaten.“

Alles begann im Jahr 2000, als Ghanas Regierung unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds Strukturreformen einführen musste, die auch die Zölle für viele ausländische Produkte senkten, darunter die Abgaben auf Tomatenmark. Daraufhin wurde der Markt mit Importen geradezu geflutet. Die Welternährungsorganisation FAO ermittelte für die Jahre von 1998 bis 2003 eine Zunahme der Tomatenmarkimporte um 650 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank der Marktanteil heimischer Tomaten von 92 auf 57 Prozent.2

Das traf nicht nur die eigentlichen Produzenten, sondern auch Zuliefer- und Dienstleistungsbetriebe. Das International Food Policy Research Institute (Ifpri) hat ermittelt, dass 25 Personen nötig sind, um eine Tomate vom Feld auf den Teller zu bringen: von den Bauern über die Fahrer, die Verladekräfte und die Zwischenhändler bis zu den Betreibern von Restaurants und Imbissbuden.3

Die fünfzigjährige Aolja Tenitia erinnert sich noch gut daran, wie der Import-Tsunami den Markt überrollte. Aoljas Lächeln, bei dem ihre Augen leuchten und ein Silberzahn aufblinkt, ist unwiderstehlich. Sie sitzt mit ein paar anderen Bäuerinnen unter einer improvisierten Veranda am Rande der Bundesstraße, die den Norden Ghanas mit Burkina Faso verbindet. Sie beobachtet die Lastwagen, die die Tomaten aus dem Nachbarland auf die Märkte im Süden von Ghana bringen.

„Wir sind raus, die Regierung hat uns betrogen. Ich sollte sogar den Traktor zurückgeben, den sie mir geschenkt hatte“, sagt Aolja spöttisch und lacht laut auf. Den Trecker hat sie vor zehn Jahren als Preis bekommen, als sie zur Bäuerin des Jahres gewählt worden war. Die Übergabe am Sitz des Landwirtschaftsministeriums in Accra wurde sogar im Staatsfernsehen übertragen.

Damals führte sie einen blühenden Betrieb und war der Liebling der Market Queens. Heute sitzt sie tagein, tagaus im Schatten der Veranda. Sie hat ihre Produktion umgestellt und arbeitet nur noch zur Selbstversorgung. „Tomaten kauft keiner. Ich habe damit aufgehört, und zwar für immer.“ Andere wählten einen radikaleren Ausweg. Im härtesten Krisenjahr 2007 nahmen sich einige Bauern, die in Schulden versanken, aus Verzweiflung das Leben.

„Die Regierung hat nichts unternommen, um den Import dieser Produkte zu regulieren“, meint Philip Ayamba empört. Der Direktor des Community Self Reliance Center hat sich seit Langem für die Tomatenbauern in der Upper East Region Ghanas eingesetzt. „Mit einer umfassenden Entwicklungsstrategie hätten die Landwirte bessere Preise erzielen können und einen Markt gehabt, der ihre Waren aufnimmt. Aber die Regierung hat das Gegenteil gemacht. Sie hat dem importierten Tomatenmark aus Europa Tür und Tor geöffnet. Nun gibt es so viele konkurrierende Marken und in solchen Mengen, dass es fast unmöglich geworden ist, lokale Tomaten zu verkaufen.“

Die Dosen aus dem Ausland haben nicht nur die Ernährungsgewohnheiten der Ghanaer verändert; sie haben auch die Entwicklung einer eigenen verarbeitenden Industrie blockiert. Die Northern Star Tomato Factory in Pwalugu, im Zentrum des Anbaugebiets, hätte eine Erfolgsgeschichte sein können. Sie wurde in den 1960ern Jahren mit öffentlichen Geldern gegründet und sollte Tomaten aus der gesamten Upper East Region verarbeiten. Das hat zwanzig Jahre lang auch sehr gut funktioniert. Zwischen 60 und 100 Angestellte waren in der Fabrik beschäftigt, dazu kamen ein paar tausend Leute, die bei der Ernte und für den Transport gebraucht wurden. Viele Landwirte der Region verkauften direkt an die Fabrik, die faire und stabile Preise zahlte.

Doch dann kamen die harten Zeiten: In den 1990er Jahren begann die Produktion zu stocken. Die Fabrik musste mehrmals schließen, keiner der Wiederbelebungsversuche war auf Dauer erfolgreich. Heute steht sie an der Staatsstraße wie eine Kathedrale in der Wüste. Ein rostiges Schild zeigt den Abzweig an, der auf einer Schotterstraße zu dem Gelände führt. Im Hof stehen Maschinen, die keiner mehr braucht. Nur Emmanuel Darkwa ist in seiner verlassenen Fabrik verblieben.

Der ehemalige Betriebsleiter sitzt seine Zeit in seinem Büro ab, in dem es weder Telefon noch Computer gibt, oder im ehemaligen Gästehaus, das er allein bewohnt. Er wartet auf Finanziers, die nie auftauchen, behauptet aber, keinen Schlüssel zur Fabrik zu haben. Vielleicht scheut er sich, den Besuchern einen Ort zu zeigen, an dem schon lange nichts mehr hergestellt wird. „Wir wollen eine Public-private-Partnership auflegen, die dafür sorgt, dass es hier wieder losgeht“, sagt er tapfer, als würde er nur die offizielle Position der Regierung nachbeten.

„Die Fabrik von Pwalugu hätte unserer Region den Wandel bringen können“, erklärt Philip Ayamba. „Gut, es gab Managementprobleme, aber gescheitert ist das Projekt aufgrund der ausländischen Konkurrenz. Wenn eine Dose Tomatenmark aus Europa weniger als ein lokales Produkt kostet, welche Chancen soll dann die heimische Industrie noch haben?“

Aber wie kann Tomatenmark aus Italien – trotz der Kosten für Transport und Lagerung – billiger sein als das vor Ort produzierte? Die Antwort liegt in einem Wort: Subventionen. Dank der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) beziehen die Produzenten in der Europäischen Union Zuschüsse für ihre Agrarprodukte. Das mindert sowohl die Produktionskosten als auch die Preise für die weiterverarbeitende Industrie. Die ganze Handelskette der EU-Tomate profitiert also nicht nur von der Ausbeutung der Migranten, die in Apulien und anderswo auf den Feldern arbeiten, sondern auch von den immensen Zuwendungen aus Brüssel.

Aus einer FAO-Studie geht hervor, dass die Exporte von italienischem Tomatenmark im Jahr 2001 mit durchschnittlich 45 Euro pro Tonne subventioniert waren.4 Oxfam errechnet einen Subventionsbetrag von 34,50 Euro pro Tonne, was 65 Prozent des Marktpreises entspräche.5 Obwohl es im Einzelfall schwierig sein mag, die Subventionen nach Mitgliedsland und Branche genau aufzuschlüsseln, so kann man doch sicher sagen: Die europäischen Agrarsubventionen haben, zusammen mit der Öffnung der afrikanischen Märkte, erheblich zum Niedergang der einheimischen Produktion beigetragen.

Wo immer man in einer größeren ghanaischen Stadt über den Markt geht, wird man feststellen, dass das Problem sich keinesfalls auf die Tomaten beschränkt. Der Makola Market im Zentrum der Hauptstadt Accra ist ein gigantischer Komplex von Buden, Verschlägen, Tischen und Lagerräumen, die ohne erkennbare Ordnung in einem Labyrinth von Gassen aneinandergereiht sind. Hier durchzukommen erweist sich als kompliziertes Unterfangen, man verirrt sich oder landet plötzlich in einer Sackgasse, weil ein Lastwagen, von dem man sich fragt, wie er hier hingekommen ist, den Durchgang blockiert.

Cowboy Rice aus den USA und Palmöl aus Indonesien

Der Makola gilt als einer der größten Märkte Westafrikas. Es ist ein einzigartiger Ort, um zu verstehen, wie die Ghanaer leben. An den Ständen kann man sich ein Bild von den Ess- und Konsumgewohnheiten einer ganzen Nation machen. Und dieses Bild ist so klar wie brutal. Hier kommt praktisch alles aus dem Ausland: „cowboy rice“ aus den USA, „onion chicken noddles“ aus Großbritannien, Frühstücksflocken „good morning white oats“ aus Deutschland, Dosenfleisch „Exeter“ aus Argentinien, Palmöl aus Indonesien.

Und dann gibt es dutzende Sorten Tomatenmark, aus Italien und China. Überall stehen Tische, auf denen sich Tomatenpaste stapelt, in roten Dosen, die von den Verkäuferinnen nach einem nur ihnen vertrauten System aufgetürmt werden. „Gino“, „Salsa“, „Fiorini“, die Marken bieten geradezu einen Giro d’Italia. Denn „made in Italy“ kommt gut: Sogar das chinesische Tomatenmark namens „Gino“ hat die grün-weiß-rote Trikolore auf der Packung.

„Gino verkauft sich am besten, aber auch Salsa läuft gut“, sagt Agnes Sewa, eine vierzigjährige Verkäuferin vor ihrer kleinen bunten Baracke. Im Lauf der Jahre hat Agnes mitangesehen, wie die heimische Frischware vom Markt verschwand und stattdessen mehr und mehr Konserven aus der ganzen Welt angeboten wurden. „Früher habe ich Gemüse und Suppen verkauft, die ich selbst gekocht hatte. Jetzt habe ich nur noch Dosen im Angebot: Sardinen, Thunfisch, aber vor allem Tomatenmark.“ Ganz in der Nähe verkaufen dutzende andere Händlerinnen exakt die gleichen Produkte. Sie arbeiten Seite an Seite, machen sich aber keine Konkurrenz. Es ist genug Platz für alle da. Die Ghanaer kaufen tonnenweise Tomatenmark.

„Es ist jetzt etwa fünfzehn Jahre her, dass der Tomatenmarkt ganz auf importiertes Tomatenmark umgestellt hat“, sagt Shashidhara Kolavalli, Leiter einer Forschungsgruppe des Ifpri in Ghana. „Der Zustrom der Ware aus dem Ausland war – auch dank der großzügigen Marktöffnung der Regierung – so massiv, dass sich die Ernährungsgewohnheiten verändert haben und die Nachfrage mit der Zeit sogar gestiegen ist.“

Kolavalli hat für das Ifpri das Verhältnis von landeseigener Produktion und Importware untersucht. Er räumt ein, dass die Importe die heimische Produktion negativ beeinflusst haben, aber er teilt nicht die Haltung der Interessenvertreter der Landwirte. „Natürlich sind das hier alles Dumpingpreise. Aber ich bin nicht sicher, ob Ghana, wenn die Zollschranken wieder hochgehen würden, so viele Tomaten produzieren könnte, wie unsere Bevölkerung verbraucht.“

Hier zeigt sich ein Zielkonflikt zwischen der Versorgungssicherheit für die Bevölkerung und der Ernährungssouveränität des Landes. Die Regierung wollte die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen und hat deswegen die Tore für die ausländischen Produkte aufgerissen, dabei aber die Entwicklung der landeseigenen Produktion vernachlässigt. Damit hat sie sich vom Ausland abhängig gemacht und die heimischen Produzenten gezwungen, andere Betätigungsfelder zu suchen.

Hätte die Regierung die lokalen Märkte verteidigen und auf Selbstversorgung setzen können? Daran hat Philip Ayamba nicht die geringsten Zweifel: „Aber die Regierung hatte gar keine Strategie. Sie hat sich dem Druck von außen gebeugt und damit die heimische Produktion, die diesem Wettbewerb nicht standhalten konnte, ans Messer geliefert. Die Zahlen sind doch eindeutig: Seit die Dosen aus Europa angekommen sind, haben unsere eigenen Produkte keine Chance mehr!“ Und das sind die Zahlen: Jedes Jahr importiert Ghana 50 000 Tonnen Tomatenmark. Vor zehn Jahren hatte Italien das Monopol, heute muss es sich den immer noch lukrativen Markt mit China teilen.

Die Widersinnigkeit des globalisierten Markts hat dazu geführt, dass Tomatenmark um die ganze Welt geschickt wird und dabei auch in einer Gegend landet, die bereits Tomaten produziert – und deren Tomatenproduktion daran zugrunde geht. „Die Regierung hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“, sagt Ayamba mit gehörigem Sarkasmus. „Sie hat uns nicht nur vom Ausland abhängig gemacht – und ausgerechnet bei einem Grundnahrungsmittel –, es ist ihr auch noch gelungen, viele Menschen um ihren Lebensunterhalt zu bringen und die Jungen dazu zu zwingen, ihr Glück woanders zu suchen.“

Die Geschichte von Prince Bony ist beispielhaft für diesen perversen Mechanismus. Der Migrant aus Ghana sitzt heute im Borgo Libertà vor seiner Hütte, die erbärmlich ist, aber die aufzugeben ihn trotzdem schmerzt. Demnächst muss er hier raus, weil das Dach einzustürzen droht. Und er weiß nicht, wohin seine Reise noch führen soll. Seit Jahren hockt er nun in diesem verlorenen Winkel Süditaliens, rettet sich immer wieder mit Ach und Krach über die Runden, bis endlich die ersehnte Tomatenernte beginnt und man ihn wieder aufs Feld holt, für 20 Euro am Tag.

„Ich bin ein Bauer. Ich habe immer die Erde bearbeitet, um meinen Kindern etwas zu essen geben zu können“, sagt er, als müsse er sich davon überzeugen, dass es sich bei aller Härte um ein selbst gewähltes Schicksal handelt. Er ist der wahre Sisyphos unserer Zeit: verurteilt zum Tomatenpflücken, so wie der Sohn des Aiolos den Stein immer wieder den Berg hinaufrollen musste. „Ich möchte einfach nur anständig bezahlt werden für die Arbeit, die ich mache. Ich möchte, dass meine Rechte respektiert werden. Und ich will, dass die italienische Regierung unsere Existenz anerkennt und uns Papiere gibt.“

Aber Prince Bony fehlt der Überblick. Er weiß nicht, dass die Tomaten, die er erntet, auf wundersamen Wegen und mehrfach umgewandelt als Tomatenmark auf den Tellern seiner eigenen Familie landen könnten. „Manchmal denke ich, dass ich gern zurückkehren würde nach Navrongo“, sagt er ein wenig träumerisch. Er weiß nicht, dass es in Navrongo nicht mehr viel zu tun gibt und dass auf den Feldern, die er einst bestellt hat, keine Tomaten mehr wachsen. Unter anderem auch deshalb, weil er als Schwarzarbeiter ausgebeutet und unterbezahlt die Felder in Süditalien bestellt, von denen er einfach nicht mehr wegkommt. Doch auch das weiß Prince Bony nicht.

Fußnoten: 1 Martha A. Awo, „Marketing and Market Queens. A study of tomato farmers in the Upper East Region of Ghana“, Dissertation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn 2010: hss.ulb.uni-bonn.de/2010/2335/2335.htm. 2 FAO briefs on import surges, Nr. 5. „Ghana: rice, poultry and tomato paste“, FAO, Rom 2004: ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/009/ah628e/ah628e00.pdf. 3 Elizabeth Robinson, Shashidhara Kolavalli und Xinshen Diao, „Food Processing and Agricultural Productivity Challenges: The Case of Tomatoes in Ghana“, Ifpri, November 2012: www.ifpri.org/sites/default/files/publications/gsspdn20.pdf. 4 FAO briefs on import surges, siehe Anmerkung 2. 5 „Truth or consequences. Why the EU and the USA must reform their subsidy or pay the price“, Oxfam briefing paper, November 2005: www.oxfam.org/sites/www.oxfam.org/files/truth.pdf. Aus dem Italienischen von Ambros Waibel Mathilde Auvillain (@mathilderome) und Stefano Liberti (@abutiago) sind Journalisten in Rom. Von Stefano Liberti erschien zuletzt auf Deutsch: „Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus“, Berlin (Rotbuch) 2012. Diese Recherche wurde ermöglicht durch ein Stipendium für „Innovation in Development Reporting“ des European Journalism Center (EJC). © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.08.2014,